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                                                                    Veröffentlichung: 13.05.2007

Werner Grundmann                                     Bearbeitungstand: 27.04.2007

Technische Universität Berlin

Institut für Soziologie

 

 

Zur Nichtbewältigung der ökologischen Krise

unter marktwirtschaftlichen Bedingungen

(Vortrag am 27. Juni 1996 im Oberseminar von Prof. Dr. Rainer Mackensen

an der Technische Universität Berlin;

Durchsicht und geringfügige Korrekturen am 6. März 2007)

 

 

Vortragszeit:     18 Uhr 20 bis 19 Uhr 30

Diskussionszeit:     19 Uhr 30 bis 20 Uhr 10

 

 

Gliederung

 

1. Einleitung (Seite 2)         

 

2. Zur grundlegenden Ursache der globalen ökologischen Krise (Seite 5)

 

3. Zur Charakterisierung der Marktwirtschaft         (Seite 8)

 

4. Zur naturwissenschaftlichen Problematik der globalen ökologischen Krise

    (Seite 16)

 

5. Zusammenfassend zur Kernproblematik der globalen ökologischen Krise

    (Seite 21)

 

6. Zur Zuspitzung der ökologischen Krise und zur gesetzmäßigen Entwicklung

    von Zivilisationen (Seite 22)

 

7. Schluss: Zur Unwahrscheinlichkeit unseres Überlebens (Seite 26)

 

8. Literaturnachweis (Seite 28)

 

 

 

 

 

 

 

Anmerkung:

Textstellen in geschweiften Klammern wurden aus Zeitgründen nicht vorgetragen.

1. Einleitung

 

Mein heutiger Vortrag befasst sich, wie vorgesehen, mit der "Nichtbewältigung der ökologischen Krise". Ergänzend möchte ich dem Ihnen bekannten Titel hinzufügen: "... unter marktwirtschaftlichen Bedingungen". Dies soll aussagen, dass es nach meinem Einblick in die Gesamtproblematik der Entwicklung der globalen ökologischen Krise unmöglich sein dürfte, einer Klimakatastrophe, dem ökologischen Kollaps und der Vernichtung der Menschheit zu entgehen, wenn die Marktwirtschaft weiterhin die Entwicklung der Menschheit dominiert. Dabei ist es meines Erachtens nachgeordnet, ob es sich um eine kapitalistische, um eine sozialistische, um eine ökologisch-orientierte Marktwirtschaft oder um die Gleichzeitigkeit derartiger marktwirtschaftlicher Formen handelt. Heute allerdings muss ich mich auf eine Auseinandersetzung mit der weltweit bestimmenden, mit der kapitalistischen Form der Marktwirtschaft konzentrieren.

 

Die Anliegen meines Vortrages sind nicht die Kritik dieser marktwirtschaftlichen Form an sich und ihre moralische Wertung, sondern sind ihre prinzipielle sachliche Analyse und der Versuch einer eindringlichen Begründung der Gefahren ihrer Weiterführung. Die Marktwirtschaft war für die Entwicklung der Menschheit zweifellos wesentlich und unverzichtbar. Sie war das Mittel in ihrer Sturm- und Drangphase. Die Frage ist jedoch heute, ob sich die Menschheit die Marktwirtschaft bei Strafe ihres Untergangs künftig noch leisten kann! Oder anders gesagt, müssen wir uns wohl heute fragen, ob die Menschheit überhaupt erwachsen werden will, ob sie zur Vernunft kommt, ob sie gewillt ist, sich als Bestandteil der Natur zu akzeptieren und mit der anderen lebenden Natur in Eintracht zu leben oder ob die Menschheit weiterhin versucht, sich über die andere lebende Natur zu erheben und damit ihre Vernichtung durch die Natur provoziert.

 

Das Problematische an der Marktwirtschaft ist wohl nicht das Marktgeschehen an sich, sondern der für jeden Markt-Anbieter bestehende Zwang, ein wirtschaftliches Ergebnis zu erzielen: Wenn der einzelne Händler bzw. Unternehmer auf dem Markt überleben will, zwingt ihn die Konkurrenz zur Anwendung des Wirtschaftlichkeitsprinzips. Jeder steht gegen viele, und letztlich setzen sich heute vor allem jene durch, die besonders skrupellos über alles hinweggehen, die unabhängig von aller gesellschaftlichen Vernunft, zu Lasten der Mitwelt, der Umwelt und der Nachwelt handeln!

 

Nachdem die Marktwirtschaft nunmehr global dominiert, zerstört sie auch im globalen Rahmen die Umwelt und damit die Existenzgrundlage der Menschheit. Deshalb vertrete ich die These, dass die Marktwirtschaft ihre historische Aufgabe erfüllt hat und dass sich die Menschheit etwas Neues einfallen lassen muss, wenn sie das nächste Jahrhundert überleben will.

 

Mein Vortrag schließt sich unmittelbar an meine letzten drei Vorträge an, die ich an dieser Stelle gehalten habe.

 

{Am 15.12.94 ging es mir um die "Ökonomie einer hoch entwickelten ökologisch orientierten Gesellschaft", wobei ich das Ziel verfolgte, erstmals meine Auffassung zur ökologischen Gesamtproblematik  darzustellen. [04]

Am 13.07.95 sprach ich über "Ökologisch orientierte politische Ökonomie", wobei es meine Absicht war, erste Vorschläge zu unterbreiten, wie eine ökologisch orientierte Gesellschaft ohne die Anwendung des Wirtschaftlichkeitsprinzips ökonomisch funktionieren könnte. Die wissenschaftliche Grundlage für die von mir vorgeschlagene Vorgehensweise war ein erweiterter, ein übergreifender Ökonomiebegriff, der für alle gesellschaftlichen Bereiche, auch für jene außerhalb der Produktion, genutzt werden kann und Wirtschaftlichkeitsdenken lediglich als eine historisch beschränkt auftretende Form ökonomischen Denkens und Handelns betrachtet. Ökonomie der Produktion wird in eine umfassendere Ökonomie der Reproduktion eingeordnet. [05]}

 

Zuletzt – am 1. Februar 1996 – sprach ich über "Anforderungen zur objektivierten wissenschaftlichen Arbeit." In diesem Vortrag wandte ich mich gegen die Kritik von Max Weber an Karl Marx. Mein Anliegen war es, den Marx'schen Gedanken der Abfolge ökonomischer Gesellschaftsformationen auf eine künftige ökologisch orientierte Gesellschaft auszudehnen. [06]

 

Ferner wollte ich verdeutlichen, was Karl Marx unter ökonomischen Gesetzen und ihrer tendenziellen Wirkungsweise versteht. Ökonomische Gesetze wirken meines Erachtens tendenziell analog wie etwa die Gesetze des Lebens, d. h., sie führen unabhängig vom Willen der Menschen letztlich stets zu einer unausweichbaren Konsequenz, die sich aus den Entwicklungswidersprüchen ergibt.

 

Als Beispiel nannte ich das Leben und Sterben eines einzelnen Individuums: Jedes Individuum vollzieht im Verlaufe seiner Existenz eine gleichzeitige Aufwärts- und Abwärtsentwicklung, die in jedem Falle trotz aller medizinischen Eingriffe gesetzmäßig zum Tode führt. Dabei beginnt das Sterben durch das fortwährende Absterben von Zellen bereits mit der Geburt.

 

Ich werde heute versuchen darzustellen, dass die Marktwirtschaft von Anfang an mit Geburtsfehlern behaftet war und dass sie sich im Prozess ihrer Entwicklung immer stärker dahin bewegte und bewegt, sich selbst und damit der Menschheit ihre Existenzgrundlage zu entziehen. Die Marktwirtschaft – dies eine meiner Hauptthesen – wird an ihren eigenen Widersprüchen tendenziell zugrunde gehen, wenn die Menschheit ihre Herrschaft weiter gewähren läßt. Da die Marktwirtschaft aber als System funktioniert, kann sie nur in ihrer Gesamtheit abgelöst und durch ein neues ökonomisches System ersetzt werden.

 

Im wissenschaftlichen Sinne geht es mir folglich um nichts anderes, als den Marx'schen Entwicklungsgedanken auf die heutige Zeit zu übertragen. Dabei sollen sowohl naturwissenschaftliche als auch gesellschaftswissenschaftliche Erkenntnisse, ferner Fakten und Trends in eine geschlossene Gesamtaussage einfließen. {Nur wenn den Menschen von der Wissenschaft gesagt wird, wie kritisch die Situation der Menschheit einzuschätzen ist und was uns vermutlich in den nächsten einhundert Jahren erwartet sowie wenn die Menschen weitere bittere Erfahrungen mit der ökologischen Krise sammeln, werden sie vielleicht gemeinschaftlich einen neuen Weg versuchen, damit sie selbst und ihre Nachkommen noch rechtzeitig der Vernichtung entgehen.}

 

Auch mein ethisches Ziel ist es weniger, Kritik an den bestehenden Verhältnissen zu üben, als vielmehr aus jener komplexen Sicht auf die außerordentliche Gefahr hinzuweisen, vor der die Menschheit heute schon steht. Ich halte es für falsch, den Menschen die Gefahren ihres Handelns in ihrer letzten Konsequenz vorzuenthalten! Aber ich würde dies nicht tun, wenn ich nicht doch einen Weg sehen würde, wie die Zukunft der Menschheit noch gesichert werden kann.

 

Ein Beweis meiner Kernaussage zur Nichtbewältigung der ökologischen Krise unter marktwirtschaftlichen Bedingungen ist inhaltlich und methodisch schwierig zu führen. Was ich nachfolgend als Beweis anbiete, ist natürlich nicht im exakten, wohl aber im tendenziellen Sinne zu verstehen, aber eben nur als ein grundlegender Ansatz.

 

Mein methodisches Herangehen zur Beweisführung wird von der These ausgehen, dass es in Verbindung mit der ökologischen Krise für die Menschheit ein globales Kernproblem zu lösen gilt: die weitgehende Aufrechterhaltung des seit über 11'000 Jahren etwa konstanten Temperaturniveaus in der bodennahen Erdatmosphäre.

 

Das Kernproblem besteht darin, dass die Menschheit durch das massenhafte Verwenden fossiler Brennstoffe zur Energieerzeugung sowie durch das massenhafte Stören des ökologischen Gleichgewichts zuungunsten der Gesamtheit an vorhandenem pflanzlichem Leben einen zusätzlichen Treibhauseffekt in der Erdatmosphäre auslöst, d. h. eine Erwärmung der Erdatmosphäre, die zu einer Klimakatastrophe führt und den weitaus größten Teil des Landlebens auf der Erde vernichten kann.

 

Es reicht meines Erachtens aus, die Unfähigkeit des marktwirtschaftlichen Systems zur Aufrechterhaltung des Temperaturniveaus auf der Erde nachzuweisen, um aussagen zu können, dass die ökologische Krise insgesamt nicht bewältigt werden kann.

 

Das ökologische System der Erde kann wohl in dieser Hinsicht mit einem Menschen verglichen werden, der dann zugrunde geht, wenn die Körpertemperatur zu weit absinkt oder ansteigt. Wie beim einzelnen Menschen geht es beim ökologischen System der Erde nur um wenige Grad Celsius durchschnittlicher Temperaturveränderung. Sinkt die Temperatur der Erdatmosphäre um durchschnittlich zwei Grad ab, würde dies eine neue Eiszeit auslösen; steigt sie um wenige Grad – die kritische Gradzahl ist meines Wissens noch unbekannt –, kann eine Klimakatastrophe nicht mehr aufgehalten werden.

