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NachhaltigBWG.doc

 

Werner Grundmann                                                                    Berlin, den 23.02.2008

                              Veröffentlichung am 25.02.2008

 

Kritik des Begriffes Nachhaltigkeit

 

These zur Nachhaltigkeit: Der Versuch, unter kapitalistischen Bedingungen eine nachhaltige Entwicklung zu sichern, kann nicht mehr erbringen, als die tendenzielle Zerstörung der irdischen Lebensgrundlagen zu verzögern. Der Versuch, über einen sozialistischen Weg weltweit Nachhaltigkeit zu erreichen, ist nach den historischen Erfahrungen infolge der wirtschaftlichen Konkurrenz zum kapitalistischen System unrealistisch. Er führte zur Restauration kapitalistischer Verhältnisse. Zudem zeigt die Tendenz der heute wahrnehmbaren Gesamtentwicklung, dass infolge der Überbevölkerung der Erde die weltweite Lösung der sozialen Frage im sozialistischen Sinne das irdische Lebenssystem überfordert. Die dominante Lösung der ökologischen gegenüber der Lösung der sozialen Frage würde aber dem Grundgedanken des Sozialismus widersprechen. Eine weltweite nachhaltige Entwicklung kann wegen der Fehlwirkungen der vorherrschenden Konkurrenzökonomien und der heutigen Lebens- und Produktionsweise folglich weder unter kapitalistischen noch unter sozialistischen Bedingungen erreicht werden. Um das Überleben der Menschheit zu ermöglichen, müssen wir deshalb eine neuartige Entwicklung einleiten, die von einer anderen ökonomischen Denkweise ausgeht.

 

Begründung:

- Die Bestätigung der „These zur Nachhaltigkeit“ leitet sich erstens aus der Beantwortung der Frage ab, ob die ökologische Krise primär systembedingt oder fortschrittsbedingt ist, zweitens aus der Antwort auf die Frage, ob das kapitalistische System weltweit beherrschbar ist oder ob die kapitalistische Entwicklung tendenziell zur Zerstörung der Existenzgrundlagen der Menschheit führt.

 

- Kapitalistische Entwicklung ist Eigenentwicklung, die sich unter der Dominanz des Kapitals im Rahmen des Weltwirtschaftsystems auf der Basis von privatem Eigentum und Besitz unter Konkurrenzbedingungen vollzieht. Diese Eigenentwicklung führt zur Mehrung von privatem und gesellschaftlichem Reichtum, zugleich aber zur weltweiten Verarmung. Sie kann zwar mit eigenen Mitteln durch Eingriffe beeinflusst, aber als Gesamtentwicklung tendenziell nicht aufgehoben werden. Damit ist die Eigenentwicklung des kapitalistischen Systems prinzipiell nicht beherrschbar. Im Gegenteil: Die als „frei“ gepriesene, sich über den Markt regulierende Weltwirtschaft erzeugt einen Bumerang! Weil sich wirtschaftende Unternehmen auf marktrelevante Erzeugnisse und Leistungen beschränken, weil sie zugleich auf Kosten der nicht marktgebundenen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens agieren, weil sie Natur verbrauchen und durch die Individualisierung der Menschen eine die Natur belastende Lebensweise erzeugen, weil sich die Unternehmen zu Lasten der Natur bereichern, ohne dass dies weltweit verhindert werden kann, zerstören sie durch ihr Profit- und Gewinnstreben tendenziell die eigenen Existenzgrundlagen und die der gesamten Menschheit. Auf diese Weise wird das Kapital auch ohne Diktatoren zum absoluten Herrscher über die Menschheit.

 

- Wer davon ausgeht, dass die ökologische Krise allgemein fortschrittsbedingt ist, schaue sich die derzeitige Entwicklung in der chinesischen Volkswirtschaft an, die in Konkurrenz zur kapitalistischen Markwirtschaft nicht nur zur Kapitalisierung und zu starker Ausbeutung geführt hat, sondern zugleich zu extremer Schädigung und Belastung der eigenen und der irdischen Lebenswelt. Insofern schließt der große Wirtschaftsaufschwung der Volksrepublik China zugleich eine Bereicherung zu Lasten der Nachwelt ein. Die Volksrepublik China entwickelt sich schleichend von einer vorgeblich „kommunistischen“ zu einer Bereicherung- und Verarmungsgesellschaft im umfassenden Sinne – so wie dies die kapitalistischen Staaten weltweit vorleben!

 

- Das Scheitern des „real existierenden“ Sozialismus in Europa und Asien zeigt, dass die sozialistische Planwirtschaft in Konkurrenz zur kapitalistischen Marktwirtschaft auf unterschiedliche Weise zur Restauration kapitalistischer Verhältnisse zurückführt. Die Ursache liegt in der Konkurrenzfähigkeit der „freien“ globalisierten Marktwirtschaft. Zum Zwecke privater und gesellschaftlicher Bereicherung ermöglicht sie weltweit die Ausbeutung von Menschen, die Ausplünderung natürlicher „Ressourcen“ und die Belastung der irdischen Lebenswelt.

