Postbrief vom 12.10.1995 an Rainer Mackensen, Falkensee       Veröffentlicht am 19.06.2007

 

 

 

Werner Grundmann                                                         Berlin, den 12.10.1995

              (Durchsicht und geringfügige Korrekturen am 18./19.06.2007)

 

Herrn

Prof. Dr. Rainer Mackensen

Falkensee

 

Sehr geehrter Herr Prof. Mackensen,

                                                      für Ihren inhaltsreichen, wohlgemeinten Brief vom 21.07.95 möchte ich mich nochmals außerordentlich bedanken. Ich halte es für gut und richtig, daß Sie sich "das Wichtigste von der Seele geredet" haben. Der Brief dient in der Tat unserem besseren gegenseitigen Verstehen und forciert zugleich meine Selbstverständigung. Dennoch ist mir bewußt, daß meine Antwort – ausgehend von der Kompliziertheit der von Ihnen angedeuteten Probleme und infolge des starken geistigen Auseinanderlebens zwischen den ostdeutschen und den westdeutschen Wissenschaftlern – in hohem Maße unzureichend bleiben muß. Je tiefer ich in die in Ihrem Brief behandelte Problematik eindringe, umso deutlicher empfinde ich diesen großen geistigen Abstand. Nach vielen kleinen Schritten gedanklicher Arbeit und der Durchsicht verschiedener Veröffentlichungen aus Ost und West bin ich nunmehr so weit, zumindest eine von Emotionen weitgehend befreite Antwort auf Ihren Brief zu geben.

 

Nach mehrmaligem Durchlesen und Durchdenken des Briefes wurde mir bald klar, daß eine befriedigende Antwort eigenständige wissenschaftliche Arbeit voraussetzen würde. Einerseits fehlten und fehlen mir Kenntnisse zu den aufgeführten Problemkreisen, andererseits mußte ich mir zu einigen grundsätzlichen Fragen selbst einen eigenen bzw. einen erweiterten wissenschaftlichen Standpunkt erarbeiten. Dies betraf auch den Gegenstand der Soziologie.

 

Meine bisherige Auffassung zum Gegenstand der Soziologie war auf empirische Weise entstanden, insbesondere ausgehend von dem, was sich aus Berichten über soziologische Untersuchungen und aus verallgemeinerten Beiträgen im Oberseminar ableiten ließ. Danach sah ich den Gegenstand der Soziologie in der Untersuchung des sozialen Verhaltens von Menschen sowie in der Verallgemeinerung der dabei gewonnenen Erkenntnisse. Daß der Gegenstand der Soziologie in Ost und West seit über 30 Jahren auch in der Untersuchung gesamtgesellschaftlicher Erscheinungen und Prozesse gesehen wird, verwunderte mich sehr. Ich sah mich plötzlich mit dem schwierigen Problem konfrontiert, als Nichtsoziologe und aus meiner spezifischen Sicht sowohl zur "marxistischen" als auch zur "bürgerlichen" Soziologie eine Auffassung zu erarbeiten und dabei dennoch Objektivität zu wahren. Aber welche allgemeinen Anforderungen waren zu erfüllen, um dem zu entsprechen? War  es in der bisherigen Geschichte der Menschheit – ganz gleich unter welcher Herrschaftsform – nicht stets so gewesen, daß die Ausrichtung der wissenschaftlichen Arbeit, die Akzeptanz und die Nutzung ihrer Ergebnisse stets den subjektiven Interessen der Herrschenden untergeordnet wurden? War es unter den Wissenschaftlern nicht weit verbreitet, sich ihrerseits in der Wahl der Forschungsthemen und in der Darlegung ihrer Forschungsergebnisse den Forderungen der Herrschenden anzupassen? Es gab ja in den meisten Fällen auch gar keine andere als diese Möglichkeit, da die Herrschenden zugleich auch über den Einsatz der Forschungsmittel entschieden! Von ihnen hing es letztlich ab, ob wissenschaftliche Schulen gefördert, toleriert, negiert, untergraben oder gar bekämpft wurden. Nur wenigen Wissenschaftlern gelang es in ihrer Zeit, sich dieser Bevormundung zu entziehen.

 

Ich habe mich also – soweit ich dies aus meiner Perspektive übersehen konnte – erstens bemüht, den wesentlichen Unterschied der Auffassungen der "bürgerlichen" und der "marxistischen" Soziologen zum allgemeinen Gegenstand der Soziologie herauszufinden; zweitens interessierten mich jene Anforderungen, die von den Gesellschaftswissenschaftlern bzw. Gesellschaftstheoretikern erfüllt werden müßten, um – unabhängig von realen gesellschaftlichen Machtstrukturen – Objektivität in der gesellschaftswissenschaftlichen Arbeit zu sichern.

 

Nach Einblick in verschiedene Veröffentlichungen sehe ich den entscheidenden Unterschied der Herangehensweise der "bürgerlichen" und der "marxistischen" Soziologie in der Einbeziehung bzw. Nichteinbeziehung des Marxschen Entwicklungsgedankens. Während, wie Rudi Weidig schreibt, die "marxistisch-leninistische Soziologie ... die komplexen sozialen Zusammenhänge, Gesetzmäßigkeiten und Triebkräfte der Entwicklung der Gesellschaft als Ganzes bzw. von wesentlichen Teilprozessen und sozialen Gruppen der Gesellschaft (erforscht)" ([4], S. 662), beschränkt sich die "bürgerliche" Soziologie auf die Untersuchung der Gegebenheiten der menschlichen Gesellschaft an sich. "Gegenstand ist die Gesellschaft in allen ihren internen und externen Bezügen." ([4], S. 656) Die "bürgerlichen" Soziologen anerkennen zwar die Notwendigkeit der Schaffung einer Gesellschaftstheorie, die "marxistischen" Soziologen betrachten dies aber als nicht ausreichend und fordern darüber hinaus eine Theorie der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, zu der nach ihrer Auffassung Karl Marx mit dem historischen Materialismus die Grundlage gelegt hat. Der Marxsche Entwicklungsgedanke wird von den "bürgerlichen" Soziologen nur bedingt anerkannt, verdrängt oder ignoriert – je nach Auffassung der beteiligten Schulen. Da aber nach Auffassung der Marxisten die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft entscheidend durch die Entwicklung der Produktivkräfte bestimmt und dies von den "bürgerlichen" Soziologen verneint wird, finden die "bürgerlichen" Soziologen – so die Meinung der "marxistischen" Soziologen – aus ihrer Sicht auch keinen Zugang zur Ökonomie. Die "bürgerlichen" Soziologen halten sich an Parsons: "Die Soziologie untersucht zwischenmenschliches Verhalten, das durch soziale Steuerung zu Handeln wird." ([4], S. 719) Günter Endruweit definiert den Begriff Soziologie allgemeiner: "Die Soziologie ist diejenige Sozialwissenschaft, die sich mit sozialen Subjekten, den sozialen Prozessen und den sozialen Katalysatoren beschäftigt." ([4], S. 656) Zum "Zeitbezug der Soziologie" äußert er: "Lediglich bei Untersuchungen zum sozialen Wandel in größerem Maße und bei anderen sozialen Prozessen in kleinerem Umfang kommt ein historisches Element in die Soziologie. Im Kern ist die Soziologie eher ahistorisch ..." (ebd., S. 675). Die Untersuchung der möglichen Existenz und der historischen Abfolge ökonomischer Gesellschaftsformationen im Marxschen Sinne wird damit ausgeschlossen.