 

Wir fiebern sozusagen der Vernichtung der Menschheit durch die sich aufheizende Erdatmosphäre entgegen. Gegenwärtig haben wir noch ein leichtes Fieber, das sich aus einer um 0,5 Grad Celsius erhöhten Durchschnittstemperatur der Atmosphäre ergibt!

 

Der Weg der Beweisführung soll darin bestehen, dass marktwirtschaftliche Mittel nicht ausreichen werden, um den zusätzlichen Treibhauseffekt aufzuhalten, dass es vielmehr gesamtgesellschaftlicher Lösungen bedarf, um die durchschnittliche Erdtemperatur wieder auf den alten Stand zu bringen, d. h., es werden Lösungen gebraucht, die zwingend von der gesamten Menschheit getragen werden müssen und ein ökonomisches Denken im globalen Sinne voraussetzen.

 

Ich werde mich folglich in meinem Vortrag trotz der außerordentlichen Vielfalt der ökologischen Problematik vor allem auf den zusätzlichen Treibhauseffekt in unserer derzeitigen Erdatmosphäre konzentrieren und mich dennoch bemühen, das dem Vortrag zugrunde gelegte Ziel zu erreichen.

 

 

2. Zur grundlegenden Ursache der globalen ökologischen Krise

 

Im folgenden Abschnitt möchte ich kurz die verbreitete Auffassung zu den Ursachen der globalen ökologischen Krise meiner Auffassung gegenüberstellen, die ich mir in den vergangenen zwei Jahren erarbeitet habe.

 

Im Allgemeinen werden als die entscheidenden Ursachen für die Entstehung und Forcierung der globalen ökologischen Krise die gewaltige Bevölkerungszunahme der Menschheit sowie das durch die Industrialisierung und Automatisierung ermöglichte Wirtschaftswachstum angenommen. "Die Bevölkerungsexplosion stellt für viele ... eine Art Pilotproblem dar." ([15], S. 68). Die aus diesen Annahmen abgeleiteten Strategien zur Bekämpfung der globalen ökologischen Krise sind bisher wenig Erfolg versprechend. Eine Steuerung der Bevölkerungsentwicklung erwies sich als kaum realisierbar, und auch die Überlegungen, wie man den Verbrauch an Natur drastisch senken könnte, ohne das Lebensniveau der reichen Länder anzutasten, blieben bisher ohne nennenswerten Erfolg. Es deutet sich zwar ein Trend an, aber die notwendigen Wege, ihn zu gehen, werden von den transnationalen Wirtschaftsvereinigungen bisher nicht eingeschlagen, auch nicht die von vielen Seiten als wesentlich vertretene ökologische Steuerreform.

 

Für die Richtigkeit der Auffassung, dass eine ökologische Krise dann zustande kommt, wenn die Masse an Individuen die verfügbaren Lebensgrundlagen überfordert, dürften auch historische Beispiele sprechen, obgleich diese Problematik bisher unzureichend erforscht ist. Es darf angenommen werden und wird auch von Historikern zunehmend vermutet, dass es im Verlaufe der menschlichen Geschichte zu vielen selbst verursachten Zerstörungen lokaler und regionaler Lebensräume von Menschengemeinschaften kam, was zum Verlassen dieser Lebensräume oder gar zum Aussterben von Stämmen und Völkern geführt hat. Z. B. wird die Aufgabe großer Siedlungen durch die Skythen in der heutigen Ukraine auf das Erschöpfen der Lebensgrundlagen in ihren angestammten Gebieten zurückgeführt, ebenso das Aussterben der Bewohner der Osterinsel.

 

Aus diesen und anderen Beispielen könnte gefolgert werden, dass eine derartige bisher nur lokal oder regional entstandene Problematik bei weiter steigender Bevölkerungsanzahl irgendwann auch die gesamte Menschheit betreffen könnte, wenn die verfügbaren Naturressourcen erschöpft und die Lebensgrundlagen im globalen Rahmen zerstört sind. Es könnte sogar vermutet werden, dass jede Zivilisation im Verlaufe ihrer Entwicklung einen solchen Weg des Sterbens nicht verhindern kann. Und es steht natürlich außer Zweifel, dass es kein gemeinschaftliches Weiterleben geben kann, wenn die Lebensgrundlagen für eine Gemeinschaft von Individuen nicht mehr vorhanden sind.

 

Aber damit ist jedoch nicht die Frage beantwortet, wieso es auch bei vernunftbegabten Individuen, die zudem so weit entwickelt sind, dass sie in erheblichem Maße das Natur- und das gesellschaftliche Geschehen erklären können, überhaupt zu einer Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen kommen kann.

 

Es gibt zudem Erfahrungen, dass sich eine Bevölkerungszunahme unter verbesserten sozialen Bedingungen nur geringfügig vollzieht. In den reichen Industrieländern besteht sogar eine Angst vor der Abnahme der eigenen Bevölkerung. Auch in den Ländern der Dritten Welt beobachtet man eine solche Differenziertheit. So z. B. vermehrt sich die bürgerliche Mittelschicht in Indien in weitaus geringerem Maße als etwa die ländliche Bevölkerung. Die Ursachen für die weitere drastische Zunahme der ländlichen Bevölkerung liegt darin begründet, dass es in Indien keine sozialen Sicherungssysteme für alte Menschen gibt, dass also die einzige Möglichkeit, im Alter versorgt zu werden, den eigenen Kindern überlassen bleibt. Im 19. Jahrhundert war dies in Deutschland nicht anders. Und wie groß waren damals die Familien!

 

Wenn man folglich die quantitativen Erscheinungen heutiger Entwicklungen lediglich für sich betrachtet, besteht die Gefahr, dass Hintergründe ihrer möglichen Entstehung gar nicht erst vermutet werden.

 

Bei meinen weiteren Betrachtungen gehe ich davon aus, dass es für das Entstehen und Verschärfen der globalen ökologischen Krise, für den starken Bevölkerungszuwachs, für das enorme Wirtschaftswachstum und für andere Erscheinungen eine gemeinsame entscheidende Ursache gab und gibt. Ich sehe sie im Wirken der Marktwirtschaft, und zwar unabhängig von ihrer spezifischen Form sowie von den gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie angewandt wurde und wird.

 

Als These formuliert, könnte die grundlegende Ursache der globalen ökologischen Krise wie folgt beschrieben werden:

 

Seit der Entstehung der Marktwirtschaft wird die Produktion, zunehmend auch die gesamte Lebensweise der Menschen, immer stärker von privaten Interessen dominiert. Die Marktwirtschaft führte zu hoher Innovation, damit zu einer steigenden Produktivität, zu Wirtschaftswachstum und hohem Lebensniveau in bestimmten Regionen der Welt, aber dieser Weg war mit der Ausbeutung, mit verschärfter Konkurrenz, mit der gewaltsamen Aneignung von fremdem Eigentum und Besitz, mit der Versklavung und mit Kriegen verbunden. Heute geht diese Entwicklung mit einer Polarisierung von Armut und Reichtum im globalen Rahmen einher.

 

Die Marktwirtschaft verursachte aber nicht nur gewaltige soziale Probleme; die Konkurrenz und das Profitstreben auf internationaler Ebene führten zudem zu gewaltigen ökologischen Problemen. Private Bereicherung durch Aneignung von Natur, durch ihre Nutzung, Ausplünderung und ihre zunehmende Belastung mit Abprodukten wurde in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Schwerpunkt wirtschaftlichen Handelns. Insbesondere die transnationalen Monopole forcierten die Ausplünderung der Natur und trugen zu einer enormen Verschärfung der ökologischen Krise bei. Sie nahm einen globalen Charakter an.

 

Zugleich wurde in den reichen Ländern eine Konsumtionsweise gefördert, die die globale Belastung der Natur weiter verschärfte. Marktwirtschaftlicher Erfolg ist – falls ihre Akteure ungehindert agieren können – heute mit Massenverbrauch an Natur, mit Massenproduktion, mit der Ausbeutung insbesondere der Bevölkerungsmassen der Dritten Welt und mit dem massenhaften Erzeugen von Fehlwirkungen gegenüber der Umwelt verbunden.

 

Dies also in wenigen Sätzen meine Auffassung zur grundlegenden Ursache der globalen ökologischen Krise. Ich habe dabei den Begriff massenhaft besonders hervorgehoben, weil es die massenhaft vor sich gehenden Prozesse sind, die die Verschärfung der globalen ökologischen Krise ausmachen.

 

Mir ist bewusst, dass meine Auffassung selbst von international anerkannten Ökologen nicht geteilt wird. So z. B. äußerte sich Lester R. Brown, der Chef des privaten World Watch Instituts, 1989 mit dem UNO-Umweltpreis ausgezeichnet und 1990 Präsident der Welt-Klima-Konferenz in London, in einem Interview wie folgt:

 

"Nach meiner Einschätzung ist die Marktwirtschaft das beste System, das uns zur Verfügung steht. Es fehlt an ihrer optimalen Anwendung." Er möchte "weg von der Betonung der Einkommens- und hin zur Ökosteuer" (vgl. [08]).

 

Hingegen äußerte sich Rudolf Bahro, heute Professor an der Humboldt-Universität, dass die Marktwirtschaft, begriffen als moderne Konkurrenzwirtschaft, geradewegs in den Ruin führe, also die falsche Ordnung für ein Umsteuern sei (vgl. [19]).

 

An anderer Stelle sagte er: "Ohne eine andere Gesellschaftsform geht für mich ökologisch überhaupt nichts Weitreichendes." ([01], S. 218)

 

{Er ist der Auffassung, dass sich "der Umbauprozess ...  nur ... in einem Immaterialisierungsprozess (ereignen kann)." Das sei "auch der Hintergedanke für" seine "für viele ungültige These von Kommunismus und Ökologie und Ökologie und Kommunismus" gewesen (vgl. [01], S. 226). Ich kann Rudolf Bahro nur bedingt unterstützen. Meines Erachtens hat er sich zu weit von Karl Marx entfernt und insbesondere von dessen ökonomischer Lehre. Seine Vorstellungen dürften letztlich deshalb nicht tragfähig sein, weil sie am Primat der ökonomischen Problematik im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung vorbeigehen. Wenn ich im künftigen Sinne von einem Primat der ökonomischen Problematik spreche, meine ich natürlich nicht die wirtschaftliche Problematik.}

 

 

3. Zur Charakterisierung der Marktwirtschaft

 

Ausgangspunkt unternehmerischen Verhaltens sind an sich die Bedürfnisse der Menschen. Das Ziel eines betrieblichen Unternehmers besteht aber nicht primär darin, diese Bedürfnisse zu befriedigen; aber er muss sich auf diese Bedürfnisse einstellen, kann aber auch neue Bedürfnisse wecken. Sein eigentliches Ziel ist es, durch die Herstellung von Erzeugnissen mittels seines Unternehmens, auf dem Markt ein solches Angebot zu unterbreiten, dass den Bedürfnissen der Menschen entsprochen wird, der Verkauf der Erzeugnisse zustande kommt und aus dem Verkauf möglichst große Einnahmen erzielt werden. Wenn die Einnahmen des Unternehmers seine Ausgaben weit übertreffen, hat er einen hohen Gewinn erzielt. Er hat damit gut gewirtschaftet und kann die Zukunft seines Unternehmens durch mögliche neue Entwicklungen weiterhin sichern.

