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MarcoBuelow1BWG.doc                 abrufbare Veröffentlichung am 31.07.10

 

 

Werner Grundmann                                             Berlin, den 21. Juli 2010

…….

 

Herr

Marco Bülow

SPD-Fraktion im Bundestag

Platz der Republik 1

11011 Berlin

 

 

Zu den theoretischen Grundlagen für das Dreierbündnis R2G

 

Sehr geehrter Herr Bülow,        

seit Monaten verfolge ich mit großem Interesse die Bemühungen zur Schaffung eines Dreierbündnisses aus SPD, Linkspartei und den Grünen.  Ich kenne den „Aufruf für Rot-Rot-Grün“ vom 23. Januar 2010 aus dem Internet und begrüße die Absichten, „inhaltliche Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten“ und „kritische Wissenschaftler/innen einzubeziehen“. „Es geht um neue Ideen für die Energiewende, die ökologisch alternativlos ist und Versorgungssicherheit garantiert, Verbraucherinteressen berücksichtigen muss und regional verankert sein sollte“, es geht um „mehr direkte Demokratie“, um die „Demokratisierung des Bildungs- und Wirtschaftssystems“ und um „eine durchgreifende ökologische Erneuerung“. Die Initiatoren freuen sich „auf konstruktive Diskussionen“!

 

Ausgehend vom Aufruf zur Gründung des Vereins Institut Solidarische Moderne vom 31. Januar 2010 hatte mich am 3. März 2010 mit einem dreiseitigen Postbrief und zwei Anlagen über meine Ergebnisse der Suche nach einer ökologisch orientierten Ökonomie zunächst an Prof. Dr. Stephan Lessenich, einem der Gründungsmitglieder, gewandt. Aus seiner E-Mail-Antwort vom 5. März 2010 konnte ich entnehmen, dass er Informationen aus meinem Schreiben an Dr. Hermann Scheer weitergeleitet hat.

 

Auf der Seite 6 der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung vom 17./18. Juli 2010 erschien nunmehr der Bericht Vorkämpfer im linken Lager. Junge Abgeordnete von SPD, Grünen und Linkspartei wollen ein Dreierbündnis vorbereiten. Sein Inhalt war Anlass für mich, die drei im Artikel genannten Bundestagsabgeordneten und Sprecher/innen des ISM grundsätzlich über meine langjährigen Forschungsergebnisse zu informieren. Ich meine Sie, Marco Bülow, ferner Gerhard Schick von den Grünen und Katja Kipping von den LINKEN. Mein Postbrief an Katja Kipping ging mit zwei Anlagen bereits am 21. Juli 2010 auf die Reise.

 

Zu den drei Schreiben hat mich auch ein Zitat von Albert Einstein ermutigt. Sinngemäß äußerte er, dass sich die Probleme, die es in der Welt gibt, nicht der gleichen Denkweise lösen lassen, die sie erzeugt haben. Wenn wir diese Erkenntnis auf die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse übertragen, die von der gewinn- und profitorientierten Privatökonomie (Friedrich Engels) in weltweiter Konkurrenz beherrscht werden, dann könnte man folgern: Wir brauchen eine andere Ökonomie, die eine andere Denkweise erzeugt, die das Gegeneinander abweist und das Miteinander unterstützt! Doch eine solche Gemeinschaftsökonomie bedarf einer theoretischen Begründung, und sie muss von Menschengemeinschaften gewollt und bewusst genutzt werden. Die betreffenden Menschen sollten meines Erachtens keine „Aussteiger“ aus der Gesellschaft sein, auch keine Revolutionäre im hergebrachten Sinne; sie sollten vielmehr im Rahmen der gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen auf demokratische Weise alle Mittel erschließen und nutzen, um nachzuweisen und vorzuleben, dass es eine natürliche Form bedürfnisorientierter Ökonomie gibt, deren breite Nutzbarmachung schrittweise über Jahrzehnte das Überleben der Menschheit sichert. Diese „neue“ Ökonomie könnte zur Grundidee für jenes Logo werden, das sich das ISM gegeben hat. Im Sinne der „Ausstrahlung von Dynamik, Energie und Kreativität“ würde das Logo „den Impuls darstellen, der von“ dieser „neuen Idee ausgeht“.

