Postbrief vom 8. Juni 2008 an den Bundestagsabgeordneten der SPD und

Sprecher des Seeheimer Kreises Klaas Hübner

Veröffentlichung am 11.06.2008

 

 

 

Werner Grundmann                                                             Berlin, den 8. Juni 2008

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Herrn

Klaas Hübner

SPD-Bürgerbüro Bernburg & Saalkreis, Frau Sandra Rindt

Lindenstr. 31

06406 Bernburg

 

 

Vorschläge zu einer nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung

 

Sehr geehrter Herr Hübner,

        Ihre Adresse fand ich im Internet auf der Suche nach einem Sprecher des Seeheimer Kreises der SPD. Die Web-Adresse des Seeheimer Kreises war nicht aufrufbar. Aus dem Netz entnahm ich Ihren beruflichen Werdegang in der DDR und Ihren Weg zum SPD-Bundestagsabgeordneten.

 

Sie sind sozusagen ein „Kind“ der Wende mit einer Bildung aus DDR-Zeiten (Studium der Wirtschaftswissenschaften) und anschließendem Einstieg in die Privatwirtschaft. Insofern gehe ich davon aus, dass Sie hinreichend aufgeschlossen für mein weit reichendes Anliegen sind.

 

Zum Seeheimer Kreis hatte ich bisher keinen Kontakt. Ich schätze allerdings Ihre Aussage, dass „die Seeheimer zur undogmatischen politischen Debatte mit allen Gesellschaftsgruppen über die Zukunft unseres Landes bereit“ sind. Doch es geht – und dies interessiert mich weitaus mehr – nicht nur um unser Land! Ihre „nüchterne Leidenschaft zur praktischen Vernunft“ sollte meines Erachtens nicht bei der Suche nach „Chancen“ im Prozess „fortschreitender Globalisierung und sich zunehmend öffnender Märkte“ haltmachen!

 

Obgleich ich dreißig Jahre früher als Sie geboren bin, sehe ich Parallelen in unserer Entwicklung. Ich bin Liebhaber klassischer Musik, komme aus Gornau, einem Erzgebirgsdorf bei Zschopau, war als Oberschüler gleichfalls Fußballer, kam aber bereits 1955 nach Leipzig, um an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Karl-Marx-Universität Wirtschaftsmathematik zu studieren. Eingeschlossen war das Ablegen des Staatsexamens in Politischer Ökonomie an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Als Absolvent ließ ich mich 1960 nach Berlin vermitteln. Ab 1963 bis zur Wende war ich an verschiedenen Einrichtungen der Bauakademie tätig, u. a. im Rechenzentrum und im Institut für Städtebau und Architektur. Nach der Wende hatte ich einige Jahre die Möglichkeit, im Rahmen des Wissenschaftler-Integrationsprogramms an der Technischen Universität Berlin zu arbeiten und meine Forschungsergebnisse aus DDR-Zeiten kritisch aufzuarbeiten, insbesondere zur Schaffung und Nutzung komplexer ökonomisch-mathematischer Modelle in der städtebaulichen Planung sowie zur ökonomischen Forschung außerhalb der Produktionssphäre. Ein weiteres Thema meiner Arbeiten war die Suche nach den grundlegenden Ursachen des Scheiterns des Sozialismus. Nachdem ich 1996 in einem Vortrag an der Technischen Universität Berlin hinreichend begründen konnte, dass die ökologischen Krise unter marktwirtschaftlichen Bedingungen nicht bewältigt werden kann, kam zur Überzeugung, dass es notwendig ist, eine ökologisch orientierte Ökonomie zu schaffen. Nach meiner Berentung im Jahre 2000 konnte ich auf den Arbeiten aus den neunziger Jahren aufbauen und kam zu ersten Vorstellungen der ökonomischen Funktionsweise einer ökologisch orientierten nachkapitalistischen (und nachsozialistischen) Ordnung. Das Ergebnis liegt seit 2007 in Form der „Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung“ auf 70 Seiten vor, abrufbar von meiner oben genannten Homepage.