 

Dem Unternehmer geht es folglich – und zwar prinzipiell unabhängig davon, was er herstellt und verkauft – primär um seinen Gewinn sowie um die Aufrechterhaltung seiner Existenz in Konkurrenz zu anderen Unternehmern. Die Konkurrenz zwischen den Unternehmern bewirkt nun, dass sich jeder von ihnen bemühen muss, entweder möglichst rationell zu arbeiten, um seine Erzeugnisse preiswert anbieten zu können oder bisher unbefriedigte sowie mögliche neue Bedürfnisse zu erkunden, also Marktlücken zu erspähen, um sie mit neuen Angeboten zu schließen. Wenn ein Unternehmer nicht rationell oder innovativ genug arbeitet, scheidet er aus dem Wettbewerbsgeschehen aus.

 

Die Entwicklung der Marktwirtschaft vollzog sich mit hohem Tempo über Jahrhunderte ohne prinzipielle übergeordnete Eingriffe im Selbstlauf.

 

Ich habe diese an sich bekannten Zusammenhänge kurz dargelegt, um Sie auf einige grundlegende Widersprüche und Mankos der Marktwirtschaft hinzuweisen:

 

1. Wenn die Marktwirtschaft prinzipiell von den Bedürfnissen der Menschen ausgeht, dann könnte die übliche Floskel richtig sein, dass es der Markt schon richten werde. Dem ist aber nicht immer so. Weil der Unternehmer primär an seinem Gewinn interessiert ist, orientiert er sich selbstverständlich nur an marktfähigen Erzeugnissen, an solchen, die einen entsprechenden Preis auf dem Markt erzielen. Das aber sind vor allem jene, die persönliche, familiäre und private Bedürfnisse befriedigen, denn die Bedürfnisträger müssen ja zum Kauf der Waren über Mittel verfügen, die sie durch persönliche Arbeit oder aus unternehmerischer Tätigkeit erworben haben.

 

Die Frage ist, ob es überhaupt nichtmarktfähige Bedürfnisse gibt? Sicherlich! Viele gemeinschaftliche Bedürfnisse gehören dazu. Eine Gemeinschaft von Menschen, z. B. die Einwohner einer Stadt, verfügt nicht von vornherein über Mittel, einfach deshalb, weil sie nicht gemeinschaftlich arbeitet, um Geld zu verdienen. Finanzielle Mittel konnten die sich historisch entwickelnden Städte nur über das Erheben von Steuern erwerben, was jedoch eine entsprechende Einsicht, gemeinschaftlichen Willen, die Schaffung eines finanziellen Fonds und von Organisationsformen zur Realisierung gemeinschaftlicher Maßnahmen voraussetzte. Solche Maßnahmen konnten z. B. der Bau der Stadtmauer oder der Ausbau des Straßennetzes innerhalb der Stadt sein. Dabei galt es, die aus der Gemeinschaft zusammengetragenen Mittel in ihrem Sinne möglichst rationell einzusetzen. Das angewandte ökonomische Prinzip war das Haushaltsprinzip. Es lag außerhalb marktwirtschaftlichen Handelns, auch wenn die Haushalte vor allem aus marktwirtschaftlich erworbenen Mitteln gespeist wurden. Das Haushaltsprinzip wird bekanntlich noch heute angewandt, obgleich viele gemeinschaftlich beschlossene Maßnahmen privaten Unternehmern zur Ausführung übertragen werden. Und dass heute eine Stadt eigene Betriebe haben kann, die gleichfalls marktwirtschaftlich arbeiten, hebt die Notwendigkeit der Anwendung des Haushaltsprinzips nicht auf.

 

Ergänzend zu dieser Problematik sei erwähnt, dass auch bei Existenz gemeinschaftlicher Haushalte die Berücksichtigung objektiv vorhandener Bedürfnisse auf recht unterschiedliche Weise erfolgt. So z. B. war der Ausbau der Straßen und der Märkte, die Schaffung von Netzen zur Wasserversorgung sowie der Schutz der Städte aus der Sicht des herrschenden städtischen Bürgertums vorrangig, um die Handelstätigkeit und das städtische Leben zu gewährleisten und zu schützen. Hingegen verzögerte sich die Schaffung von Entsorgungsnetzen in den Städten um Jahrhunderte. Zur Einsicht, dass Stadthygiene als gemeinschaftliches Bedürfnis akzeptiert werden muss, gelangte man in Europa erst sehr spät, nachdem über Jahrhunderte verheerende Epidemien die Städte und Länder heimgesucht hatten. {Bis in das erste Drittel des 19. Jahrhunderts wurde Europa von der Pest heimgesucht, bis ins zweite Drittel der Orient. Zu dieser Problematik fand ich in Meyers Konversationslexikon aus dem Jahre 1896 unter dem Stichwort Pest folgende Ausführungen:

 

"Der Ansteckungsstoff der Pest ist unbekannt, er wird durch Berührung und durch die Luft übertragen ... Die in Armut und Elend lebenden Volksklassen werden von der Pest am häufigsten ergriffen. Dabei scheinen manche Beschäftigungsweisen ganz verschont zu werden, besonders solche, welche mit viel Wasser zu thun haben ..." ([11], S. 721). In den heutigen Städten der Dritten Welt ist zwar die Einsicht nach notwendiger Stadthygiene inzwischen auch gegeben, aber es fehlt einfach an Mitteln, um die notwendigen Maßnahmen zu realisieren. Und wir wissen, dass die Marktwirtschaft an der Lösung dieser Problematik erst dann interessiert sein wird, wenn sie selbst in Gefahr gerät oder wenn entsprechender Druck von unten zustande kommt.}

 

Eine erste Folgerung aus den dargelegten Zusammenhängen ist das Primat der Bedürfnisse gegenüber der Ökonomie. Dabei ist zunächst entscheidend, dass Bedürfnisse als gemeinschaftlich erkannt und akzeptiert werden. Erst dann kann es um gemeinschaftliche organisatorische und finanzielle Lösungen gehen, um sie auch zu befriedigen. Das Verdrängen der Bedürfnisse könnte aber die Gemeinschaft ernsthaft gefährden.

 

Eine zweite Folgerung betrifft die Ökonomie. Ich möchte mit meinen Ausführungen wieder einmal verdeutlichen, dass die Ökonomie aus der Enge wirtschaftlichen Denkens herausgeführt werden muss! Es gibt für die Menschen objektiv Zwänge, denen unabhängig von Wirtschaftlichkeitsüberlegungen entsprochen werden muss, was jedoch nicht dagegen spricht, gemeinschaftlich verfügbare Mittel zweckentsprechend und rationell einzusetzen. Das Wirtschaftlichkeitsprinzip ist eben nicht das einzige ökonomische Prinzip, und es könnte neben dem bekannten Haushaltsprinzip weitere ökonomische Prinzipien geben.

 

Eine dritte Folgerung betrifft die Bedürfnisproblematik im erweiterten Sinne. Es geht um die Frage, ob man auch von Menschheitsbedürfnissen sprechen kann. Und wenn diese objektiv existieren, welche Organisationsformen gebraucht würden, um sie zu befriedigen. Offensichtlich ist der Wunsch nach der Bewältigung der globalen ökologischen Krise, also das Überlebensbedürfnis der Menschheit, ein solches Menschheitsbedürfnis. Eine adäquate Organisationsform, um Maßnahmen zur Befriedigung dieses Bedürfnisses einzuleiten, existiert bisher nicht! Es gibt auch keine gemeinschaftlichen finanziellen Fonds. {Was heute existiert, sind internationale Vereinigungen, in denen nationale Interessen vertreten werden. Die große Masse an finanziellen Mitteln wird international von privaten Banken zur Verfügung gestellt, die aus der Vergabe der Mittel Profite erzielen wollen und die zu finanzierenden Maßnahmen sehr weit kontrollieren. Ich frage mich, wie unter diesen Bedingungen Menschheitsprobleme gelöst werden können. Analoge Vorgehensweisen, wie sie unsere Städte zur Lösung gemeinschaftlicher Probleme weitgehend gefunden haben, sind auf globaler Ebene zur ökologischen Problematik nicht in Sicht, obgleich der Menschheit zur Lösung ihrer globalen Probleme viel weniger Zeit als damals den Städten bleiben dürfte! Dabei sind die Menschheitsprobleme offensichtlich von einer solchen Natur, dass wir uns mit ihrer Bewältigung keine Experimente leisten dürfen.}

 

2. Ich komme zu einem zweiten entscheidenden Manko der Marktwirtschaft. Es betrifft die von ihr selbst erzeugten Fehlwirkungen in der Umwelt. In ihrem Streben nach Wirtschaftlichkeit unter den Bedingungen weltweiter Konkurrenz verursacht die Marktwirtschaft einen erheblichen Teil an Umweltbelastungen, Umweltvergiftungen und Störungen des ökologischen Gleichgewichts. Es gibt hinreichend Beispiele, die beweisen, dass insbesondere transnationale Konzerne der Umwelt einen enormen Schaden im globalen Rahmen zufügen, so dass nicht nur von einer Nutzung der natürlichen Ressourcen gesprochen werden kann, sondern auch von einer Ausplünderung der Natur, von Umweltzerstörung und von Umweltverbrechen. Eben aus Wirtschaftlichkeitsgründen und zur Erzielung von Maximalprofit wird bei der Gewinnung von Brenn- und Rohstoffen, beim Abholzen der Wälder, beim Entsorgen von Gift- und Atommüll usw. nur der unbedingt notwendige Aufwand getrieben. Bestehende Gesetze werden nach Möglichkeit umgangen. Die Beseitigung der entstehenden Umweltschäden und -belastungen werden der Mitwelt und der Nachwelt überlassen. Was an Folgemaßnahmen den verantwortlichen Staaten überlassen bleibt, stellt in vielen Fällen eine solche hohe Belastung dar, dass der Aufwand unmöglich geleistet werden kann. Und natürlich betrachtet die Marktwirtschaft das Beseitigen der Schäden und Belastungen nicht von sich aus als ihre Aufgabe. Wenn private Unternehmen zur Beseitigung der Umweltschäden bereit sind, die andere verursacht haben, dann lassen sie sich dies von den Staaten gut bezahlen. Auf diese Weise profitieren die marktwirtschaftlichen Unternehmen in ihrer Gesamtheit doppelt!

