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                                                                     Veröffentlichung: 02.10.2007

                                                                 

Werner Grundmann                                          Berlin, den 8. Februar 1996

                                                                         (Durchsicht 27.09.2007)

 

 

Anforderungen an objektivierte wissenschaftliche Arbeit

- Entgegnung zur Kritik Max Webers an Karl Marx -[1]

 

(Vortrag im Oberseminar von Prof. Dr. Rainer Mackensen am 01.02.96

im Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin)

 

Vortragszeit:      18.20 bis 19.25 Uhr

Diskussionszeit: 19.25 bis 20.00 Uhr

 

 

Gliederung

 

0. Vorbemerkungen

 

1. Zielstellung

 

2. Gegenüberstellung von Auffassungen zur Objektivität in der

    gesellschaftswissenschaftlichen bzw. in der sozialwissenschaftlichen Arbeit

 

2.1. Zur prinzipiellen Rolle der Sozialwissenschaftler und

       zum Gegenstand der Sozialwissenschaften

 

2.2. Zur objektiven Berechtigung ökonomischer Gesetze

 

2.3. Zum Marxschen Entwicklungsgedanken

 

2.4. Zur Möglichkeit der Voraussage gesellschaftlicher Entwicklungstendenzen

 

2.5. Gegenüberstellung der inneren Logik der Marxschen und Weberschen

       gesellschafts- bzw. sozialwissenschaftlichen Grundposition

 

3. Schlußbemerkungen

 

4. Literaturnachweis

 

 

 

 

 

 

0. Vorbemerkungen

 

In den Diskussionen zu meinen letzten beiden Vorträgen hier im Oberseminar ([15], [16]) gab es eine Reihe von kritischen Hinweisen, die ich nicht recht verstand, die aus meiner Sicht zumindest teilweise unberechtigt erschienen.

 

Was für mich logisch-folgerichtig und klar aufgebaut war sowie wissenschaftlichen Ansprüchen genügen sollte, war für meine Zuhörer grundsätzlich nicht akzeptabel. Das galt insbesondere für meinen Vortrag vom 13. Juli 1995 zur "Ökologisch orientierten politischen Ökonomie" [16]. Dieser Beitrag fand in seinen generellen Aussagen prinzipiell keine Zustimmung. Insbesondere wurde deutlich, daß man auf der von mir gewählten Basis nicht diskutieren wolle!

 

Über die massive Kritik war ich nicht wenig erstaunt.

 

Einen Tag nach dem Vortrag erhielt ich von Herrn Jokisch wohlgemeinte Hinweise, was ich tun solle, um mit meinen Gedanken besser verstanden zu werden. Er nannte mir Literatur, die ich kennen müsse und auf die ich Bezug nehmen solle, um meinen Standpunkt den ihnen bekannten Standpunkten gegenüberzustellen.

 

Eine Woche nach meinem Vortrag schrieb mir Herr Professor Mackensen einen längeren Brief, in dem er mir seine Position zu meinem Vortrag ausführlich mitteilte.

 

Die wertvollen Hinweise zu meinem Vortrag haben mich im Sommer 1995 über mehrere Wochen intensiv beschäftigt, um meine eigene Position zu überprüfen und um zu den Ursachen des unzureichenden Verstehens vorzudringen. Insbesondere bemühte ich mich um die Durchsicht und das Verstehen der Arbeiten jener Autoren, die sich um den "Positivismusstreit in der deutschen Soziologie" [4] bemüht haben. Entsprechend der Empfehlung von Herrn Jokisch studierte ich auch die 1994 erschienene Schrift von Niklas Luhmann über "Die Wirtschaft der Gesellschaft" [10].

 

Erste Erkenntnisse meiner Bemühungen im Sommer 1995 waren die folgenden:

 

1. Die Kenntnis der Literatur der anderen Seite ist eine entscheidende Voraussetzung für ein mögliches gegenseitiges Verstehen.

 

2. Die Kenntnis der Grundlagenliteratur der anderen Seite ist das eine; das wohl größte Problem im gegenseitigen Verstehen, auch in der Möglichkeit, überhaupt sachlich miteinander diskutieren zu können, ist das unterschiedliche Wissenschaftsverständnis, insbesondere zur Frage der Objektivität in der wissenschaftlichen Arbeit. Die östliche Seite baut in ihrem Wissenschaftsverständnis auf Karl Marx auf, die westliche Seite wohl insbesondere auf Max Weber.

 

Meine erste Auffassung nach Durchsicht der oben angeführten Literatur legte ich in einem längeren Antwortbrief an Herrn Prof. Mackensen vom 12.10.95 nieder. Kurze Zeit später vereinbarten wir das heutige Vortragsthema. Ich versprach, die Webersche Auffassung zur "'Objektivität' sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis" [2] mit zu berücksichtigen.

 

Nach der Durchsicht der Arbeit von Max Weber bestätigte sich erneut meine Annahme zum möglichen gegenseitigen Verstehen. Ich fand, daß es in der Tat zumindest zwei Linien von Wissenschaftsverständnis gibt, die jeweils in sich eine eigene innere Logik aufweisen. Überraschend war für mich aber, daß sich beide Linien offensichtlich nur in der Akzeptanz bzw. Nichtakzeptanz einer einzigen Grundannahme unterscheiden.

 

 

1. Zielstellung

 

Mit meinem Vortrag werde ich eine wichtige Zielstellung verfolgen:

 

Ich werde versuchen, den entscheidenden Unterschied im Wissenschaftsverständnis von Gesellschafts- bzw. Sozialwissenschaftlern in Ost und West herauszufinden und gegenüberzustellen, insbesondere ausgehend von den Auffassungen von Karl Marx und Max Weber.

 

Diese Zielstellung wähle ich deshalb, weil aus den Unterschieden im Wissenschaftsverständnis von Karl Marx und Max Weber möglicherweise das unzureichende Verstehen meiner in den letzten beiden Vorträgen dargelegten Positionen resultiert.

 

Den von mir darzulegenden grundlegenden Unterschied kann ich im wesentlichen nur konstatieren. Um zu einer prinzipiell gemeinsamen Auffassungen zu kommen, bedarf es sicherlich viel Zeit. Man muß aber zunächst erst einmal wissen, worin man sich in den Auffassungen unterscheidet, um sich später gedanklich annähern zu können.

 

 

2. Gegenüberstellung von Auffassungen zur Objektivität in der gesellschaftswissenschaftlichen bzw. in der sozialwissenschaftlichen Arbeit

 

Zunächst eine notwendige Anmerkung zur Überschrift des Abschnitts: Wenn ich von Gesellschaftswissenschaftlern spreche, meine ich - dies vor allem zur Vereinfachung meiner Darstellungen - die bisherigen Ostwissenschaftler, also jene, die insbesondere von Marx ausgehen; spreche ich von Sozialwissenschaftlern, meine ich die Westwissenschaftler.

 

Die Begriffe Gesellschaftswissenschaften und Sozialwissenschaften haben eine lange Tradition. Sie wurden offensichtlich bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts bewußt getrennt gebraucht, um unterschiedliche Wissenschaftspositionen zu kennzeichnen. Um es ganz vereinfacht zu sagen: Karl Marx sprach von Gesellschaftswissenschaften, Max Weber von Sozialwissenschaften.

 

Der zweite Abschnitt meines Vortrages bedarf einer Untergliederung. Ich werde zunächst Details der Marxschen und Weberschen Auffassungen behandeln, dann auf die generell unterschiedlichen Auffassungen zur Entwicklungsproblematik eingehen, dann die innere Logik der beiden grundlegenden Auffassungen skizzieren und schließlich noch einmal die Beziehung zu meinen letzten Vorträgen herstellen.

