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StudiumvonMarxBWG.doc                     abrufbare Veröffentlichung: 05.02.10

 

 

Dipl.-Wirtsch.-Math. Werner Grundmann             Berlin, den 5. Februar 2010

wbgrundmann@online.de

 

 

Zum Studium der Werke von Karl Marx und zu neuen Perspektiven

 

Mit den nachfolgenden kurzen Ausführungen möchte aus eigenen Erfahrungen beitragen, das Studium der Werke von Karl Marx und Friedrich Engels zu relativieren, jedoch auf Möglichkeiten der Gestaltung einer nachkapitalistischen Ordnung verweisen, die sich aus ihren Erkenntnissen unter den heutigen Bedingungen ableiten lassen. Insbesondere den jungen Lesern von Marx und Engels empfehle ich, beide aus ihrer Zeit heraus zu sehen und ihre Aussagen entsprechend einzuordnen. Sie sollten sich zudem beim Studium des „Kapital“ nicht festbeißen und es als normal betrachten, wenn sie den überaus schwierigen Beweisführungen von Karl Marx nur teilweise folgen können. Dass er mit außerordentlicher Akribie seine grundlegenden Erkenntnisse zu beweisen versuchte, hat auch persönliche Gründe, die wenig bekannt sind.

 

Meines Wissens ist es noch keinem Wissenschaftler gelungen, die von Karl Marx im „Kapital“ erzielten Erkenntnisse zu widerlegen. Um seine außerordentliche Beweiskraft zu erklären, ist es nützlich zu wissen, dass er Hobby-Mathematiker war. Es gibt einen umfangreichen mathematischen Nachlass von Karl Marx! Darauf hatte uns Studenten der Wirtschaftsmathematik „unser“ ehrwürdiger Professor Dr. Felix Burkhardt Ende der sechziger Jahre an der Karl-Marx-Universität Leipzig aufmerksam gemacht. Da wir sowohl Vorlesungen am Mathematischen Institut in „reiner Mathematik“ als auch in Politischer Ökonomie an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät besuchten, waren wir sowohl mit der Denk- und Herangehensweise der „reinen“ Mathematiker als auch mit jener von Karl Marx vertraut. Im Nachhinein ist mir bewusst geworden, dass sich Marx bemüht hat, das Unanfechtbare der logisch-mathematischen Beweisführung auf sein logisch-dialektisches Herangehen der „Kritik der politischen Ökonomie“ zu übertragen. Deshalb ist es so mühsam und schwierig, der wissenschaftlichen Beweisführung von Karl Marx in der ökonomischen Grundlagenforschung zu folgen. Beim Studium insbesondere des „Kapital“ sollte man sich bewusst sein, dass Marx mit dem Ziel, die Existenz des Mehrwerts und damit die Ausbeutung unter kapitalistischen Bedingungen nachzuweisen, sich gegen die etablierte Theorie der Politischen Ökonomie und ihre Vertreter gewandt hat, ohne widerlegt werden zu können. Dies ist im wissenschaftlichen Sinne vergleichbar mit einem Mathematikprofessor, der einen „Satz“ (eine Behauptung mathematischen Inhalts) vor ausgebildeten oder angehenden Mathematikern folgerichtig beweist, um am Ende seiner Beweisführung das „q. e. d.“ zu setzen („quod erat demonstrantum“ = „wie zu beweisen war“). So wie ein Nichtmathematiker über keine Voraussetzungen verfügt, die Beweisführung eines Mathematikers in mathematischer Theorie logisch zwingend nachzuvollziehen, verhält es sich analog mit der logisch-dialektischen Beweisführung im Rahmen des „Kapital“.

 

Die Schwierigkeiten im Verstehen des „Kapital“ beginnen bereits bei den grundlegenden Begriffen Wert und Gebrauchswert. Zu DDR-Zeiten gab es Bemühungen von „Ökonomen“, den Gebrauchswert über die Gebrauchseigenschaften messen zu wollen. Marx hätte dies für Unfug gehalten. Er verwandte den Begriff Gebrauchswert im Sinne von Gebrauchsgegenstand. Wer das „Kapital“ genau liest, wird feststellen, dass für ihn ein Erzeugnis ein Gebrauchswert ist und keinen Gebrauchswert hat. Ich habe mich mit dieser Problematik abgequält, bevor ich im Juni 1980 meinen Dissertationsentwurf zur „Ableitung eines Kriteriums zur einheitlichen ökonomischen Bewertung baulicher Veränderungen in der Deckung des Wohnungsbedarfs“ einreichte. Der Entwurf wurde – vermutlich aus politischen Gründen – abgelehnt, weil er eine indirekte Kritik am überzogenen Wohnungs(neu)bauprogramm enthielt und auf die Schaffung einer Ökonomie der Reproduktion orientierte.