 

Zu den ökologischen Fehlwirkungen der Tätigkeit internationaler Konzerne gebe ich Ihnen nachfolgend einige Beispiele. Zunächst Aussagen aus dem Film von Fritz Strohecker "Erst stirbt der Wald ...", der am 14. und 21. November 1995 vom NDR ausgestrahlt wurde [17]:

 

- "Am Amazonas-Forschungsinstitut ... versucht man seit Jahren über die um sich greifende Entwaldung exakt Buch zu führen." Dr. Philip Fearnside aus Manaus äußert sich wie folgt: "Die Waldzerstörung ist in den letzten Jahren weiter gegangen. 1987 war der Höhepunkt, jedoch kaum erfassbar, denn die Rauchentwicklung war so stark, dass wir keine guten Satellitenfotos mehr bekamen. Im Durchschnitt wurden in den Jahren 1978 bis 1988 rund 22000 Quadratkilometer Regenwald zerstört ... Von 1988 bis 1991, also bis zum letzten Jahr, in dem wir noch Satellitenbilder zu ganz Amazonien bekamen, ging die Entwaldung schrittweise zurück auf 11000 Quadratkilometer im Jahre 1991. Als Grund für den Rückgang der Entwaldung vermutet man die wirtschaftliche Rezession im Lande." [17]

 

Andere Beispiele aus dem Film betreffen die Schädigung des borealen Waldes der sich über die gesamte Nordhalbkugel, von Sibirien über Skandinavien bis nach Kanada und Alaska hinzieht. {Zunächst wird im Film von folgender Feststellung ausgegangen:

 

- "Seit der letzten Eiszeit vor 10000 Jahren haben die Pflanzen des borealen Waldes über 700 Milliarden Tonnen Kohlenstoff aus der Atmosphäre aufgenommen und als organisches Material fest gebunden." [17]}

 

Doch was geschieht mit diesem Wald? Wieder einige Zitate:

- "Russland verkauft seine Taiga an die Holz- und Papierkonzerne in Fernost – in Korea, Japan und neuerdings auch an amerikanische Firmen. Zurück bleibt auch hier eine Wüste, die sich erst in Jahrhunderten, vielleicht auch nie erholen wird. ... Allein der Multikonzern Hunday will 440000 ha russischen Urwaldes in eine Steppe verwandeln." [17]

 

Dazu äußert sich Alexej Grigoriev von der sozial-ökologischen Union in Moskau wie folgt:

- "Die Wälder sind nahe am Aussterben. Und wenn nicht schnell etwas geschieht, werden die letzten Reste der Ussuri-Taiga für immer verschwinden. Es ist unmöglich, dieses Ökosystem wieder aufzuforsten, denn es handelt sich um jahrhundertealte Bäume. Ich habe der Holzindustrie gesagt: Selbst wenn ihr wieder aufforstet, braucht der Wald 400 bis 500 Jahre ..." [17]

 

- "In Finnland und Schweden sind weniger als 5 Prozent des ursprünglichen Waldes erhalten. ... Selbst aus dem Weltraum erkennt man die finnisch-russische Grenze an den abgeholzten Flächen. ... Aber Holz ist Papier, und Papier ist Geld. Finnlands beste Kunden sind die Zeitschriftenverlage in Deutschland. ...  Der Markt boomt, und Finnland baut seine Kapazitäten ständig weiter aus. Eine moderne Papiermaschine produziert jeden Tag bis zu 2000 km Papier von 10 Meter Breite. Das reicht von Helsinki nach Paris ... Die Jahresproduktion einer einzigen Maschine reicht 17mal um den Äquator. In Finnland und Schweden produzieren Dutzende von Papiermaschinen das weiße Gold für jeden Zweck ...  1994 waren es über 20 Millionen Tonnen." [17]

 

-{"Die gefräßigen Papiermaschinen laufen rund um die Uhr, vollautomatisch, mit immer weniger Arbeitsplätzen.... Ungeheuer ist der Hunger dieser gigantischen Maschinen nach Rohstoffen. Alle 10 Minuten frisst ein solches Monstrum eine ganze Lkw-Ladung an Baumstämmen. Ohne Nachschub bliebe die Maschine stehen, und das wäre teuer." [17] }

 

- "Das Schicksal des nordischen Waldes entscheidet sich in den Vorstandsetagen der Papierkonzerne. ... Ein einziger Harvister ersetzt 15 Holzfäller mit Kettensägen ..." und fällt, schält und zersägt 800 Bäume pro Tag! (Vgl. [17])

 

- "Holz wird schon in absehbarer Zeit zur Mangelware." [17]

 

- "Die finnische Papierindustrie ... ist jetzt über die Grenze ins Nachbarland Karelien eingefallen. ... Die Einschlagskonzessionen für den wertvollen Urwald gibt es bei den Russen zum Billigtarif." [17]

 

- Wladimir D. Nasarev, Karelien, ein Förster, äußert sich wie folgt:

"Sie bezahlen hier in Karelien drei bis fünf Finnmark pro Kubikmeter. In Finnland würde der Kubikmeter mindestens 130 Finnmark kosten. Ein schönes Geschäft für die Papierkonzerne ... und die Finnen greifen zu!" [17]

 

- Alexej Grigoriev gibt die Aussage eines finnischen Managers wieder:

  "Die Russen sind doch dumm. Die wissen doch gar nicht, wie man Wälder managt. Die Waldschutzgesetze seien hier ein Erbe der Stalinzeit. Und wir brauchten doch nur fünf Prozent der Wälder zu schützen und die restlichen 20 Prozent, die heute noch geschützt sind, der Holzindustrie überlassen, zur normalen Nutzung." [17]

 

- "15 Mrd. DM verdienen die Finnen jedes Jahr mit dieser so genannten normalen Nutzung. Jede fünfte Mark kommt aus der BRD, dem größten Kunden ..." [17]

 

Eine ähnliche Situation finden wir heute in Kanada, so z. B. in der Provinz British Columbia, Westkanada.  {Ich zitiere:

- "Auch hier wächst borealer Wald.... Und dann kommen die großen Holzkonzerne. Binnen weniger Jahrzehnte klaffen große Kahlschläge in den ehemals dichten Wäldern. ... Die Aufforstungsversuche scheiterten allerdings meist an der extremen Trockenheit. ... Zurück blieben auch hier Steppenlandschaften." [17]

 

Ein Häuptling der Nuxalk äußert sich:

- "Die Gewinne der Holzkonzerne haben sich allein 1994 gegenüber dem Vorjahr auf 1,4 Mrd. Dollar verdoppelt. Die Wälder, die einst die Berge bedeckten, sind verschwunden. Zurück blieben auch hier Kahlschläge – wie überall, wo Rohstoffhunger und Profite alle ökologischen Bedenken beiseite schieben. Und die Provinzregierung von British Columbia verkauft ständig weitere Kahlschlagkonzessionen an die Holzkonzerne."[17]}

 

Ein letztes Beispiel zur Problematik der Naturausplünderung und Naturzerstörung. Das ZDF brachte am 22. Mai 1996 eine Dokumentation der BBC mit dem Titel "Schmutzige Ölgeschäfte - Shell in Nigeria" [14]. Der Film wurde von einem in das Nigerdelta eingeschmuggelten Kamera-Team aufgenommen, nachdem der Konzern 30 Jahre lang Erdöl in Nigeria gefördert hat. {U. a. wurde ein Rohr gezeigt, aus dem brennendes Gas strömt und folgende Erläuterungen sowie Kommentare gegeben:

- "In Nigeria haben sie nur eine einfache Leitung, durch die jede Menge Gas geführt wird, das am Ende der Leitung verbrennt. Diese primitive Methode des Verbrennens von Gas bedeutet, dass sich Wolken von schwarzem Rauch auf die örtliche Bevölkerung legen. Meistens produziert das Abfackeln Unmengen von schwarzem, rußigem Rauch und der legt sich dann überall hin. Er legt sich auf die Augen, in die Lungen, in die Nahrung, ins Wasser, ins Haus. Der Rauch überzieht den Boden und das Wasser mit einem Ölfilm. Es ist, als lebe man die ganze Zeit in einer Ölraffinerie." [14]

Und weiter:}

- "Aber die Auswirkungen von Shells Abfackeln begrenzen sich nicht nur auf die Menschen direkt am Delta. Das Abbrennen der Gase wird von den Umweltexperten auch mit dem weltweiten Temperaturanstieg in Verbindung gebracht. Wir glauben, dass diese Emissionen wahrscheinlich eine der wichtigsten Ursachen für den Treibhauseffekt sind. Durch das Abfackeln von Gasen in Nigeria entstehen mehr Treibhausgase als durch sämtliche Haushalte in Großbritannien."[14]

 

Bekanntlich wurde der nigerianische alternative Friedensnobelpreistäger, der Schriftsteller Ken Saro-Wiwa, für sein Engagement gegen die Umweltverbrechen von Shell in Nigeria von den Machthabern seines Landes am 10. November 1995 hingerichtet.

 

3. Ein weiteres Manko der Marktwirtschaft besteht darin, dass sie ein Konsumverhalten erzeugt, das die Belastungen der Umwelt weiter verschärft. Marktwirtschaft ist auf massenhaften Verbrauch gepolt, weil dies den Umsatz und die Profite erhöht. Zeitungsverlage streben eine maximale Auflage ihrer Zeitungen an, aber auch eine möglichst große Dicke, wenn sie durch gut bezahlte Reklame und Annoncen zusätzlich verdienen können. Auf anderen Gebieten werden dem Mehrverbraucher finanzielle Vorteile eingeräumt, wie z. B. beim Verbrauch an Erdgas und an Elektrizität. Ferner sollen die Erzeugnisse nur eine beschränkte Nutzungsdauer erreichen, um eine ständige Nachfrage auch bei bestimmten langlebigen Erzeugnissen anzuregen. Erfindungen landen in Panzerschränken, wenn ihre breite Nutzung zu erheblichen Senkung des Verbrauches an Energie mit sich bringen würde. Und die Einführung erneuerbarer Energieformen, so z. B. von Solarenergie und von Windenergie wird massiv behindert oder gebremst, um jene Energiekonzerne in ihrer Leistungsfähigkeit nicht einzuschränken, die Strom aus fossilen Brennstoffen oder mittels der Kernenergie herstellen.

 

Besonders krass ist auch das Fehlverhalten der Automobilindustrie, die nicht nur die Entwicklung des Drei-Liter-Autos hinauszögert, um die Mineralölkonzerne in ihren Profiten nicht zu beschneiden, sondern nunmehr auch anstrebt, den in den reichen Ländern üblichen Individualverkehr auf die Staaten der Dritten Welt sowie auf China auszudehnen. Am 6. Mai 1996 las ich eine Zeitungsnotiz [09], nach der "der italienische Konzern Fiat ... ein Auto" konstruiert hat, "das ausschließlich in Entwicklungsländern verkauft werden soll." Der Autor, Michael Jäger, führt dazu aus: "Erst will man Brasilien und Argentinien, dann Indien und China mit dem neuen Kleinwagen 'Palio' beglücken. Jeder weiß: Die Übertragung westlicher Autodichte auf die ganze Welt führt zum Klimakollaps." Und weiter schreibt er: "Die Fiat-Manager versuchen gar nicht, das zu bestreiten. Stumm sind sie auch nicht. Der Vizepräsident des Konzerns sagt: 'Wenn wir das nicht tun, machen es andere.'"

 

Und weiter dazu Michael Jäger: "Da ist ein Markt, der Gewinn verspricht, also wird der Gewinn auch geholt, also kann man ihn sich auch selbst holen. Darin steckt eine Regel: Wenn etwas möglich ist, muss man es tun; einige erliegen dem Zwang bestimmt, also darf auch Fiat schwach werden. ... Was bedeutet der Unterschied, dass es den Zwang gibt, Heroin nicht zu verkaufen, und den Zwang, Autos zu verkaufen? Man kann daraus nur schließen, dass Heroin ungerechtfertigt, Autoverkehr aber, selbst wenn er beliebig steigt, gerechtfertigt ist. Mit dem Autoverkehr ist auch der Klimakollaps gerechtfertigt." [09]

 

Nach den Angaben des Arbeitskreises Verkehr und Umwelt e. V. im Neuen Deutschland vom 23. November 1995, S. 24, braucht "eine hundertjährige Buche einen ganzen Tag, um jene Emission an Kohlendioxid aufzunehmen, wenn ein Auto 100 km fährt und dabei 7,5 Liter Benzin verbraucht. Bei dieser Fahrt entstehen 17 kg Kohlendioxid und 100 g Stickoxide NO."

 

4. Ein viertes Manko der Marktwirtschaft ist, dass sie durch die krasse Ausbeutung der Menschen in der Dritten Welt zusätzliche Umweltprobleme erzeugt. Diesen Menschen bleibt oft keine andere Überlebenschance, als Urwald zu roden oder durch Brandrodung zu zerstören, um Landwirtschaft betreiben zu können. Auf diese Weise zerstören diese Menschen allmählich ihre, letztlich aber auch unsere gemeinsamen Lebensgrundlagen. In vielen Fällen werden gerodete Flächen sogar genutzt, um die reichen Länder noch besser mit Lebensmitteln zu versorgen, während in den reichen Ländern aus Kostengründen bisher landwirtschaftlich genutzte Flächen stillgelegt und subventioniert werden. Was für ein marktwirtschaftlich erzeugter Widersinn!

