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Veröffentlichung: 13.05.2007

Werner Grundmann                                                                                                       Bearbeitungsstand: 27.04.2007

 

Privatökonomie oder Gemeinschaftsökonomie?

(Offener Brief an die Kritiker und Vertreter der Marktwirtschaft)

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

                                      ich möchte Sie anregen, über Ihr Verhältnis zur Marktwirtschaft nachzudenken, und zwar über gewisse Diskrepanzen, die Sie vermutlich schon lange Zeit spüren und die sich in Unterschieden zwischen Ihrem persönlichen ökonomischen Denken und Handeln und dem der Vertreter der Marktwirtschaft äußern. Sie sollten mit mir prüfen, ob sich hinter diesen Unterschieden das ganze Dilemma unserer gesellschaftlichen Entwicklung der vergangenen Jahrhunderte verbergen könnte, insbesondere der sich ständig verschärfende weltweite Gegensatz zwischen Arm und Reich sowie die zunehmende Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Zudem möchte ich Sie davon in Kenntnis setzen, dass bereits für den griechischen Philosophen Aristoteles (384 - 322 v. u. Z.) der prinzipielle Unterschied zwischen zwei Formen des ökonomischen Denkens bekannt war und dass uns Karl Marx in einer längeren Fußnote im ersten Band des „Kapital“ auf diese weit reichende Erkenntnis aufmerksam gemacht hat (vgl. Karl Marx: „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band“ In: MEW, Bd. 23, S. 167, Fußnote 6). Die außerordentliche Bedeutung dieser Unterscheidung wurde jedoch von jenen Marxisten, die sich zu geistigen Erben von Karl Marx erklärten, insbesondere von Lenin, übersehen oder negiert. Das Negieren der beiden Formen des ökonomischen Denkens und Handelns hat dazu geführt, die gesellschaftlichen Ursachen der sich sowohl unter kapitalistischen als auch unter sozialistischen Bedingungen extrem verschärfenden ökologischen Krise zu verkennen, weil auf beiden Seiten das Wirtschaftlichkeitsdenken mit dem ökonomischen Denken faktisch gleichgesetzt wurde. Seither schiebt die Menschheit einen riesigen weiter „wachsenden“ Berg von „Umweltproblemen“ vor sich her, der die Zerstörung unsere Existenzgrundlagen und unserer Lebenswelt einschließt. Wir stehen heute vor der Frage, ob wir im Rahmen der Marktwirtschaft mit all jenen Mitteln, die ihr verfügbar sind – also auch wenn wir bewusst auf ein „Schrumpfen“ der Wirtschaft orientieren – den gewaltigen Berg überhaupt noch abtragen können, oder ob all die wohl gemeinten Versuche der Entlastung und Renaturierung unserer Lebenswelt, wie etwa die Verringerung des Ausstoßes klimawirksamer Gase, die Klimakatastrophe nur verzögern. Wenn es sich jedoch erweisen sollte, dass die Marktwirtschaft nicht taugt, um die Menschheit vor der Klimakatastrophe zu bewahren, dann stellt sich die Frage, ob es nach dem Scheitern des Sozialismus überhaupt noch eine Möglichkeit gibt, einen Ausweg aus der verfahrenen Situation zu finden. Als Optimist gehe ich davon aus, dass eben jenes andere bei vielen Menschen unverdorben vorhandene natürliche, aber unterdrückte ökonomische Denken eine Chance zur Überwindung der existenziellen Krise der Menschheit eröffnet. Wir sollten uns jedoch bemühen zu erkennen, welche gesellschaftlichen Voraussetzungen geschaffen werden müssen, um jener natürlichen, der vermutlich eigentlichen Ökonomie den Weg zu ebnen.

