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OekThesen310311.doc                            abrufbar veröffentlicht: 19.04.2011

 

Werner Grundmann                                                   Berlin, den 31. März 2011

 

 

Zur Ökonomie als Wissenschaft

(Ökonomie-Thesen)

 

Die nachfolgenden Thesen dienen dem Selbstverständnis zum Gegenstand der Ökonomie als Wissenschaft und zu ihren wichtigsten Disziplinen. Hauptziel der verkürzten Darlegungen ist es, aus dem historischen und aktuellen Gesamtzusammenhang heraus im Rahmen der Berliner Thesen einen ersten Vorschlag für eine ökologisch orientierte Ökonomie als theoretische Grundlage „Zur Schaffung einer Weltgemeinschaftsordnung“ abzuleiten. Die Berliner Thesen werden demnächst im Trigon Verlag Ltd. in Potsdam erscheinen.

 

 

a) These zur Ökonomie als Wissenschaft: Der Gegenstand der Ökonomie als Wissenschaft sind die unterschiedlichen gesellschaftlichen, gemeinschaftlichen und individuellen Organisationsformen rationellen und effektiven Verhaltens der Menschen zur Befriedigung von Bedürfnissen durch Arbeit und Leistungen in Abhängigkeit von der Entwicklung der Eigentums- und Besitzverhältnisse.

 

Anmerkungen:

- Die Ökonomie ist eine Wissenschaft, die die Dominanz des Ökonomischen in der historischen, aktuellen und künftigen Entwicklung beschreibt. Die Einsicht, dass die heute weltweit verbreiteten ökonomischen Verhaltensweisen, insbesondere der zunehmende Verbrauch und die Belastung der natürlichen Lebensgrundlagen, die Existenz der Menschheit gefährden, zwingt zur Suche nach ökologisch orientierten ökonomischen Vorgehensweisen, die unsere Lebenswelt regenerieren und bewahren helfen, die es ermöglichen, eine neuartige ökonomische Entwicklung einzuleiten und die dominierende ökonomische Entwicklung zu verdrängen. Dazu bedarf es der Schaffung wissenschaftlicher Grundlagen für eine Ökonomie, deren Funktionsweise die Menschen vereint und nicht durch Konkurrenz trennt!

 

- Auf der Basis der jeweiligen Eigentums- und Besitzverhältnisse sowie der ausgewählten Bedürfnisse entsprechen den unterschiedlichen ökonomischen Verhaltensweisen unterschiedliche Disziplinen der Ökonomie. Zu ihnen gehören Privatökonomien, Genossenschaftsökonomien, Gesellschaftsökonomien und Gemeinschaftsökonomien. Sie unterscheiden sich wesentlich dadurch, ob sich ihre Akteure bzw. Repräsentanten als Konkurrenten primär gewinnorientiert verhalten oder ob sie gemeinsam bzw. gemeinschaftlich bedürfnisorientiert vorgehen. Die Menschheit wird nur dann überleben, wenn immer mehr Menschen bewusst gemeinschaftliche Lebensformen schaffen und adäquate ökonomische Verhaltensweisen praktizieren, die primär vom Überlebensbedürfnis ausgehen und die Gesamtentwicklung der Menschheit immer stärker dominieren.

 

 

b) These zu den Privatökonomien: Der Gegenstand von Privatökonomien ist das Erforschen und Beschreiben der jeweils aktuellen gesellschaftlichen und natürlichen Bedingungen sowie möglicher Strategien zum Einsatz privat verfügbarer Mittel und Potenzen, um im betrachteten Zeitraum einen möglichst großen „Ertrag“ in Form von Mehrprodukten, Gewinnen oder Profiten zu erzielen.

 

Anmerkungen:

- Der Begriff Privatökonomie wurde von Friedrich Engels geprägt. Er wandte sich gegen „die Ausdrücke Nationalökonomie, politische, öffentliche Ökonomie“ und schlug vor: „Die Wissenschaft sollte unter den jetzigen Verhältnissen Privatökonomie heißen, denn ihre öffentlichen Beziehungen sind nur um des Privateigentums da.“ (Vgl. Friedrich Engels; Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, MEW, Bd.1, Berlin 1970, S. 503) Die „Nationalökonomie“ wertet er als „ein ausgebildetes System des erlaubten Betrugs“ und als „eine komplette Bereicherungswissenschaft.“ (Vgl. ebd., S. 499)

 

- Wenn eine hinreichende Nachfrage besteht, ist es für die beteiligten Akteure  nachgeordnet, ob und welche Gebrauchswerte hergestellt sowie ob und welche Leistungen erbracht werden. Das rationelle und effektive Erzeugen von nutzbaren Gebrauchswerten und das rationelle Erbringen von Leistungen sind jedoch letztlich unverzichtbare Voraussetzungen zur Maximierung des „Ertrags“. Es ist kennzeichnend, dass die Vertreter jener Privatökonomien, die Bereicherung zulasten der Natur in hohem Maße einschließen, Begriffe aus der Natur für ihre Theorie und Praxis missbrauchen.