 

5. Ein fünftes und letztes Manko, das wir heute der Marktwirtschaft vorhalten müssen – es gibt weitere! –, betrifft die reichen Länder selbst. Trotz ihres Reichtums werden sie immer unfähiger, die sozialen und ökologischen Probleme im eigenen Lande zu bewältigen, und zwar weil immer mehr Verpflichtungen, die aus marktwirtschaftlicher Handlungsweise resultieren, z. B. die zunehmende Arbeitslosigkeit, Subventionierungen, steigende Kosten im Gesundheitswesen usw., staatlichen bzw. sozialen Einrichtungen übertragen werden. Mehr noch: Dadurch, dass die öffentlich verfügbaren Mittel nicht mehr ausreichen, muss sich der Staat bei privaten Geldgebern verschulden, was zu noch größeren Belastungen der öffentlichen Kassen führt und damit die mögliche Bewältigung dringlicher sozialer und ökologischer Aufgaben noch stärker gefährdet.

 

Ich kann diese Problematik heute nur andeuten. Ihr tieferes Verstehen bedarf näherer Untersuchungen. Sie zeigt aber die zunehmende Polarisierung zwischen Arm und Reich sowie die tendenzielle Abnahme der Möglichkeiten gemeinschaftlichen Handelns. Es ist makaber: Wir werden immer unfähiger, unsere gemeinsamen Probleme gemeinschaftlich zu lösen, weil die Reichen immer reicher werden, weil fast kein Reicher seine Mittel einsetzt, wenn nicht die Chance gegeben ist, noch reicher zu werden. Mit anderen Worten: Wenn der marktwirtschaftlich erworbene Reichtum der Reichen nicht irgendwann gemeinschaftlich angetastet wird, sinken die Chancen, die ökologischen und sozialen Schwerpunktprobleme überhaupt noch lösen zu können, gegen Null!

 

 

Man kann wohl bezüglich der Verursachung der ökologischen Krise die führenden Industriestaaten nicht genug hervorheben! Auf die Frage, wer die größten Umweltsünder sind, antwortete der von mir bereits zitierte Lester R. Brown:

 

"In mancherlei Beziehung die Vereinigten Staaten. Wegen des großen Verbrauchs an fossilen Brennstoffen wie Gas und Öl und wegen des schieren Unwillens, auch nur die geringsten Steuern auf solchen Energieverbrauch zu legen, um die Verschwendung zu stoppen. Deutschland subventioniert immer noch den Kohlekonsum so stark, dass es im Grunde genommen die Erwärmung der Erdtemperatur mit subventioniert. In Asien ist maßgeblich Japan an der Entwaldung großer Teile Südostasiens beteiligt." [08]

 

Ich komme zu einer Zusammenfassung des Abschnitts zur Charakterisierung der Marktwirtschaft:

Erstens: Die Marktwirtschaft war von Anfang an mit mehreren Geburtsfehlern behaftet, so dass die in ihr wirkenden ökonomischen Mechanismen in der Tat tendenziell auf die Entstehung der ökologischen und ihre Zuspitzung zur globalen ökologischen Krise hinausliefen.

 

Zweitens: Die Marktwirtschaft war von Anfang an prinzipiell nicht primär auf die Reproduktion und Erhaltung des Bestehenden gerichtet, sondern auf Verbrauch und die Produktion von immer wieder Neuem, bald wieder Wegzuwerfendem.

 

Drittens: Nicht die Menschheit beherrscht die Marktwirtschaft, sondern diese die Menschheit!

 

 

4. Zur naturwissenschaftlichen Problematik der globalen ökologischen Krise

 

Im Verlaufe von Jahrmillionen hat die Natur auf der Erde ein Gleichgewicht zwischen dem tierischen und dem pflanzlichen Leben geschaffen, so dass tierisches Leben ohne Pflanzen nicht existieren kann und umgekehrt. Man spricht von einem ökologischen Gleichgewicht. Das auf der Erde entstandene Leben wird durch die fortwährend aufgenommene Sonnenenergie ermöglicht, die die unteren Luftschichten auf durchschnittlich minus 18 Grad Celsius aufheizen würde, wenn in der Atmosphäre keine Treibhausgase vorhanden wären (vgl. [15], S. 128). Dank solcher Treibhausgase, wie vor allem Wasserdampf und Kohlendioxid, aber auch dem bodennahen Ozon, den Stickoxiden und Methan, die die von der Erde abgestrahlt Energie teilweise absorbieren, entsteht ein Treibhauseffekt von 33 Grad zusätzlicher Erwärmung, so dass auf der Erde eine durchschnittliche Lufttemperatur in Bodennähe von plus 15 Grad Celsius erreicht wird (vgl. ebd., S. 129). Erst dieser für uns normale Treibhauseffekt ermöglicht die Vielfalt des Lebens auf der Erde.

 

Aufgrund des weitgehend konstanten Anteils an Treibhausgasen durch das bestehende ökologische Gleichgewicht betrug die Schwankungsbreite der bodennahen Luftschichten in den vergangenen 10 000 Jahren auf der Erde maximal 1,5 Grad Celsius (vgl. ebd., S. 125). Das Entstehen einer neuen Eiszeit würde bei einem Absinken der Temperatur um etwa 2 Grad Celsius zustande kommen.

 

Es ist nun bemerkenswert und für künftige Klimaänderungen bedeutsam, dass die Höhe des Beitrags der einzelnen Gase zum Treibhauseffekt nicht von ihrem prozentualen Anteil in der Erdatmosphäre untereinander abhängt. Während z. B. Wasserdampf mit einem Volumenanteil von bis zu 3 % in der Atmosphäre mit 20,6 Grad am normalen Treibhauseffekt beteiligt ist, beträgt er beim Kohlendioxid 7,2 Grad, obgleich es in der Atmosphäre mit 0,03 % nur als Spurengas nachgewiesen werden kann. Beim bodennahen Ozon sind die Verhältnisse noch extremer: Sein Beitrag zum normalen Treibhauseffekt beträgt 2,4 Grad Celsius, obgleich sein Volumenanteil in der Atmosphäre lediglich drei Millionstel Volumenprozente ausmacht (vgl. ebd., S. 132). Es gibt weitere Gase, die für die Chemieindustrie bedeutsam, als Spurengase in der Atmosphäre vorhanden und als Treibhausgase wirksam sind.

 

Die etwa konstanten Anteile an Kohlendioxid und Sauerstoff in der Atmosphäre sind eng an das ökologische Gleichgewicht zwischen tierischem (einschließlich menschlichem) und pflanzlichem Leben gebunden: Während Tiere zur Energiegewinnung Sauerstoff aufnehmen und Kohlendioxid abgeben, nehmen Pflanzen zu ihrem Wuchs Kohlendioxid auf, geben aber Sauerstoff ab. Die Pflanzenwelt bindet in ihrer Gesamtheit Kohlenstoff, der jedoch teilweise von den Tieren über die Nahrung wieder aufgenommen wird, dann mit Hilfe von Sauerstoff zu Kohlendioxid verbrannt und schließlich wieder zurück in die Atmosphäre gelangt. Solange sich die Gesamtmassen an Tieren und an Pflanzen in einem festen Verhältnis zueinander befinden, bleibt der Anteil an Kohlendioxid in der Atmosphäre und damit auch die Temperatur der unteren Luftschichten weitgehend konstant.

 

Bei möglichen künftigen Veränderungen der Zusammensetzung der Erdatmosphäre und damit auch bei der Ausbildung eines zusätzlichen Treibhauseffektes spielt das Kohlendioxid die dominierende Rolle. Die Schätzungen, wie weit mögliche Temperaturerhöhungen der unteren Luftschichten von den einzelnen Treibhausgasen in den nächsten Jahrzehnten bewirkt werden könnten, liegen für Kohlendioxid zwischen 2 und 4 Grad Celsius. Allgemein werden 3,5 Grad Celsius erwartet. Beim bodennahen Ozon werden 0,9 Grad Celsius erwartet, bei weiteren Gasen jeweils unter 0,5 Grad Celsius. Als kumulativer zusätzlicher Treibhauseffekt unter Einbeziehung von 13 Spurengasen wird von Ramanathan maximal 5,6 Grad Celsius Temperaturerhöhung der bodennahen Luftschichten eingeschätzt (vgl. ebd., S. 148). Dies wäre in der Tat ungeheuerlich und sicherlich ausreichend, damit – wie man sagt – das Klima auf der Erde kippt.

 

Der Anteil an Kohlendioxid in der Atmosphäre erhöht sich

- erstens dann, wenn pflanzliches Leben in seiner Gesamtheit, etwa zur Papier- und Energiegewinnung sowie zur veränderten Flächennutzung, in großem Umfange und schneller zerstört wird, als es wieder nachwachsen kann, einfach deshalb, weil die verbliebenen Pflanzen es in ihrer Gesamtheit nicht schaffen, das vorhandene Kohlendioxid ausreichend schnell zu verarbeiten,

- zweitens, wenn fossile Stoffe, wie Kohle, Erdöl und Erdgas, die seit Millionen von Jahren Kohlenstoff fest binden, zur Energiegewinnung verbrannt werden.

 

Im Nachrichtenmagazin Focus fand ich folgende Notiz:

 

"Tropischer Regenwald wirkt dem Treibhauseffekt entgegen, indem er der Atmosphäre Kohlendioxid entzieht. Diese Vermutung konnten Wissenschaftler jetzt erstmals durch Messungen erhärten. Sie erfassten den Umsatz an Kohlendioxid, Wasserdampf und Wärme über eine ein Quadratkilometer große Urwaldfläche im Amazonasgebiet. Ergebnis: Der Urwald nimmt mehr Kohlendioxid auf als er abgibt. Pro Jahr bindet allein die Vegetation im Amazonasgebiet 560 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Nur: Fast die 14fache Menge setzen vom Menschen verursachte Emissionen wieder frei." [18]

 

Je mehr wir die großen Wälder der Erde zerstören, um daraus etwa Papier für eine Unmasse dicker Zeitungen zu produzieren, je mehr und öfter wir Auto fahren oder mit Erdgas unsere Wohnungen heizen, um so mehr wird sich Kohlendioxid in der Atmosphäre ansammeln und uns aufheizen.