 

In meinem Brief vom 3. März 2010 an Professor Dr. Lessenich heißt es u. a.:

>>  Obgleich ich den Anstoß des Vereins für „einen gesellschaftlichen Diskurs“ außerordentlich unterstütze, fällt es mir in Anbetracht der gewählten generellen Zielstellung im wissenschaftlichen Sinne schwer, einige jener Begriffe zu akzeptieren, die vom Verein als grundlegend gewählt wurden. Hinzukommt, dass der Verein mit seinen Fragestellungen sehr weit ins Detail geht, zugleich aber die existenzielle irdische Gesamtproblematik auf die (menschliche) Gesellschaft einengt. Doch die erhobene Forderung nach Anwendung einer ökologischen Ökonomie muss selbstverständlich von der Erhaltung unserer Lebenswelt insgesamt ausgehen, d. h. vom gesamten irdischen Ökosystem! Aus diesem Grunde halte ich auch den Begriff Umwelt für fragwürdig, weil er egozentrisch den Menschen in den Mittelpunkt stellt, anstatt die Menschen von vornherein in ihre zu erhaltende Lebenswelt einzuordnen.

 

Aus der von mir vorgeschlagenen erweiterten Gesamtbetrachtung erwachsen wesentliche Konsequenzen für das gesamte Herangehen:

  1. Die Begriffe solidarisch und gerecht werden für den erweiterten Rahmen fragwürdig, weil sie sich nur auf Menschen beziehen und nicht auf das gesamte irdische Leben. Im Extremfalle folgt aus der Begriffsverwendung: Wenn wir vor dem Kollaps unseres Ökosystems bzw. vor der Klimakatastrophe stehen und gar gezwungen sind, unsere letzten (natürlichen) Ressourcen zu verbrauchen, dann muss es wenigstens „solidarisch“ und „gerecht“ zugehen. Die Menschheit soll bis zum bitteren Ende zusammenstehen! Doch sind die „Ressourcen“, einschließlich des Sauerstoffs der Luft, nur für die Menschen da? Ist der Begriff gemeinschaftlich nicht zweckmäßiger und umfassender? Vielleicht eröffnet dieser Begriff den Weg zu einer neuen Denk -und Herangehensweise?
  2. Geht es nur um einen neuen Politikentwurf oder um einen neuen Gesellschaftsentwurf, dessen Realisierung neue Politik erfordert? Darf die „ökologische Ökonomie“ gewinnbringend zu Lasten der Natur sein? Ist eine solche Ökonomie innerhalb der Marktwirtschaft überhaupt realisierbar? Muss sie nicht primär bedürfnisorientiert ausgerichtet sein und auch von jenen Bedürfnissen ausgehen, die marktwirtschaftlich nicht relevant sind, einschließlich unseres Überlebensbedürfnisses?
  3. Reicht der Begriff der Moderne für die vorgeschlagene erweiterte Betrachtung aus? Kann ein modernisierter Kapitalismus überhaupt die existenziellen Probleme der Menschheit lösen? Sollten wir nicht vielmehr schrittweise eine Gemeinschaftsordnung im umfassenden Sinne anstreben, die primär gemeinschaftlichen Besitz zur Grundlage hat, die die Natur von vornherein einbezieht und zugleich die „ökologische Ökonomie“ nutzt? Brauchen wir statt einer „Moderne“ nicht vielmehr neue Strukturen, die nach den Erfordernissen der „ökologischen Ökonomie“ leben und arbeiten? Existieren bereits Vorbilder derartiger Strukturen?
  4. Ist lebendige Demokratie unter der Dominanz der heute vorherrschenden Privatökonomie überhaupt realisierbar, oder bedarf es jener neuen Strukturen? Volle Demokratie kann es doch wohl nur unter gemeinschaftlichen Bedingungen geben!