 

Zur zweitgenannten Problematik, der Sicherung von Objektivität in der gesellschaftswissenschaftlichen Arbeit war es aus meiner Sicht weitaus schwieriger, entsprechende Anforderungen zu fixieren. Das Bekenntnis und das Bemühen des einzelnen, Objektivität in der wissenschaftlichen Arbeit anzustreben, kann ja von vornherein sehr eingeengt sein, ohne daß dies ihm bewußt zu sein braucht. Zudem wird von vielen Gesellschaftswissenschaftlern angezweifelt, daß Objektivität auf ihren Arbeitsgebieten überhaupt prinzipiell möglich ist. Zur Sicherung gewollter Objektivität halte ich unter den heutigen Bedingungen folgende Anforderungen an die Gesellschaftswissenschaftler (bzw. Gesellschaftstheoretiker) für notwendig:

 

- Sie müßten erstens davon ausgehen, daß gesellschaftswissenschaftliche Forschung unter allen bisherigen gesellschaftlichen Bedingungen prinzipiell an Macht-, Partei- bzw. ökonomische Interessen gebunden war und versuchen durchzusetzen, sich diesen Einflüssen zu entziehen. Die Hintergründe, Mechanismen und Zusammenhänge der subjektiven Beeinflussung von gesellschaftswissenschaftlicher Arbeit sollten selbst Gegenstand der Forschung sein. Die Auseinandersetzungen zu dieser Beeinflussung und zu ihrem Abbau müßten öffentlich vorgenommen werden, um eine breite Basis zur Sicherung unabhängiger Forschungsarbeit sowie um ihre gesellschaftlich gestützte Finanzierung durchzusetzen. Das Recht und die Sicherung unabhängiger gesellschaftswissenschaftlicher Forschung sind demokratisch zu erstreiten!

 

- Die Gesellschaftswissenschaftler dürften in ihrer Arbeit generell keine anderen Ziele verfolgen, als dem Wissenschafts- und Menschheitsfortschritt sowie dem Erhalt der Menschheit und allen höher organisierten Lebens zu dienen. Sie dürften durch ihre wissenschaftliche Arbeit weder besondere finanzielle Vorteile noch Nachteile haben. Ihre Auszeichnung sollte nicht an Preise gebunden sein.

 

- Alle gesellschaftswissenschaftliche Erkenntnis – einschließlich von abgeleiteten sinnvollen Abstraktionen und vorgenommenen Konkretionen – soll letztlich aus der Realität selbst und deren möglicher Veränderung abgeleitet werden. In letzter Konsequenz kann es nur eine wissenschaftliche Wahrheit geben – die der Realität entsprechende.

 

- Der Gedanke der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft im Marxschen Sinne, d. h. der Akzeptanz der ökonomischen Entwicklung als entscheidende Basis der gesellschaftlichen Entwicklung und der historischen Aufeinanderfolge ökonomischer Gesellschaftsformationen, müßte als eine mögliche Geschichtsauffassung akzeptiert werden, was nichts anderes bedeutet, als daß die Möglichkeit und Notwendigkeit der prinzipiellen Veränderung auch der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse sowie der Korrektur bisheriger Vorstellungen zu ihrer Veränderung nicht ausgeschlossen werden.

 

- Sie sollten anstreben, in ihre Untersuchungen die Komplexität aller wesentlichen Einfluß- und Entwicklungskomponenten einzubeziehen. Disziplinäres Denken und Forschen sollten sie zwar als notwendig, aber nicht als ausreichend betrachten.

 

- Sie sollten von der möglichen Dominanz der ökologischen Problematik in der heutigen Phase der Menschheitsentwicklung (also auch von einer möglichen Gefährdung der Existenz der Menschheit) ausgehen.

 

- Schließlich sollten sie für sich akzeptieren, daß ihr Erkenntnisfortschritt vom Entwicklungsstand der menschlichen Gesellschaft selbst abhängig ist, d. h., noch nicht ausreichend Erkanntes muß nicht unwissenschaftlich oder pseudowissenschaftlich sein.

Natürlich wären auch eine Reihe von Voraussetzungen zu schaffen, um eine derartige objektivierte Arbeit zu ermöglichen, z. B. freier Informationszugang und die Schaffung einer internationalen Organisation, etwa durch die UNO, über die die Arbeiten finanziert, Regelungen zur Auswahl der Wissenschaftler erarbeitet und die entscheidenden Forschungsergebnisse in mehreren Sprachen herausgegeben werden.

 

Über die vorgeschlagenen Anforderungen zur Sicherung der Objektivität wäre sicherlich zu streiten. Es dürfte sehr schwierig sein, diesbezüglich in den Auseinandersetzungen zwischen den Wissenschaftlern aus Ost und West Einvernehmen zu erzielen, zumal eine Denkrichtung dabei ist, die andere zu dominieren. Aber das prinzipielle Irren im generellen Herangehen in der wissenschaftlichen Arbeit darf für beide und mögliche weitere beteiligte Seiten nicht ausgeschlossen werden! Ich weiß natürlich, daß es außerordentlich schwierig und langwierig sein dürfte, den obigen oder einen anderen Vorschlag als eine gemeinsame Arbeitsgrundlage durchzusetzen. Viele Wissenschaftler dürften von der Objektivität in ihrer Arbeit überzeugt sein und sich jenen überlegen fühlen, die im anderen Gesellschaftssystem ihre Entwicklung nahmen.

 

Die Möglichkeit des Entstehens von objektivierter Gesellschaftswissenschaft "außerhalb" des offiziellen Gesellschafts-, Wirtschafts- und Wissenschaftsbetriebes schließt leider eine weitere Spaltung der Wissenschaften sowie das Entstehen von Theorien und Disziplinen, die an bestimmte Machtstrukturen, die an private und persönliche Interessen gebunden sind, nicht aus. Eine solche Spaltung könnte jedoch allmählich abgebaut werden, was im Interesse der Menschheitsentwicklung notwendig wäre. Im übrigen dürfte mein Vorschlag auch bei den Gesellschaftswissenschaftlern aus den ehemaligen "sozialistischen" Ländern erst heute Akzeptanz finden, nachdem ihnen die schlimmen Nachwirkungen des Eingriffs der ehemaligen Führungen ihrer Länder in ihre gesellschaftswissenschaftliche Arbeit bewußt geworden sind.

 

Ich bin mir darüber im klaren, daß ich mit meinen "Anforderungen nach Objektivität in der gesellschaftswissenschaftlichen Arbeit" auch bei Ihnen persönlich zumindest teilweise auf Widerspruch stoße und daß eine Reihe Ihrer kritischen Hinweise aus den unterschiedlichen Auffassungen zu diesen Anforderungen resultieren. Vielleicht sehen Sie auch eine Reihe anderer Anforderungen. Hinzu kommt, daß Sie der Auffassung sind, ich würde lediglich eine persönliche und keine solche theoretische Position vertreten, wie sie sich nach einem bestimmten Diskussionsstand in einem Fach herausbildet, so daß nach Ihrer Ansicht für mich die Gefahr bestünde, mich "selbst ins Abseits zu manövrieren". Deshalb möchte ich auch auf einige grundlegende Aspekte meiner Arbeit etwas genauer eingehen und meine Auffassungen den Positionen der von Ihnen und von Herrn Jokisch genannten Autoren gegenüberstellen – natürlich nur aus der spezifischen Sicht meines fachlichen Anliegens. Ich muß mich in diesem Brief zwangsläufig auf die Behandlung einiger weniger Aspekte konzentrieren. Es würde – wie sich in meinen Bemühungen der letzten Wochen gezeigt hat – längere spezifische wissenschaftliche Arbeit erfordern und den Rahmen eines Briefes sprengen, wollte ich auf alle ihre kritischen Hinweise genauer eingehen. Zudem muß ich mich entscheiden, ob gegenwärtig für mich die Auseinandersetzung mit den Positionen der verschiedenen wissenschaftlichen Schulen das Primat hat oder das Vorantreiben meiner eigenen konzeptionellen Arbeiten.