 

{Der Anteil von Methan in der Atmosphäre erhöht sich, wenn pflanzliches und tierisches Leben in höherem Maße als bisher verfault. Dies kommt insbesondere dann zustande, wenn das biologische Gleichgewicht in den Gewässern durch Abwässer und Gifte zerstört wird, wenn die organischen Bestandteile im Wasser absinken, auf dem Grunde verfaulen und das entstehende Methan an die Wasseroberfläche steigt. Aber auch die Landwirtschaft leistet durch die massenhafte Tierhaltung über die Abgabe von Methan einen wesentlichen Beitrag zum zusätzlichen Treibhauseffekt (vgl. [03]). Ferner entsteht beim Reisanbau in großen Mengen Methan. Dazu ein Zitat aus den Untersuchungen des Frauenhoferinstituts für atmosphärische Umweltforschung Garmisch:

 

"Aus den Reisfeldern in aller Welt gasen große Methanmengen aus, weltweit 500 Millionen Tonnen pro Jahr. Methan ... trägt ein Fünftel zum anthropogenen Treibhauseffekt bei. Die Reiskultur ist, was die Klimawirkung betrifft, eine Ausnahme. Pflanzen sind nämlich die großen Gegenspieler des Treibhauseffektes." [10]}

 

Einige weitere Fakten zur naturwissenschaftlichen Problematik des Treibhauseffektes und zum möglichen Klimawandel:

 

1. Zur Schnelligkeit des Klimawandels bzw. zum abrupten Klimawechsel, den es erdgeschichtlich bereits mehrfach gegeben hat:

Aus der Analyse von Eisbohrkernen des Alfred-Wegner-Instituts Bremerhaven geht hervor, dass die letzte Eiszeit vor 11550 Jahren zu Ende ging. Auffallend war, dass sich der Zustand der Atmosphäre aus dem eiszeitlichen Zustand zum warmzeitlichen Zustand innerhalb von nur etwa 20 - 30 Jahren änderte. (vgl. [10])

{Prof. Dr. Gerold Wefer von der Universität Bremen äußerte sich in einem Film des Bayrischen Rundfunks vom Februar 1996, dass "wir die Klimageschichte ziemlich gut für die letzten paar Millionen Jahre schreiben können. Wir haben bis vor ein paar Jahren angenommen, dass die Klimawechsel sehr langsam verlaufen ... Jetzt – durch neue Kerne – wissen wir, dass das in 10 Jahren oder in 100 Jahren abläuft, dass also die Änderungen zeitlich sehr viel schneller ablaufen ... Im Laufe der Erdgeschichte gab es immer wieder abrupte Klimawechsel." [10] }

 

2. Einige Informationen zu Klimavorausberechnungen, die unter Leitung von Prof. Hartmut Graßl im Deutschen Klimarechenzentrum in Hamburg durchgeführt wurden. Graßl leitet jetzt die World Meteorological Organization in Genf. Ich zitiere:

"In den letzten Jahren hat man große Anstrengungen unternommen, das zukünftige Klima mit Computermodellen zu erfassen. Das geht nur mit Superrechnern. Weltweit gibt es vier solcher Giganten. Einer steht im Deutschen Klimarechenzentrum in Hamburg, ... ein so genannter Multiprozessor-Vektor-Rechner. Er kann 16 Milliarden Rechenschritte pro Sekunde durchführen. ... Trotz der großen Rechenkapazität muss man in den Modellen vereinfachen, z. B. die Wolkenbildung. Sie lässt sich noch nicht simulieren. Man rechnet daher mit einem Mittelwert der Bewölkung. Kompliziert war es auch, die Atmosphäre mit dem Ozean zu verknüpfen. Immer noch braucht der Supercomputer ein Jahr, um auszurechnen, wie sich eine CO2-Verdoppelung auf das Klima der nächsten 100 Jahre auswirken wird. Weltweit gibt es bisher nur fünf solcher Rechenläufe. Die Ergebnisse sind alle ähnlich." [10]

 

Es wurden zwei Szenarien durchgerechnet, eines bei drastischen CO2 - Reduktionen, das andere bei unverändertem starkem CO2-Ausstoß. ... "Zunächst verhalten sich die beiden Szenarien ähnlich. Dann beginnt die Schere aufzugehen." Für die ungünstige Variante setzt in der Zeit von etwa 2040 bis 2050 "eine starke Erwärmung ein. Über den Kontinenten wird die Luft um bis zu 4 Grad wärmer. Die Nordhalbkugel erwärmt sich stärker als die Südhalbkugel." Im Modell "mit der massiven CO2-Reduktion - lässt sich die Erwärmung abbremsen." (vgl. [10])

 

3. Es gibt zur wissenschaftlichen Beherrschung des Klimawandels noch viele Fragen. Dazu äußert sich z. B. Dr. Ernst Meier-Reimer vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg:

"Der größte Speicher für Kohlendioxid ist der Ozean. CO2 geht aus der Luft im Meerwasser in Lösung. Ein Teil wird vom pflanzlichen Plankton verzehrt. Das meiste aber bleibt im Wasser, als Karbonat oder Hydrogenkarbonat gelöst. Das sind 40000 Milliarden Tonnen Kohlenstoff.  ...

Doch die meisten Fragen der Klimaänderung gibt uns der Ozean auf. Er verzögert die globale Erwärmung, weil er wegen seiner 1000 Mal größeren Dichte wesentlich mehr Wärme aufnehmen kann als die Atmosphäre. Allein die obersten drei Meter des Ozeans enthalten so viel Wärme wie die gesamte Luftsäule darüber. Messungen im Ozean zeigen bereits in einigen Regionen dramatische Veränderungen bei der Temperatur, auch beim Salzgehalt. Doch noch kann man diese Daten nicht deuten." [10]

 

4. Als besonders problematisch werden – wie man sagt – die "Wirkungen der Wirkungen" betrachtet. Auch dafür ein Beispiel:

"Nach den Hochrechnungen der Klimaforscher ... werden sich die Temperaturen in den nördlichen Regionen vom Beginn des nächsten Jahrtausends an dramatisch ändern." [17]

 

Matti Ikonen, Greenpeace Finnland, äußert sich dazu wie folgt: "Es ist ganz typisch für die nordischen Wälder, dass der Verrottungsprozess sehr langsam abläuft. ... Aber wenn das Weltklima sich erwärmt, wird der Verrottungsprozess beschleunigt, und dies führt dazu, dass Milliarden Tonnen von Kohlenstoff aus dem Humus freigesetzt werden." [17]

 

"In den Wäldern und Sümpfen des Nordens lauert eine Kohlenstoffbombe. Sollte sich das Klima – wie erwartet – verändern, werden hier voraussichtlich 350 Milliarden Tonnen Kohlenstoff in die Atmosphäre freigesetzt, eine Zahl, die unvorstellbar ist." [17]

 

Ein anderer Aspekt, der sich in die Rubrik "Wirkungen der Wirkungen" einordnet :

Gerade im Innern der Kontinente – und dort liegen auch die großen borealen Wälder – wird es im nächsten Jahrhundert zu deutlichen Temperaturänderungen und Dürren kommen – mit fatalen Folgen für das gesamte Ökosystem Erde." [17]

 

Dazu Johann Georg Goldammer, Universität Freiburg: " Der Prozess wird dadurch noch beschleunigt, weil im Zusammenhang mit solchen Trockenereignissen, Dürreperioden, dann auch vermehrt Waldbrände auftreten, und die wiederum setzen dann noch mehr Kohlenstoff frei, und zwar sehr viel mehr, als das bisher in ganz natürlichen Feuerzyklen der Fall war." [17]

 

Solche Wald- und Steppenbrände ungeheuren Ausmaßes gab es von Februar bis Juni 1996 in der Mongolei. Es handelte sich um 40 Großfeuer, das größte von Ihnen mit einer Ausdehnung von 120 mal 70 km. Die Feuer konnten wegen der gewaltigen Ausmaße auch mit internationaler Hilfe nicht gelöscht werden. Den Waldbränden war ein äußerst milder Winter mit wenigen Niederschlägen vorangegangen (vgl. [12] und [16]).

 

Welche Folgerungen muss man aus der kurz dargelegten naturwissenschaftlichen Problematik der ökologischen Krise ziehen?

 

Die Komplexität der gesamten bei der ökologischen Krise zu berücksichtigenden Zusammenhänge und die vorhandenen Wechselwirkungen können heute auch von komplex denkenden Wissenschaftler nur unzureichend erkannt werden, nicht nur, weil die wirtschaftlichen Entwicklungsprozesse kaum vorhersehbar sind, {sondern auch

zum ersten weil viele Detailprobleme noch unzureichend erforscht sind,

zum zweiten weil es infolge der Informationsflut bisher unmöglich war, die Vielzahl an Informationen zu deuten,

zum dritten weil es die Wirkungen der Wirkungen (die Sekundär- und Tertiärwirkungen) sein könnten, die letztlich über das "Kippen" des Klimas entscheiden,

zum vierten weil die disziplinäre Denkweise fast aller Wissenschaftler ein notwendiges komplexes Denken über alle beteiligten Disziplinen hinweg außerordentlich erschwert,

zum fünften weil es bisher keine Wissenschaft gibt, die diese Komplexität speziell erforscht,

zum sechsten weil die bekannten Methoden und die verfügbaren Großrechner bei weitem noch nicht ausreichen, um unter Berücksichtigung der außerordentlichen Komplexität der Zusammenhänge zu ausreichend genauen Aussagen zu gelangen.}

 

Man muss wohl sogar noch einen Schritt weitergehen und die prinzipielle Beherrschbarkeit der Natur durch den Menschen überhaupt bezweifeln. Folgende Grunderkenntnis ergibt sich für mich aus den Informationen zur naturwissenschaftlichen Problematik:

 

Obgleich die Menschheit tendenziell immer besser in der Lage ist, die Gesetze und Abläufe der Natur zu erkennen, ist sie dennoch prinzipiell nicht fähig, die Natur zu beherrschen. Daraus leitet sich wiederum ab, dass die Menschheit nur so weit Eingriffe in die Natur vornehmen darf, wie sie die Konsequenzen dieser Eingriffe mit hoher Sicherheit übersehen kann.

 

 

5. Zusammenfassend zur Kernproblematik der globalen ökologischen Krise

 

Meine zusammenfassende These lautet:

Die ökologische Krise ist das Ergebnis der seit Jahrtausenden von kurzfristigen privaten Interessen dominierten Lebensweise der Menschheit. Diese Lebensweise beruht auf dem wachsenden Anteil an Privateigentum, dem Wirtschaftlichkeitsprinzip, der Konkurrenz, der Ausbeutung von Menschen, der Aneignung von fremdem Eigentum sowie der Ausplünderung und Belastung der Natur. Die ökologische Krise wurde von den transnationalen Monopolen forciert und erhielt durch die Internationalisierung der Ausbeutung sowie durch das Ausplündern der ökologischen Ressourcen fremder Länder, insbesondere der ökonomisch abhängigen Länder der Dritten Welt, globalen Charakter.

 

{Die ökologische Krise ist vor allem ökonomischer Natur! Sie resultiert aus den Unzulänglichkeiten der Marktwirtschaft, die darin bestehen, dass private Interessen es nicht vermögen, solche gemeinschaftlichen Aufgaben zu bewältigen, die von vornherein nicht marktfähig sind. Im Gegenteil: Privatwirtschaftliches Interesse schafft zwar auf vielen Gebieten einen gewaltigen Fortschritt, löst aber zugleich eine gegenläufige Entwicklung aus, die in ihrem letzten Entwicklungsstadium zur ökologischen Krise und zur Gefährdung der Existenz der gesamten Zivilisation führt.}

 

Die ökologische Krise ist auch Ausdruck der dramatischsten gesellschaftlichen Krise, vor der die Menschheit bisher stand. Sie wurde auch dadurch verstärkt, dass viele Menschen von jenem marktwirtschaftlichen Virus angesteckt wurden, der Selbstverwirklichung genannt wird, aber häufig Individualismus verkörpert. Die Marktwirtschaftler und die anderen Individualisten können es – so winzig sie im Ökosystem der Erde sind – zusammen schaffen, dieses ganze System von innen her zu zerstören und damit sich selbst – so wie ein winziger Virus seinen Wirt töten kann.

 

Ich hoffe, mit meinen bisherigen Ausführungen verdeutlicht zu haben, dass es unrealistisch ist, von der Marktwirtschaft zu erwarten, dass sie jene Belastungen unserer Umwelt und jene Störungen des ökologischen Gleichgewichts wieder beseitigt, die ihr so viel Profit gebracht haben. Was wir höchstens erwarten dürfen, vielleicht auch durch Druck von unten erst erkämpfen müssen, ist eine verminderte Zustandsverschlechterung, ist ein Verzögern des Hinausschiebens der Klimakatastrophe. Aber der Berg an Schulden an die Nachwelt wächst dennoch unaufhörlich weiter an, langsamer oder schneller; er wächst unter marktwirtschaftlichen Bedingungen so lang weiter, bis ihn die gesamte Menschheit mit all ihrem Geld und all ihrer Potenz nicht mehr abtragen kann.

