E-Mail vom 04.07.2007, 18:03 Uhr, an schnell@fnbb.org      Veröffentlichung am 04.07.2007

 

Von Werner Grundmann

 

an Roland Schnell

 

Gemeinschafts- und Privatökonomie in den Bürgerstädten

 

Sehr geehrter Herr Schnell,

                       Sie waren überaus zügig in der Durchsicht meines Aufsatzes

Zur ökonomischen Entwicklung von Bürgerstädten,

den Sie von meiner Homepage www.bwgrundman.de herunterladen konnten.

 

Mir persönlich fällt es schwer, einen vergleichbaren Beitrag in kurzer Zeit durchzusehen, weil mir beim Lesen meist Gedanken einfallen, die zum Überprüfen und Präzisieren der eigenen Position beitragen könnten und zu notieren sind. Schnelligkeit birgt wohl die Gefahr in sich, im eigenen Denkbereich haften zu bleiben. Es ist ja angenehmer, die eigene Auffassung bei einem Autor bestätigt zu finden, als einzusehen, dass eine neue Denkrichtung eingeschlagen und verfolgt werden muss. Ich frage mich deshalb, ob Ihre Enttäuschung über meinen Aufsatz primär auf mein „idealisiertes Bild“ von mittelalterlichen Städten zurückgeführt werden kann, „das durch romantische Vorstellungen des 19. Jahrhunderts geprägt ist“ oder durch Ihr Verhaftetsein im traditionellen privatökonomischen Denken, das zweifellos auch das Handeln in mittelalterlichen Bürgerstädten wesentlich bestimmt hat.

 

Offenbar können wir nur dann zu einem gegenseitigen Verstehen finden, wenn wir die beiden ökonomischen Denkrichtungen, auf die bereits Aristoteles und Karl Marx hingewiesen haben, auseinander halten und fragen, welche Wirkungen aus welchem Denken resultierten. Was Sie als Gegenargumente anführen, sind Wirkungen privatökonomischen Handelns, die anderen schaden können und dem eigenen Nutzen sowie der Konkurrenzfähigkeit dienen. Mir sind derartige Fehlentwicklungen in den Bürgerstädten bekannt; doch sie waren nicht Gegenstand meiner Untersuchungen. Mir ging es um das „Entdecken“ der anderen Ökonomie, also jener Gemeinschaftsökonomie rationeller Bedürfnisbefriedigung, die entsprechend der bürgerlichen politischen Ökonomie gar nicht existiert – obgleich sie vom frühen Bürgertum zur Sicherung der eigenen Existenz praktiziert wurde. Wenn ich in diesem Zusammenhang von Gemeinschaftlichkeit spreche, dann nicht im romantisierenden Sinne, sondern aus dem existenziellen Zwang und den privaten Interessen heraus, gemeinsam nachhaltige Lösungen für den notwendigen rationellen Einsatz der verfügbaren Mittel und Kapazitäten zu finden. Jeder Stadtbürger hatte seinen Anteil zu leisten, um die Stadt nach außen zu sichern, zu verteidigen, auszubauen und funktionstüchtig zu halten. Dass dieses Streben auf der Grundlage wirtschaftlicher Erfolge basierte, führte im Verlaufe der Jahrhunderte in vielen Bürgerstädten über die Kapitalverwertung zum Niederreißen der Stadtmauern und zur Zersiedelung.

 

Das bewusste oder unbewusste Differenzieren der Stadtbürger nach Gemeinschafts- und Privatökonomie schloss nicht aus, dass auch bei der Verteilung und dem Einsatz der gemeinsam verfügbaren Mittel und Kapazitäten schwerwiegende Fehler begangen wurden.

 

Das Bedeutsame des Erkennens der Existenz von Gemeinschaftsökonomie in den Bürgerstädten ist die mögliche Übernahme der Denkweise auf die heutigen gesellschaftlichen Bedingungen. Es geht nicht nur um die künftige Gestaltung unserer Städte durch den Rückbau der Zersiedelung, sondern auch um das Beseitigen der Slums in den Städten der Dritten Welt. Wir werden als Menschheit sehr bald vor der Aufgabe stehen, die Hunderten Millionen Menschen der „Entwicklungsländer“ erträgliche Lebensbedingungen zu sichern, wenn wir die Existenz der gesamten Menschheit nicht gefährden wollen! Dies wird mit den Mitteln der Privatökonomie meines Erachtens  unmöglich sein!