 

Bei den Auseinandersetzungen zu Ihren Hinweisen werde ich mich vor allem konzentrieren

- auf den generellen Gegenstand meiner Arbeit,

- auf die Frage der möglichen Dominanz der Ökonomie für die gesellschaftliche Entwicklung  und

- auf einen entscheidenden Aspekt der wissenschaftlichen Grundlagen der Soziologie – der Anwendung der Systemtheorie.[1]

 

Hinsichtlich des Gegenstandes meiner Arbeit geht es mir nicht vordergründig um "Verhaltensänderungen ... im Interesse der Umweltschonung", was in der Tat ein spezifischer Gegenstand der Soziologie ist; ich arbeite vielmehr an der Konzipierung neuer gesellschaftlicher, insbesondere ökonomischer Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich die Menschen aus eigenem Antrieb ökologisch orientiert verhalten wollen und können. Die Notwendigkeit, diese veränderten Rahmenbedingungen schaffen zu müssen, geht von der Annahme aus, daß das global herrschende kapitalistische Gesellschaftssystem objektiv nicht dazu in der Lage ist, die ökologische Krise zu bewältigen, daß folglich die einzige Chance, die die Menschheit besitzt, um dem ökologischen Kollaps zu entgehen, in der Ablösung des kapitalistischen Systems durch ein ökologisch orientiertes Gesellschaftssystem neuartiger ökonomischer Funktionsweise besteht.

 

Warum die kapitalistische Gesellschaft einen ökologischen Kollaps letztlich nicht vermeiden kann, erklärt sich nach meiner Auffassung aus ihren inneren Wirkungsmechanismen:

 

Die privatwirtschaftlichen Interessen der einzelnen Unternehmen und die herrschende Konkurrenz erzeugen zwangsläufig immer wieder Wirtschaftswachstum, damit neue ökologische Belastungen und weiteren Naturverbrauch. Selbst wenn dies von der Gesellschaft erkannt und gegengesteuert wird, wehren sich die Unternehmen gegen das Beschneiden ihrer Profitinteressen und gegen die Gefährdung ihrer Existenz. Sie weichen den eingeleiteten Maßnahmen  infolge der Konkurrenz aus, unterlaufen sie soweit wie möglich oder verzögern sie zumindest. Auf diese Weise kommen zu den bereits bestehenden ökologischen Belastungen stets neue hinzu. Andererseits sind die Möglichkeiten, bestehende (insbesondere globale) Belastungen durch den Einsatz gesellschaftlich verfügbarer Mittel abzubauen, sehr beschränkt. Und wenn der Abbau dieser Belastungen privat wirtschaftenden Unternehmen übertragen wird, müssen die Aufwendungen dafür von der Gesellschaft getragen werden, weil die Ergebnisse des Abbaus gewöhnlich nicht marktfähig sind. Privates Wirtschaften belastet also im betrachteten Zusammenhang die Gesellschaft doppelt: einmal durch das Entstehen von ökologischen Schäden und Belastungen, zum anderen durch Aufwand für deren notwendige Beseitigung und für die Renaturierung. Es müßte folglich künftig primär präventiv vorgegangen werden, statt an der Beseitigung der Neben- und Nachwirkungen herumzubasteln. Die Gesellschaft ist folglich so zu einzurichten und sollte so funktionieren, daß unvertretbar hoher Naturverbrauch und neue Belastungen der Natur gar nicht erst zustande kommen. Aber – so muß man fragen – ist dies machbar, wenn die privatwirtschaftlichen Interessen der fortgeschrittenen Industrieländer weiterhin global dominieren?

 

Die notwendige Ablösung des alten Systems durch ein neues schließt die Annahme ein, daß wesentliche Elemente des neuen durch das alte System vorbereitet werden, und daß sich das neue System insbesondere aus der Lösung der grundlegenden Widersprüche des alten Systems ergibt. Das neue System entsteht jedoch nicht zwangsläufig. Es kann nur bewußt geschaffen werden, da es die zum ökologischen Kollaps führende Selbstentwicklung der Menschheit ablösen muß. Wenn die Menschheit das Primat der ökologischen vor der sozialen Frage nicht erkennt und sich nicht von ihm bei der Ablösung des kapitalistischen Systems leiten läßt, was zugleich bedeutet, den Grundgedanken des Sozialismus aufzugeben, dann gibt es – so meine grundlegende These – für die Menschheit keine Überlebenschance. All das ist für mich keine "Glaubensfrage", sondern die grundlegende These, an deren wissenschaftlicher Überprüfung heute mit Nachdruck gearbeitet werden müßte. Sie geht von der Dominanz der Ökonomie im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung und von einer grundlegend erweiterten Fassung des Ökonomiebegriffes aus, entspricht aber in ihrem generellen Ansatz Marxscher ökonomischer Denkweise. Es geht um einen Versuch, Marxsches Entwicklungsdenken in komplexere Zusammenhänge einzuordnen.

 

Für mich ist jene Dominanz der Ökonomie im Sinne des bestimmenden Elements in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft schon sehr lange kein Diskussionsgegenstand mehr. Sie ist für mich geradezu etwas Selbstverständliches! Ich fand sie auch immer wieder in der Politik der letzten Jahrzehnte bestätigt. War es z. B. nicht so, daß Deutschland durch die Einführung separater Währungen bereits 1948 gespalten wurde, während die Mauer – damit die DDR nicht ökonomisch ausblutete – erst 13 Jahre später entstand? Und wurde Deutschland nicht auch durch die einheitliche Währung de facto wieder vereint, obgleich der politische Akt der Vereinigung Monate später stattfand. Wurde das Abwickeln der DDR-Wirtschaft nicht auch ökonomisch entschieden, indem man bewußt die "Gesetze des Marktes" walten ließ? Hatte der Golfkrieg sowohl von Seiten Iraks als auch der USA nicht primär wirtschaftliche Ziele, nämlich die Sicherung des bestimmenden Einflusses auf die Erdölfelder Kuweits? Und verbirgt sich hinter dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien nicht einerseits der Versuch der Serben, weiterhin Zugang zur Adria zu behalten, um damit u. a. Nutznießer der Touristikbranche zu bleiben, während die Kroaten diesen ökonomischen Vorteile für sich allein beanspruchen wollen? Auch in Tschetschenien geht es um das Erdöl, zumindest um die Verfügungsgewalt über die Erdöltrassen! Und letztlich wurde das ganze sozialistische System über den Rüstungswettlauf im ökonomischen Wettbewerb ausgeschaltet – so wie es auch die erklärte Absicht der anderen Seite war. Und in welch hohem Maße wird das Verhalten hunderter Millionen Menschen letztlich von derartigen wirtschaftlichen Zielen direkt oder indirekt beeinflußt, ohne daß ihnen die ökonomischen Hintergründe bewußt zu sein brauchen! Daß offiziell meist von nationalistischen, ethnischen und religiösen Auseinandersetzungen gesprochen wird, dient doch i. a. nur zur Bemäntelung der wirtschaftlichen Interessen jener, die aus den Auseinandersetzungen Vorteile erzielen wollen.