 

 

6. Zur Zuspitzung der ökologischen Krise und zur gesetzmäßigen Entwicklung von Zivilisationen

 

Die Zuspitzung der ökologischen Krise, die sich in unserer Zeit unvermindert vollzieht, besteht in einem wechselseitigen Prozess zwischen der Entwicklung der Menschheit, des Ökosystems und des Klimas, wobei die Menschheit die dominante Rolle bei der Störung des ökologischen Gleichgewichts spielt. Durch den Verbrauch, die Schädigung und die Vernichtung von Natur, insbesondere durch das Abholzen und die Brandrodung der großen Wälder der Erde sowie durch das Baumsterben infolge der Belastung der Umwelt mit Abgasen, beeinträchtigt die Menschheit in hohem Maße aktiv das ökologische Gleichgewicht, vermindert sie also wesentlich den Gesamtbestand an pflanzlichem Leben auf der Erde. Dieser verbliebene Bestand ist immer weniger in der Lage, die von der Menschheit in die Atmosphäre gegebenen Massen an Treibhausgasen, vor allem an Kohlendioxid, zu verarbeiten. Aufgrund des Treibhauseffektes ergeben sich daraus ein Anstieg der durchschnittlichen Temperatur der unteren Luftschichten der Erde sowie globale und regionale Klimaveränderungen. Die Veränderungen des Klimas wirken nun ihrerseits auf das Ökosystem der Erde. Es kommt zur verstärkten Wüstenbildung und zu einem veränderten Pflanzenbestand in vielen Regionen der Erde. Das selbständige Entstehen von Wald- und Steppenbränden wird verstärkt, was den Anteil an Treibhausgasen in der Erdatmosphäre und damit die Temperatur auf der Erde weiter erhöht. Dieser Prozess schaukelt sich im Verlaufe von Jahrzehnten so weit hoch, bis eine Klimakatastrophe ausgelöst wird, bis das Klima kippt, wie die Klimaforscher sagen.

 

Das Kippen des Klimas bedeutet meines Erachtens nichts anderes, als dass ein Weltbrand entsteht, der alles Landleben, das pflanzliche und nichtpflanzliche Leben, weitgehend vernichtet. Was sich nicht verkriechen kann, verbrennt oder erstickt, und was sich verkriechen kann, wird meist verhungern. Die Meere werden noch genug Voraussetzungen und Nahrung bieten, dass sich neues hoch organisiertes Landleben im Verlaufe von Millionen oder Dutzenden Millionen Jahren wieder entwickeln kann.

 

Im Ergebnis der zunehmenden Verschärfung der ökologischen Krise provoziert folglich die Menschheit ihre Vernichtung durch die Natur. Das Beenden ihrer Existenz ist naturgesetzlich bedingt, aber letztlich durch das Wirken der durch Marx zuerst erkannten Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung verursacht.

 

Präziser müsste man bis zur Phase der Dominanz der Marktwirtschaft von gesellschaftlicher Selbstentwicklung der Menschheit sprechen oder auch von sporadischer Entwicklung. Man könnte die Phase der Entwicklung der Menschheit bis zur Herausbildung der Marktwirtschaft als Kindheitsphase, die Phase der marktwirtschaftlichen Entwicklung als Jugendphase der Menschheit bezeichnen. Aus dieser Sicht käme die Phase des Erwachsenseins der Menschheit nur dann zustande, wenn sie ihre Selbstentwicklung beenden und mit der Selbststeuerung ihrer weiteren Entwicklung beginnen würde.

 

Die vordringlichste Aufgabe einer sich bewusst im globalen Rahmen selbst steuernden Menschheit müsste offensichtlich darin bestehen, jenes durch die Selbstentwicklung der Menschheit gestörte ökologische Gleichgewicht wiederherzustellen sowie das Entstehen neuer Gleichgewichtsstörungen zu verhindern. Dazu wird es vor allem erforderlich werden,

- erstens die großen Wälder der Erde gezielt wieder aufzuforsten,

- zweitens das Energiesystem der Menschheit durch die Orientierung auf erneuerbare Energie generell umzubauen, etwa durch die massenhafte Errichtung von Anlagen zur Gewinnung von Solar- und Windenergie sowie durch die gezielte Erforschung völlig neuer Energiequellen,

- drittens die sozialen Probleme der unterentwickelten Länder durch eine gezielte Unterstützung von den industrialisierten Ländern zu lösen, um die weitere Zerstörung der Natur in diesen Ländern zu verhindern und

- viertens wäre im Weltmaßstab ein neues Gesellschaftssystem aufzubauen, durch dessen ökonomische Funktionsweise die Menschen auf eine Weise in die Gesellschaft einbezogen und von ihr unterstützt, gefördert und gefordert werden, dass sie von sich aus ökologisch orientiert, gemeinschaftlich und sozial handeln.

 

Zur letztgenannten Problematik hatte ich in zwei meiner Vorträge bereits grundsätzliche Aussagen getroffen.

 

{Zwei Anmerkungen zur Energieproblematik:

1. Die weitere energetische Nutzung fossiler Brennstoffe müsste in historisch kürzester Zeit generell unterbunden werden,

 

2. Dass es heute schon wirtschaftlich sein kann, andere Wege zur Energieerzeugung zu gehen, zeigt ein Beispiel zur Gewinnung von Solarenergie, das im indischen Bundesstaat Rajasthan mit Unterstützung von amerikanischen Unternehmen gestartet wurde:

In der 200'000 Quadratkilometer großen Thar-Wüste will man auf 35'000 Quadratkilometer Wüstenfläche einen Solarenergie-Park bauen. Wenn es zunächst gelingt, 2000 Quadratkilometer mit Solaranlagen zu bebauen, könnten drei Großstädte der Größe Neu-Delhis mit insgesamt 30 Millionen Einwohnern voll mit Strom versorgt werden. Schon nach dem elften Jahr würden die Kosten pro Kilowattstunde Solarenergie nur noch die Hälfte einer konventionell erzeugten Kilowattstunde betragen (vgl. [20]).}

 

Meine These, dass eine sich im Selbstlauf entwickelnde Zivilisation letztlich ihre Vernichtung durch die Natur provoziert, wenn sie die Selbstentwicklung nicht rechtzeitig beendet und durch eine selbst steuernde Entwicklung ersetzt, wird auf den schärfsten Protest vor allem der Vertreter der Marktwirtschaft stoßen. Ich gebe aber noch einmal zu bedenken, dass mein Anliegen nicht in der vordergründigen Kritik der Marktwirtschaft besteht, die uns über Jahrhunderte weit vorangebracht hat, sondern in der Warnung vor den existentiellen Gefahren für die Menschheit aus dem weiteren Wirken der Marktwirtschaft. Nach meiner Einsicht geht es heute um die Erforschung der tieferen gesellschaftlichen, ökonomischen und naturwissenschaftlichen Ursachen der ökologischen Krise in ihren komplexen Zusammenhängen. Nur das Erkennen der wahren Ursachen der ökologischen Krise vermag die Menschheit zu befähigen, sie zu bewältigen und die Vernichtung der Menschheit in den nächsten 100 Jahren abzuwenden. Es geht um unsere gemeinsame Verantwortung für das Überleben unserer Kinder und Enkel, für die Erhaltung der Kultur der Menschheit!

 

Für meine Vermutung, dass das Vernichten des derzeitigen ökologischen Systems der Erde durch einen Weltbrand wahr werden könnte, gibt es – und dies war für mich die größte wissenschaftliche Sensation der letzten Jahre – möglicherweise ein erdgeschichtliches Vorbild. Leider werden die sensationellen Funde, die Anlass geben, diese These zu belegen, von den Medien weitgehend verschwiegen und von den etablierten Wissenschaftlern als Fälschungen dargestellt.

 

Ich habe dem einen oder anderen von Ihnen bereits Informationen über das Buch "Die Steine von Ica. Protokoll einer anderen Menschheit" gegeben [13]. Aus diesem Buch geht hervor, dass jener Weltbrand, der in vielen Gegenden der Erde durch eine drei bis vier Zentimeter dicke Ascheschicht nachweisbar ist und vor 65 Millionen Jahren das damalige Ökosystem weitgehend zerstörte, der auch das Leben der Saurier auslöschte, möglicherweise nicht durch kosmische Einflüsse zustande kam, sondern durch eine damals gemeinsam mit den Sauriern lebende Menschheit provoziert wurde.

 

Die entscheidenden Funde für diese Annahme sind tausende Steine, die seit den sechziger Jahren in der Nähe der peruanischen Universitätsstadt Ica gefunden wurden. Auf diesen unterschiedlich großen Steinen befinden sich Ritzzeichnungen, die über das Leben dieser Menschheit, über ihren Entwicklungsstand und über ihr Ökosystem informieren. Es gibt Steine, auf denen Menschen und Saurier gleichzeitig zu sehen sind. Es gibt Steine über uns wissenschaftlich Unbekanntes, so z. B. über die Metamorphose der Saurier. Es gibt Steine, auf denen Menschen mit Fernrohren zu sehen sind, auf denen angedeutet wird, dass sie das Fliegen und Organtransplantationen beherrschten usw. Auf einem der Steine ist die damalige Verteilung der Kontinente auf der Erde zu sehen und möglicherweise die Andeutung von Feuer, das die Erde umgibt. Schließlich hat man auch Versteinerungen aus jener Zeit gefunden, u. a. einen Saurierkörper, der mit einem Menschenschädel verschmolzen ist.

 

Aus der Verwitterung der Steine und der Ritzzeichnungen muss man schließen, dass die Steine mit ihren Zeichnungen sehr alt sind. Aus dem gemeinsamen Darstellen von Menschen und Sauriern lässt sich für mich nur der Schluss ziehen, dass die Ritzzeichnungen von Menschen angefertigt wurden, die zur Zeit der Saurier lebten. Und aus der Tatsache, dass diese Ritzzeichnungen auf die Steine überhaupt angebracht wurden, dass also keine anderen – in unserem Sinne modernen – Informationsmittel genutzt wurden, um später lebende Menschheiten zu informieren, könnte geschlossen werden, dass die damalige Menschheit über die ihr bevorstehende Klimakatastrophe, damit auch über die bevorstehende Vernichtung ihrer Kultur Bescheid wusste und mittels der Steine die einzige Möglichkeit sah, Informationen über Dutzende Millionen Jahre weiterzugeben. Erst heute, da auch die Menschheit vor der Vernichtung unserer Zivilisation stehen könnte, sind wir vielleicht aufgeschlossen genug, um die warnende Botschaft unserer Vorgänger zu verstehen.

 

Es entsteht im Zusammenhang mit der Deutung der Existenz der Steine eine weitere Frage: Wieso hatte diese Zivilisation die Möglichkeit und die Zeit, die Ritzzeichnungen anzufertigen? Die Antwort kann mit dem heutigen Wissensstand gegeben werden: Wenn diese Menschheit die Eigengesetzlichkeit der zivilisatorisch verursachten Entstehung einer Klimakatastrophe analog wie unsere Forschung heute kannte, dann wusste sie auch, dass eine Klimakatastrophe bereits Jahrzehnte vor ihrem Stattfinden sicher ist und nicht mehr abgewendet werden kann. Dies resultiert daraus, dass die Emissionen, die von der Menschheit in die Atmosphäre gegeben werden, erst etwa nach 50 Jahren klimawirksam werden, weil die oberen Schichten der Ozeane, die einen erheblichen Anteil der Energie des zusätzlichen Treibhauseffektes speichern, Jahrzehnte brauchen, um diese Energie aufzunehmen. Wir wissen allerdings heute noch nicht, ob unsere Menschheit schon jene kritische Zeitschwelle überschritten hat, nach der es kein Ausweichen vor der bevorstehenden Klimakatastrophe mehr gibt.