 

Beginnen wir mit einem charakteristischen Beispiel. Im Neuen Deutschland vom 12./13. Februar 2005 fand ich auf Seite 20 im Beitrag „Uns ist nichts zu billig“ von Oliver Marquart eine an uns Deutsche gerichtete Frage eines amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers. Mit „dem Blick auf die deutsche Sparsamkeit“ äußerte der amerikanische Wissenschaftler sinngemäß, „wie denn ein Volk Wirtschaftswachstum zu Stande bekommen wolle, das beim Duschen sich erst nass mache und dann zum Einseifen das Wasser abdrehe.“ Den Hinweis dieses Wissenschaftlers fand ich im negativen Sinne höchst bedenkenswert. Soll ich als einer jener „sparsamen“ Verbraucher aus der „alten Welt“ in mich gehen, weil ich das deutsche Wirtschaftswachstum nicht hinreichend unterstütze, oder versteht dieser hoch gelehrte Wirtschaftswissenschaftler unter „ökonomisch“ etwas anderes als ich als Endverbraucher? Wie kann unnötiger Verbrauch an Trinkwasser als „ökonomisch“ bezeichnet werden? Es trifft sicherlich zu, dass die Betreiber der privatisierten Wasserbetriebe von einem wirtschaftlichen Erfolg sprechen dürften, wenn wir zusätzlich Wasser verbrauchen, denn jeder weitere Verbrauch bringt ihnen steigende Gewinne zu Lasten der Verbraucher und erhöht auf diese wundersame Weise das so genannte Wirtschaftswachstum!

 

Es war nicht das erste Mal, dass ich eine Diskrepanz zwischen dem ökonomischen Denken und Handeln der wirtschaftenden Unternehmen und meinen bescheidenen ökonomischen Ansprüchen entdeckte. Sicherlich, liebe Leserinnen und Leser, haben Sie schon ähnliche Feststellungen gemacht! Ich erinnere Sie an zwei Beispiele:

-       Bekanntlich konnte man sich auf die Qualität technischer Konsumgüter aus der DDR-Produktion in hohem Maße verlassen. Nicht wenige von ihnen sind noch heute zuverlässig nutzbar. Demgegenüber stellen wir heute fest, dass Erzeugnisse der Nachwendezeit bereits nach wenigen Jahren ihren Dienst aufgeben. Von den Fachleuten, die wir zur Reparatur bestellen, hören wir, dass die relativ geringe Nutzungsdauer gewollt ist, um die Wirtschaft „in Schwung zu halten“! Zudem lohne sich der hohe Reparaturaufwand nicht.

 

-       Wenn Sie heute einen preiswerten Drucker zu Ihrem Computer kaufen möchten, finden Sie ihn ganz bestimmt. Doch Sie sollten nicht vergessen, nach den Preisen für das Zubehör zu fragen. Sie könnten so unverschämt hoch sein, dass Sie sich jahrelang damit herumärgern müssen! Und wenn Sie es darüber hinaus „normal“ finden, dass Sie für Ihren Drucker kein Zubehör anderer Produzenten nutzen können, haben Sie schon sehr viel vom Primat privatökonomischer Interessen in der Marktwirtschaft begriffen. Dann wundern Sie sich auch nicht mehr, dass die Ersatzteile aller möglichen Produkte besonders teuer sind.

 

Ausgehend von diesen und anderen Beispielen der Dominanz privater Interessen zu Lasten der Verbraucher konnte mir bis heute niemand erklären, warum die Aussage richtig sein soll, dass wenn es der Wirtschaft gut geht, es uns allen gut geht! Sollen wir vielleicht Verständnis dafür aufbringen, dass wir von der Wirtschaft und vom Handel mit immer wieder neuen Tricks übers Ohr gehauen werden, weil – neben vielem Nützlichen – viele kleinere und große Gemeinheiten zum „Wirtschaftswachstum“ beitragen? Sie möchten wissen, wie ich dies meine?

-       Als kleinere Gemeinheit betrachte ich die so genannten Schwellenpreise, die Ihnen tagtäglich ins Auge stechen und Ihnen vorgaukeln sollen, wie sich die Preisgestalter bemüht haben, unter einer bestimmten Preisschwelle zu bleiben. Ich meine jene 99er oder 9er Preise, die aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken sind und die es erforderten, dass wir uns mit den Cent-Münzen im Wert von ein und zwei Cent herumärgern müssen. Haben Sie sich z. B. schon einmal gefragt, weshalb ein Paar handgefertigter Schuhe, für das der Schuhmacher in Südamerika einige Dollar bekommt, nach „harter Kalkulation“ bei uns plötzlich 169,99 Euro kostet? Je besser es den privaten Unternehmen gelingt, die Preise für Erzeugnisse aus den „Entwicklungsländern“ zu drücken, umso mehr „wächst“ unsere Wirtschaft, umso höher ist „unser“ so genanntes Bruttosozialprodukt! Wir müssen als „reiche Länder“ einerseits durch rigide Niedriglöhne lediglich verhindern, dass sich die „Entwicklungsländer“ wirklich entwickeln und andererseits unsere Verbraucher mit psychologischen Tricks so richtig abzocken!