 

Aber nicht nur im Großen wirkt diese Dominanz – in weitaus größerer Vielfalt auch im Kleinen: auf dem Arbeits"markt", dem Wohnungs"markt", bei der Berufswahl, im Kaufverhalten, bei der Partnerwahl, bei der Wertung anderer Menschen usw. usf. Fast alles ist zur Ware geworden, selbst  der einzelne Mensch. "Man verkauft sich gut oder schlecht!" Man verkauft auch den eigenen Körper. Dieser Tage las ich den Satz: "Der Ostdeutsche geniert sich, über Geld zu sprechen, der Westdeutsche spricht ausschließlich darüber." Selbstverständlich ist dies übertrieben; doch ein derartiges Denken bestimmt wesentlich das Handeln! Welch anderer Faktor beeinflußt menschliches Verhalten mehr als Wirtschaftlichkeitsbestreben, als Geld und Besitz? Daß zur Beschreibung dieses und anderer Geschehen "bürgerliche" Soziologen den Begriff "sozial" überstrapazieren, erzeugt heute bei mir ein ähnlich ungutes Gefühl wie der Begriff demokratisch in Verbindung mit dem Realsozialismus. Es ist für mich in keiner Weise nachvollziehbar, wenn Sie in Anbetracht dieser offensichtlichen Dominanz der Ökonomie in der aktuellen weltgeschichtlichen Entwicklung von "einzelnen Beispielen" sprechen, die "nichts besagen" und keine "allgemeine Geltung" besitzen und wenn Sie zudem diese Auffassung lediglich zu einer "persönlichen Überzeugung" erklären, zu einer "privaten Angelegenheit".

 

Zur Problematik der Dominanz der Ökonomie fand ich unlängst ein Zitat von Friedrich Engels, der schrieb, "daß der ganz große Verlauf (in der wirklichen Welt) in Form von Wechselwirkungen – wenn auch sehr ungleicher Kräfte – vor sich geht, ... wovon die ökonomische Bewegung die stärkste, ursprünglichste, entscheidendste" ist. Wenn dem so ist, muß man sich schon fragen, warum jene bekannte Marxsche Position zur Dominanz der Ökonomie in der historischen Entwicklung – vielleicht seine grundlegendste wissenschaftliche Erkenntnis – von den "bürgerlichen" Soziologen übergangen, Marx aber in anderer Hinsicht relativ häufig zitiert wird. Der Philosoph Herbert Hörz äußerte dieser Tage in einem Beitrag zur Theoriekrise im Neuen Deutschland vom 30.09./01.10.95: "Man wird mit der Theorie von Marx nicht fertig, indem man sie einfach ablehnt." Dies betrifft natürlich in erster Linie seine ökonomische Theorie.

 

Wie meine ich aber die Feststellung, daß die alte Gesellschaftsordnung die neue mit vorbereitet sowie daß die neue Ordnung die grundlegenden Widersprüche der alten lösen müßte?

 

Wenn Wirtschaft, Handel, Wissenschaft, Kultur, Kommunikation etc. die Menschheit immer mehr zusammenführen, wenn Menschheitsfortschritt nur noch über globale Arbeitsteilung und wechselseitige Abhängigkeit funktioniert, wenn also die Menschheit zu einem Organismus zusammenwächst, aber noch von vielen konkurrierenden Köpfen beherrscht wird, die alle zu Lasten der Umwelt und Nachwelt private ökonomische und Machtinteressen verfolgen, so daß daraus Existenzprobleme für die Menschheit erwachsen, dann braucht dieser wachsende Organismus auch einen eigenen Kopf, d. h. ein demokratisch gewähltes Organ, das im Interesse der gesamten Menschheit denkt, plant und handelt.

 

Wenn derzeitige Demokratie es nicht zuläßt, daß die gewaltigen Mittel und Kapazitäten, die die Menschheit bisher geschaffen hat, weder global – insbesondere zur Existenzerhaltung der Menschheit – eingesetzt werden, noch regional – etwa um die Armut in den Ländern der Dritten Welt zu beseitigen –, dann muß die Menschheit die Verfügungsgewalt über die (gesellschaftlich geschaffenen und privat angeeigneten!) Reichtümer übernehmen und lernen, diese sinnvoll zu nutzen. Die Menschheit hätte die Mittel, um einen Weg aus der ökologischen und gesellschaftlichen Krise zu finden, aber die vorhandenen Machtstrukturen und Eigentumsverhältnisse verwehren dies!

 

Wenn die Menschheit primär und ausreichend gelernt hat, Gebrauchswerte nach Umfang und Qualität kostengünstig zu produzieren, aber die Neben- und Nachwirkungen ihrer bisherigen Produktionsweise immer mehr zur Gefahr für die Menschen und die Menschheit werden, dann müssen wir uns künftig vor allem mit dem Beseitigen und dem Verhindern des Neuentstehens derartiger Neben- und Nachwirkungen befassen. Dies bedeutet aber zugleich, der Dominanz der Ökonomie der Produktion Einhalt zu gebieten, statt dessen aber zu lernen, wie Produktion erspart werden kann und wie eine Ökonomie der Reproduktion (im Sinne der rationellen Erhaltung unserer Lebens- und Arbeitsbedingungen) durchgesetzt werden kann.

 

Wenn die Länder der Dritten (nunmehr auch der Zweiten) Welt durch ihre ökonomische Abhängigkeit und aus Gründen der Existenzerhaltung immer stärker ihre Natur verkaufen und ihre Bodenschätze ausplündern lassen müssen, wodurch nicht nur die Lebensgrundlage dieser Länder, sondern auch die der Menschheit allmählich gefährdet wird, dann muß die ökologische Frage gemeinsam mit der sozialen Frage gelöst werden. Statt weiterer Ausbeutung und Ausplünderung dieser Länder muß von Seiten der reichen Länder – auch zu Lasten ihres bisherigen Lebensniveaus sowie unter Berücksichtigung der globalen ökologischen Möglichkeiten und des notwendigen Abbaus ökologischer Belastungen! – eine gezielte Hilfe zur Selbsthilfe geleistet werden, bis die Niveauunterschiede weitgehend beseitigt sind.

 

Es gibt also eine durch Konkurrenz, Wirtschaftswachstum, Fremdausbeutung sowie Naturverbrauch bedingte verhängnisvolle Fehlentwicklung. Die bestehenden fundamentalen Widersprüche nehmen zu. Aber es gibt auch Möglichkeiten, diese durch einen Systemwandel zu beseitigen. Falls das die Menschheit nicht erkennt – so meine Auffassung –, wird sie von der Natur verstoßen werden.

 

Daß viele Menschen trotz der krassen globalen ökologischen Fehlentwicklung, die insbesondere privatwirtschaftlich, aber auch durch die Konkurrenz der Systeme verursacht wurde, weiterhin auf die Selbstheilungskräfte der Marktwirtschaft oder in die moralische Einsicht der Menschen im Rahmen des bestehenden Systems setzen, ist für mich nicht einsichtig. Ich habe allerdings versucht, für die genannte Position dadurch ein wenig Verständnis zu gewinnen, indem ich in einige Arbeiten der von Ihnen und von Herrn Jokisch genannten Autoren hineingeschaut habe. Niklas Luhmann, den mir Herr Jokisch mit dem Verweis auf die "autopoietischen" Systeme besonders empfohlen hatte, fand zunächst mein stärkstes Interesse, wohl weil er bestimmte Auffassungen besonders deutlich vertritt.