 

Die an die mathematische Beweisführung angepasste Herangehensweise von Karl Marx im „Kapital“ hat zwar den Vorteil der Unwiderlegbarkeit; doch es gibt auch entschiedene Nachteile:

Erstens war sie äußerst zeitaufwendig, so dass es Marx nicht schaffte, sein Hauptwerk zu Ende zu führen.

Zweitens hat sie Generationen von „Marxisten“ beim Studium des „Kapital“ viel Zeit und Nerven gekostet.

Drittens ist die Marxsche Beweisführung nur im Rahmen der von ihm abgegrenzten Aufgabenstellung richtig. Die auf Lenin zurückgehende Auffassung, dass Karl Marx den Kapitalismus als gesellschaftlich-ökonomische Formation erschöpfend analysiert hat, wurde unter den  Marxisten-Leninisten gleichsam als unumstößliche Wahrheit und als wesentlicher Teil einer „wissenschaftlichen Weltanschauung“ aufgefasst. Doch dies war und ist falsch! Die von Marx selbst abgelehnte Dogmatisierung seiner Lehre führte jahrzehntelang zu einer Lähmung der ökonomischen Grundlagenforschung der Linken. Ausgehend vom unvollendeten Werk von Karl Marx und der Leninschen Dogmatisierung  seiner erzielten Erkenntnisse wurde der Kapitalismus eingeengt als Ausbeuterordnung und nicht im umfassenden Sinne als Bereicherungsordnung begriffen.

 

Dass unter kapitalistischen Bedingungen des 19. Jahrhunderts die Ausbeutung die Hauptform privater Bereicherung war, schloss nicht aus, dass im Verlaufe der Entwicklung andere Formen privater (oder auch staatlicher) Bereicherung dominieren können, wie heute die Bereicherung durch Ausplünderung der Natur und zu Lasten unserer Lebenswelt, die bis zur Zerstörung der irdischen Lebensgrundlagen führen und damit die Existenz der Menschheit gefährden kann.

 

Weil Karl Marx die Fertigstellung der „Kritik der politischen Ökonomie“ Friedrich Engels überlassen musste und Engels an die akribische Beweisführung seines Freundes gebunden war, blieb keine Zeit, sich mit der Ökonomie bzw. Politischen Ökonomie einer nachkapitalistischen Ordnung zu befassen. Marx ist als größter Ökonom aller Zeiten – wohl wegen seiner Gründlichkeit – sogar der Definition des Begriffes Ökonomie ausgewichen, obgleich ihm die Existenz zweier Ökonomien bewusst war (vgl. „Das Kapital“, Bd. 1, S. 167, Fußnote)! Daran krankt die ökonomische Theorie bis heute! Engels bezeichnete die Ökonomie seiner Zeit als Privatökonomie. Marx hat sich auch zurückgehalten, den Begriff Bereicherung zu verwenden, obwohl die im Band 1 des „Kapital“ behandelte „ursprüngliche Akkumulation“ in hohem Maße Bereicherung einschloss. Sie war nur bedingt an Ausbeutung gebunden war. Es sei an z. B. an die Ausplünderung der riesigen mexikanischen Silberlagerstätten erinnert, die es ermöglichte, europäische Währungen auf Silberbasis umzustellen. Marx kannte auch das bedeutende Werk von Adam Smith „Der Reichtum der Nationen“, hat sich aber meines Wissens niemals damit wissenschaftlich auseinandergesetzt, weil dies zu einer erweiterten Aufgabenstellung geführt hätte.

 

Obgleich Karl Marx sehr früh zur Überzeugung kam, dass der Aufbau des Kommunismus die Lösung der „Naturfrage“ und der sozialen Frage einschließen muss, kam er in seinen letzten Lebensjahren auch auf diese Problematik nicht wieder zurück. Selbst den Begriff Sozialismus verwandte er sehr zurückhaltend.