 

- Durch die an die kapitalistische Wirtschaft angepasste Ökonomie geriet auch die Planwirtschaft in eine ökologische Falle. Heute wird dies insbesondere in Russland deutlich. Machterhalt und Reichtum sind in Russland in hohem Maße an die Erschließung und Verwertung eigener Erdöl- und Erdgasvorkommen gebunden. Auch Hugo Chavez nutzt in Venezuela die Erdölressourcen des Landes, um seine politischen Ziele zu erreichen. Doch in beiden Fällen bedeutet die Sicherung der Macht zugleich eine Verschärfung der ökologischen Krise.

 

- Hinter der dargelegten Problematik verbirgt sich die Gleichsetzung von Ökonomie und Wirtschaftlichkeit! Um als Menschheit zu überleben, brauchen wir eine zur Wirtschaftlichkeit gegensätzliche Ökonomie, die nicht an Geld gebunden ist und dem beschleunigten Naturverbrauch entgegenwirkt. Unser Naturverbrauch äußert sich im Warenüberfluss in den Konsumtempeln der „reichen“ Länder einerseits und in der Armut und dem Hunger besonders in den Ländern der Dritten Welt andererseits! Deshalb brauchen wir eine Ökonomie, die keine Wegwerfideologie kennt. Eine solche Ökonomie sollte im Sinne rationeller Bedürfnisbefriedigung verstanden werden. Es gilt, den gesunden Menschenverstand im ökonomischen Denken und Verhalten durchzusetzen!

 

- Wer den sozialistischen Weg weiter gehen will, muss sich beantworten, ob für ihn weiterhin das „ökonomische Grundgesetz“ im Sinne der „ständig besseren Befriedigung der materiellen und kulturellen Bedürfnisse“ gelten soll und wie er gedenkt, das Primat der Lösung der sozialen Frage trotz der fortgeschrittenen Zerstörung der irdischen Lebensgrundlagen weltweit aufrecht zu erhalten. Er sollte sich fragen, ob auf der Basis der heutigen Produktionsweise bereits die weltweite Lösung der sozialen Frage zum ökologischen Kollaps führen könnte. Er sollte sich auch fragen, wie die Sozialisten in Konkurrenz zur Marktwirtschaft zu besseren Lösungen finden könnten als ihre gescheiterten Vorgänger und welche Stellung die Lösung der ökologischen im Vergleich zur Lösung der sozialen Frage einnehmen sollte. Ist mit der Lösung der sozialen Frage bereits der „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ erreicht? Welche „sozialistische“ Ökonomie kann zum Ziel führen, ohne dass sich die Sozialisten weiter an der Verschärfung der ökologischen Krise beteiligen? Und was unternehmen die Sozialisten in den kapitalistischen Ländern, damit die Klimakatastrophe prinzipiell verhindert werden kann? 

 

- Von welchem theoretischen Fundament gehen die „Sozialisten des 21. Jahrhunderts“ aus? Setzen sie bei Lenin neu an oder bei Marx? Oder wird an einem neuen theoretischen Fundament gearbeitet? Ist die Marxsche Lehre der historischen Abfolge von ökonomischen Gesellschaftsformationen ad acta gelegt? Oder ist der Weg, jener Kampf um die „Nachhaltigkeit“, das Ziel?

 

- Die Nachhaltigkeit könnte sich als verzögerte Negativentwicklung erweisen! Wir bremsen so lang und so stark, damit uns die apokalyptische Katastrophe nicht mehr betrifft! Nach uns die Sintflut oder richtiger: nach uns der Weltbrand! Der Gedanke, unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen eine nachhaltige Entwicklung tatsächlich erreichen zu können, ist in höchstem Maße fragwürdig! Er resultiert offenbar aus einer prokapitalistischen oder auch aus einer prosozialistischen Denkweise. Doch Konkurrenzökonomien jeglicher Form verschärfen tendenziell die ökologischen Krise, d. h., die ökologische Krise ist gesellschaftlich bedingt!

 

- Wenn Konkurrenzökonomien mit der Sicherung von Nachhaltigkeit unvereinbar sind, wenn zudem der sozialistische Weg unter Nutzung einer Konkurrenzökonomie zur Restauration kapitalistischer Verhältnisse führt, wird auch der Grundgedanke des Wissenschaftlichen Sozialismus fragwürdig. Dies ist aber insofern nicht verwunderlich, weil die Sozialisten die Existenz der ökologische Krise von Anfang an und während des gesamten 20. Jahrhunderts verdrängt haben und statt dessen von der Beherrschbarkeit der Natur sprachen, und dies obgleich Karl Marx in seinen „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844“ den Kommunismus als „die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen“ bezeichnete (vgl. MEW, Ergänzungsband, Erster Teil, Berlin 1968, S. 536). Weil Karl Marx in seinem Spätwerk nicht zur „Naturfrage“ zurückfand, haben seine vermeintlichen geistigen Erben in Verabsolutierung seines philosophischen, historischen und ökonomischen Werks, den „Marxismus“, zur vorgeblich eigenständigen Wissenschaft erklärt und über 150 Jahre lang die Erweiterung der von Marx und Engels geschaffenen wissenschaftlichen Grundlagen für eine nachkapitalistische Ordnung unter Einbeziehung der ökologischen Problematik versäumt.