 

-       Ein bösartiges Beispiel, wie die bewusste Vernachlässigung an notwendigen Pflegeleistungen zum „Wirtschaftsfaktor“ wurde, sind die Regelungen zur Bezahlung von Pflegeleistungen in deutschen Pflegeheimen. „Der Münchner Sozialpädagoge Claus Fussek prangert Missstände in Heimen an …“: „Gute Pflege wird bestraft, schlechte belohnt. … In der Realität werden Menschen oft in die Betten gepflegt, damit mehr Geld fließt. … Jeder Dekubitus, ein Druckgeschwür, das durch schlechte Versorgung entsteht, ist ein Wirtschaftsfaktor … Die Behandlung eines schweren Dekubitus kann bis zu 30000 Euro kosten.“ Mit schlechter Pflege würden Milliarden verdient! „Es gibt sehr viele Institutionen und Funktionäre, die davon leben, dass sich nichts bewegt. Er sei „für die Abschaffung der Pflegestufen“ (vgl. Berliner Zeitung vom 11. April 2007, S. 6).

 

-       Für eine große Gemeinheit halte ich, dass im „Bruttosozialprodukt“ die Rüstungsproduktion eingeschlossen ist. Das Makabre an diesem Umstand ist nicht nur, dass die Rüstungsproduktion zu Lasten der Lösung der sozialen Probleme ermöglicht wird und dass der Rüstungsexport ein Riesengeschäft zu Lasten der Armen der importierenden Länder ist, sondern dass Kriege heute bewusst provoziert werden, damit die produzierten Waffen möglichst „verbraucht“ und neue Rüstungsaufträge vergeben werden können. Wie man hierbei spürt, lohnt es sich, über die Begriffe Verbrauch und Verbraucher unserer Wegwerfgesellschaft nachzudenken!

 

Sie meinen, liebe Leserin und lieber Leser, dass das letztgenannte Beispiel nun wahrlich nicht mehr übertroffen werden kann. Sie täuschen sich! Das Kriminellste ist, dass sich die transnationalen Unternehmen, besonders jene, die in den „Entwicklungsländern“ „investieren“, sich in keiner Weise um die Renaturierung unserer Existenzgrundlagen kümmern. Ich spreche von „unseren Existenzgrundlagen“, obgleich es doch nicht um unsere unmittelbare „Umwelt“ geht. Doch das Agieren dieser Unternehmen betrifft unsere irdische Lebenswelt in ihrer Ganzheit! Sie plündern zwar die Bodenschätze und die Natur; doch sie sind taub für die Beseitigung der angerichteten Verwüstungen. Der Grund für die Missachtung der Natur fremder Völker liegt darin, dass die Renaturierung keinen Gewinn bringen würde, marktwirtschaftlich also nicht relevant ist. Sollten wir allerdings feststellen, dass sich private Unternehmen tatsächlich um die „Umwelt“ bemühen, dann werden sie sicherlich aus dem Steueraufkommen des jeweiligen Staates gut bezahlt. Das eigensüchtige Vorgehen der privaten Unternehmen ist deshalb über alle Maßen kriminell, weil es der Menschheit tendenziell ihrer Existenzgrundlagen beraubt und weil unserem größten Bedürfnis, dem Überlebensbedürfnis der Menschheit, tendenziell zuwider gehandelt wird.

 

Wir kommen zu einem ersten Fazit: Weil die privaten Unternehmen im Gewinninteresse unter Konkurrenzbedingungen überleben wollen, können sie nur an marktrelevanten Erzeugnissen (an Waren) und an entsprechenden Dienstleistungen interessiert sein. Auf diese Weise werden nicht marktrelevante Bedürfnisse von der Wirtschaft insgesamt nicht befriedigt, d. h., der einzelne Mensch wird von der gesamten Weltwirtschaft nicht einmal hinsichtlich seiner Grundbedürfnisse ganzheitlich als Mensch betrachtet und behandelt! Saubere Luft und gesunde Wälder gehören zwar zum natürlichen Bedürfnis aller Menschen, doch die Marktwirtschaft bietet als „Ersatz“ lediglich klimatisierte Warenhäuser, die viele Menschen mit ihrem Überangebot an Waren abstoßen.