 

Was mich an Ihren veröffentlichten Ausführungen bewegt, ist das geistige Gefangensein in einer von Privatökonomie beherrschten Welt, in der sich nicht nur die jungen Unternehmer bewegen, sondern auch die Christdemokraten, die Sozialdemokraten, die Grünen und teils auch die Sozialisten. Es scheint zwar so, als habe die Menschheit eine Stufe des Fortschritts erreicht, die letztlich irgendwann allen Menschen zugute kommt. Doch je mehr die Wirtschaft „wächst“, umso mehr wird Natur verbraucht und belastet, je weniger wächst in der Natur! Hinter dem Rücken des „Wachstums“ der Weltwirtschaft, des Bevölkerungswachstums und des Warenüberflusses verbirgt sich eine tendenzielle Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts zwischen dem menschlichen und tierischen Leben auf der einen und dem pflanzlichen Leben auf der anderen Seite. Weil private und gesellschaftliche Bereicherung zu Lasten der Natur möglich ist und vielfältig genutzt wird, weil jeder, ob reich oder arm, im Konkurrenzkampf seinen Anteil zum Überleben sichern will, weil das Gesamtsystem der privat dominierten Weltwirtschaft nicht beherrscht werden kann, sich aber unter dem Diktat des Kapitals eine tendenzielle Eigenentwicklung zur Selbstzerstörung der irdischen Existenzgrundlagen vollzieht, gibt es meines Erachtens unter kapitalistischen Bedingungen sowie in Konkurrenz zu sozialistischen Gesellschaften letztlich keine „nachhaltige“ Entwicklung! Alle bisherigen Maßnahmen zum Klimaschutz und zur Nachhaltigkeit können den Abwärtstrend nur bremsen!! Das Ende der selbstzerstörerischen Entwicklung ist eine Klimakatastrophe, gleichbedeutend mit einem Weltbrand! Wer nicht bereit ist, grundsätzlich umzudenken und jung genug ist, wird in wenigen Jahrzehnten „dabei sein“! Es ist makaber: Während wir uns im wirtschaftlichen, politischen, militärischen, kulturellen und nationalen Konkurrenzkampf zerfleischen, arbeiten wir alle am eigenen Untergang – ohne dies hinreichend wahrzunehmen!

 

Im Bemühen, die tieferen Ursachen des Scheiterns des Sozialismus zu ergründen, habe ich versucht, bei Marx und Engels Anhaltspunkte für eine ökologisch orientierte nachkapitalistische Überlebensordnung zu finden. Tatsächlich gibt es einige wesentliche Hinweise, die zu sozialistischen Zeiten nicht erwähnt oder übergangen wurden. Ich konnte sie in den „Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung“ verarbeiten. Dabei erwies es sich als grundlegend, zwischen „Privatökonomie“ (Engels) und Ökonomie  zu unterscheiden. Bereits Aristoteles verwies auf die Existenz zweier Ökonomien, auf die „Chrematistik“, der „Kunst …, Geld zu machen“, und auf die „Ökonomik“ als „Erwerbskunst“, worauf Karl Marx im ersten Band des „Kapital“, S. 167, in einer längeren Fußnote einging, allerdings ohne den Begriff „Ökonomie“ zu definieren! Die Wirtschaftswissenschaften in Ost und West setzten Ökonomie und Wirtschaftlichkeit im Sinne der Gewinnerzielung gleich und übergingen die wichtigen Hinweise von Marx und Engels, auch jenen vom jungen Marx, der unter Kommunismus die einheitliche Lösung der Natur- und der sozialen Frage verstand!

