E-Mail am 23.07.2007, 17:28 Uhr, an richard@attac.de    Veröffentlichung am 23.07.2007

 

 

Von

Werner Grundmann                                                                        Berlin, den 23.07.2007

Bernkasteler Str. 12

13088 Berlin

 

an 

attac-Villa Könnern

Herrn Richard Schmid

06420 Könnern

 

Eine andere Welt ist möglich!

 

 Lieber Mitstreiter Richard Schmid,

                                                 als Leser des Neuen Deutschland bin ich am 20. Juli 2007 über neuland 08/2007 auf Ihre Adresse gestoßen. Von besonderem Interesse ist es für mich, dass Sie aktiv im Arbeitskreis Reichtum mitwirken, sich an der Organisation von Arbeitskreistreffen beteiligen und offenbar auch theoretisch an der Reichtums- und Armutsproblematik interessiert sind.  

 

Sie schreiben auf Ihrer Website www.attac.de/koennern/villa: „Die Villa versteht sich als offener Raum für emanzipatorische Gruppen und Einzelpersonen, welche dem stressigen kapitalistischen Alltag entfliehen und Pläne zu dessen Abschaffung schmieden wollen.“

 

Ihre Position unterstütze ich. Nach meiner Überzeugung kommen wir jedoch der „anderen möglichen Welt“ nur dann näher, wenn es uns erstens gelingt, die gesellschaftlichen Ursachen der Reichtums- und Armutsproblematik in hinreichender Komplexität zu verstehen, wenn wir vor allem die kapitalistische Gesellschaft nicht nur als Ausbeutergesellschaft, sondern als Bereicherungsgesellschaft im umfassenden Sinne begreifen, was Bereicherung auf Kosten der Vorwelt, Mitwelt und Nachwelt sowie zu Lasten unserer Lebenswelt einschließt, und wenn wir zweitens zu einer „neuen“ ökonomischen Denkweise finden, die uns die einheitliche Lösung der ökologischen und der sozialen Frage ermöglicht.

 

Als Einzelwissenschaftler hatte ich nach der Wende im Rahmen des Wissenschaftler-Integrationsprogramms an der Technischen Universität Berlin die Möglichkeit, mich tiefgründiger mit der wissenschaftlichen Problematik privater und gesellschaftlicher Bereicherung zu befassen. Dabei fand ich zur Einsicht, dass – bezogen auf die ökologische Problematik – auch die sozialistischen Gesellschaften zumindest anteilig als Bereicherungsgesellschaften aufgefasst werden müssen, weil sie sich an der Verschärfung der ökologischen Krise beteiligten. Auf der Suche nach der grundlegenden Ursache dieser Fehlentwicklung kam ich bereits 1994 zur These, dass das faktische Gleichsetzen von Ökonomie und Wirtschaftlichkeit überwunden werden muss, dass Wirtschaftlichkeit vor allem als Privatökonomie zu verstehen ist. Hinweise dazu fand ich bei Friedrich Engels. Das Übertragen des Wirtschaftlichkeitsgedankens auf die betriebliche und staatliche Ebene in Form der Betriebswirtschaft und der Volkswirtschaft hebt unter sozialistischen Bedingungen die grundlegende Zielstellung prinzipiell nicht auf, zum eigenen Nutzen und auf Kosten anderer zu produzieren und zu agieren. Darunter litt insbesondere unsere Lebenswelt, die „Umwelt“. D. h., wir waren unter sozialistischen Bedingungen von außen und von innen den Wirkungen jener (Privat-)Ökonomie ausgesetzt, die das Kapital seit Jahrhunderten beherrscht. Und wir waren so naiv anzunehmen, den Kapitalismus mit dessen eigenen Mitteln, die er weitaus besser und skrupelloser beherrscht, überwinden zu können! Als zwingende Schlussfolgerung aus dem sozialistischen Dilemma ergab sich für mich, dass wir zur Überwindung des Kapitalismus eine andere, dass wir die „wahre“ Ökonomie brauchen! Zur Definition dieser „wahren“ Ökonomie fand ich Hinweise bei Karl Marx, der sich diesbezüglich im „Kapital“ auf Aristoteles berief.

 

Im Ergebnis meiner Untersuchungen gelangte ich zur These, dass Ökonomie im Sinne von rationeller Bedürfnisbefriedigung verstanden werden muss, ferner dass rationelle Bedürfnisbefriedigung am besten innerhalb von Gemeinschaften realisiert werden kann, wobei von vornherein zumindest alle Grundbedürfnisse einzubeziehen sind, einschließlich des Bedürfnisses nach einer gesunden Lebenswelt. Daraus folgt, dass wir den Aufbau einer Gemeinschaftsordnung auf der Basis vor allem von Gemeineigentum und Gemeinbesitz unter Nutzung der Gemeinschaftsökonomie anstreben sollten, um individuelle und gemeinsame Bedürfnisse zu befriedigen und gemeinschaftlichen Fortschritt zu ermöglichen. Diese „andere Welt“ könnte möglich werden, wenn wir den Gedanken der „Entdeckung“ wahrer Ökonomie verbreiten, wenn wir über die Schaffung von Zellen der Gemeinschaftsökonomie Schritt für Schritt neue Strukturen aufbauen und Wege finden, um die Privatökonomie zielgerichtet zu verdrängen.

 

Meine Ergebnisse zur Begründung und Schaffung einer nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung habe ich auf 69 Seiten in den

Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung

niedergelegt und im Mai 2007 über meine Website www.bwgrundmann.de zusammen mit anderen Arbeiten veröffentlicht.

 

Die gleichfalls über diese Website veröffentlichten

Erkenntnisse aus

Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung

enthalten in zusammengefasster Form auf sieben Seiten das Gesamtergebnis der Thesen sowie sechs Grunderkenntnisse, die bei ihrer Erarbeitung gewonnen wurden. Die „Erkenntnisse …“ füge ich dieser E-Mail in Form der Datei BT-Erk2007EF.doc bei.

 

Sollten Sie interessiert sein, meinen Gedanken und Vorschlägen zu folgen, bitte ich Sie zu berücksichtigen:

-   Wir waren bisher in einer ökonomischen Denkweise und damit in einem gesellschaftlichen System derart gefangen, dass wir Veränderungen im System und über das System hinaus nur auf der Basis dieser uns alle beherrschenden selbstzerstörerischen „Ökonomie“ vornehmen konnten.

-   Weil die Sozialisten keine der nachkapitalistischen Ordnung adäquate ökonomische Denkweise entwickeln konnten, gerieten sie historisch in eine Sackgasse und blieben auch extern Gefangene des kapitalistischen Systems.

-   Deshalb gilt es, dass wir uns durch einen gänzlich neuen Ansatz zunächst geistig aus dieser Gefangenschaft befreien, aber auch die Möglichkeiten und Schwächen des vorherrschenden Systems nutzen, um von unten nach oben Gemeinschaften mit neuer ökonomischer Denk-, Arbeits-, Handlungs- und Lebensweise aufzubauen.

 

Mit meinem heutigen Schreiben wende ich mich zum ersten Male an attac. Selbstverständlich würde ich mich freuen, wenn Sie meine Ergebnisse prinzipiell unterstützen und beitragen würden, sie (etwa als Link) bekannt zu machen. 

 

Bitte antworten Sie mir kurz, ob meine E-Mail und die beigefügte Datei bei Ihnen lesbar eingetroffen sind.

 

Mit solidarischen Grüßen

 

 

Werner Grundmann                          Berlin, den 23. Juli 2007, 17:28 Uhr