 

2.1. Zur prinzipiellen Rolle der Sozialwissenschaftler und

       zum Gegenstand der Sozialwissenschaften

 

In unserem Seminar habe ich eine für mich neue Frage kennengelernt, die sich jeder Wissenschaftler stellen müßte: Soll er ausgehend von seinen wissenschaftlichen Ergebnissen bewußt auf andere Menschen einwirken, um die Welt verändern zu helfen oder nicht? Auf diese Frage stieß ich auch bei Max Weber. Dazu zunächst zwei Zitate aus "Die 'Objektivität' sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis" [2]:

 

- "Eine empirische Wissenschaft vermag niemandem zu lehren, was er soll, sondern nur, was er kann  und ... was er will." (ebd., S 151)

 

- "Nicht Lösungen bieten, sondern Probleme aufzeigen, wollen wir hier." (ebd., S. 148)

 

Weiter finden wir bei Max Weber die Meinung, daß es niemals Aufgabe einer Erfahrungswissenschaft sein kann, bindende Normen und Ideale zu ermitteln, um daraus Rezepte für die Praxis ableiten zu können." (ebd., S. 148/149)

 

Weber gibt für diese Auffassung eine gewichtige Begründung. Er schreibt:

 

- "... der wollende Mensch ... wägt und wählt nach seinem eigenen Gewissen und seiner persönlichen Weltanschauung zwischen den Werten, um die es sich handelt." (ebd., S. 150)

 

- Und weiter: "Werturteile [fußen]  ... in letzter Instanz auf bestimmten Idealen und [sind] daher 'subjektiven' Ursprungs", auch wenn sie "der wissenschaftlichen Diskussion (keineswegs) überhaupt" zu entziehen sind. (vgl. ebd., S. 149)

 

{Eine interessante zusätzliche Begründung besteht für Max Weber in folgendem:

 

" Die Wissenschaft kann ihm[2] zu dem Bewußtsein verhelfen, daß alles Handeln, und natürlich auch ... das Nichthandeln, in seinen Konsequenzen eine Parteinahme zugunsten bestimmter Werte bedeutet, und damit ... regelmäßig gegen andere [Werte verstößt][3]. Die Wahl zu treffen, ist seine Sache." (ebd., S. 150)}

 

Das heißt, nach Max Weber soll der einzelne Mensch selbst entscheiden. Auf die Frage, inwieweit er dazu in der Lage ist, geht er nicht ein.

 

Die Auffassung Max Webers zur Rolle eines Sozialwissenschaftlers gipfelt schließlich in seiner Fixierung des Gegenstandes der Sozialwissenschaft, den er wie folgt sieht:

 

- "Die Sozialwissenschaft ... ist eine Wirklichkeitswissenschaft. Wir wollen die uns umgebende Wirklichkeit des Lebens ... in ihrer Eigenart verstehen ..."

  (ebd., S. 170)

Und in seinen "Soziologischen Grundbegriffen" findet man die Definition:

 

- "Soziologie ... eine Wissenschaft, welches soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und in seinen Wirkungen ursächlich erklären will."   ([3], S. 542)

 

Wenn ich aus dem Dargelegten ein erstes Fazit ziehe, so müßte ausgehend von Max Weber der Sozialwissenschaftler heute sagen:

 

"Wir müssen es jedem selbst überlassen, seine persönliche Entscheidung zur Zukunftsgestaltung zu fällen. Wir können nur versuchen, die reale Welt, den historischen Prozeß besser verstehen zu lernen, um dies allen zu vermitteln. Die Entscheidung des einzelnen hängt von seinen Wertmaßstäben ab, über die man diskutieren kann, die aber wissenschaftlicher Betrachtung nicht zugänglich sind."

 

Für den Gesellschaftswissenschaftler ist die eingangs gestellte Frage nahezu überflüssig. Er antwortet mit: "So eine Frage!" Dann schüttelt er verwundert den Kopf und sagt: "Selbstverständlich!" Schließlich besinnt er sich auf die 11. Feuerbachthese von Karl Marx: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern." ([14], S. 7)

 

Als ich zum ersten Male hier im Seminar die Aussage hörte, daß es den Sozialwissenschaftlern ausgehend von ihrer Arbeit nicht darum gehe, die Realität verändern zu wollen, konnte ich dies in keiner Weise nachvollziehen. Ich habe mich bei der Vorstellung von Forschungsergebnissen auch häufig gefragt, was wohl mit ihnen in der Praxis geschehen solle. Heute, nachdem ich Max Weber gelesen habe, ist mein Verständnis für die Denkweise, lediglich die Geschichte verstehen zu wollen, ein wenig besser geworden, aber akzeptieren kann ich sie in keiner Weise. Was ich allerdings für möglich halte, ist, daß diese Einstellung zur Forschung von den Sozialwissenschaftlern schon so weit verinnerlicht sein könnte, daß eine andere Denkhaltung als etwas Fremdes und nicht Diskussionswürdiges angesehen wird. Andererseits gebe ich zu bedenken, daß eine solche Haltung zu den Ergebnissen der eigenen Arbeit wenig Zustimmung bei anderen Wissenschaftlern und bei großen Teilen der Bevölkerung finden könnte. Max Weber hat sich jedenfalls noch mit dieser Problematik auseinandergesetzt.

 

Natürlich stimme ich Max Weber zu, daß Werturteile nicht Gegenstand von Wissenschaften sein können. Bei Entscheidungen einzelner Personen zur Zukunftsgestaltung, auch von Politikern, spielen Wertmaßstäbe immer eine Rolle. Aber warum diese Verabsolutierung, daß es stets eine Frage der Wertung durch die betreffende Personen sei. Könnte es nicht sinnvoller und richtiger sein, zunächst zu versuchen, die zu erwartenden quantifizierbaren Entwicklungen zu ergründen, möglicherweise auch Varianten durchzuspielen und dann erst wertend zu entscheiden, wie vorgegangen werden soll?

 

Eine Frage, die ich mir im Anschluß an die Durchsicht der Weberschen Arbeit stellte, war: Hat sich die Position heutiger Sozialwissenschaftler gegenüber der von Max Weber wesentlich geändert, da doch zumindest vom Prognostizieren, z. B. von Bevölkerungsvorausberechnungen, nicht nur gesprochen wird?

Bei Hans Albert findet sich im "Mythos der totalen Vernunft"[4] zu dieser Problematik die folgende Erläuterung:

"Prognosen werden gemacht, um zu prüfen, ob die Zusammenhänge so sind, wie wir vermuten, wobei unser 'vorgängiges Wissen' allerdings ohne weiteres in Frage gestellt werden kann. Dabei spielt die Idee eine wesentliche Rolle, daß wir die Möglichkeit haben, aus unseren Irrtümern zu lernen, indem wir die betreffenden Theorien dem Risiko des Scheiterns an den Tatsachen aussetzen" ([5], S. 202).

 

Ich verstehe dies so, daß das derzeitige Wissen auf die Zukunft projeziert wird, um zu überprüfen, ob sich dieses Wissen als richtig erweist. Auch bei Hans Albert geht es also ausgehend von seinen wissenschaftlichen Untersuchungen nicht um bewußte Zukunftsgestaltung, sondern lediglich um das Überprüfen jener Theorien, die historisches Geschehen deutend verstehen wollen!

 

Ich komme noch einmal auf die beiläufige Frage zurück, inwieweit denn der einzelne Mensch ausgehend von seinem Wissen überhaupt entscheidungsfähig sein kann. Ist es wirklich so, daß der einzelne bei seinen Entscheidungen nur von Wertmaßstäben ausgeht oder möchte er nicht möglichst viele Kenntnisse besitzen, um mögliche Entwicklungen vorauszudenken. Vielleicht geht es dem einzelnen sogar darum, auf der Grundlage von einigermaßen gesichertem Wissen über die sich möglicherweise künftig vollziehenden Prozesse möglichst rational zu handeln und erst dann auf der Basis von Wertmaßstäben zu entscheiden, wenn sein Wissen nicht mehr ausreicht? Natürlich ist der einzelne, z. B. im Falle einer beabsichtigten Geldanlage, jenen Einrichtungen weit unterlegen, die etwa Marktforscher einsetzen können. Und der Erfolg solcher Einrichtungen gibt ja jenen recht, die eine mögliche Voraussage von Entwicklungstrends für möglich halten und entsprechend handeln.

 

Die Sozialwissenschaftler sagen hingegen: "Überlaß' das Entscheiden dem einzelnen!" Und mancher von ihnen denkt vielleicht: "Der Markt wird es schon richten." Meines Erachtens heißt dies aber für den einzelnen: Jeder stirbt für sich allein, denn der einzelne ist weitgehend "frei" von notwendigem Wissen und prinzipiell inkompetent, in einer immer komplexer und undurchsichtiger werdenden Welt überhaupt noch nützliche Entscheidungen zu fällen.

 

Die Konsequenzen der von Max Weber vertretenen Denkweise sind in ihrer Verallgemeinerung weitreichend. Der Sozialwissenschaftler Niklas Luhmann überträgt die von Max Weber theoretisch begründete Zurückhaltung der Wissenschaftler mit aller Konsequenz auf die Verhaltensweise der ganzen Gesellschaft. Er personifiziert die Gesellschaft dahingehend, daß "die Gesellschaft jede Verantwortung für ihre eigene Wirtschaft" aufgeben solle (vgl. [10], S. 62). Wie kam Luhmann zu dieser für mich verblüffenden Aussage?

 

In seinem 1994 erschienenen Buch "Die Wirtschaft der Gesellschaft"  behandelt Luhmann - ich zitiere - "die Wirtschaft als Teilsystem der Gesellschaft" (ebd., S. 8). Er hält "die Unterscheidung wirtschaftlich/sozial/kulturell für irreführend" und meint: "Alles wirtschaftliche Handeln ist soziales Handeln, daher ist alle Wirtschaft immer auch Vollzug von Gesellschaft." (ebd.) "Sowohl die Gesellschaft als auch die Wirtschaft werden als soziale Systeme begriffen ..." (ebd.) Nach Luhmann wäre demnach auch Arbeitsplatzabbau und Arbeitslosigkeit unter sozial einzustufen.