 

Sie kritisieren meine „schmale selektive“ Auswahl an Fachliteratur. Doch eine umfassende Literaturdurchsicht musste schon deshalb nachgeordnet sein, weil es mir um das Erkennen des großen Zusammenhangs zwischen Ökonomie der Stadtentwicklung und ökologisch orientierter Ökonomie ging und nicht um alle Facetten des stadtgebundenen privatökonomischen Handelns. Die Konzentration auf das progressiv Wesentliche war auch deshalb notwendig, weil sich Marx und Engels mit der Problematik der Stadtentwicklung nur am Rande befassen konnten. Wir sollten deshalb beitragen, ein Handeln zur Umgestaltung der Städte und zum Reduzieren der Zersiedelung vorbereiten zu helfen, das sowohl ökologischen Erfordernissen als auch den Anforderungen der Gemeinschaftsökonomie unter den Bedingungen von dominantem Gemeineigentum an städtischer Bausubstanz entspricht. Insbesondere wird es notwendig werden, eine Theorie ökonomischer Reproduktion zu entwickeln sowie nach Bauleistungen zu differenzieren, die unmittelbar und nur mittelbar der Bedürfnisbefriedigung dienen. Allein die Umsetzung des letztgenannten Gedankens könnte zu einem enormen Rückbau überflüssiger Trassen führen.

 

Zum Schluss möchte ich auf Ihre Frage eingehen, „warum sich ehemalige DDR-Bürger immer so schwer damit tun, anzuerkennen, daß Entwicklung auf der Austragung von Konflikten beruht und stattdessen ein mystisches Harmoniebedürfnis entwickelt haben“.

 

Ihre Frage resultiert wohl daraus, dass Sie in einer Welt groß geworden sind, die sich in der Tat über das Austragen von Konflikten entwickelt, was sich aus der Dominanz von Privateigentum und privaten wirtschaftlichen Interessen erklären lässt. Wir sollten tiefgründig darüber nachdenken, wohin eine solche Entwicklung führt. Könnte es sein, dass ein dialektisches Gesetz objektiv existiert, das von unseren Philosophen bisher unerkannt blieb, welches ich als

dialektisches Gesetz der Vereinigung oder der Divergenz

bezeichne? Ich habe es in der Erstfassung der „Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung“ wie folgt gekennzeichnet:

In Abhängigkeit von den Eigentums- und Besitzverhältnissen und ihren Veränderungen kann gemeinschaftliche bzw. gesellschaftliche Entwicklung tendenziell entweder zu immer höheren Formen gewollter Gemeinschaftlichkeit oder zur Zunahme ungewollter Divergenz führen.

 

Gemeinschaftlich zu denken und zu handeln haben wir ehemaligen DDR-Bürger unter „realsozialistischen“ Bedingungen gelernt und es als sinnvoll und notwendig betrachtet: besonders in den Familien, den Arbeitskollektiven und den Hausgemeinschaften. Viele Menschen bedauern, dass dieses Denken und Handeln unter den Bedingungen der „freien“ Marktwirtschaft immer mehr verloren geht. Dennoch bleibe ich optimistisch, dass unser immer noch verbreitetes Gemeinschaftsdenken einst beiträgt, die in vergangenen Jahrzehnten entstandenen Egoismen und Individualismen der Bundesbürger zu verdrängen – letztlich um unsere gemeinsame Existenz zu sichern!

 

Sie werden fragen, was die Entwicklung vorantreibt, wenn die Dominanz des Privaten und damit Millionen privater Interessenkonflikte beseitigt werden könnten. Auch in dieser Hinsicht sind die Bürgerstädte des Mittelalters Lehrbeispiele: Erst nach vielen schlimmen Erfahrungen mit Stadtbränden wurde verboten, die Dächer weiterhin mit Schilf oder Holz einzudecken! Doch es dauerte noch Jahrhunderte, bis die Entsorgung von Abprodukten ausreichend hygienisch über eigenständige Netze realisiert wurde und die Übertragung von epidemischen Erkrankungen stark eingeschränkt werden konnte. Voraussetzung war ein entsprechender medizinischer Erkenntnisfortschritt! Auch künftig werden wir aus unseren Fehlern lernen, um die Fehlentwicklungen zu verhindern! Doch unter den Bedingungen von vorherrschendem Gemeinschaftseigentum und Gemeinschaftsbesitz werden uns in erster Linie die Kreativität der Menschen und der Erfahrungsaustausch zwischen ihnen voranbringen.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Werner Grundmann                             Berlin, den 04.07.2007, 18:03 Uhr