 

- Der praktische Nachweis zur Erzielung privater Gewinne erfolgt über Wirtschaftlichkeitsberechnungen. Sie beziehen den eigenen Arbeitsaufwand des Unternehmens ein. Hingegen sind Profite das Ergebnis rein finanzieller Aktivitäten, ohne einen adäquaten Arbeitsaufwand zu leisten. Profite sollten deshalb als Ergebnis nichtökonomischer Bereicherung eingestuft werden. Es wird zu Recht zwischen der Realwirtschaft und der Finanzwirtschaft unterschieden.

 

- Finanzielle Mittel zum Erzielen von Gewinnen und Profiten werden als (variables) Kapital bezeichnet, die entsprechenden Aktivitäten als Kapitalverwertung. Zunehmende Kapitalverwertung führt tendenziell weltweit zu immer stärkerer Privatisierung, insbesondere auch der natürlichen Lebensgrundlagen sowie zu ihrer Zerstörung und Schädigung. Dieser Prozess vollzieht sich – wenn die Ursachen nicht erkannt und beseitigt werden – in Eigenentwicklung unter Konkurrenzbedingungen bis zur Klimakatastrophe! Ein einzelner Akteur kann letztlich die weltweite Katastrophe auslösen, wenn hinreichend viele Aktivitäten zulasten der Natur vorausgegangen sind!

 

 

c) These zu den Genossenschaftsökonomien: Der Gegenstand der Genossenschaftsökonomien ist das Erforschen und Beschreiben jener gesellschaftlichen und natürlichen Bedingungen sowie jener Strategien, die es demokratisch geführten Unternehmen ermöglichen, durch die rationelle und effektive Herstellung bestimmter Gebrauchswerte, durch das rationelle Erbringen von bestimmten Leistungen oder durch die rationelle Erhaltung selbst genutzter Gebrauchswerte trotz Konkurrenz wirtschaftlich erfolgreich zu agieren und die Existenz zu sichern.

 

Anmerkungen:

- Eine Genossenschaft ist ein freiwilliger Zusammenschluss gleichberechtigter Menschen, die unter Selbstverwaltung auf der Grundlage des genossenschaftlichen Eigentums sowie unter Nutzung der innergenossenschaftlichen Demokratie ihre sozialen und ökonomischen Interessen wahrnehmen. Bei Wikipedia wird nach 14 Genossenschaftsarten unterschieden.

 

- Eine besondere Bedeutung für die Sicherung der Existenz vieler Menschen kommt den Wohnungsgenossenschaften zu. Bei Wahrung voller Demokratie und der Mitwirkung möglichst vieler Genossenschaftler sowie bei Herstellung der Übereinstimmung zwischen gemeinsamen und persönlichen Interessen kann erreicht werden, dass die Grundmiete für die Genossenschaftswohnungen unmittelbar vom Ergebnis gemeinsamen ökonomischen Handelns abhängig gemacht wird. Entscheidend dabei ist, ob sich die Genossenschaft bedürfnisorientiert oder gewinnorientiert verhält.

 

- Unter kapitalistischen Bedingungen kann sich eine Genossenschaft sowohl zu einem kapitalistisch wirtschaftenden Unternehmen als auch zu einer Übergangsform gemeinschaftlichen Charakters für eine nachkapitalistische Ordnung entwickeln. Die Entwicklung des Genossenschaftswesens ist deshalb wesentlich für die Tendenz der Gesamtentwicklung einer Gesellschaft. Die gilt analog für die Entwicklung der GmbH und der gemeinnützigen GmbH (gGmbH).

 

 

d) These zu den Gemeinschaftsökonomien: Der Gegenstand von Gemeinschaftsökonomien ist das Erforschen und Beschreiben jener Bedingungen und Wege, die die rationelle Befriedigung insbesondere der Grundbedürfnisse von Gemeinschaften, Genossenschaften und Gesellschaften bestmöglich gewährleisten, einschließlich der Bewahrung und Erneuerung der gemeinsamen Lebenswelt.