 

Niklas Luhmann führt dann den aus der amerikanischen Literatur übernommenen Begriff des autopoietischen Systems ein (vgl. [11]). Unter autopoietischen Systemen versteht er - soweit ich dies begriffen habe - selbstschaffende, sich selbst genügende "geschlossene Systeme insofern, als sie das, was sie als Einheit zu ihrer eigenen Reproduktion verwenden ... nicht aus ihrer Umwelt beziehen. Sie sind gleichwohl offene Systeme insofern, als sie diese Selbstreproduktion nur in einer Umwelt vollziehen können" ([10], S. 49). Davon ausgehend entwirft Luhmann eine - wie er sagt - "Gesellschaftstheorie". Und als "Krönung" seiner Betrachtungen kommt Luhmann zu folgendem Fazit:

 

Da die "Autopoiesis ... ein selbstrefentielles und eben dadurch endloses Geschehen" [ist] (ebd., S. 59), ... [gibt] "die Gesellschaft jede Verantwortung für ihre eigene Wirtschaft auf ..." (ebd., S. 62)

 

Ich möchte hier nicht auf die außerordentliche Fragwürdigkeit der Luhmannschen soziologischen Systemtheorie eingehen - sein wissenschaftliches Ergebnis aber entspricht genau der Einstellung, daß man der Wirtschaft voll ihr Feld überlassen solle. Ich frage mich: Entzieht nicht der Sozialwissenschaftler Luhmann auf diese Weise der sozialen Marktwirtschaft zumindest theoretisch ihren Boden oder hält er nichts von ihr?

 

Es ist wohl deshalb nicht verwunderlich, wenn Jürgen Habermas die Luhmannsche wissenschaftliche Betrachtung einer scharfen Kritik unterzieht:

 

Bereits 1971 verwies Habermas in seiner "Logik der Sozialwissenschaften" unter Hinweis auf Niklas Luhmann auf einen analogen Zusammenhang: Obgleich "seine Kritik[5] der Sache (gilt) und nicht der Funktion hinter dem Rücken" ([9], S. 372), stellt Habermas fest:

 

"Ein weiterer Grund (um eine kritische Auseinandersetzung mit Luhmann zu rechtfertigen) ist freilich die Frage, ob diese Theorie nicht geeignet ist, in einem auf Entpolitisierung ... angewiesenen politischen System die herrschaftslegitimierenden Funktionen zu übernehmen, die bisher von einem positivistischen Gemeinbewußtsein erfüllt worden sind." (ebd., S. 370/371)

 

In der Tat: Indem Luhmann "alles wirtschaftliche Handeln" als "soziales Handeln" deutet, "sowohl die Gesellschaft als auch die Wirtschaft ... als soziale Systeme" begreift (vgl. [10], S. 8) und die Privatwirtschaft für ihn "seit langem schon abgeschafft" ist (ebd., S. 56, Anmerkung 22), wird seine Systemtheorie - wie Habermas nachzuweisen versucht - zu einer "neuen Form der Ideologie" (vgl. [9], S. 455).

 

 

2.2. Zur objektiven Berechtigung ökonomischer Gesetze

 

Die Akzeptanz bzw. Nichtakzeptanz objektiv wirkender ökonomischer Gesetze gehört zu den kompliziertesten Problemen in der Auseinandersetzung sowohl zwischen den Gesellschaftswissenschaftlern und den Sozialwissenschaftlern, als auch innerhalb der Sozialwissenschaftler. Auch Max Weber setzt sich mit der Problematik "ökonomischer Gesetze" detailliert auseinander. Den von Marx für die Ökonomie eingeführten Begriff "Objektivität" setzt Max Weber aber stets in Anführungszeichen, um dann als Fazit seiner Darstellungen letztlich zu einer strikten Ablehnung der Marxschen Deutung objektiv wirkender ökonomischer Gesetze zu kommen.

 

Das wird in der folgenden abschließenden Aussage von Max Weber deutlich: "Was sich als Resultat des bisher Gesagten ergibt, ist, daß eine 'objektive' Behandlung der Kulturvorgänge in dem Sinne, daß als idealer Zweck der wissenschaftlichen Arbeit die Reduktion des Empirischen auf 'Gesetze' zu gelten hätte, sinnlos ist" ([2], S. 180). Mit dieser Aussage geht Max Weber von der konstruierten Annahme aus, als ließe sich nach Marx eine unmittelbare Beziehung zwischen dem real Geschehenen und den von ihm angenommenen ökonomischen Gesetzen herstellen. Dem ist nicht so! Marx spricht vom tendenziellen Charakter ökonomischer Gesetze. Wie dies aufzufassen ist, zeigt der nachfolgende Vergleich:

 

Wir wissen, daß jeder Mensch einmal sterben muß. Der einzelne Mensch kann zwar versuchen, durch gesunde Ernährung, durch Sport usw., das Leben zu verlängern, aber den Tod austricksen kann er nicht. Das Sterben gehört zum Leben. Es gibt kein Gegenbeispiel zu dieser Feststellung: Wir können also ohne weiteres sagen: Das Sterben ist ein Gesetz des Lebens - womit jedoch keine Aussage über das Wann und Wie getroffen wird, nur eben über das Muß! Aber auch das Sterben hat tendenziellen Charakter. Bekannt ist inzwischen, daß die körperlichen Veränderungen, die letztlich zum Tode führen, bereits mit der Geburt beginnen.

 

Ähnlich kann man sich die Wirkungsweise ökonomischer Gesetze nach Marxscher Erkenntnis vorstellen. Ich möchte versuchen, dies kurz zu erläutern.

 

Nach Marx' Auffassung wirken ökonomische Gesetze objektiv, d. h., auch wenn sie nicht erkannt werden, wirken sie unerkannt. Aber sie wirken nur tendenziell, was heißt, daß man sich natürlich nicht entsprechend ihren - wie man personifizierend sagt - Anforderungen verhalten braucht. Handelt man in einer spezifischen Situation nicht so, wie es entsprechend einem solchen Gesetz sein müßte, so wird man in der Realität mit Gegenreaktionen konfrontiert, aus denen man lernen kann, wie man sich hätte verhalten müssen, d. h., man sammelt Erfahrungen für ein künftig nützlicheres Verhalten.

 

Die ökonomischen Gesetze, von denen Marx spricht, wirken also über die in der Realität vorhandenen Zwänge. Diese Zwänge sind es, die der einzelne Mensch spürt. Ihnen unterwerfen sich aus Vernunfts- oder auch aus emotionalen Gründen die meisten Menschen. Wer sich nicht so verhält, landet im Abseits, wird ausgegrenzt, isoliert oder ruiniert sich. Von objektiv wirkenden Gesetzen kann man deshalb sprechen, weil die jeweiligen Zwänge in eine bestimmte Richtung weisen und weil sich diese Richtung im historischen Prozeß letztlich auch durchsetzt.

 

Anders ausgedrückt: Es sind die gesamtgesellschaftlichen Bedingungen, die derartige Zwänge ausüben, und das fortwährende Wirken derartiger Zwänge läßt die Masse der sich konform verhaltenden Mitglieder der Gesellschaft in eine bestimmte Richtung bewegen. Verallgemeinert läßt sich dann sagen, daß sich die Gesellschaft durch das Wirken der in ihr herrschenden inneren Zwänge tendenziell und mit Sicherheit in eine bestimmte Richtung bewegt. Marx spricht deshalb von historischen Bewegungsgesetzen. Die ökonomischen Gesetze zwingen folglich tendenziell zur Anpassung an die gesellschaftlichen Bedingungen, und zwar unabhängig davon, welche zufälligen, subjektiven und spezifischen Einflüsse im gesellschaftlichen Geschehen gerade wirken.

 

Dazu drei Beispiele:

- Ein erstes Beispiel: Jeder Unternehmer muß sich, um auf dem Markt konkurrenzfähig zu sein, immer wieder bemühen, Arbeitszeit einzusparen, um damit die Produktivität zu erhöhen und die Kosten zu senken. Kein "Arbeitgeber" kann es sich unter den heutigen Bedingungen auf Dauer leisten, nicht auch auf das Einsparen von Arbeitsplätzen zu orientieren.

- Ein zweites Beispiel: Jeder Arbeiter muß von sich aus an seinem Arbeitsplatz um Arbeitszeiteinsparung bemüht sein, einmal um gut zu verdienen, zum anderen um seinen Arbeitsplatz zu halten.

- Ein drittes Beispiel: Wenn eine Handelseinrichtung keinen für die Kunden zeitökonomisch günstigen Verkaufsstandort auswählt, wird sie nicht überleben können. Infolge dieser zeitökonomischen Wirkungen haben sich in Kleinstädten über längere Zeiträume gesellschaftliche Zentren herausgebildet.