 

Für die Gründung von Unternehmen der kapitalistischen Marktwirtschaft waren stets materielle Werte und Besitz an Natur die Voraussetzungen. Das Ziel der Gründung von Unternehmen war das weitere private Bereichern über das Mehren von Werten und Besitz. Karl Marx hat das Zusammenraffen von Werten und Besitz mit nichtökonomischen Mitteln, etwa durch den Raub von Gold und Silber aus den eroberten Kolonien, von zu versklavenden Menschen oder durch das Vertreiben der Bauern vom eigenen Land, als „so genannte ursprüngliche Akkumulation“ im ersten Band des „Kapital“ detailliert beschrieben. Die Menschheit hat fast vergessen, welche Gräueltaten sowohl vom Feudaladel als auch vom Großbürgertum vor und nach Beginn der Neuzeit eigensüchtig begangen wurden. Damit wurde dem Kapitalismus der Weg geebnet. Wir sollten niemals vergessen, dass die Verbrechen an der schwarzen Bevölkerung Afrikas, an den Inkas, an den Azteken sowie an vielen anderen Völkern Amerikas und Asiens, aber auch die extreme Ausbeutung vieler unserer Ururgroßväter und Ururgroßmütter eine entscheidende Grundlage dafür bildeten, um eine europäische Wirtschaft und später die Weltwirtschaft entstehen zu lassen. Wir Europäer bereicherten uns auf Kosten der Vorwelt, unterstellen jedoch, dass unser Reichtum das alleinige Ergebnis unseres Fleißes und unserer Arbeitsleistung sei. Ich erinnere daran erinnert, dass erst nach dem Beginn der Ausplünderung des mexikanischen Bergsilbers ab 1548 die allgemeine europäische Geldwirtschaft, die ersten spanischen Groß-Silbermünzen und später die US-Dollars eingeführt werden konnten. Zwischen 1537 und 1888 wurde aus den Bergwerken des heutigen Mexiko Silber im Wert von drei Milliarden mexikanischer Pesos in Talergröße von der einheimischen ausgebeuteten Bevölkerung abgebaut (vgl. transpress Lexikon Numismatik, Berlin 1976, S. 279). Die kapitalistische Gesellschaft war und ist mehr als eine Ausbeutergesellschaft! Bereits der junge Friedrich Engels erkannte und benannte in scharfer Form den umfassenden Charakter des Kapitalismus, als er sich 1843/44 mit der Nationalökonomie auseinandersetzte, die er als „ausgebildetes System des erlaubten Betrugs“ und als „eine komplette Bereicherungswissenschaft“ bezeichnete (Vgl. Friedrich Engels: Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie. In: MEW, Bd. 1, S. 499). Ebenso wandte er sich gegen die „Ausdrücke Nationalökonomie, politische, öffentliche Ökonomie. Die Wissenschaft sollte unter den jetzigen Verhältnissen Privatökonomie heißen, denn ihre öffentlichen Beziehungen sind nur um des Privateigentums willen da.“ (Vgl. ebd.) Von Anfang an schloss kapitalistische Bereicherung nichtökonomische Formen und ökonomische Formen der Aneignung von fremdem Eigentum und Besitz ein, wobei sich insbesondere die Formen nichtökonomischer Bereicherung wandelten.

 

Finden Sie nicht auch, liebe Leserinnen und liebe Leser, dass wir uns von dem eingefahrenen Begriff Ausbeutergesellschaft trennen sollten, um jenen Schritt mitzugehen, den bereits der junge Friedrich Engels vorausging, als er die Nationalökonomie charakterisierte? Doch sollten wir „nur“ von Bereicherungsgesellschaft sprechen? Auf wessen Kosten bereicherten und  bereichern sich die Reichen und Wohlhabenden? Doch nicht nur über die Ausbeutung von Menschen, sondern auch durch die Ausplünderung und Belastung der Natur, d. h. durch die Verarmung unserer Lebenswelt. Denken wir nur an das Erdöl, dessen Ausplünderung den weltweit agierenden Konzernen solch riesige Gewinne ermöglicht, dass heute Kriege provoziert werden, um an die Erdölquellen zu gelangen! Seit Jahrhunderten lebt die Menschheit als  Bereicherungs- und Verarmungsgesellschaft, wobei die nichtökonomischen (die nicht oder nur bedingt auf Ausbeutung beruhenden) Formen der Bereicherung zu Lasten unserer Lebenswelt ins Unermessliche gesteigert wurden!