 

Das von den geistigen „Nachfolgern“ von Karl Marx nicht erkannte bewusste Beschränken auf die Behandlung der Kernproblematik des Kapitalismus seiner Zeit, auf die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, führte in der Orientierung linker Politik auf die einseitige Lösung der sozialen Frage, führte zum Klassenkampf, zu Revolutionen, zum sozialistischen Weg, zur Konfrontation zwischen sozialistischen und kapitalistischen Staaten, zu zwei Weltkriegen, zum Rüstungswettlauf und zur Gefahr eines weltweiten Atomkriegs. Bereits das Inszenieren der Oktoberrevolution durch Lenin war ohne eine ausgearbeitete Theorie für die ökonomische Funktionsweise der nachkapitalistischen Ordnung unverantwortlich, auch weil eine streng begründete wissenschaftliche Theorie zum Ergebnis hätte führen können, dass Revolutionen der falsche Weg sind, um das kapitalistische System abzulösen. Die Oktoberrevolution leitete für das gesamte 20. Jahrhundert den Prozess der Konfrontation zum kapitalistischen System ein. Sie erforderte auch die Übernahme jener Konkurrenzökonomie auf staatlicher Ebene, die einen weltweiten „ökonomischen“ Wettbewerb zwischen den kapitalistischen und den sozialistischen Ländern zu Lasten der Natur auslöste, während die Verfälschung der Lehre von der Diktatur des Proletariats den Stalinismus ermöglichte. In der gewinn- und profitorientierten „Privatökonomie“ unterschiedlicher Formen sind wir weltweit bis heute gefangen!

 

Mein Anliegen nach dem Scheitern des „Realsozialismus“ und der „Politischen Ökonomie des Sozialismus“ war deshalb zunächst die Suche nach einer ökologisch orientierten Ökonomie – bis ich erkannte, dass der Gegenstand bedürfnisorientierter Ökonomie von vornherein auch ökologisch orientiert sein muss, dass sie unter gemeinschaftlichen Lebensbedingungen als Gemeinschaftsökonomie am besten realisiert werden kann, dass ökonomisches Verhalten im Sinne von rationeller Bedürfnisbefriedigung die Grundform aller Ökonomie darstellt, dass sie eine Eigenschaft allen Lebens und folglich die wahre Ökonomie ist.

 

Wer meinen Überlegungen folgt, wird sich in Anbetracht der wachsenden Widersprüche und der weltweiten Zunahme sozialer Gegensätze fragen, ob und wieweit wir uns heute wieder auf das Studium von Marx und Engels konzentrieren sollten. Die Antwort liegt sicherlich bei jenen Wissenschaftlern, die Erkenntnisse aus dem 19. Jahrhundert mit aktuellen Erkenntnissen zu einer wissenschaftlichen Gesamtkonzeption zusammenführen. Doch es wird wohl kein erweitertes „Kapital“ Marxscher Präzision für das 21. Jahrhundert geben! Für die Ausarbeitung eines solchen Werkes bleibt in Anbetracht existenzieller Menschheitsinteressen viel zuwenig Zeit. Wir sollten aber bei Marx und Engels neu ansetzen und ausgehend von ihren Erkenntnissen zeitgemäße einfache Wahrheiten finden, die die einheitliche Lösung der ökologischen und der sozialen Frage einschließen. Wenn es gelingen würde, die Grunderkenntnis von Karl Marx zur historischen Abfolge ökonomischer Formationen auch für die nachkapitalistische Ordnung zu bestätigen, wäre ein großer Schritt im Marxschen Sinne getan und uns außerordentlich geholfen. Ich halte diesen Schritt auf der Basis jener „neuen“ Ökonomie, der Gemeinschaftsökonomie, für möglich.

 

Über die Analyse der Strukturen der Bürgerstädte stieß ich in den siebziger Jahren auf jenes andere gemeinschaftliche ökonomische Denken und Handeln, das bisher wissenschaftlich nicht wahrgenommen wurde. Die mittelalterlichen bürgerlichen Städte waren lokale rationelle gemeinschaftliche Lebenssysteme, die auf der Basis handwerklicher Produktion existierten. Ich habe versucht, dies in einem im Jahre 2000 veröffentlichten Beitrag „Zur ökonomischen Entwicklung von Bürgerstädten“ nachzuweisen, den ich im Jahre 2007 ins Internet stellte. Die rationellen Strukturen dieser Städte entstanden im Überlebensinteresse all ihrer Bewohner (vgl. www.bwgrundmann.de/Buergerstaedte.htm). Der Beitrag erschien in: Mackensen, Rainer (Hrsg.): Handlung und Umwelt. Beiträge zu einer soziologischen Lokaltheorie. S. 165 -191, Verlages Leske + Budrich, Opladen 2000.