 

Im übrigen bemühen wir uns um Zeiteinsparungen für belastende Tätigkeiten auch auf dem Weg zur Arbeit und im Haushalt. Man sagt nicht umsonst, daß Zeit Geld ist, denn in der eingesparten Zeit kann ja etwas anderes Wichtiges erledigt werden.

 

Man könnte viele weitere Beispiele anführen. Ökonomische Gesetze wirken also tagtäglich, auch wenn es keine Zwangsläufigkeit des Zustandekommens einer bestimmten Verhaltensweise in einem konkreten Falle gibt. Und die betroffenen Personen wissen i. a., wie sie sich zu verhalten haben, auch wenn sie die von Marx formulierten ökonomische Gesetze nicht kennen sollten. Marx spricht u. a.

- vom Gesetz der Ökonomie der Zeit,

- vom Gesetz des ständigen Wachstums der Arbeitsproduktivität und

- vom Wertgesetz.

 

Das Gesetz der Ökonomie der Zeit erläutert er wie folgt:

 

"Gemeinschaftliche Produktion vorausgesetzt, bleibt die Zeitbestimmung natürlich wesentlich. Je weniger Zeit die Gesellschaft bedarf, um Weizen, Vieh usw. zu produzieren, desto mehr Zeit gewinnt sie zu andrer Produktion, materieller oder geistiger. Wie bei einem einzelnen Individuum, hängt die Allseitigkeit ihrer Entwicklung, ihres Genusses und ihrer Tätigkeit von Zeiteinsparung ab. Ökonomie der Zeit, darein löst sich schließlich alle Ökonomie auf. ... Ökonomie der Zeit bleibt also erstes ökonomisches Gesetz auf der Grundlage der gemeinschaftlichen Produktion. Es wird sogar in viel höherem Grade Gesetz." ([13], S. 89)

Bemerkenswert an dieser Formulierung ist, daß Marx die Ökonomie der Zeit nicht nur auf die Produktion bezieht, obgleich sie dort ihren Schwerpunkt findet. Marx bietet auch keine abschließende Formulierung des Gesetzes an. Er lehnt endgültige Aussagen offensichtlich aus prinzipiellen, aus erkenntnistheoretischen Gründen ab.

 

Marx hat im übrigen nur sehr wenige ökonomische Gesetze formuliert. Andere Gesetze sind später entstanden und wohl überprüfenswert.

 

Was ich mit meinen Hinweisen und Beispielen bisher noch nicht verdeutlichen konnte, ist die Marxsche Erkenntnis, daß die gesamte historische Entwicklung der Menschheit tendenziell gesetzmäßig verlief. Darauf werde ich im nächsten Abschnitt eingehen.

 

Zunächst soll uns interessieren, wie Max Weber die Existenz ökonomischer Gesetze sieht, warum er das objektive Wirken ökonomischer Gesetze in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft im Marxschen Sinne ablehnt, warum er sogar in diesem Zusammenhang den Entwicklungsbegriff meidet.

 

Max Weber hebt zunächst die große Bedeutung sozial-ökonomischer Betrachtungen außerordentlich hervor:

 

Wir glauben unsererseits, "daß die Analyse der sozialen  Erscheinungen und Kulturvorgänge unter dem speziellen Gesichtspunkt ihrer ökonomischen Bedingtheit und Tragweite ein wissenschaftliches Prinzip von schöpferischer Fruchtbarkeit war und ... in aller absehbarer Zeit noch bleiben wird" ([2], S. 166 - 167).

 

Den Begriff sozial-ökonomisch erklärt er wie folgt:

"... das Ziel sozial-ökonomischer Erkenntnis in unserem Sinn (ist die) Erkenntnis der Wirklichkeit in ihrer Kulturbedeutung und in ihrem kausalen Zusammenhang durch die Aufsuchung des sich gesetzmäßig Wiederholenden ..." (ebd., S. 174)

 

An anderer Stelle warnt er vor der - ich zitiere - " 'Einseitigkeit' und Unwirklichkeit der rein ökonomischen Interpretation des Geschichtlichen ..." (ebd., S. 170).

 

Die drei Zitate zeigen folgendes:

- Erstens spricht Max Weber nicht von Entwicklung, sondern von Vorgängen in dem Sinne, daß sich in der Realität etwas ereignet, vielleicht sogar wiederholt ereignet. Und wenn sich etwas wiederholt ereignet, meint er, so bedarf dies einer wissenschaftlichen Klärung, da sich hinter den Wiederholungen etwas Gesetzmäßiges verbergen könnte. Beispiele, wie sie bei Marx üblich sind, führt er allerdings nicht an.

- Zweitens spricht er auch nicht von gesellschaftlichen Erscheinungen bzw. Entwicklungen, sondern von sozialen Erscheinungen und Kulturvorgängen, wobei er den Begriff Kultur offensichtlich sehr umfassend sieht. 

- Drittens spricht Max Weber von ökonomischer Geschichtsinterpretation. Auch diese Begriffswahl impliziert von vornherein die Ablehnung der Möglichkeit gesetzmäßiger historischer Bewegungen im Marxschen Sinne.

Ich weiß nicht, wie Max Weber zu "rein ökonomischen" Betrachtungen geschichtlicher Prozesse kommt, denn Karl Marx waren derlei verabsolutierte Denkweisen fremd, obgleich er natürlich den ökonomischen Aspekt für den wesentlichen hielt.

 

Leider finden sich bei Max Weber auch an anderen Stellen solch zugespitzte Formulierungen, die wohl vom Sinn her Marx unterstellt, aber nicht bei ihm belegt werden.  So schreibt Max Weber an anderer Stelle:

"... je 'allgemeiner', d. h. abstrakter, die Gesetze [sind], desto weniger leisten sie für die Bedürfnisse der kausalen Zurechnung individueller Erscheinungen und damit indirekt für das Verständnis der Bedeutung der Kulturvorgänge" (ebd., S. 178).

 

Marx hat niemals von einer "kausalen Zurechnung individueller Erscheinungen" zu ökonomischen (oder anderen) Gesetzen im gesellschaftlichen Geschehen gesprochen. Dies widerspräche seiner Aussage zum tendenziellen Charakter der Gesetze.

 

Wie nun das zuletzt aufgeführte Zitat zeigt, hält Max Weber wohl doch nicht so viel vom Aufspüren der "ökonomischen Bedingtheit" in der "Analyse der sozialen Erscheinungen", von der er zuerst sprach. Er stellt nämlich einen Vergleich der Bedeutsamkeit von Gesetzen für die exakten Naturwissenschaften einerseits und für die historischen Erscheinungen andererseits her und kommt zu einer Aussage, die für die ökonomische Forschung vernichtend wäre, wenn sie stimmen würde:

 

"Für die exakte Naturwissenschaft sind die 'Gesetze' um so wichtiger und wertvoller, je allgemeingültiger sie sind; für die Erkenntnis der historischen Erscheinungen in ihrer konkreten Voraussetzung sind die  allgemeinsten Gesetze, weil die inhaltleersten, regelmäßig auch die wertlosesten" (ebd., S. 177 - 178).

 

Damit könnte man die Marxsche ökonomische Lehre begraben! Nun gut, sie lebt ja immer noch!

 

Wie wird aber die Problematik der ökonomischen Gesetze von den modernen Sozialwissenschaftlern gesehen? Die Auffassungen gehen weit auseinander. Während sich z. B. Jürgen Habermas an Karl Marx anlehnt, setzt sich Hans Albert mit der Sicht von Jürgen Habermas sehr prinzipiell auseinander.

 

Jürgen Habermas schreibt in "Analytische Wissenschaftstheorie und Dialektik":

"Historische Gesetzmäßigkeiten dieses Typs bezeichnen Bewegungen, die sich, vermittelt durch das Bewußtsein der handelnden Subjekte, tendenziell durchsetzen" ([8], S. 164). "Dabei handelt es sich freilich nicht um jene sogenannten dynamischen Gesetzmäßigkeiten, die strikte Erfahrungswissenschaften an Ablaufmodellen entwickeln" (ebd., S 163).

 

Hans Albert erwidert darauf im "Mythos der totalen Vernunft":

"Wieder einmal erweist sich also die methodologische Auffassung der Analytiker als zu eng. An ihrer Stelle werden die Umrisse einer großartigen Konzeption angedeutet, die darauf abzielt, den Geschichtsprozeß als Ganzes zu erfassen und seinen objektiven Sinn zu enthüllen. Die eindrucksvollen Ansprüche dieser Konzeption sind wohl erkennbar, aber es fehlt bisher jeder Ansatz zu einer einigermaßen nüchternen Analyse des skizzierten Verfahrens und seiner Komponenten. Wie sieht die logische Struktur dieser Gesetze aus, denen eine so interessante Leistung zugeschrieben wird, und wie kann man sie überprüfen?" ([5], S. 210 - 211)

 

Ich habe den Eindruck, daß Hans Albert offensichtlich mißverstanden hat, was Karl Marx mit dem tendenziellen Charakter der ökonomischen Gesetze meint. Er stellt Fragen, die hinsichtlich der Anwendung eines speziellen Verfahrens gestellt werden könnten, wo es etwa um die Anwendung von mathematischen Formeln oder von Algorithmen geht.