 

In den „Berliner Thesen“ habe ich mich um eine Definition des Begriffes Ökonomie bemüht, die den Anforderungen einer weltweiten ökologisch orientierten Gemeinschaftsordnung entsprechen könnte. Relativ unabhängig von der Existenz von Wertformen sollte Ökonomie als rationelle Bedürfnisbefriedigung unter gemeinschaftlichen Bedingungen, also im Sinne von Gemeinschaftsökonomie, definiert werden, was Gemeinschaftlichkeit mit der Natur und Ökonomie innerhalb der Natur – unabhängig vom Menschen – einschließt. Darauf aufbauend fand ich zu einem ersten Ansatz für den schrittweisen Aufbau einer nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung. Der erste Schritt könnte durch die bewusste Schaffung von „Zellen der Gemeinschaftsökonomie“ unter Nutzung der vollen Demokratie in ausgewählten gesellschaftlichen Bereichen eingeleitet werden. Die Gründung dieser „Zellen“ würde von den Kommunen und vom Staat offenbar dann unterstützt werden, wenn sie – ohne Konkurrent der vorherrschenden Wirtschaft zu sein – im Wesentlichen eigenständig existieren und  ausgesonderte Menschen sinnvoll auffangen können sowie wenn durch ihre Funktionsweise wesentlich auf finanzielle Unterstützung verzichtet werden kann. Entscheidend dürfte langfristig letztlich das Vorbild dieser „Zellen“ in der ökonomischen Funktionsweise sein, d. h. ihr Nachweis, dass ihre Ökonomie die „wahre“ ist. Dann käme es zu einem schrittweisen Verdrängen der Privat- durch die Gemeinschaftsökonomie.

 

Mit den „Berliner Thesen“ habe ich im konzeptionellen Sinne versucht, eine relativ geschlossene Darstellung der Gesamtproblematik vorzulegen. Bisher fand sich kein Verlag, um sie zu veröffentlichen. In den „Erkenntnissen aus den Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung“ vom 4.10.2007 sind die entscheidenden Aussagen auf zehn Seiten zusammengefasst. Ich lege sie meinem Schreiben bei, zudem eine vierseitige Ausarbeitung zur „Kritik des Begriffes Nachhaltigkeit“ vom 23.02.2008.

 

Mein Wunsch ist es, dass Sie meine Ausführungen kritisch prüfen und ggf. im Seeheimer Kreis mit interessierten Genossen diskutieren. Selbstverständlich bin ich bereit, auch selbst über meine Arbeiten vor Ihnen zu sprechen. Selbstverständlich würde ich mich freuen, von Ihnen eine kritische Auffassung zu meinen Ergebnissen zu erhalten, erwarte dies aber nicht. Sie werden Zeit brauchen, die „Berliner Thesen“ zu verarbeiten, falls Sie sich nach dem Lesen der „Erkenntnisse …“ überhaupt auf sie einlassen wollen.

 

Meine Ausarbeitungen sind führenden Politikern der LINKEN informativ bekannt. Aus Briefen, die ich über meine Homepage veröffentlichte, geht zumindest mein Kontakt zu persönlichen Referenten von Gregor Gysi und Oskar Lafontaine hervor. Von den meisten Politikern und Wissenschaftlern der Linken kam keine Gegenreaktion. Die Vorbehalte sind – bis auf Ausnahmen – sehr groß, wohl deshalb, weil ich einen „Wissenschaftlichen Sozialismus“ unter Nichtbeachtung der ökologischen Problematik ablehne. Doch wenn sich die Überlebensfrage in den nächsten Jahrzehnten immer stärker als dominant erweist, dann kann wohl auch die soziale Frage nur noch in dem Maße gelöst werden, wie es die Bewältigung der ökologischen Krise zulässt! Wer sollte dann noch von „Sozialismus“ sprechen? Meines Erachtens hat der Sozialismus weder aus der Sicht der LINKEN noch aus der Sicht der SPD eine Zukunft!

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Werner Grundmann                                 

 

Zwei Anlagen