 

Es stellen sich weitere prinzipielle Fragen. Doch die Kernfrage dürfte sein, was unter der „ökologischen Ökonomie“ bzw. unter „Ökonomie“ allgemein zu verstehen ist. Ihre Beantwortung setzt meines Erachtens voraus, die Gleichsetzung von Ökonomie und Wirtschaftlichkeit zu überwinden und von einer Ökonomie im Sinne der rationellen Befriedigung vor allem der Grundbedürfnisse auszugehen. Zu diesen Bedürfnissen gehört auch eine gesunde „Umwelt“, d. h., wahre Ökonomie sollte von vornherein auch ökologisch orientiert sein. Ihren Anforderungen zu entsprechen, ist unter gemeinschaftlichen Bedingungen am besten möglich. Dies schließt die Natur ein, denn auch innerhalb der Natur gibt es – unabhängig vom Menschen – im dargelegten Sinne ökonomisches Verhalten! Deshalb sollten wir der gewinnorientierten Privatökonomie die bedürfnisorientierte Gemeinschaftsökonomie gegenüberstellen! Die Gemeinschaftsökonomie könnte die Grundform aller Ökonomien sein. Sie ist nicht von vornherein an Wertformen gebunden und wird unbewusst selbst innerhalb einer Familie „angewandt“! Bereits Aristoteles erkannte die Existenz zweier Ökonomien! Karl Marx verwies darauf in einer längeren Fußnote im „Kapital“, Bd. 1, S. 167. Doch die Linken haben dies ein Jahrhundert lang „übersehen“ und in abgewandelter Form die Konkurrenzökonomie der kapitalistischen Marktwirtschaft übernommen, um – unter Verschärfung der ökologischen Krise – daran zu scheitern! <<

 

Den Schlüssel für die Akzeptanz einer zweiten Ökonomie fand ich nach meinem Studium an der Karl-Marx-Universität Leipzig während meiner Tätigkeit an der Bauakademie der DDR im Rahmen von Untersuchungen zur Städtebauökonomie. Bereits in den siebziger Jahren kam ich bei der Analyse der Strukturen mittelalterlicher bürgerlicher Städte auf den Gedanken, dass sich hinter der rationellen Gestaltung und Sicherung der Bürgerstädte eine eigenständige ökonomische Denk- und Handlungsweise verbarg. Diese „Städtebauökonomie“ dominierte die wirtschaftlichen Interessen der Kaufleute und Handwerker. Sie erwuchs offenbar aus dem existenziellen Interesse aller Bürger der jeweiligen Stadt, vor allem aus dem Bedürfnis des Schutzes nach außen! Über die Städtebauökonomie kam ich zur Ökonomie der Reproduktion und zur Ökonomie der Renaturierung – bis ich in der Nachwendezeit zu einer fast banalen Definition von Ökonomie fand.

 

Ein wichtiger Zwischenschritt auf der Suche nach einer ökologisch orientierten Ökonomie war ein Vortrag, den ich im Rahmen des Wissenschaftler-Integrationsprogramms am 27. Juni 1996 im Oberseminar von Prof. Dr. Rainer Mackensen im Institut für Soziologie an der Technischen Universität Berlin Zur Nichtbewältigung der ökologischen Krise unter marktwirtschaftlichen Bedingungen hielt:

http://www.bwgrundmann.de/Nichtbewaeltigung.htm

 

Die Unterscheidung nach beiden Ökonomien erwies sich als Voraussetzung, um den gesellschaftlichen Ursachen der ökologischen Krise und damit dem Klimawandel auf den Grund zu gehen. Über die Gemeinschaftsökonomie fand ich zu ersten Grundgedanken für eine nachkapitalistische (und nachsozialistische) Gemeinschaftsordnung. Die konzeptionelle Begründung für diese Ordnung liegt in der überarbeiteten und erweiterten Fassung seit April 2010 auf 83 Seiten in den Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung zum Herunterladen vor:

http://www.bwgrundmann.de/BT2010.htm ,

ebenso die meinem Schreiben beigefügten 13 Seiten der Erkenntnisse aus den Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung:

http://www.bwgrundmann.de/BT2010Erk.htm

 

Die Menschheit ist noch in der vorherrschenden „Ökonomie“, ist im Wirtschaftlichkeitsdenken gefangen! Doch wer wirtschaftet, agiert zum eigenen Nutzen, auf Kosten anderer und zu Lasten unserer Lebenswelt, tendenziell aber gegen die Überlebensinteressen der Menschheit! Je mehr die Wirtschaft „wächst“, umso mehr verbraucht sie Natur, umso weniger wächst in der Natur! Wir müssen vor allem der privaten Bereicherung zu Lasten der Natur ein Ende setzen und die Natur wieder wachsen lassen. Deshalb könnte die „neue“ Ökonomie überlebenswichtig sein!