 

Aber die von Marx entdeckten ökonomischen Gesetze sind von anderer Art. Der einzelne Mensch, etwa der Unternehmer, spürt lediglich die Konkurrenz, und diese oft nur auf indirekte Weise, etwa am unzureichenden Absatz seiner Erzeugnisse. Dies zwingt ihn zu weiterer Rationalisierung, zu Investitionen usw., um die Produktivität zu steigern und damit die Kosten zu senken, wenn er auf dem Markt weiterhin erfolgreich sein und als Unternehmer überleben will. Aber nicht nur dieser einzelne Unternehmer spürt diesen Druck; allen anderen geht es genauso. Im Ergebnis dieser Konkurrenzsituation werden von den Unternehmern individuell Möglichkeiten zur Steigerung der Produktivität gesucht und von einigen auch gefunden. Sie überleben und bestimmen das gestiegene Produktivitätsniveau, während die weniger erfolgreichen Unternehmer aus dem Geschehen ausscheiden. Das fortwährende Wachstum der Arbeitsproduktivität im Ergebnis der Auseinandersetzungen auf dem Markt ist so zwangsläufig und tendenziell so sicher, daß Marx von gesetzmäßig spricht und vom Gesetz des ständigen Wachstums der Arbeitsproduktivität.

 

Ein derartiges Wachstum hat sich in der Tat seit der Antike bis heute vollzogen. Die Steigerungsraten sind heute sogar stärker als je zuvor. Wir erfahren dies immer wieder von den Medien. Der von Hans Albert geforderte Nachweis, daß solche Prozesse real vor sich gehen, ist an sich überflüssig. Die Tendenz der Produktivitätssteigerung hat sich durchgesetzt und wird sich weiter durchsetzen. Es fragt sich nur, ob dieser Entwicklung eines Tages natürliche Grenzen gesetzt sind.

 

Daß sich Habermas und Albert in ihren Auffassungen kaum näher kommen, könnte daran liegen, daß keiner von beiden zur notwendigen Konkretheit in den Auseinandersetzungen findet. So wird verallgemeinert von historischen Gesetzmäßigkeiten gesprochen, nicht aber von ökonomischen Gesetzen, um die es ja geht. Es wird kein einziges ökonomisches Gesetz genannt und erst recht kein Beispiel zur Erläuterung angeführt. Beide verhalten sich starr als Vertreter ihrer Disziplin, klammern ökonomische Betrachtungen konsequent aus - als sei die Welt nur soziologisch. Dennoch versuchen sie, den wohl besten Ökonomen zu widerlegen bzw. zu bestätigen, den die Menschheit bisher hervorgebracht hat, und dies mit nichtökonomischen verallgemeinerten Betrachtungen. Ich frage mich, wie dies wohl gelingen kann?

 

Daß es diesen und anderen deutschen Soziologen irgendwann darum gehen müßte, Marx zu bestätigen oder zu widerlegen, hat während des Positivismusstreits in seiner großen Einleitung Theodor W. Adorno am Beispiel der kapitalistischen Gesellschaft geäußert. Er schreibt:

 

"Ob, wie Marx lehrte, die kapitalistische Gesellschaft durch ihre eigene Dynamik zu ihrem Zusammenbruch getrieben wird oder nicht, ist nicht nur eine vernünftige Frage, solange man nicht schon das Fragen manipuliert: es ist eine der wichtigsten, mit denen der Sozialwissenschaft sich zu beschäftigen anstünde." ([7], S. 53)

 

Das Fazit, daß ich aus dem behandelten Abschnitt zur "objektiven Berechtigung ökonomischer Gesetze" ziehen möchte, ist das folgende:

 

Wenn irgendwelche Wissenschaftler die Berechtigung der Objektivität ökonomischer Gesetze in Zweifel ziehen oder widerlegen wollen - was ich als wissenschaftlich legitim betrachte -, dann besteht objektiv das Erfordernis, diese Auseinandersetzung zumindest nicht unter Ausschluß der politischen Ökonomie als Wissenschaft zu führen, gleichgültig ob es sich bei den betreffenden um Sozialwissenschaftler, Ökonomen, Wirtschaftswissenschaftler oder um Wissenschaftler anderer Disziplinen handelt.

 

 

2.3. Zum Marxschen Entwicklungsgedanken

 

Die Frage, die im vorhergehenden Abschnitt offen blieb, war, wie Marx - ausgehend von der Annahme der objektiven Existenz ökonomischer Gesetze - zu der weitreichenden Verallgemeinerung kam, daß die gesamte historische Entwicklung der Menschheit tendenziell gesetzmäßig verläuft.

 

Hans Albert spricht - auf Jürgen Habermas Bezug nehmend - davon, daß es darum gehe, mittels der "dialektischen Analyse, die sich historischer Bewegungsgesetze ... bediene, ... die konkrete Totalität einer in geschichtlicher Entwicklung begriffenen Gesellschaft zu durchleuchten" ([5], S. 210).

 

Das hört sich gewaltig an, und dieses Durchleuchten scheint nicht realisierbar zu sein. Max Weber äußert, daß jeder Mensch nur "einen stets wechselnden endlichen Teil des ungeheuren chaotischen Stromes von Geschehnissen" sieht, "der sich durch die Zeit dahinwälzt" ([2], S. 213/214).

 

Dennoch hat - davon bin ich überzeugt - Karl Marx einen Weg gefunden, um diesen "chaotischen Strom" zu durchleuchten.

 

Natürlich ist der Marxsche Entwicklungsgedanke nicht auf wenigen Seiten beweisbar, aber man kann ihn veranschaulichen, so daß er sich vielleicht in den Grundzügen nachvollziehen läßt. Ich möchte dies im weiteren versuchen, muß jedoch bei meinem Grundsatz bleiben, daß man Verallgemeinerungen auf ökonomischem Gebiet nicht ohne Untersetzung durch ökonomische Details vornehmen sollte.

 

Was ist also gemeint, wenn Marx - ausgehend von objektiv wirkenden ökonomischen Gesetzen - von ökonomischen Gesellschaftsformationen und von der Höherentwicklung der menschlichen Gesellschaft spricht? Und warum wird von bestimmten Sozialwissenschaftlern, insbesondere auch von Max Weber, diese ökonomische Entwicklungslehre so rigoros abgelehnt?

 

Die nachfolgenden Darlegungen entstanden ausgehend vom "Kleinen politischen Wörterbuch" [12][6].

 

Marx glaubte, erkannt zu haben, daß sich hinter jener Höherentwicklung der Menschheit, die sich erst sehr langsam, dann immer schneller vollzogen hat, etwas Materielles verbirgt. Für ihn war dieses Materielle in erster Linie das ständige Wachstum der Arbeitsproduktivität (ebd., S. 647). Höhere Produktivität bedeutet bekanntlich, in einem vergleichbaren Zeitabschnitt bei gleichem oder weniger Aufwand mehr zu erzeugen.

 

Das Streben nach höherer Produktivität entsprang in der Frühgeschichte der Menschheit zunächst aus dem natürlichen Bemühen eines jeden Menschen, belastende Tätigkeiten möglichst zeitsparend auszuführen bzw. in der verfügbaren Zeit möglichst viel zu erzeugen. Das konnte eine Überlebensfrage sein, diente aber auf jeden Fall zur Verbesserung der Lebensbedingungen der ganzen Sippe. Innerhalb der Sippen wurde noch gemeinschaftlich gearbeitet und auch gemeinsam verbraucht. Dieser Zeitabschnitt der Menschheit wird von Marx als Urgemeinschaft, als erste ökonomische Gesellschaftsformation bezeichnet.

 

Höhere Arbeitsproduktivität wurde im Rahmen der Urgemeinschaft durch Arbeitsteilung möglich, zunächst durch die Trennung von Ackerbau und Viehzucht, dann durch das Entstehen von Handwerk, wodurch Austausch und schließlich durch die Herausbildung des Handels erforderlich wurden. Die Arbeitsteilung führte zu ersten Formen des Privateigentums an Produktionsmitteln und damit zu erster ökonomischer Ungleichheit. Ökonomische Ungleichheit ermöglichte aber, andere Menschen für sich arbeiten zu lassen. Die Urgemeinschaft, die heute nur noch bei Naturvölkern existiert, zerfiel allmählich.