 

Bei der Durchsicht der Bücher [1] bis [4] habe ich mich vor allem auf Aussagen der Autoren zur Problematik Wirtschaftssystem und zur Anwendung der Systemtheorie in der Gesellschaft konzentriert. Um zu anderen von den Autoren behandelten Gebieten Aussagen treffen zu können, fehlen mir in der Tat die spezifischen Voraussetzungen. Selbstverständlich habe ich auch die bereits 1971 erfolgte prinzipielle Kritik von Habermas an Luhmann zur Kenntnis genommen. Heute halte ich eine noch schärfere Kritik an Luhmanns Auffassungen für erforderlich, insbesondere an der These, die "Wirtschaft als Teilsystem der Gesellschaft" ([3], S. 8) und nicht als ihren integralen Bestandteil zu betrachten[2] sowie "alles wirtschaftliche Handeln" als "soziales Handeln" aufzufassen (vgl. ebd.). Besonders kritikwürdig ist für mich seine außerordentlich simplifizierende Auffassung zur Anwendung der allgemeinen Systemtheorie in der Wirtschaft, aus der er u. a. die These abgeleitet, daß das "Wirtschaftssystem aus Zahlungen bestehe" (ebd., S. 53). Wie schnell Luhmann von seiner so schön "einfachen" soziologischen Systemtheorie zum Entwurf einer Gesellschaftstheorie kommt, zeigt das folgende Zitat, in dem er den (aus einer amerikanischen Veröffentlichung übernommenen) für ihn grundlegenden Begriff des autopoietischen Systems einführt[3]: "Autopoietische Systeme sind geschlossene Systeme insofern, als sie das, was sie als Einheit zu ihrer eigenen Reproduktion verwenden ... nicht aus ihrer Umwelt beziehen. Sie sind gleichwohl offene Systeme insofern, als sie diese Selbstreproduktion nur in einer Umwelt vollziehen können." (ebd., S. 49) "Es fällt nicht schwer, von diesen Theorievorstellungen ausgehend eine Gesellschaftstheorie zu entwerfen. Die Gesellschaft ist ein autopoietisches System auf Basis von sinnhafter Kommunikation. Sie besteht aus Kommunikationen, sie besteht nur aus Kommunikationen, sie besteht aus allen Kommunikationen. ... Weder in der Umwelt noch mit der Umwelt der Gesellschaft kann es daher Kommunikation geben. Insofern ist das Kommunikationssystem der Gesellschaft ein geschlossenes System. Sie ist aber nur in einer Umwelt ... möglich." (ebd., S. 50) Um einen Vergleich zu ziehen, hört sich dies für mich etwa so an, als bestehe ein Stadt als System nicht aus relativ selbständigen Stadtteilen, die durch technische und Verkehrsnetze verbunden sind, sondern nur aus dem Verkehr auf Straßen, oder ein Mensch besteht statt aus Organen, dem Blutkreislauf, dem Nervensystem etc. nur aus Informationen, die über die Nervenstränge laufen. Weiter schreibt Luhmann: "Die Wirtschaft gewinnt ihre Einheit als autopoietisches, sich selbst produzierendes und reproduzierendes System dadurch, daß sie eine eigene Typik von Elementen verwendet, die nur in der Wirtschaft vorkommen und nur in ihr, das heißt nur in rekursivem Bezug auf andere Elemente desselben Systems ihre Einheit gewinnen. Der 'unit act' der Wirtschaft ist die Zahlung. Zahlungen haben alle Eigenschaften eines autopoietischen Elements: Sie sind nur aufgrund von Zahlungen möglich und haben im rekursiven Zusammenhang der Autopoiesis der Wirtschaft keinen anderen Sinn, als Zahlungen zu ermöglichen." (ebd., S. 52) "Die These, daß das Wirtschaftssystem aus Zahlungen bestehe ..." (ebd., S. 53).

 

Daß Systeme aus dem Zusammenwirken von Elementen über Relationen ihre Systemeigenschaft erhalten und daß nach der Systemtheorie Zahlungen lediglich Relationen sein können, negiert Luhmann. Um seine Systemwelt aufzubauen, hebt er aus der Vielzahl verschiedener Arten möglicher Relationen eines realen Systems (oder auch nur eines Systemteils) eine Art von Relationen heraus und macht ihre Gesamtheit zu einem eigenständigen System! Einen Studenten der Informatik würde man bei einer solchen Herangehensweise zur Anwendung der Systemtheorie glatt durchfallen lassen – aber Luhmann glaubt auf diese simple Weise den Entwurf einer Gesellschaftstheorie aufbauen zu können: Um das komplexeste aller Systeme beschreiben zu können, wendet er eine äußerst simple, eine amputierte "Methode" an! Dabei wollte er es besser machen als andere Soziologen, indem er es versuchte, "einen Beitrag zu einer soziologischen Theorie der Wirtschaft" mittels der Systemtheorie zu skizzieren (vgl. [3], S. 13/14), denn ihm ist bewußt, daß es an der "theoretischen Inkompetenz der Soziologie" liegen könne, wenn sich die "Soziologie ... besonders in neuerer Zeit verhältnismäßig wenig an der Diskussion wirtschaftswissenschaftlicher Probleme beteiligt" (vgl. ebd., S. 13). "Die Art und vor allem der Grad der Abstraktion in den derzeit verwendeten Grundbegriffen der Soziologie (etwa: Handlung, Rolle, Institution, Norm, Konflikt) reichen nicht aus, um die Komplexität wirtschaftlichen Geschehens ... zu erfassen. Es fehlt in der etablierten soziologischen Theorie dafür adäquate Komplexität ..." (ebd.).

 

Meine kritischen Anmerkungen sind nur einige formale Hinweise, die andeuten sollen, mit welch unzureichender methodischer Basis Luhmann seinen "wissenschaftlichen" Beitrag skizziert. Er tut dies, obgleich er eine "theoretische Inkompetenz der Soziologie" für möglich hält (vgl. ebd., S. 13).

 

Die Konsequenzen einer derartigen simplifizierenden Systembetrachtung sind entsprechend:

- "Die Gesellschaft gibt jede Verantwortung für ihre eigene Wirtschaft auf ..."! (ebd., S. 62). Mit der Reproduktion der Wirtschaft sei "kein Zweck verbunden" (vgl. ebd., S. 58). Der "Zweckbegriff, der so etwas wie Wechselwirkung der Teile und des Ganzen  ... besagen sollte ... ist durch den der Autopoiesis abgelöst, jedenfalls partiell abgelöst ..." (ebd., Anmerkung 29).

 

- "In einer so weit systemtheoretisch festgelegten Theorie kann die Frage nach der Funktion der Wirtschaft nicht mehr mit dem Hinweis auf die Befriedigung von Bedürfnissen (und sei es nur: 'materiellen' Bedürfnissen) beantwortet werden. ... sie sind zu sehr durch die Wirtschaft selbst bedingt ... Die Befriedigung von Bedürfnissen kann demnach allenfalls als Leistung der Wirtschaft angesehen werden." (ebd., S. 63 - 64) Man braucht in die Wirtschaft nicht mehr einzugreifen! Sie funktioniert so lang, wie Zahlungen erfolgen. "Die Funktion der Wirtschaft" ist es – „formal gesehen" –, sich an "Knappheit" zu orientieren. (Vgl. ebd., S. 64)

 

Selbstverständlich hat das Luhmannsche methodische Vorgehen eine eigene Geschichte. Talcott Parsons schuf (in den ersten Anfängen ab 1932; vgl. [3], Anmerkung 1, S. 7) die "Grundlagen für die heutige soziologische Systemtheorie" ([4], S. 719). Aber dies entlastet keinesfalls Niklas Luhmann, der das methodische Simplifizieren auf die Spitze getrieben hat.