 

Durch die frühen Erkenntnisse von Friedrich Engels erschließt sich uns jenes bereits angedeutete Zitat, in dem Karl Marx auf die notwendige Unterscheidung zwischen einer auf den Gebrauchswert orientierten von einer auf den Wert orientierten Ökonomie eingeht. Marx verweist in diesem Zusammenhang auf Aristoteles, der zwischen der „Chrematistik“, der Lehre vom Geld, und der „Ökonomik“, unterscheidet. Die Ökonomik beschränke sich als „Erwerbskunst“ auf die „Verschaffung der zum Leben und für das Haus oder den Staat nützlichen Güter“. Für die „Chrematistik [scheint]“ hingegen „keine Grenze des Reichtums und des Besitzes zu existieren“! Aristoteles fügt hinzu: „Die Verwechslung beider Formen, die ineinander überspielen, veranlasst einige, die Erhaltung und Vermehrung des Geldes ins Unendliche als Endziel der Ökonomik zu betrachten.“ (Vgl. Karl Marx: „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band“ In: MEW, Bd. 23, S. 167, Fußnote 6)

 

Friedrich Engels hat uns, liebe Leserinnen und Leser, mit dem Begriff Privatökonomie die offensichtlich richtige Bezeichnung für die heute noch vorherrschende Ökonomie genannt. Ihre Ergebnisse äußern sich im „Wirtschaftswachstum“ und in den „Erträgen der Wirtschaft“. Beide Begriffe implizieren jene Ergebnisse privater Bereicherung, die aus der Naturzerstörung, also der Zerstörung des genetisch ermöglichten Wachsens, und Naturverarmung resultieren. Das aber kann nur als Verhöhnung der Schöpfung bezeichnet werden: Die Marktwirtschaft „wächst“, je besser es gelingt, sich auch über die Ausplünderung der Natur zu bereichern! Während also das natürlich Wachsende tendenziell verschwindet, etwa um die unbedarften Massen mit Werbungsmaterial zu überschütten, „wachsen“ im Rahmen der Wirtschaft neuartige Bäume. Ich nenne sie „Bereicherungsbäume“! Sie sind Ergebnis jener Wertsubstanz, die ihnen fortwährend als Ergebnis der Ausbeutung von Menschen und der Ausplünderung der Natur zum Wachsen des privaten Reichtums zugeführt wird! Sie „wachsen“ besonders dort, wo schon viele „Bereicherungsbäume“ stehen! Sie haben schon Höhen erreicht, die kein natürlich wachsender Baum je erreichen wird! Zu einem besonderen „Wachstum“ kommt es dann, wenn „Investoren“ ihre privaten Werte zusammen mit anderen „Investoren“ in jenen Einrichtungen „anlegen“, die von vornherein absolut nichts produzieren wollen, wohl aber dafür sorgen, dass die Wertsubstanzen hin und her fließen können. Diese Einrichtungen der so genannten Finanzwirtschaft, die Banken, leben bestens von all dem, was mit Geld zu tun hat. Seit wenigen Jahrzehnten haben sie ein unsichtbares Netz, das Internet, zur Verfügung, das wie eine Spinne den Erdball überzieht und es ermöglicht, privaten Reichtum in Wertform in Sekundenschnelle von einem Kontinent zum anderen zu transferieren, d. h., unsere Menschheit produziert nicht nur „Bereicherungsbäume“, sondern auch „Bereicherungsströme“ gewaltiger Dimension! Über das Fernsehen und die Presse erfahren wir tagtäglich die Ergebnisse und Wirkungen der rein finanziell ausgerichteten Aktivitäten. Wir sind so verbildet und ausgerichtet, dass es uns nicht bewusst wird, worum es dabei geht: um gesellschaftlich anerkannte und rechtlich sanktionierte Formen weltweiter privater Bereicherung und Verarmung mit tendenziell beschleunigter Zerstörung unserer Existenzgrundlagen! Doch das „Wachsen“ der „Bereicherungsbäume“ wird sich noch einige Zeit weiter vollziehen – bis wir ausreichend Rückschläge von der Natur erfahren haben, bis wir begreifen, dass die „Bereicherungsbäume“ dann wertlos sein werden, wenn wir fast alle Bäume unserer Lebenswelt vernichtet haben.