 

- Doch damit fanden die Marxisten und die Marxisten-Leninisten auch nicht zur Konsequenz, den Kapitalismus im umfassenden Sinne als Bereicherungs-, Ausbeutungs-, Verarmungs- und Selbstvernichtungsgesellschaft zu beschreiben. Es war ein schwerwiegendes Versäumnis, die Bereicherung durch die Ausplünderung und Belastung der Natur, also die Verarmung unserer Lebensgrundlagen, als gesellschaftspolitische Problematik zu negieren! Wir alle, ob unter kapitalistischen oder sozialistischen Bedingungen, lebten und leben auf Kosten nachfolgender Generationen!

 

- Aus den genannten Gründen folgt, dass – wie Oskar Lafontaine auf dem Gründungsparteitag der LINKEN im Juni 2007 betonte – die Systemfrage durch die ökologische Frage gestellt wird. Entweder wir finden einen Weg zur weltweiten Ablösung des kapitalistischen Systems von innen oder wir gehen mit ihm unter!

 

- Aus den Darlegungen folgt weiter, dass die Begriffe Nachhaltigkeit und Sozialismus im Parteiprogramm der LINKEN gemieden werden sollten. Besser wäre es, von der schrittweisen Schaffung einer nachkapitalistischen Ordnung zu sprechen, von einer langfristig anzustrebenden Weltgemeinschaftsordnung unter einheitlicher Lösung der ökologischen und sozialen Frage. Und wir sollten uns in Anbetracht des fortschreitenden Klimawandels klar dazu bekennen, dass die Bewältigung der ökologischen Krise aus existenziellen Gründen alles andere dominieren muss.

 

- Von der Sicherung der Nachhaltigkeit unter den Bedingungen des dominanten Wirkens von Konkurrenzökonomien und im Wissen um die tendenzielle Zerstörung unserer Lebensgrundlagen zu sprechen, hat demagogischen Charakter. Nicht die Formen des Eigentums und Besitzes, nicht die Staatsformen und die Entwicklung der Demokratie sind letztlich für den Trend der negativen Gesamtentwicklung ausschlaggebend, sondern die angewandten Ökonomien, die den jeweiligen Trend bestimmen.

 

- Um den selbstzerstörerischen Trend aus dem Wirken der Konkurrenzökonomien zu vermindern, sind einerseits Gegenmaßnahmen im Sinne von Dekapitalisierung erforderlich. Zu diesen Maßnahmen gehören das Aufheben von Besitz an Natur zum Zwecke der Bereicherung, die Verstaatlichung bzw. Kommunalisierung von Betrieben der öffentlichen Daseinsfürsorge sowie von Banken, die durch Spekulationen die Gesellschaft geschädigt haben, ferner die Änderung von Gesetzen, die bisher Privatinteressen bevorzugten, und das Verbot von Waffenexporten. Andererseits gilt es, im Rahmen der gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen eine sich selbst tragende Entwicklung zu initiieren, die von einem neuen ökonomischen Verständnis ausgeht, wobei Ökonomie als wahre Ökonomie nicht gewinnorientiert, sondern bedürfnisorientiert verstanden und generell vom Grundgedanken der Gemeinschaftlichkeit im höchstmöglichen Sinne ausgegangen wird, einschließlich der Gemeinschaftlichkeit mit der Natur als unsere Existenzgrundlage. Im Rahmen des Gemeinschaftsdenkens wären die entscheidenden Begriffe (eingeschränkter) Gemeinbesitz an Natur, Gemeineigentum und Gemeinschaftsökonomie im Sinne rationeller Bedürfnisbefriedigung. Um jene sich selbst tragende Entwicklung mit den Ziel der Schaffung einer nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung einzuleiten und schrittweise anzustreben, könnte mit der Schaffung von Zellen der Gemeinschaftsökonomie begonnen werden.

 

 

Eine Begründung für den Aufbau einer nachkapitalistischen Ordnung kann in den

Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung“

nachgelesen werden. Diese „Berliner Thesen“ vom 4. Oktober 2007 sind im Umfang von 70 Seiten zum Download über

http://www.bwgrundmann.de/btorig1.htm

verfügbar, ebenso auf zehn Seiten die „Erkenntnisse aus den Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung“

http://www.bwgrundmann.de/erk_bt.htm.

 

Die „Erkenntnisse aus den Berliner Thesen …“ liegen seit dem 21.02.2008 zum Download auch als Übersetzungen in englischer und deutscher Sprache vor:

http://www.bwgrundmann.de/BTErkEngl1.htm

 

http://www.bwgrundmann.de/BTErkFrz1.htm

 

Dipl.-Wirtsch.-Math. Werner Grundmann

wbgrundmann@online.de

 

 

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