 

Damit komme ich zu meinen Schlussbetrachtungen, die die Unwahrscheinlichkeit des Überlebens der Menschheit betreffen. Sie sollen sagen, dass die Hoffnungen für die Menschheit aus heutiger Sicht gering sein dürften, um der Vernichtung zu entgehen, d. h., wenn die Menschheit überhaupt noch eine Chance zum Überleben haben will, dann muss sie sich sehr bald besinnen und entsprechend handeln. Je mehr wir uns aber die Brisanz und die Ursachen unserer Lage bewusst machen, umso größer ist die Chance, noch einen Weg aus der globalen Krise zu finden – falls es nicht schon zu spät ist!

 

 

7. Schluss: Zur Unwahrscheinlichkeit unseres Überlebens

 

Die Kernproblematik der ökologischen Krise ist allein dadurch schon so brisant und schwierig zu bewältigen, weil sie sich in mehrfacher Hinsicht vom einzelnen Individuum sehr weit "entfernt" befindet:

Erstens bezieht sich die dominierende Problematik der ökologischen Krise auf die höchste Ebene unseres Ökosystems. Sie hat globalen Charakter und betrifft die Entwicklung der Menschheit, das Ökosystem der Erde sowie das Weltklima insgesamt. Eine solche Problematik kann prinzipiell nur dann grundsätzlich verstanden werden, wenn man die entscheidenden äußeren und inneren Faktoren sowie Wechselwirkungen kennt, die diese Entwicklung bestimmen. Sie ist real nicht überblickbar, und die Veränderungen des globalen ökologischen Gleichgewichts sind für den einzelnen nur bedingt erfahrbar. Um ihre Brisanz zu akzeptieren, bedarf es folglich der Einsicht in wissenschaftliche Zusammenhänge.

 

Zweitens ist die wissenschaftliche Problematik der ökologischen Krise infolge ihrer Komplexität auf absehbare Zeit weder zufrieden stellend erkennbar, noch bestehen ausreichend genaue Möglichkeiten zur Vorausberechnung der Klimaentwicklung. Den Menschen wird auf diese Weise die prinzipielle Nichtbeherrschbarkeit der Natur durch den Menschen vor Augen geführt.

 

Drittens werden die Fehlwirkungen produktiven und konsumtiven menschlichen Verhaltens erst nach Jahrzehnten klimawirksam, was die Gefahr zu später Reaktion zur Bekämpfung der Ursachen der ökologischen Krise außerordentlich vergrößert.

 

Viertens müsste die Beseitigung der Ursachen der ökologischen Krise in einem gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang vollzogen werden, der für alle Menschen neu sein wird. Es ist für die allermeisten Menschen nur sehr schwer oder gar nicht nachvollziehbar, dass es ein funktionstüchtiges gesellschaftliches Leben ohne die in vieler Hinsicht so erfolgreiche Marktwirtschaft geben kann.

 

Fünftens muss die Menschheit auf die Zuspitzung der ökologischen Krise reagieren, noch bevor sich ihre Widersprüche maximal zugespitzt haben. Die Menschheit wird vermutlich jenen Zeitpunkt nicht herausfinden können, dessen Verpassen für die Menschheit ein "zu spät" bedeutet, also jenen Zeitpunkt, ab dem das Naturgeschehen bis zur Klimakatastrophe seinen Verlauf nimmt, ohne dass eine Möglichkeit besteht, die Vernichtung der Menschheit zu verhindern.

 

Aus den genannten Gründen ist die Verhinderung der Klimakatastrophe ohne eine außerordentlich intensive wissenschaftliche und politische Aufklärung sowie ohne zügige Vorbereitung der Menschheit auf einen notwendigen gesellschaftlichen Wandel, eben auf die Schaffung einer ökologisch orientierten Gesellschaft in hohem Maße unwahrscheinlich. Es könnte vielmehr wahr werden, dass die Menschheit trotz ihrer hoch entwickelten Technik ihr gesellschaftliches Unterentwickeltsein und ihre prinzipielle Hilflosigkeit einsehen muss.

 

Es spricht also sehr wenig für eine mögliche Verhinderung der Klimakatastrophe. Im Gegenteil: Viele Menschen sind über ihren Glauben auf einen Weltuntergang vorbereitet. Entsprechend dem Glauben wäre dieser sogar "normal", wird er doch in ihren Religionsgemeinschaften seit langem gelehrt. Auch in der Bibel wird die Apokalypse vorausgesagt. Vor kurzem fand ich in einer Leserzuschrift von einem Herrn Dr. Horst Wegmann aus Trier folgenden interessanten Gedanken, der auf die Gefahren dieser Voraussagen hinwies. Ich zitiere: "Ich habe Furcht davor, dass Gefahr als Faszinosum wirkt. Die Vorahnung der Katastrophe kann ein unbewusstes Verlangen nach dieser Katastrophe auslösen, Streben nach dem Nichts, Zerstörungstrieb. Dass der Weg in die Apokalypse verbunden sein kann mit der Vorstellung einer mythischen Erlösung der Menschheit – gerade in Deutschland hat man Erfahrung mit dieser Droge." (Vgl. Neues Deutschland vom 6./7. April 1996, S. 10)

 

Der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburgs, Wolfgang Huber, äußerte sich jedoch zur Gefahr eines ökologischen Kollaps' wie folgt:

 

"Für Christen ist eine Flucht vor diesen Fragen nicht möglich. Denn zu ihrem Glauben gehört der Respekt vor der gleichen Würde aller Menschen wie die Pflicht zur Bewahrung der Natur. Denn Mensch wie Natur gehören zu Gottes Schöpfung. Die ethische Einsicht, die sich daraus ergibt, ist nicht notwendigerweise auf Christen beschränkt. Sie sagt: Wir müssen nach Wegen suchen, der wachsenden Anzahl von Menschen auf der Erde, das Leben zu ermöglichen, ohne die Erde selbst zu zerstören." [07]

 

Ich kann dem nur prinzipiell zustimmen. Andererseits finde ich es schon verblüffend, feststellen zu müssen, dass die Weissagungen der Bibel mit der tendenziellen wissenschaftlichen Voraussicht auf der Basis Marx'scher Denkweise irgendwann zur Übereinstimmung kommen könnten. Was aus den religiösen Schriften allerdings nicht entnommen werden kann, ist der Umstand, dass der Untergang unserer Welt von der Menschheit selbst verursacht werden könnte, dass wir uns auf der Erde ungewollt selbst die Hölle schaffen. Eines dürfte aber in Abwandlung der berühmten Aussage von Michael Gorbatschow meines Erachtens sicher sein: "Wenn die Menschheit zu spät kommt, dann bestraft sie die Natur!"

 

 

 

8. Literaturnachweis

 

[01] "Auch die mittleren Strategien reichen nicht in den Grund". Gespräch mit

       Rudolf Bahro. In: Ziesche, Michael (Hrsg.): Alles wird besser, nichts

       wird gut? - Wege zur ökologischen Wende. AtW 7012,

       Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1995, S. 213 - 226

 

[02] Bahro, Rudolf: Apokalypse oder Geist einer neuen Zeit. edition ost,

       Berlin 1995, 266 S.

 

[03] "CO2-Steuer und Landwirtschaft"

        In: Neues Deutschland vom 09.04.1996, S. 8

 

[04] Grundmann, Werner: Zur Ökonomie einer hoch entwickelten ökologisch

       orientierten Gesellschaft. Vortrag im Oberseminar von

       Prof. Dr. Rainer Mackensen am Institut für Soziologie der   

       Technische Universität Berlin am 15.12.1994, 37 S. (unveröffentlicht)

 

[05] Grundmann, Werner: Ökologisch orientierte politische Ökonomie.

       Sieben Thesen zur ökonomischen Begründung einer hoch entwickelten

       ökologisch orientierten Gesellschaft.  Vortrag im Oberseminar von

       Prof. Dr. Rainer Mackensen am Institut für Soziologie der

       Technische Universität Berlin am 13.07.1995, 28 S. (unveröffentlicht)

 

[06] Grundmann, Werner: Anforderungen an objektivierte

        wissenschaftliche Arbeit. Entgegnung zur Kritik Max Webers an Karl Marx.     

        Vortrag im Oberseminar von Prof. Dr. Rainer Mackensen am

        Institut für Soziologie der Technische Universität Berlin am

        01.02.1996, 21 S. (unveröffentlicht)

 

[07] Huber, Wolfgang: "3500 km bis zum Joghurt. Wege aus der Gefahr

       eines ökologischen Kollapses der Erde" Buchbesprechung in der

       Berliner Zeitung vom 18./19.11.1995, S. 39

 

[08] Interview von Reiner Oschmann unter dem Titel

       "Wir brauchen einen Angstschub" mit Lester R. Brown.

       In: Neues Deutschland vom 14./15.10.1995, S. 9

 

[09] Jäger, Michael: Ökologische Notizen: Wenn wir das nicht tun.

       In: Neues Deutschland vom 06.05.1996, S. 8

 

[10] Lendzian, Margit: CO2- Kohlendioxid.

        Ein Gas hält die Klimaforscher in Atem.

        Film des Bayrischen Rundfunks, ausgestrahlt am 28.02.1996,

        vom Fernsehen des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg

 

[11] Meyers Konversationslexikon. Fünfte Auflage, Dreizehnter Band.

       Bibliographisches Institut, Leipzig und Wien, 1896

 

[12] "Nur Regen kann Feuer in der Mongolei löschen. US-Expertin:

        Mensch und Technik machtlos"

        In: Neues Deutschland vom 31.05.1996, S. 16

 

[13] Petratu, Cornelia; Roidinger, Bernard:

       „Die Steine von Ica. Protokoll einer anderen Menschheit“

        Bettendorf'sche Verlagsanstalt.

        Essen, München, Bartenstein, Venlo, Santa Fe 1994, 272 S.

 

[14] "Schmutzige Ölgeschäfte - Shell in Nigeria"  Dokumentation der BBC.

        Als Fernsehfilm ausgestrahlt vom Zweiten Deutschen Fernsehen

        am 22.05.1996

 

[15] Schönwiese, Christian-Dietrich; Diekmann, Bernd:

       „Der Treibhaus-Effekt. Der Mensch ändert das Klima“

       Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1988

 

[16] Haase, Udo: "Seit zwölf Wochen brennen Wald und Steppe"

       In: Berliner Zeitung vom 01./02.06.1996, S. 8

 

[17] Strohecker, Fritz: "Erst stirbt der Wald ..." Fernsehfilm in zwei Teilen,

       ausgestrahlt vom Fernsehen des Nordeutschen Rundfunks

        am 14. und 21.11.1995

 

[18]  "Der Urwald schluckt Kohlendioxid" Nachrichtenmagazin Focus Nr. 45/1995,

         S. 244

 

[19] Ziolkowski, Gregor: Die Rückkehr eines Unbequemen. Nach langen

        Monaten in der Klinik trat Rudolf Bahro gestern wieder an die Öffentlichkeit

        und präsentierte ein neues Buch. In: Berliner Zeitung vom 16.11.1995, S. 3

 

[20] Bandari, Neena: "Wüstensonne genutzt. Weltgrößter Solarpark in Indien

       geplant" In: Neues Deutschland vom 29.04.1996, S. 8

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