 

Anmerkungen:

- Um gemeinschaftlich ökonomisches Verhalten in Gemeinschaften zu gewährleisten und in Genossenschaften sowie Gesellschaften anzustreben, ist die Anerkennung gemeinsamer und gemeinsam zu sichernder individueller Bedürfnisse in ihrer Gesamtheit und in wechselseitigem Zusammenhang unter Beachtung der Befriedigung von Bedürfnissen anderer Lebensformen erforderlich.

 

- Konträr zu den Gemeinschaftsökonomien sind nicht nur Privatökonomien. Auch andere Konkurrenzökonomien können den Zielen der Gemeinschaftsökonomien widersprechen, wenn sie zur Ausplünderung und zur Belastung der natürlichen Lebenswelt beitragen. Das galt und gilt auch für jene Volkswirtschaften sozialistischer Staaten und ihre Nachfolger, die auf ein möglichst hohes Nationaleinkommen aus dem Verkauf von Erdöl, Erdgas und Holz orientierten.

 

 

e) These zu den Gesellschaftsökonomien: Der Gegenstand der Gesellschaftsökonomien ist das Erforschen und Beschreiben der gesamten Bedingungen und Wege, die bei der rationellen Befriedigung von demokratisch anerkannten gesellschaftlichen, genossenschaftlichen, gemeinschaftlichen, privaten und persönlichen Bedürfnissen beachtet werden müssen bzw. genutzt werden können. Die Ergebnisse von Gesellschaftsökonomien werden an den geschaffenen und nutzbaren Gebrauchswerten, an deren Verschleiß sowie an den erzielten Leistungen gemessen, also am Zuwachs bzw. am Verlust an gesellschaftlichem Reichtum.

 

Anmerkungen:

- Menschen, die in einem abgegrenzten Siedlungsgebiet unter unterschiedlichen Eigentums- und Besitzverhältnissen leben, bilden eine Gesellschaft, wenn das Gebiet eine ökonomisch und politisch eigenständige territoriale Einheit darstellt.

 

- Gesellschaftlicher Reichtum entstand im Rahmen der Entwicklung von Gesellschaften über Jahrhunderte. Zum Reichtum einer Gesellschaft gehören auch der gesellschaftliche, private und persönliche Besitz sowie der Besitz von Gemeinschaften an Natur innerhalb der territorialen Grenzen.

 

- Durch das Erheben von Steuern und Zöllen hat eine Gesellschaft die Möglichkeit, auch Bedürfnisse zu befriedigen und privaten Interessen zu entsprechen, die marktwirtschaftlich nicht relevant sind. Das Anwachsen privaten Reichtums und die zunehmende Verschuldung der Gesellschaften an private Geldgeber schränken jedoch diese Möglichkeiten immer mehr ein. Dies führt auch zum Zurückdrängen der Gesellschaftsökonomien selbst.

 

 

f) These zur ökonomischen Aufhebung der ökologischen Krise: Der tendenzielle Prozess der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen aus den Wirkungen der Konkurrenzökonomien kann nur dann aufgehoben werden, wenn ein bewusst gestalteter Prozess zu einer immer stärkeren Nutzung der Gemeinschaftsökonomien und zur Regenerierung der Natur vorangetrieben wird, der demokratische Entscheidungen zur Aufhebung des Privatbesitzes an Natur und von verwertbarem privatem Reichtum einschließt. Der weltweite Prozess der Aneignung und bewussten Nutzung der Gemeinschaftsökonomien zum schrittweisen Verdrängen aller Formen von Konkurrenzökonomien könnte als Ökoismus bezeichnet werden.

 

 

g) These zur Weltgemeinschaftsordnung: Von einer Weltgemeinschaftsordnung kann dann gesprochen werden,

- wenn erstens alle staatlichen Grenzen und – in Verbindung damit – der vollständige gesellschaftliche und private Besitzanspruch der Menschen über die Natur aufgegeben wurde;

- wenn zweitens die private und gesellschaftliche Bereicherung zulasten der Natur überwunden ist;

- wenn sich drittens die Menschen im gemeinschaftlichen Besitzanspruch an Natur auf das unbedingt Notwendige beschränken und sich zugleich als Bestandteil sowie als Nutzer der Natur verstehen;

- wenn viertens private und gesellschaftliche Bereicherung aus dem Eigentum an Produktionsmitteln, an Immobilien, an sozialer und technischer Infrastruktur ausgeschlossen ist und die vorherrschenden Konkurrenzökonomien durch Gemeinschaftsökonomien abgelöst wurden.

 

 

Es geht um „die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen“ (Karl Marx; Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, MEW, Ergänzungsband, Erster Teil, Berlin 1968, S. 536)

 

 

 

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