 

Auf Parsons bezogen, schreibt Norbert Sander unter dem Stichwort System: "Ein System wird damit eine mehr oder weniger willkürliche Anordnung eines Ganzen; dabei steht die gegenseitige Durchdringung aufeinander bezogener Einheiten im Vordergrund. Grundlage der Anordnung ist Konstanz der Elemente einerseits und die Kontinuität der Beziehungen andererseits." (ebd., S. 716) Dies bedeutet aber: Was sich in der gesellschaftlichen Realität dominierend entwickelt, nämlich jene Elemente, wie Regionen, Stadtteile, Teilbetriebe usw., die i. a. selbst gesellschaftliche Systeme im Rahmen einer Hierarchie darstellen, wird in der "soziologischen Systemtheorie" als unveränderlich unterstellt. Auf diese Weise hat man mit einem Trick die mögliche Entwicklung der menschlichen Gesellschaft gleich mit eliminiert, aber auf dieser Grundlage sowie über die Einführung solcher Begriffe, wie Verhaltenssystem, soziales System, kulturelles System und Persönlichkeitssystem (vgl. [4], S. 719), zumindest eine "soziologische Systemtheorie" "geschaffen". Ein System ist nach dieser Betrachtung nichts Ganzheitliches mehr, wie es auch der gesunde Menschenverstand wahrnimmt, sondern "die aus einer Menge von Objekten und ihnen zugeordneten (!) Eigenschaften ableitbare Verbundenheit, die ihrerseits einen Eigenschaftszustand darstellt. Wird diese Verbundenheit nicht als Ergebnis, sondern als Prozeß verstanden, spricht man von Stabilisierung. Damit wird eher die Unwahrscheinlichkeit dieses Vorgangs als dessen Selbstverständlichkeit oder gar Natürlichkeit zum Ausdruck gebracht." ([4], S. 718) Es folgt ein Verweis auf Luhmanns "soziale Systeme" und weiter: "Wichtig ist allein, daß aus Wechselbeziehungen, aus Relationen, sich neue Zustände kombinieren, denen wir in ihrer Eigenschaftswirksamkeit (Emergenz) Bedeutung zumessen ... Uneinheitlich sind die Auffassungen über den Realitätsgehalt des Begriffs System." (ebd.)

 

Dieses gekünstelte Gebilde einer "soziologische Systemtheorie" soll ein wissenschaftlich akzeptables Ergebnis sein, nachdem der Positivismusstreit zu einem bestimmten Zwischenergebnis gekommen ist? Mögliche Eigenschaften des Systems werden nicht erforscht, sondern zugeordnet, was zeigt, wie man Systeme "konstruiert"! Es wird nicht von Elementen, sondern von Objekten gesprochen. Das eher Unwahrscheinliche wird zum Ausgangspunkt prinzipieller Betrachtungen! Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, wenn keine einheitliche Auffassung zum Realitätsgehalt dieses Systembegriffes zustande kommt!

 

Sie spüren sicherlich, daß es mir außerordentlich schwer fällt, eine derartige Herangehensweise als wissenschaftlich zu akzeptieren. Eine Hilfe gab das 1989 im Akademie-Verlag Berlin von Horst Berger und Herbert F. Wolf herausgegebene "Handbuch der soziologischen Forschung", in dem im Abschnitt "Systemanalyse" auf die Herangehensweise der "nichtmarxistischen Soziologie" kurz eingegangen wird. Mit einem Verweis auf Parsons, der "in seiner allgemeinen Theorie des Sozialen von einem sozialen Aktionssystem als tragendem Grundsachverhalt einer Gesellschaft" ausgeht, wird angemerkt, daß es "in nichtmarxistischen Systemansätzen mehr um eine – allerdings perfekt beherrschte – systematische Methode als um einen systemanalytischen Zugang im oben beschriebenen Sinne" gehe. "Gesamtqualitäten der kapitalistischen Gesellschaftsordnung wie Ausbeutungsverhältnisse, antagonistische Interessengegensätze und Klassenkämpfe spielen in diesen Systemansätzen ohnehin keine Rolle und werden ignoriert." (ebd., S. 85/86)

 

Ich verstehe dies so, daß es in der "bürgerlichen" Soziologie um eine andere Auslegung des Systembegriffes geht als dies ausgehend von der allgemeinen Systemtheorie (in Ost und West!) gelehrt wird. Es fragt sich nur, ob eine derartige Auslegung und Anwendung des Systembegriffes durch die "bürgerlichen" Soziologen dem Gegenstand, der beschrieben werden soll, gerecht wird. Der Inhalt eines Forschungsgegenstandes muß meines Erachtens den Charakter der Methode bestimmen und nicht die Fähigkeit oder Unfähigkeit eines Forschers, eine Methode anwenden zu können!

 

Aber unabhängig von der gewählten methodischen Vorgehensweise verbergen sich hinter den dargelegten Folgerungen und Konsequenzen außerordentlich unterschiedliche inhaltliche Grundpositionen, was Klaus Heinemann im mehrfach zitierten Wörterbuch der Soziologie unter dem Stichwort Wirtschaftssoziologie wie folgt beschreibt: "Wichtige Impulse für eine Wirtschaftssoziologie sind in den 60er und 70er Jahren von einer Politischen Ökonomie ausgegangen, die in der marxistischen Wissenschaftstradition steht. Ihr besonderer Wert liegt darin, daß sie die grundlegende Bedeutung wirtschaftlicher Gegebenheiten für wohl alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens betonte; Wirtschaft erscheint nicht mehr nur – wie bei Parsons/Smelser (1956) – als gleichrangig mit drei anderen Subsystemen einer Gesellschaft, sondern wird zur Basis, die Gesellschaft insgesamt konstituiert." ([4], S. 815/816) Zur Wirtschaftssoziologie führt Heinemann allgemein aus: "Ihr Gegenstand ist nicht eindeutig festgelegt, ... ihre Abgrenzung zu anderen speziellen Soziologien ... insbesondere der Wirtschaftswissenschaften und Politischen Ökonomie ist ungeklärt." (Ebd., S. 814)

 

Sicherlich stehe ich mit meinen Auffassungen grundsätzlich in der genannten "marxistischen Wissenschaftstradition": Die Wirtschaft war für mich stets, seit es sie gibt, die entscheidende Basis der Gesellschaft. Daß heute von "bürgerlichen" Soziologen teilweise andere Auffassungen in Sinne der Verselbständigung der Wirtschaft vertreten werden, entspricht ihrer tatsächlichen gegenwärtigen Entwicklung, die impliziert, nur sich selbst zu genügen. Aber gerade dieser Entwicklung – so meine Auffassung – müssen wir uns entgegenstellen, denn sie führt in den ökologischen Kollaps! Es reicht meines Erachtens nicht aus, sich lediglich mit der Beschreibung von realen Zuständen und Prozessen zu befassen. Marx würde wohl (in Abwandlung seiner berühmten Feuerbachthese) heute sagen: Die Soziologen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern!

 

Natürlich muß man sich fragen, warum Niklas Luhmann bei einem offensichtlich größeren Kreis von Soziologen mit seiner "Autopoiesis der Wirtschaft" Anklang findet. Ein Grund dafür ist sicherlich, daß es Luhmann als Soziologe versucht, in der Gesellschaftstheorie die Systemtheorie zu nutzen[4]. Ein weiterer Grund dürfte sein, daß er dies mit klarer Sprache praktiziert, wobei dem systemtheoretisch Uneingeweihten ein relativ leichter Zugang zur Anwendung des Systemdenkens vorgespielt wird, ohne daß die dabei vorgenommene methodische Simplifizierung deutlich zu werden braucht. Auf den dritten, meines Erachtens nicht unwesentlichen Grund, verwies Habermas bereits 1971. Er wird in der "Logik der Sozialwissenschaften" mehrfach angedeutet. Obgleich die Habermas’sche "Kritik der Sache (gilt) und nicht der Funktion hinter dem Rücken" ([2], S. 372), schreibt er:  "Ein weiterer Grund (um eine kritische Auseinandersetzung mit Luhmann zu rechtfertigen) ist freilich die Frage, ob diese Theorie nicht geeignet ist, in einem auf Entpolitisierung ... angewiesenen politischen System die herrschaftslegitimierenden Funktionen zu übernehmen, die bisher von einem positivistischen Gemeinbewußtsein erfüllt worden sind." (ebd., S. 370/371) In der Tat: Indem Luhmann "alles wirtschaftliche Handeln" als "soziales Handeln" deutet, "sowohl die Gesellschaft als auch die Wirtschaft ... als soziale Systeme" begreift ([3], S. 8), die Privatwirtschaft für ihn "seit langem schon abgeschafft" ist (ebd., S. 56, Anmerkung 22) und er die "Autopoiesis der Wirtschaft" als "ein selbstreferentielles und eben dadurch endloses Geschehen" kennzeichnet (vgl. ebd., S. 59), wird seine Systemtheorie – wie Habermas nachzuweisen versucht – zur "neuen Form der Ideologie" (vgl. [2], S. 455). Mir ist deutlich geworden: In der "bürgerlichen" Soziologie werden – bewußt oder unbewußt – Begriffsdefinitionen und Theoriegebäude so konstruiert, daß sie das herrschende Gesellschaftssystem stützen. Offensichtlich setzen sich jene "Theorien" durch, die derartige legitimierende Eigenschaften besitzen. Die "neue Form der Ideologie" kommt jenen entgegen und ist von jenen gewollt, die Träger der kapitalistischen Wirtschaftsordnung sind und deren Vorteile genießen. Jene Theorien und Ideologien, die Herrschaftsansprüche legitimieren, werden zu den herrschenden Meinungen.