 

An den Standorten der Märkte der Kaufleute entwickelten sich erste Städte und aus diesen später Stadtstaaten. Die Stadtstaaten schufen Machtmittel zur Selbstverteidigung gegen konkurrierende Staaten, aber auch zur Aggression und Expansion, insbesondere um Menschen zu erbeuten und sie als Sklaven für das eigene Interesse arbeiten zu lassen. Es entstand die Sklavenhaltergesellschaft, mit ihrer höchsten Blüte zur Zeit der alten Griechen und der Römer. Riesige Imperien wurden zur Quelle für Arbeitskräfte, die als Sklaven den Reichtum der Freien schufen. Auf einen Freien kamen etwa 10 Sklaven. Auch die Monumentalbauten dieser Sklavenhalterstaaten wurden durch Sklaven errichtet. Das galt für die Ägypter, die Griechen und besonders auch für die Römer. Andererseits ermöglichte die Sklaverei auch das Entstehen von Wissenschaft und Kultur.

 

Unter den Bedingungen der Sklavenhaltergesellschaft wuchs jedoch die Produktivität sehr langsam, da die Sklaven kein Interesse an ihren eigenen Arbeitsergebnissen hatten. Zunehmende Unterdrückung und Ausbeutung führten zu gewaltigen Sklavenaufständen und die fortwährende Expansion der Sklavenhalterstaaten zu Gegenmaßnahmen der noch freien, in Sippen lebenden Völker am Rande dieser Staaten. Der letzte große Sklavenhalterstaat, das römische Imperium, zerfiel durch innere und äußere Widersprüche.

 

Der innere Zerfall und die Zerstörung der Sklavenhalterstaaten sowie die Befreiung und Selbstbefreiung der Sklaven nahm der Sklavenhaltergesellschaft ihre ökonomische Existenzgrundlage. Es entstand allmählich eine neue Gesellschaftsordnung: die Feudalgesellschaft. Sie führte zu einer bedingten Freiheit jenes Bevölkerungsteils, der damals die entscheidenden Erzeugnisse produzierte. Dies war die leibeigene ländliche Bevölkerung. Die Leibeigenen gehörten zur Wirtschaft eines Feudalherren, hatten jedoch die Möglichkeit, Teile des vom Feudalherren gepachteten Bodens nach eigenen Vorstellungen zu bewirtschaften. Deshalb waren sie auch an einem hohen Ertrag ihrer Arbeiten interessiert. Das Pachtverhältnis bestand darin, daß sie einen Teil ihrer Erträge an den Feudalherren abgeben und beim ihm unentgeltlich Frondienste leisten mußten, u. a. zur Bestellung des vom Feudalherren selbst bewirtschafteten Bodens. "Grundlage der Produktionsverhältnisse des Feudalismus war [also] das Privateigentum der Feudalherren an Grund und Boden und ein beschränktes Eigentum an den unmittelbaren Produzenten", d. h. an den Leibeigenen, die an den Feudalherren gebunden und durch die Bodenpacht von ihm existentiell abhängig waren (vgl. ebd., S. 239).

 

Auf der Basis der feudalen Produktionsweise war Naturalwirtschaft vorherrschend. Die Ware - Geld - Beziehungen beschränkten sich auf die Städte und den Handel über die Staaten hinaus.

 

Trotz der feudalen Abhängigkeiten entwickelte die Feudalgesellschaft langsam eine höhere Produktivität, die auch eine immer stärkere Entfaltung des städtischen Lebens ermöglichte. Handwerker bildeten Zünfte und mit der Ausdehnung des Handels wurde es auch möglich, Manufakturen zu schaffen und deren Erzeugnisse in immer größerem Umfange zu veräußern. Das städtische Bürgertum gewann durch seine Handelstätigkeit und sein wachsendes Eigentum immer mehr an Einfluß, während die Feudalherren - nicht zuletzt durch die ausgedehnten Bauernaufstände - an Einfluß verloren. Durch die akkumulierten Geldmittel sowie durch den Fortschritt in Wissenschaft und Technik bestand für das Bürgertum die Möglichkeit, allmählich zu Formen der industriellen Produktion überzugehen. Die erforderlichen Arbeitskräfte mußten vorwiegend aus der ländlichen Bevölkerung gewonnen werden. Insbesondere in England kam es in großem Stil zur Vertreibung der Bauern aus ihrem ländlichen Milieu.

 

Die allmähliche Industrialisierung und die Bauernvertreibung führten zum Zersetzen der feudalen Produktionsweise und zum Entstehen der kapitalistischen Warenproduktion sowie zur Herausbildung des Kapitalismus der freien Konkurrenz. Möglichkeiten zur weiteren Erhöhung der Produktivität waren durch die Technisierung und durch weitere Spezialisierung gegeben. Der Lohnarbeiter, nunmehr frei von feudaler Abhängigkeit, aber auch frei von Besitz, konnte faktisch beliebig eingesetzt werden.  Zugleich war der Arbeiter durch den an die Leistung gebundenen Lohn voll an hoher Nutzung seiner Arbeitszeit interessiert. Um darüberhinaus die Maschinen weit auszulasten, wurde die Arbeitszeit bei geringen Löhnen sehr weit ausgedehnt. Die persönliche Freiheit des Arbeiters brachte ihm nicht viel. Im Gegenteil: Infolge des Abhängigkeitsverhältnisses vom Kapitalisten kam es in der europäischen Industrie des 19. Jahrhunderts zu extremen Formen der Ausbeutung der Arbeiter. Man sprach vom Manchesterkapitalismus.

 

Im weiteren möchte ich mir die Skizzierung der folgenden Phasen kapitalistischer Entwicklung ersparen. Wichtig für die heutige Zeit ist es, sich zu vergegenwärtigen, daß die Ausbeutungsproblematik heute internationalisiert ist, so daß wir von reichen und armen Ländern sprechen können.

 

Die kapitalistische Entwicklung brachte einen gewaltigen Produktivitätsfortschritt. Aus der inneren Entwicklung des Kapitalismus heraus ist ein Ende dieser Produktivitätssteigerung nicht abzusehen.

 

Es fragt sich heute, wie diese Entwicklung weiter geht, nachdem es sich erwiesen hat, daß der sogenannte real existierende Sozialismus nicht in der Lage war, eine zugleich sozial und wirtschaftlich bessere Gesellschaft aufzubauen. Ich habe in meinem letzten Vortrag versucht [16], darauf eine Antwort zu geben. In einem Satz gesagt, bestand sie darin, daß das kapitalistische System an die Grenzen der Verfügbarkeit der natürlichen Ressourcen und der Belastbarkeit unserer ökologischen Lebensgrundlagen gelangt, diese überschreitet und eine ökologische Katastrophe auslöst, falls es nicht rechtzeitig gelingt, das kapitalistische durch ein ökologisch orientiertes, ökonomisch anders funktionierendes Gesellschaftssystem abzulösen.

 

 

2.4. Zur Möglichkeit der Voraussage gesellschaftlicher Entwicklungstendenzen

 

Wenn wir uns die Geschichte der Menschheit vergegenwärtigen, so ist nicht daran zu rütteln, daß es Sklaverei in der Antike gab; es gab Leibeigenschaft in Europa bis in das 19. Jahrhundert hinein; es ist Fakt, daß sich der Kapitalismus fast jede Ecke unserer Welt erschlossen hat und weiter erschließt. Aus der Sicht der Marxschen Entwicklungslehre ist wesentlich, daß bestimmte Produktionsweisen das gesellschaftliche Leben in bestimmten Epochen der Geschichte entscheidend prägten. Sklaverei und Leibeigenschaft können heute noch Einzelerscheinungen sein und lokal eine Rolle spielen; sie werden aber niemals wieder bestimmend sein!

 

Das Problematische an der Lehre von Marx für die heute herrschenden Gesellschaftsschichten ist jedoch folgendes:

 

Wenn die Marxsche Sichtweise zutrifft und der historische Entwicklungsprozeß der Menschheit zurecht als Ablösung eines Gesellschaftssystems durch ein anderes aufgefaßt werden kann, dann müßte dies irgendwann auch für den Kapitalismus zutreffen. Das ist wohl des Pudels Kern! Und es ist natürlich verständlich, daß sich viele Menschen mit einem solchen Gedanken nicht anfreunden können und wollen.

 

In Anbetracht der relativen Einfachheit, Klarheit und Einsichtigkeit der Marxschen Entwicklungslehre, fällt es mir immer noch außerordentlich schwer, das strikte Ablehnen der Marxschen Lehre durch Wissenschaftler, die an Objektivität im Erkenntnisprozeß interessiert sind, gedanklich nachzuvollziehen.

 

Für mich bleibt als Fazit aus der Weberschen Herangehensweise die Frage? Geht es ihm wirklich um eine objektive Betrachtung des historischen Geschehens oder geht es ihm in Verbindung mit der Ablehnung des Marxschen Entwicklungsgedankens um das Ausschließen der Möglichkeit, daß das kapitalistische System eines Tages gesetzmäßig selbst ein Ende finden muß?