 

In den „Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung“ vom 4. Oktober 2007 habe ich die zwingende Notwendigkeit und die Möglichkeit der schrittweisen Ablösung des kapitalistischen Gesellschaftssystems durch eine weltweite Gemeinschaftsordnung konzeptionell wissenschaftlich begründet. Die nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung wird eine Formation neuer Qualität sein, indem Ökonomie als rationelle Bedürfnisbefriedigung verstanden wird, was erlaubt, die ökologische und die soziale Frage unter gemeinschaftlichen Bedingungen auf einheitliche ökonomische Weise zu lösen. Die Berliner Thesen wurden im Umfange von 70 Seiten unter www.bwgrundmann.de/btorig1.htm im Oktober 2007 abrufbar veröffentlicht. In den „Erkenntnissen aus den Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung“ habe ich die wichtigsten Ergebnisse meiner Untersuchungen auf zehn Seiten unter www.bwgrundmann.de/erk_bt.htm abrufbar zusammengefasst. Als einen der ersten Schritte zur Initiierung der neuen Ordnung schlage ich in den Berliner Thesen die Gründung von Zellen der Gemeinschaftsökonomie vor, die bewusst nach den Erfordernissen der „neuen“ Ökonomie leben, arbeiten und mit anderen Zellen kooperieren.

 

Ansätze auf dem Wege zu einer bewussten Nutzung der Gemeinschaftsökonomie finden sich z. B. im Ökodorf Sieben Linden (www.siebenlinden.de) in Sachsen-Anhalt, dessen Einwohner seit 1997 „an einem gemeinsamen Lebensort … Wohnen, Arbeiten, in Gemeinschaft leben und Ökologie konsequent umsetzen“, und in der 1983 gegründeten Kommune Niederkaufungen, deren Bewohner „gemeinsam ihr Leben gestalten“, um der „‚individualisierten und am Kapital ausgerichteten’ Lebensweise zu entrinnen“ (vgl. www.kommune-niederkaufungen.de ). Progressive Wissenschaftler und Politiker sollten nach Beispielen von Lebens- und Verhaltensweisen suchen, die der „neuen“ Ökonomie entsprechen und ihre bewusste Nutzung anregen, wie z. B. die Freiwilligenagenturen (vgl. http://freiwillig.info/ ). Entscheidend ist zunächst das Wissen um die wahre Ökonomie! Die praktisch erzielten Ergebnisse lassen sich wissenschaftlich verallgemeinern. Damit könnte das Entstehen solcher Strukturen gefördert und unterstützt werden, die das heute vorherrschende System überdauern.

 

Eine grundlegende Voraussetzung sowohl zum schrittweisen Aufbau einer nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung als auch zur Bewältigung der ökologischen Krise ist neben der immer stärkeren Anwendung der „neuen“ Ökonomie die adäquate rationelle, ökologisch orientierte Lösung der Energiefrage. Eine derartige Möglichkeit der Energiegewinnung besteht in der breiten Nutzbarmachung der Raumenergie, deren Existenz aus Profitgründen von den Medien verschwiegen wird. Sie kostet sehr wenig, ist überall verfügbar und belastet in keiner Weise die „Umwelt“. In den abrufbar veröffentlichten „Informationen zur Nutzbarmachung der Raumenergie“ vom 21. Januar 2010 ( www.bwgrundmann.de/REInfo210110.htm ) findet der Leser auf sechs Seiten interessante Hinweise zur Existenz der Raumenergie, zu einem frühen Beispiel ihrer Anwendung und zur Raumenergie-Technik. So wie die „neue“ Ökonomie zur Überlebensökonomie werden könnte, könnte die Raumenergie zur Überlebensenergie werden!

 

Die Nutzbarmachung der Raumenergie wäre ein erster praktischer Schritt zur Schaffung von Technologien für den subatomaren Bereich. Eines der Ziele dieses Weges könnte darin bestehen, zu einer Technologie zu finden, die in ernst zunehmender Literatur als Multiduplikatoren bezeichnet wird. Sie soll darin bestehen, den atomaren und molekularen Aufbau eines beliebigen Gegenstandes zu scannen, um unter Nutzung der überall verfügbaren kosmischen Energie den Gegenstand beliebig oft zu duplizieren, und dies ohne Verbrauch und Belastung der umgebenden Natur. Ein solches Vorgehen entspräche selbstverständlich einer höheren Form von Ökonomie als die von mir angedeutete Grundform der rationellen Bedürfnisbefriedigung.

 

 

 

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