 

Sie werden verstehen, daß ich mich in diesen Personenkreis nicht einordnen kann und will – unabhängig davon, wie gut es mir zur Zeit geht. Ich darf aber im Interesse der übergroßen Mehrheit jener Menschen, die weitaus mehr Nachteile als Vorteile von dieser Wirtschaftsordnung haben, wohl dennoch fragen, wie die "bürgerlichen" Soziologen in Zusammenhang mit dem Positivismusstreit die vor über 100 Jahren veröffentlichte ökonomische Lehre von Karl Marx, die von den meisten Linken nach wie vor prinzipiell akzeptiert wird, heute betrachten. Was ich dazu nach Durchsicht des "Positivismusstreits" fand, ist für mich wenig erbaulich. Obgleich man Marx hin und wieder zitiert, wird seine ökonomische Lehre, die seine wesentlichste wissenschaftliche Leistung darstellt, ausgegrenzt! Kennzeichnend sind die Hinweise von Theodor W. Adorno in seiner Einleitung zum "Positivismusstreit": "Ob, wie Marx lehrte, die kapitalistische Gesellschaft durch ihre eigene Dynamik zu ihrem Zusammenbruch getrieben wird oder nicht, ist nicht nur eine vernünftige Frage, solange man nicht schon das Fragen manipuliert: es ist eine der wichtigsten, mit denen der Sozialwissenschaft sich zu beschäftigen anstünde." ([1], S. 53) Daß dies offensichtlich nicht getan wird, hängt entweder damit zusammen, daß Marx Recht hat, daß er sich nicht widerlegen läßt, oder daß man die Auseinandersetzung mit ihm bewußt meidet – vielleicht wegen des befürchteten Ergebnisses!

 

Um nachzuweisen, daß Marx bisher prinzipiell nicht widerlegt wurde, bedarf es sicher nicht der Durchsicht der zitierten soziologischen Literatur. Selbst der Zusammenbruch des realsozialistischen Systems bestätigt Marxsche Denkweise – während sich wesentliche Aussagen der Leninschen Lehre als falsch erwiesen. Es gibt also – ausgehend von den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte – ausreichend Grund zu versuchen, bei Marx mit erweitertem Blickwinkel neu anzusetzen. Erst nachdem dies gelungen ist, wird es möglich und sinnvoll sein, jene linken Theoretiker in die Betrachtungen einzubeziehen, die nach ihm folgten, wie z. B. Gramsci oder auch Habermas.

 

 

Aus der Fülle Ihrer kritischen Anmerkungen möchte ich nachfolgend noch auf einige wenige eingehen, die ich für besonders wichtig halte:

 

1. Zum Entzweien von Ökonomie und Wirtschaft:

  

Während der Diskussion zum Vortrag am 13.07.95 hatten Sie davon gesprochen, ich würde es versuchen, "Ökonomie und Wirtschaft krampfhaft zu entzweien". Ich frage mich hingegen, ob sich die Wirtschaft – wie Luhmann ausreichend deutlich dargelegt hat und zur theoretischen Verallgemeinerung zu führen versucht – durch ihr Lösen von der übrigen Gesellschaft nicht auch von den ökonomischen Fehlwirkungen ihrer Tätigkeit mit löst. Und wenn dies gilt: Muß man in Anbetracht dieser Fehlentwicklung nicht fragen, wer – im Interesse der Existenzerhaltung der Menschheit – die Beseitigung vor allem der globalen Fehl- und Folgewirkungen wirtschaftlicher Tätigkeit einmal leisten soll und in wessen Auftrag dies geschehen soll? Es wird ein globales ökonomisches Problem auf die Menschheit zukommen: die Suche nach der rationellsten Bewältigung der globalen Nachwirkungen wirtschaftlicher Tätigkeit, und dies mit dem absolut dominierenden Hintergrund, dem ökologischen Kollaps zu entgehen. Bei der Lösung dieses Problems werden für niemand materielle und finanzielle Vorteile im Sinne des "sich Rechnens" erwachsen; es wird – auch auf Kosten des gewohnten Lebensniveaus! – lediglich um Existenz erhaltende Leistungen gehen, deren Ergebnisse auf dem Markt nichts bringen! Und die Gesellschaft wird sich hüten, derartige Leistungen privat wirtschaftenden Unternehmen zu übertragen, die neue Umweltschäden verursachen könnten!

 

Es scheint nun so, als würde ich mit meiner Unterscheidung zwischen Ökonomie und Wirtschaft unter den Wissenschaftlern isoliert dastehen. Dem ist nicht so! Da für die Richtigkeit meiner konzeptionellen Vorstellungen die genannte mögliche und notwendige Unterscheidung fundamental ist, war es für mich wichtig, die Meinung zumindest eines kompetenten Marxisten einzuholen. Ich hatte die Gelegenheit, dem wohl bedeutendsten Gesellschaftswissenschaftler der ehemaligen DDR, Prof. Dr. Jürgen Kuczynski, am 11.09.95 meinen Vortrag vom 13.07.95 zur kritischen Durchsicht zu übergeben. Er antwortete mir bereits am 13. September 1995 in einem einseitigen Brief wie folgt:

 

Lieber Herr Grundmann:

Ich habe Ihre Studie sogleich und mit großem Interesse gelesen. Sehr viele kluge Gedanken. Aber Sie wünschen meine Kritik.

Ein Grundfehler besteht meiner Ansicht nach darin, daß Sie einen Unterschied zwischen ökonomischem und wirtschaftlichem Denken machen. Der wahre Unterschied besteht zwischen ökonomischem und privatwirtschaftlichem Denken. Privatwirtschaft auf der Basis einer Ausbeuterwirtschaft.  ...

Ein zweiter Grundfehler ist, daß Sie von sozialistischen Gesellschaften im Osten Europas sprechen. In Wirklichkeit handelt es sich um Gesellschaften mit sozialistischen Elementen (vor allem in der Sozialpolitik), mit viel zu wenig kapitalistischen Elementen (keine Konkurrenz unter den Betrieben) und überwiegend feudalabsolutistischen Elementen (das Politbüro war unfehlbar, es gab keine Basisdemokratie – die Pressefreiheit war unter Friedrich dem Großen größer als in der DDR).

...

Ich danke Ihnen für die Einsicht in Ihre Arbeit und verbleibe mit guten Wünschen für ihre Vollendung    Ihr    Jürgen Kuczynski

 

Ich halte zwar nichts von Autoritätsbeweisen, aber der Brief von Kuczynski hat mich in meiner Arbeit bestärkt, obgleich ich über Feinheiten gern mit ihm streiten würde. Kuczynski bestätigte meine entscheidende wissenschaftliche These zur Abgrenzung zwischen ökonomischem und wirtschaftlichem Denken und sah zudem keinen Anlaß zur Kritik zu den grundlegenden Aussagen am Ende meines Vortrags!