Es könnte sein, daß dieser Gedanke bei den von Max Weber initiierten Emotionen gegen die Marxsche Lehre eine weitaus größere Rolle spielt, als sein Wille zur sachlichen Auseinandersetzung mit Marx. Für diese Annahme spricht, daß sich Max Weber mit der Marxschen Entwicklungslehre, der materialistischen Geschichtsauffassung, - soweit mir bekannt ist - nie direkt auseinandergesetzt hat, daß er diese Lehre lediglich als indiskutabel und als etwas - wie er wörtlich sagt - "für Laien und Dilettanten" betrachtete (vgl. [2], S. 167]. Insbesondere zur Marxschen Erkenntnis, daß sich die ökonomischen Gesetze tendenziell durchsetzen, führt er keine Diskussion. Stattdessen arbeitet er, wie ich bereits mehrfach gezeigt habe, mit seinen unbegründeten Zuspitzungen, so auch zur ökonomischen Begründung der historischen Entwicklungstendenzen.

 

Ich zitiere:

"Bei ihnen[7] findet sich allerdings noch immer die eigentümliche Erscheinung verbreitet, daß ihrem Kausalbedürfnis bei der Erklärung einer historischen Erscheinung so lange nicht genüge geschehen ist, als nicht irgendwie und irgendwo ökonomische Ursachen als mitspielend nachgewiesen sind (oder zu sein scheinen); ist dies aber der Fall, dann begnügen sie sich wiederum mit der fadenscheinigsten Hypothese und den allgemeinsten Redewendungen, weil nunmehr ihrem dogmatischen Bedürfnis, daß die ökonomischen 'Triebkräfte' die 'eigentlichen', einzig 'wahren', in 'letzter Instanz überall Ausschlag gebenden' seien, Genüge geschehen ist" (ebd).

 

Aber Marx traf niemals die Aussage, daß überall "ökonomische Ursachen als mit-spielend" nachgewiesen werden sollen. Er meinte hingegen, daß trotz aller historischer Zufälle und subjektiver Entscheidungen und auch dann, wenn nichtökonomische Ursachen bei irgendwelchen einschneidenden historischen Ereignissen dominierten, im weiteren historischen Geschehen sich die ökonomischen Zwänge letztlich dennoch durchsetzten. Aber dies heißt nicht, daß es eine ökonomisch bedingte Zwangsläufigkeit des spezifischen historischen Geschehens geben muß. Marx äußerte sich auch niemals über zu erwartende zeitliche Verläufe, wohl aber zu Abfolgen genereller historischer Prozesse.

 

Was Marx jedoch nicht erkannt hat, wohl auch nicht erkennen konnte, ist, daß die kapitalistische Gesellschaft die letzte Gesellschaftsordnung der heutigen Menschheit sein könnte, daß also heute die Frage steht: Entweder die Augen zu und durch - bis zum bitteren Ende, oder die Menschheit besinnt sich darauf, einen Weg aus der ökologischen Krise zu finden. Mir scheint, daß es heute nicht primär darum geht, den Kapitalismus zu bejahen oder nicht, sondern zu beantworten, ob wir als Menschheit überleben wollen oder nicht. Und wenn wir überleben wollen, könnte dies weitreichende Konsequenzen für die künftige Gestaltung unseres gesellschaftlichen Lebens haben.

 

Natürlich muß man sich immer wieder fragen, ob von den Ökologen nicht dramatisiert wird. Um zu erkennen, wie ernst es um den möglichen Fortbestand der Menschheit steht, reicht es aus, die Entwicklung des Kernproblems der ökologischen Krise bewußt zu verfolgen: die Veränderung des Weltklimas.

 

{Das Weltklima wird bekanntlich in hohem Maße durch den Treibhauseffekt beeinflußt: durch den Gehalt der Erdatmosphäre an den Treibhausgasen Kohlendioxid und Methan. Ein sich erhöhender Anteil an Treibhausgasen ließ die durchschnittliche Temperatur der Erdatmosphäre ansteigen, in den vergangenen 130 Jahren um 0,4 Grad. Das erscheint wenig, aber die Klimaforscher nehmen an, daß bereits bei einem Absinken der durchschnittlichen Temperatur der Erdatmosphäre um 2 Grad eine neue Eiszeit eingeleitet würde. Warum wird eine weitere Erhöhung der durchschnittlichen Temperatur der Erdatmosphäre befürchtet?

Die Menschheit wirkt auf die Erhöhung des Anteils an Treibhausgasen in der Erdatmosphäre in doppelter, sich negativ ergänzender Weise, einmal durch das verstärkte Verbrennen fossiler Brennstoffe, insbesondere von Erdöl, Erdgas und Kohle, zum anderen durch das Abholzen und Abbrennen jener riesigen Wälder der Tropen und der Nordhalbkugel, die bisher entscheidend dafür waren, um die kolossalen vom Menschen erzeugten Treibhausgasmengen wieder aufnehmen zu können. Diese Wälder verschwinden systematisch.}

 

Die auf der Erde noch verfügbare Pflanzenwelt reicht immer weniger aus und wächst auch nicht so schnell nach, um das Klima-Gleichgewicht der Erdatmosphäre durch die Aufnahme der Treibhausgase zu sichern.

 

{Ich las vor kurzem, daß eine hundertjährige Linde gebraucht wird, um jenes Kohlendioxid aufzunehmen, das ein Auto ausstößt, wenn es 100 km mit einem Benzinverbrauch von 7.5 Liter fährt. Da die beschriebene Entwicklung weiter forciert wird und sich weder die internationalen Auto- noch die Holzkonzerne ihren Profit beschneiden lassen wollen, muß die ökologische Katastrophe in den nächsten Jahrzehnten befürchtet werden. Der entscheidende Auslöser für das Kippen des Klimas könnte - wie von verschiedenen Experten vermutet wird - durch das Nachvollziehen der europäischen Verkehrsentwicklung in China zustande kommen. Die Vorbereitungen zur Schaffung des Autobooms laufen schon, und deutsche Konzerne sind natürlich dabei!

Es ist heute nicht einmal im Ansatz zu erkennen, wie das von mir skizzierte Kernproblem der ökologischen Krise unter den derzeitigen gesellschaftlichen Bedingungen bewältigt werden kann.

Was könnte unter einem ökologischen Kollaps bzw. unter dem "Kippen" des Klimas der Erdatmosphäre verstanden werden? Nun, ein so starkes Aufheizen der Erdatmosphäre, daß es zu einem Weltbrand kommt, der alles höher organisierte Landleben durch Feuer und Ersticken vernichten würde.} 

 

2.5. Gegenüberstellung der inneren Logik der Marxschen und Weberschen gesellschafts- bzw. sozialwissenschaftlichen Grundposition

 

Bei dem von Karl Marx geschaffenen Wissenschaftsgebäude sowie bei der von Max Weber vertretenen Wissenschaftslehre handelt es sich jeweils um in sich schlüssige Theoriesysteme, die sich allerdings in einer Prämisse wesentlich unterscheiden: in der Akzeptanz bzw. Nichtakzeptanz ökonomischer Gesetze, die die historische Entwicklung der Menschheit tendenziell bestimmen.

 

Eine zusammenfassende Gegenüberstellung beider Theoriesysteme ergibt:

 

1.) Zur allgemeinen Bedeutung der Ökonomie in der gesellschaftlichen Realität: Während Weber die Analyse gesellschaftlicher bzw. sozialer Prozesse nach dem ökonomischen Gesichtspunkt zwar als wesentlich, diesen aber eben nur als einen von mehreren betrachtet, geht Marx davon aus, daß der ökonomische Aspekt der entscheidende ist. Weber will die soziale Wirklichkeit in ihren Zusammenhängen verstehen lernen; Marx geht davon aus, daß es ökonomische Gesetze gibt, die den Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung tendenziell bestimmen. Nach seiner Auffassung ermöglicht erst das Erkennen dieser Gesetze, historische Entwicklungsverläufe in ihrem Wesen zu verstehen. Weber lehnt die Möglichkeit der - wie er sagt - "'objektiven' Behandlung von Kulturvorgängen" generell ab (vgl. [2], S. 180), obgleich er die mögliche Existenz sich wiederholender Gesetze in der gesellschaftlichen Wirklichkeit akzeptiert.

 

2.) Zur Möglichkeit der Voraussage von Entwicklungstendenzen für die Gesellschaft: Aus der objektiven Existenz ökonomischer, die gesellschaftliche Entwicklung tendenziell bestimmender Gesetze leitet Marx die Möglichkeit ab, tendenzielle Aussagen über künftige gesellschaftliche Entwicklungen treffen zu können. Weber beschränkt die Möglichkeiten wissenschaftlicher Aussagen auf die Analyse, Interpretation und Beschreibung des Historischen.

