E-Mail am 16.06.2009, 22:19 Uhr, an halina.wawzyniak@die-linke.de

Veröffentlichung am 18.06.2009

 

Werner Grundmann                                                  Berlin, den 16.06.2009

 

Genossin

Halina Wawzyniak

Stellvertretende Vorsitzende

der Partei DIE LINKE

 

 

Zur strategischen Ausrichtung der Partei DIE LINKE

 

Sehr geehrte Genossin Wawzyniak,

in der Berliner Zeitung erschien heute, am 16.06.09, auf der Seite 3 ein Artikel von Gerold Büchner über „Die Krisenpartei“. In dem Beitrag wird Ihr Auftreten zum Pressefest des Neuen Deutschland auf dem Hof der Berliner Kulturbrauerei wie folgt wiedergegeben:

>> Nein, es geht in der Linken immer mehr und immer erkennbarer um das, was die Vizevorsitzende Halina Wawzyniak die "strategische Ausrichtung der Partei" nennt. Die 35-Jährige Juristin, die zum Reformflügel Forum Demokratischer Sozialismus (fds) zählt, hat davon eigene Vorstellungen. "Ich will eine Partei, die im Hier und Heute ansetzt, keine alleinige Systemopposition", sagt Wawzyniak. Sie macht sich Sorgen, dass die Linke zu einseitig auf Sozialpolitik abhebt und Themen wie Ökologie oder Bürgerrechte vergisst. Schuld daran seien vor allem übergetretene Sozialdemokraten. Man müsse aufpassen, dass die Linke nicht nur "eine bessere SPD sein will". <<

 

Diese Ihre Position unterstütze ich nachdrücklich. Es geht heute um die Suche nach einer Strategie, die es auf erweiterter theoretischer Grundlage ermöglicht, die ökologische und die soziale Frage einheitlich zu lösen sowie dem kapitalistischen System zugleich schrittweise seine Existenzberechtigung und breite Unterstützung zu entziehen. Doch dazu bedarf es einer neuen ökonomischen Denkweise und – aus existenziellen Gründen – der Einsicht zum Primat der weltweiten Lösung der ökologischen gegenüber der sozialen Frage.

 

Nach der Wende hatte ich im Rahmen des Wissenschaftler-Integrationsprogramms nach fast dreißigjähriger Tätigkeit an der Bauakademie der DDR die Möglichkeit, an der Technischen Universität Berlin meine zu DDR-Zeiten gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse zu verarbeiten und zu verallgemeinern. Auf der Suche nach einer ökologisch orientierten Ökonomie kam ich ausgehend von Aussagen von Marx und Engels zum Ergebnis, dass für eine nachkapitalistische Ordnung der Begriff Ökonomie neu definiert werden müsse und dass das Gleichsetzen von Wirtschaftlichkeit und Ökonomie falsch ist.

 

Nach meiner Berentung im Jahre 2000 erarbeitete ich über mehrere Jahre Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung, wobei ich Ökonomie im Sinne von rationeller Bedürfnisbefriedigung definierte und von dominierendem Gemeineigentum und Gemeinbesitz für die neue Ordnung ausging. Unter diesen Bedingungen wird Ökonomie zur  Gemeinschaftsökonomie. Dem Begriff Gemeinschaftsökonomie stellte ich den von Friedrich Engels verwendeten Begriff Privatökonomie gegenüber. Privatökonomie ist wertorientiert, Gemeinschaftsökonomie bedürfnisorientiert! Wirtschaftlichkeitsdenken entspricht der Privatökonomie! Während Wirtschaften auf Kosten anderer und zu Lasten der Natur erfolgt, bezieht Gemeinschaftsökonomie von vornherein alle Grundbedürfnisse der Menschen in die Betrachtungen ein, einschließlich des Bedürfnisses nach einer gesunden Lebenswelt.

 

Was wir heute brauchen und politisch propagieren sollten, ist die Schaffung von Strukturen in allen Bereichen der Gesellschaft, die vom Gedanken der Gemeinschaftsökonomie ausgehen und den Überfluss der kapitalistischen Wegwerfgesellschaft (an Waren, Bausubstanz, stillgelegten Flächen etc.) zur rationellen Bedürfnisbefriedigung nutzen. DIE LINKE sollte gezielt die Gründung von „Zellen der Gemeinschaftsökonomie“ unterstützen. In ihnen könnten sich die für die heutige Gesellschaft „Überflüssigen“ und Ausgegrenzten zusammenfinden und auf Basis voller Demokratie einen neuen Lebensinhalt suchen. Dabei dürfte das Wissen und Handeln im Sinne jener „neuen“ Ökonomie, die dem gesunden Menschenverstand entspricht, das Entscheidende sein! Die Zellen könnten kooperieren und ihre Leistungen austauschen. Sie sollten sich später vereinen und Schritt für Schritt höher organisierte hierarchische Strukturen bilden, auch über Ländergrenzen hinweg. Sie würden die bestehenden Strukturen im positiven Sinne unterwandern, ohne deren Konkurrenten zu sein. Die linken Parteien könnten diesen Prozess initiieren und politisch unterstützen, ohne eine „führende Rolle“ für die autark agierenden Zellen zu übernehmen.

 

Meine Ergebnisse zur Begründung einer nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung habe ich auf 70 Seiten in den „Berliner Thesen“ niedergelegt und über meine Homepage unter

http://www.bwgrundmann.de/btorig1.htm

abrufbar veröffentlicht. Sie sind einigen führenden Genossen der LINKEN bekannt. Die Reaktion war bisher verhalten, auch bei den Genossen der Ökologischen Plattform. Am meisten Unterstützung fand ich bei den Genossen Wolfgang Methling und André Brie.

 

Sollten Sie sich für meine Ergebnisse interessieren, dann empfehle ich, zunächst die zehn Seiten der „Erkenntnisse aus den Berliner Thesen …“ zu lesen, die gleichfalls abrufbar veröffentlicht vorliegen. Ich füge sie meiner heutigen E-Mail als Datei BTErk.doc bei.

 

Ich würde mich freuen, wenn Sie meine Ergebnisse prüfen würden, nutzen könnten und mir bestätigen, dass Sie meine E-Mail erhalten haben.

 

Mit solidarischen Grüßen und besten Wünschen

 

Werner Grundmann                                Berlin, den 16.06.2009, 22:02 Uhr