 

In Anbetracht dieser selbstzerstörerischen Entwicklung sollten wir jene Berater der deutschen Bundesregierung, die sich als Wirtschaftsweise bezeichnen lassen, fragen, warum sie mit ihren Empfehlungen in erster Linie die Bemühungen der Wirtschaft nach noch mehr Freiräumen zur privaten Bereicherung unterstützen, statt die großen Existenzsorgen vieler Menschen ernst zu nehmen. Wir sollten auch fragen, warum es einen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften gibt, obgleich die wissenschaftlichen Leistungen der Ausgezeichneten gleichfalls der Stärkung der Privatökonomie dienen. Wir sollten die wissenschaftlichen Kapazitäten fragen, ob wir über das ökologische, das nachhaltige, das natürliche Wirtschaften oder etwa durch die Schaffung einer „freien und sozialen Wirtschaftsordnung“ einen Weg aus der Sackgasse finden können. Vielleicht sind wir aber auch seit Jahrhunderten in einem System gefangen, das dazu geführt hat, dass inzwischen die gesamte derzeitige Menschheit auf Kosten der Nachwelt lebt, ob der einzelne Autofahrer, der nichts dafür tun kann, um die klimawirksamen Abgase seines mühsam ersparten Fahrzeugs aus der Atmosphäre zurückzuholen oder der Urwaldindianer, der von seinem angestammten Land vertrieben wurde und sich durch Brandrodung eine neue Existenz aufbauen will. Auch der Reiche kann nicht ausbrechen, wenn er im Konkurrenzkampf überleben will. Wir alle sind in einem privatökonomischen System gefangen! Es bedarf der Selbstbefreiung der Menschheit aus einer schier ausweglosen Lage bevorstehender Selbstvernichtung!

 

Es stellt sich die Frage, ob uns die von Aristoteles vorgeschlagene Unterscheidung nach zwei Ökonomien hilft, einen neuen Weg zum möglichen Überleben der Menschheit zu erschließen. Vielleicht unterstützt uns auch der einfache unverbildete Mensch, der nach dem Einseifen seine Dusche erst einmal abstellt. Ihn hatten wir mit seinen Grundbedürfnissen, mit seinen bescheidenen Möglichkeiten und seinem natürlichen Denken und Empfinden fast vergessen! Der gesuchte Weg könnte damit vorbereitet werden, indem wir die andere, die natürliche Ökonomie so definieren, wie sich der einzelne Mensch unabhängig von aller Wissenschaft und den Reichtümern dieser Welt tagtäglich verhält: Es geht dem einzelnen Menschen vor allem um die rationelle Befriedigung all seiner Grundbedürfnisse! Er sucht aber nach einer Lösung, die von vornherein all diese Bedürfnisse im Zusammenhang berücksichtigt. So z. B. möchte er sich an seinem Wohnstandort nicht nur versorgen und seine Kinder bilden lassen, sondern auch arbeiten und sich erholen können. Insofern wird er zum Repräsentanten aller Menschen! Ihm ist selbstverständlich bewusst, dass er nicht in der Lage ist, bestimmte seiner Grundbedürfnisse allein zu befriedigen, etwa jenes nach einer gesunden Lebenswelt. Doch selbst, wenn er über sehr viel Geld und Einfluss verfügen würde, könnte ihm heute dieses Bedürfnis nicht erfüllt werden. Er würde dazu die Gemeinschaft von Gleichgesinnten und veränderte gesellschaftliche Bedingungen brauchen. Insofern kann seinem individuellen ökonomischen Denken und Handeln nach rationeller Bedürfnisbefriedigung nur dann entsprochen werden, wenn sich ein auf gemeinschaftliche Lösungen orientiertes ökonomisches Denken und Handeln herausbildet, das als Gemeinschaftsökonomie bezeichnet werden sollte. Die Gemeinschaftsökonomie wäre auf die Verfügbarkeit von Gebrauchswerten sowie auf die Veränderung ihrer Verfügbarkeit orientiert. Sie stünde im krassem Gegensatz zu jener auf den Produktionsumfang, die Produktivität und letztlich den Gewinn orientierten Ökonomie, die Friedrich Engels als Privatökonomie bezeichnete. Der einfache Mensch möchte, dass er ein erworbenes Erzeugnis möglichst ohne Reparaturen lange Zeit nutzen kann, etwa bis es moralisch verschlissen ist. Insofern kennt er keine Verschwendung! Das Ersparen von Produktion wäre für ihn eine natürliche Form ökonomischen Denkens, wenn seine Bedürfnisse und die seiner Mitmenschen ausreichend lange befriedigt werden! Das aber ist ein völlig anderes ökonomisches Denken als jenes, das etwa auf das Schrumpfen der Wirtschaft ausgerichtet ist. Es geht vom Stand der Bedürfnisbefriedigung aus, nicht aber von geringeren Leistungen der auf Gewinn orientierten Wirtschaft!