 

Meine Bemühungen, einen links orientierten Verlag zu gewinnen, um die Berliner Thesen gedruckt zu veröffentlichen, hatten bisher keinen Erfolg. Das könnte auch daran liegen, weil ich im Rahmen der einheitlichen ökonomischen Lösung der sozialen und der ökologischen Frage aus existenziellen Gründen der Bewältigung der ökologischen Krise das Primat zuerkenne, woraus Zweifel an der Grundidee des Sozialismus erwachsen. Zurzeit sehe ich nur die Möglichkeit, über einen Eigenverlag die Berliner Thesen drucken zu lassen.

 

Die Berliner Thesen sind einigen führenden Politikern der LINKEN zumindest in der Fassung vom Oktober 2007 bekannt. Die Reaktionen waren weitgehend zurückhaltend. Am meisten Unterstützung fanden sie bei André Brie, bei Prof. Dr. Wolfgang Methling und bei Oskar Lafontaine. André Brie ließ als Europa-Abgeordneter die zehn Seiten der „Erkenntnisse …“ zum Stand von Oktober 2007 Anfang des Jahres 2008 ins Englische und ins Französische übersetzen. Oskar Lafontaine kam – vermutlich nach der Durchsicht der Thesen – zum Ergebnis, dass die Systemfrage durch die Umweltfrage gestellt werde. Wolfgang Methling ermöglichte mir nach Kenntnis der Berliner Thesen am 21.06.08, über die „Nutzung der Raumenergie“ in der BAG Umwelt-Energie-Verkehr der LINKEN im Berliner Abgeordnetenhaus vorzutragen.

 

Dem Brief lege ich als zweite Anlage die Informationen zur Nutzbarmachung der Raumenergie vom 21. Januar 2010 bei, abrufbar unter:

http://www.bwgrundmann.de/REInfo210110.htm

Den Begriff Raumenergie vermisse ich auf Ihrer Homepage. Raumenergie wäre nach der Entwicklung entsprechender Konverter ständig und überall unbeschränkt verfügbar und deshalb mehr als eine „erneuerbare Energie“. Vielleicht weisen Sie meine Ausführungen nach dem ersten Überblicken als zu phantastisch zurück. Und doch arbeiten seit Jahrzehnten hunderte Wissenschaftler und Ingenieure mit ersten Erfolgen an der Nutzbarmachung dieser bisher unterdrückten Form der fast kostenlosen, umweltneutralen Energiegewinnung. Die breite Nutzbarmachung der Raumenergie ginge konform mit dem Grundgedanken der „neuen“ Ökonomie. Den beiden gegensätzlichen Ökonomien entspricht die Nutzung systemimmanenter und systemfremder Energiearten.

 

Zu meiner Person: Ich bin Jahrgang 1937, geboren in Gornau/Erzgebirge, Abitur in Zschopau, Abschluss als Dipl.-Wirtschaftsmathematiker an der Karl-Marx-Universität Leipzig im Jahre 1960. Danach fast 30 Jahre an der Bauakademie der DDR. Nach der Wende im Rahmen des Wissenschaftler-Integrationsprogramms an der Technischen Universität Berlin, Institut für Soziologie. Seit dem Jahre 2000 bin ich berentet und als Einzelwissenschaftler tätig.

 

Ich bitte Sie, meine Ergebnisse kritisch zur Kenntnis zu nehmen, ggf. an ihrer Verbreitung mitzuwirken, erwarte jedoch keine inhaltliche Stellungnahme, würde mich aber freuen, wenn Sie den Erhalt meines Briefes bestätigen.

                                       

Mit solidarischen Grüßen

 

Werner Grundmann                                                            Zwei Anlagen

 

 

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