 

3.) Zur Berechtigung der Beeinflussung der Handlungen von Menschen durch Gesellschafts- bzw. Sozialwissenschaftler: Aus dem möglichen wissenschaftlichen Erkennen der die historische Entwicklung tendenziell bestimmenden ökonomischen Gesetze sowie aus der möglichen tendenziellen Einschätzung der künftigen Entwicklung leitet Marx die Möglichkeit ab, Orientierungen für die Handlungsweisen der Menschen unter Nutzung der Kenntnis der ökonomischen Gesetze abzuleiten. Weber hingegen ist der Auffassung, daß - ausgehend etwa von sozialwissenschaftlichen Untersuchungen der Kulturvorgänge - dem einzelnen die Handlungsentscheidung vollständig selbst überlassen bleiben soll.

 

4.) Folgerungen für die Handlungsweise: Nach Webers Überzeugung sollen die Handlungsentscheidungen der einzelnen auf deren Wertvorstellungen basieren. Aus der Sicht von Marx hingegen resultiert die ähnliche soziale Lage einer Vielzahl von Menschen aus dem Wirken ökonomischer Gesetze unter den jeweils konkreten historischen Bedingungen. Sie verursacht das Entstehen von sozialen Schichten und Klassen. Nach Marx vermag das gemeinsame Handeln der sich in gleicher sozialer Lage befindlichen Menschen eine Verbesserung ihrer Lage zu erzwingen, wenn die Bedingungen dafür reif sind, d. h. wenn sich die sozialen Gegensätze sehr weit zugespitzt haben und eine ausreichende Einsicht in die Ursachen der bestehenden Gegensätze besteht. Aus den in diesem Prozeß entstehenden Situationen erwächst die Möglichkeit des kollektiven Handelns der betreffenden sozialen Schicht bzw. Klasse.

 

5.) Zur Möglichkeit und Notwendigkeit gezielter prinzipieller Veränderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse: Da Marx das Zuspitzen der sozialen Gegensätze aus der Ausbeutung bestimmter Klassen bzw. Schichten durch andere erklärt, gibt es für ihn letztlich nur einen Weg, um die Interessengegensätze aufzulösen: Die Beseitigung der ökonomischen Grundlagen für die Ausbeutung durch das Aufheben des Privateigentums an Produktionsmitteln. Dies betrachtet er zugleich als die entscheidende Grundlage, um die Einheit von individuellen und kollektiven Interessen herstellen zu können. Ausgehend von Webers Theorie leitet sich keine mögliche und notwendige prinzipielle Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse ab. Gemeinschaftliche Lösungen zu finden, scheitert immer mehr an individualistischen Vorgehensweisen. Damit bleiben die gesellschaftlichen Zustände prinzipiell erhalten, weil kein gemeinsames Handeln möglich wird.

 

Die Akzeptanz bzw. Ablehnung der Ausgangsprämisse, d. h. die Akzeptanz bzw. Nichtakzeptanz ökonomischer Gesetze im Marxschen Sinne, erweist sich meines Erachtens in der Tat als maßgeblich für das Akzeptieren bzw. Ablehnen eines der beiden Theoriesysteme. Was dem einen als logisch erscheinen mag, erscheint dem anderen als utopisch.

 

{Übrigens: Daß Max Weber den Entwicklungsgedanken für sich doch nicht ganz abweisen kann, beweist er einerseits mit der selbstverständlichen Verwendung des Begriffes Kapitalismus, andererseits mit einem seiner überaus seltenen Beispiele, dem möglichen "Idealbild einer Umbildung der handwerksmäßigen in die kapitalistische Wirtschaftsform" durch Kapitalakkumulation (vgl. [2], S. 203). Hier zeigt sich, daß auch ihm bewußt ist, daß der Kapitalismus irgendwann entstanden ist und daß es vorher eine andere Wirtschaftsform gab.}

 

 

3. Schlußbemerkungen

 

Ich komme noch einmal auf meine Vorbemerkungen zurück.

 

1.) Sie haben vielleicht gespürt, daß ich Ihre Kritik ernst genommen habe. Ich habe mich bemüht, durch die Einsicht in verschiedene, für Sie wichtige Literatur in ein mir bisher fremdes Denken einzudringen, um eine erweiterte Diskussionsbasis zu finden. Dieser Einblick war notwendig und wertvoll. Er hat mich auch zum Überprüfen meiner bisherigen wissenschaftlichen Konzeption veranlaßt. Eine prinzipielle Veränderung der Konzeption halte ich aber nicht für erforderlich.

 

2.) In der Diskussion zum Vortrag am 13.07.96 [16] wurde die Verwendung der Wörter müssen und sollen kritisiert. Es wurde mir Dogmatismus unterstellt.

Die Anwendung dieser Ausdrucksweise resultiert jedoch aus meiner Einsicht, daß der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft ökonomische Gesetze zugrunde liegen, denen wir als Menschheit entsprechen müssen, wenn wir überleben wollen. Ich möchte mit dem Müssen und Sollen keine neuen Dogmen verkünden, sondern mich bei meinen Zuhörern um Einsicht in das sich objektiv Vollziehende bemühen. Es geht aus meiner Sicht um eine mehr oder weniger zwingende wissenschaftliche Logik und Konsequenz. Und wenn ein solches von mir praktiziertes logisch-zwangsläufiges Vorgehen gedanklich nachvollzogen würde, wäre auch der Hinweis gegenstandlos, mir ginge es um eine neue Utopie.

 

3.) So, wie ich mich bemüht habe, in Ihre Gedankenwelt in ersten Ansätzen einzudringen, könnte es erforderlich werden, daß auch Sie sich stärker um das Kennenlernen der Marxschen Lehre und sein Denken, insbesondere sein ökonomisches Denken, bemühen. Ich persönlich halte das Ignorieren der Marxschen Entwicklungstheorie für das größte Hindernis des Verstehens von West- und Ostwissenschaftlern.

 

4. Literaturnachweis

 

[1]  Weber, Max: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. UTB für Wissenschaft/ Uni-Taschenbücher 1492, J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) Verlag, 7. Aufl. 1988, 613 S.

 

[2]  Weber, Max: Die "Objektivität" sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis. In [1], S. 146 - 214

 

[3]  Weber, Max: Soziologische Grundbegriffe. In: [1], S. 541 - 581

 

[4]  Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. dtv wissenschaft 4620, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1993, 348 S.

 

[5]  Albert, Hans: Der Mythos der totalen Vernunft. In [4], S. 193 -234

 

[6]  Albert, H: Kleines, verwundertes Nachwort zu einer großen Einleitung.

In [4], S. 335-339

 

[7]  Adorno, W. Theodor: Einleitung. In [4], S. 7 - 79

 

[8]  Habermas, Jürgen: Analytische Wissenschaftstheorie und Dialektik.

In: [4], S. 155 - 191

 

[9]  Habermas, Jürgen: Zur Logik der Sozialwissenschaften. stw 517, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1985, 607 S.

 

[10] Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft. stw 1152, Suhrkamp Verlag; Frankfurt a. M. 1994, 356 S.

 

[11] Zeleny, Milan (Hrsg.): Autopoiesis: A Theory of Living Organization. New York 1981 (Verweis von [10], S. 52, Anmerkung 17)

 

[12] Kleines politisches Wörterbuch. 3. Auflage, Dietz Verlag, Berlin 1978

 

[13] Marx, Karl: Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie. 2. Aufl., Dietz Verlag 1974, 1102 S. (vgl. auch MEW, Bd. 42)

 

[14] Marx, Karl: Thesen über Feuerbach. In: MEW, Bd. 3, S. 5 - 7

 

[15] Grundmann, Werner: Zur Ökonomie einer hochentwickelten ökologisch orientierten Gesellschaft. Vortrag im Oberseminar von Prof. Dr. Rainer Mackensen am Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin am 15.12.94, 37 S. (unveröffentlicht)

 

[16] Grundmann, Werner: Ökologisch orientierte politische Ökonomie. Vortrag im Oberseminar von Prof. Dr. Rainer Mackensen am Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin am 13.07.95, 28 S. (unveröffentlicht)


 

[1] Textstellen in geschweiften Klammern wurden aus Zeitgründen nicht vorgetragen.

[2] Weber meint den "wollenden Menschen". (W. G.)

[3] Die Ergänzung [Werte verstößt] ist von mir. (W. G.)

[4] Allein der Titel ist wieder eine solche verabsolutierte Aussage, wie sie Marxisten fälschlicherweise unterstellt wird.

[5] Gemeint ist die Kritik von Habermas an Luhmann. (W. G.)

[6]  Marx schreibt über "Formen, die der kapitalistischen Produktion vorhergehn", in den "Grundrissen" ([13], S. 375 - 413).

[7] Er meint die "Laien und Dilettanten". (W. G.)

 

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