 

Aristoteles äußerte, dass „beide Formen“ ökonomischen Denkens und Verhaltens „ineinander überspielen“. Wenn es mir gelang, dies selbst für die heutige Zeit zu belegen, so mag dies für viele interessant sein. Doch ist es nicht so, dass Gemeinschaftsökonomie nur noch rudimentär vorhanden ist und sich die wertorientierte gegenüber der bedürfnisorientierten Form der Ökonomie immer mehr durchsetzt? Der Historiker könnte behaupten, dass dieser Prozess mit dem Übergang von der Urgesellschaft zur Sklavenhaltergesellschaft begann und sich seitdem ohne Unterbrechung vollzog. Und in der Tat dominiert heute die Privatökonomie absolut! Doch es gab eine bedeutsame historische Entwicklung, in der sich über Jahrhunderte innerhalb einer Klasse die Gemeinschaftsökonomie gegenüber der Privatökonomie dominant behauptete! Und es war zudem das Bürgertum der mittelalterlichen Städte, das diesen Weg wählte, jenes Bürgertum, das später entscheidend die Grundlagen für den Kapitalismus schuf. Aber es geschah in jener Zeit, als sich das Bürgertum erst entwickelte, als es sich noch gegenüber dem Feudaladel schützen und einen Teil seines privaten Gewinns in Form von Steuern für die Sicherung der gemeinsamen Existenz sowie für die Erhaltung und Verwaltung der Stadt aufbringen musste. Die Strukturen der Stadt wurden so gewählt und die zusammengetragenen Mittel so eingesetzt, dass die gemeinsamen Ziele auf rationellste Weise erreicht wurden. Diese Deutung mag für viele überraschend sein. Doch wenn Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, als Bewunderer mittelalterlicher Stadtkultur die Ergebnisse der Bauens des Stadtbürgertums vergegenwärtigen, werden Sie feststellen, dass sich hinter allem Gebauten der Grundgedanke rationeller Bedürfnisbefriedigung verbirgt: ob in der Form der Stadtmauer, der Dichte der Bebauung, der Breite der Straßen, der Wahl des Marktstandortes sowie zentraler Einrichtungen oder eben auch in den Geschosshöhen. Selbst die Qualität vieler Gebäude war so vorbildlich, dass sie Jahrhunderte überdauerten. Hinter dem Reiz von Bürgerstädten des Mittelalters verbirgt sich in dominanter Form Gemeinschaftsökonomie auf der Basis von Privatökonomie! Die Bürgerstädte des Mittelalters können zu Recht als gemeinschaftliche Lebenssysteme bezeichnet werden, als Systeme zum gemeinschaftlichen Leben und Überleben. (Vgl. W. Grundmann, Werner: Zur ökonomischen Entwicklung von Bürgerstädten. In: Mackensen, Rainer (Hg.): Handlung und Umwelt. Beiträge zu einer soziologischen Lokaltheorie. Leske + Budrich, Opladen 2000, S. 182) Es würde in diesem Zusammenhang zu weit führen, darauf einzugehen, warum sich letztlich auch beim städtischen Bürgertum Privatökonomie dominant durchsetzte und viele Städte nach dem Schleifen der Stadtmauern ausuferten, warum eine Zersiedelung der Landschaften einsetzte. Wichtig ist es für uns, aus historischer Erfahrung zu wissen, dass mittels der Gemeinschaftsökonomie vor wenigen Jahrhunderten vor allem in Europa überragende, noch heute sichtbare Leistungen vollbracht wurden. 

 

Können Sie mir, liebe Leserin oder lieber Leser, insbesondere nach den zuletzt dargestellten Erkenntnissen über die Bürgerstädte des Mittelalters zustimmen, dass ein Weg aus der verfahrenen Lage der Menschheit dadurch gewiesen werden könnte, indem wir Ökonomie auf ganz banale Weise als rationelle Bedürfnisbefriedigung definieren und nach den heutigen Voraussetzungen ihrer Realisierbarkeit suchen? Können Sie sich vorstellen, dass Gemeinschaftsökonomie im diesem Sinne unter den Bedingungen von Privatbesitz an Natur, von Privateigentum an Produktions- und Konsumtionsmitteln sowie an technischer Infrastruktur dominant wirksam werden könnte? Wohl kaum! Doch sicherlich können Sie mir zustimmen, dass eine nachkapitalistische Gesellschaft, die auf Gemeinbesitz, Gemeineigentum und Gemeinschaftsökonomie basiert, nach der von Marx gelehrten Abfolge ökonomischer Gesellschaftsformationen eine neue Qualität darstellen würde. Sie wäre nämlich in der Lage, die Grundbedürfnisse der Menschen auf rationelle Weise in ihrer Gesamtheit zu befriedigen! Doch sollten wir dann noch von ökonomischer Überlegenheit sprechen, wenn es über längere Zeit um das primäre Bedürfnis geht, die Weiterexistenz der Menschheit überhaupt zu sichern? Für diese Gesellschaft, die als relativ lang dauernde Übergangsgesellschaft zu einer weltweiten Gemeinschaftsordnung zu konzipieren wäre, müsste allerdings das Primat der Lösung der ökologischen Frage erhoben werden. Die Lösung der sozialen Frage dürfte dann nur in dem Maße vorangetrieben werden, wie es das Überleben der Menschheit zulässt. Für eine solche nachkapitalistische Gesellschaft würde der Begriff „sozialistisch“ allerdings nicht mehr zutreffen!

 

Ich erinnere daran, dass Karl Marx in seinen „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ aus dem Jahre 1844 weit reichende Ausführungen zur „Naturfrage“ hinterließ. Für ihn ist der „Kommunismus ... die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen ... und ... aufgelöstes Rätsel der Geschichte“ (vgl. MEW, Ergänzungsband, Erster Teil, S. 536), d. h., er verstand bereits als junger Wissenschaftler den Kommunismus als Ergebnis aus der einheitlichen Lösung der ökologischen und der sozialen Frage! Aus der Dominanz der Lösung der ökologischen Frage leitet sich auch für die Sozialisten ab, über das Verhältnis der Lösung der ökologischen und der sozialen Frage realistischer nachzudenken. Wer wieder zu spät kommt, bestraft sich selbst!

 

Wenn die Menschheit ein neues, ein realistisches Ziel, ein Überlebensziel, erkannt hat, wird sie auch einen Weg finden, es zu erreichen. Es werden sich viele Menschen bereit erklären, sich aktiv für das Erreichen dieses Ziels einsetzen. Sie werden erkennen, dass die historisch überfällige Gesellschaftsordnung auch Mittel geschaffen hat, sie selbst zu überwinden. Denken Sie an den materiellen Warenüberfluss, den diese Ordnung geschaffen hat, und an das moderne Netz, das den Erdball überzieht und für das Fließen der Bereicherungsströme unverzichtbar geworden ist.

 

Meine Absicht war es, liebe Leserin und lieber Leser, Ihre Gedanken über etwas Neues anzuregen, das schon sehr alt ist. Verzeihen Sie mir bitte, dass ich auf unkonventionelle Weise versuchte, Ihre Gedankenwelt ein wenig durcheinander zu bringen. Vielleicht eröffnet sich damit uns die Möglichkeit, zur Vermeidung des großen Kollaps’ doch noch auf den richtigen Zug aufzuspringen.

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