 

 

2. Zur Frage von Fachkompetenz und disziplinärem Herangehen:

 

Sie deuten in Ihrem Brief meine unzureichende Fachkompetenz an. Offensichtlich meinen Sie mein unzureichendes Wissen über die von den "bürgerlichen" Soziologen vertretenen Auffassungen zu den theoretischen Grundlagen der Soziologie. Das Letztgenannte Ihrer Kritik akzeptiere ich natürlich, aber eben auch nicht mehr. Für mich ist rein disziplinäres Herangehen, das in bestimmten Wissenschaftsdisziplinen, wie z. B. der Mathematik, unbedingt notwendig ist, in den Gesellschaftswissenschaften außerordentlich problematisch und nicht akzeptabel. Frederic Vester  kämpft – wie er in der Sendung Wortwechsel am 22.06.95 im Fernsehsender 3SAT ausführte – seit 30 Jahren gegen "dieses Abschirmen der einzelnen Fachrichtungen, ... weil es die Probleme, die wir in der Welt haben, einfach nicht löst. ... Die Realität ... ist ja immer interdisziplinär."

 

Ich möchte wiederum an Luhmanns "Die Wirtschaft der Gesellschaft" versuchen zu verdeutlichen, was mich veranlaßt, disziplinäres Herangehen von Soziologen in grundsätzlichen Fragen abzulehnen. Er schreibt: "Es geht also nicht darum, zum vorliegenden Stand wirtschaftswissenschaftlicher Forschung kritisch Stellung zu nehmen.  ... Wir widmen uns zunächst deshalb nur dem Versuch, einen Beitrag zu einer soziologischen Theorie der Wirtschaft zu skizzieren. Und um diesen ironischen 'disclaimer' noch anzufügen: Sollten wirtschaftswissenschaftliche Theorien sich in unseren Ausführungen wiedererkennen können, wäre das reiner Zufall." ([3], S. 13/14)

 

Das Charakteristische an Luhmanns Ausgangsposition ist einerseits sein disziplinäres Vorgehen. Er fragt nicht, ob es objektiv eine "soziologische Theorie der Wirtschaft" geben kann, ob man die Soziologie über die Wirtschaft bzw. neben sie stellen sollte. Er fragt also auch nicht, ob wirtschaftliche Zwänge soziales Verhalten bestimmen oder ob umgekehrt wirtschaftliches Verhalten soziologisch beeinflußt werden kann. Er akzeptiert auch nicht, daß er dann, wenn er als Wissenschaftler zu wirtschaftlichen Problemen Aussagen trifft, diese zwangsläufig die wirtschaftswissenschaftliche Problematik berühren, daß also objektiv wirtschaftswissenschaftliche Forschung geleistet wird – ganz gleich, ob er sich "nur" als Soziologe sieht oder nicht. Seine Aussagen sollen zwar nicht in die Kompetenz der Ökonomen hineinreichen. Davor scheute er zurück, aber er formulierte grundlegende Aussagen zur Ökonomie! Unabhängig davon, ob er sich als Soziologe fühlt – sobald er sich mit komplexen gesellschaftlichen Zusammenhängen befaßt, leistet er einen Beitrag zur ökonomischen Forschung. Dabei ist zunächst erst einmal nachgeordnet, welche Aussagekraft der jeweilige Beitrag hat. Entweder er arbeitet mit Ökonomen bzw. Wirtschaftswissenschaftlern zusammen oder er bekennt sich – auch als Nichtökonom – zur ökonomischen bzw. zur wirtschaftswissenschaftlichen Forschung. Und wenn er wirtschaftswissenschaftliche Aussagen trifft, muß er auch bereit sein, sich der Kritik von Wirtschaftswissenschaftlern auszusetzen. Daß es der Gegenstand dieser Forschung zudem verlangt, adäquate Methoden[5] zum Beherrschen der komplexen Zusammenhänge anzuwenden, kommt noch hinzu!

 

Weiter noch: Vorgebliche Sachkenntnis (bisheriges spezialisiertes Wissen von einer Sache) kann sich aus erweiterter Sicht zugleich als Sachunkenntnis (als unzureichendes Wissen der generellen Zusammenhänge zu einem Arbeitsgegenstand) erweisen, z. B.

- wenn im Rahmen disziplinären Herangehens bewußt oder unbewußt auf die Untersuchung von Wesentlichem verzichtet wurde, etwa bei unzureichender Berücksichtigung sachlich notwendiger Komplexität[6];

 

- wenn der Charakter der angewandten Methode nicht dem Charakter des Inhalts entspricht[7];

 

- wenn die inhaltliche Qualität (die Reife einer Disziplin) nicht ausreicht, um die Anwendung einer bestimmten Methode zu rechtfertigen[8].

 

Das Verletzen der genannten Anforderungen kann unbewußt zustande kommen – auch aus Befangenheit zum jeweiligen Gesellschaftssystem. Es kann zur zeitweiligen Isolierung der jeweiligen Disziplin bzw. der wissenschaftlichen Schule, zur Schaffung von Scheindisziplinen, zur Entwicklung einer "eigenen" (strengen wissenschaftlichen Maßstäben nicht gerecht werdenden) Methodik und zur wissenschaftlichen Scharlatanerie führen. Auch philosophisch problematische Interpretationen könnten abgeleitet werden, etwa jene Folgerung, von der Sie sprachen: daß es mehrere wissenschaftliche Wahrheiten zur Beschreibung eines realen Zusammenhangs geben könne.

 

Das von Ferdinand Lasalle überlieferte Wort von Karl Marx, daß eine Wissenschaft erst dann als entwickelt bezeichnet werden könne, wenn sie dahin gelangt sei, sich der Mathematik zu bedienen, könnte bezüglich der "bürgerlichen" Soziologie meines Erachtens wie folgt abgewandelt werden:

 

Eine Wissenschaft, die sich auf das Erkennen und Beherrschen komplexer gesellschaftlicher Zusammenhänge und Prozesse orientiert, kann erst dann als entwickelt bezeichnet werden, wenn sie dahin gelangt ist, sich der allgemeinen Systemtheorie zu bedienen, ohne diese Theorie zu mißbrauchen oder zu verstümmeln.

 

 

3. Zur Frage, wie "wissenschaftlicher Fortschritt (geschieht)"

 

Sie erläutern in Ihrem Brief auf der ersten Seite bestimmte Zusammenhänge und folgern dann, daß "nur in dieser Art 'wissenschaftlicher Fortschritt' (geschieht)". Auch wenn ich Ihnen i. a. zustimme, das "nur" kann ich allerdings nicht unterstützen.

 

Zunächst muß man sich fragen, um wessen Wissenschaftsfortschritt es geht – um jenen auf Basis der bisherigen bürgerlichen oder der Marxschen Herangehensweise. Ich gehe ja von letzterer aus und bin auch davon überzeugt, daß die Marxsche Denk- und Herangehensweise den größten Erfolg im Wissenschaftsfortschritt verspricht. Die Begriffe Marxismus, Marxismus-Leninismus oder auch Neomarxismus schließe ich für mich aus. Sie sollten von den Linken nicht mehr zur Zielorientierung genutzt werden – nicht zuletzt, um künftig die Dogmatisierung von wissenschaftlichen und politischen Aussagen – ganz gleich von welchen Personen sie kommen – nach Möglichkeit zu vermeiden.

 

Weiter sollte beachtet werden, um was für einen Forschungsgegenstand es sich handelt. Geht es um prinzipielle Neuerungen, die etwa zur Überwindung der derzeitigen Theoriekrise in den Gesellschaftswissenschaften beitragen könnten, dann reicht es nicht aus, auf bisherigen Erkenntnissen allein aufzubauen; in diesem Falle müssen eine erweiterte Basis und qualitativ neue konzeptionelle Vorstellungen erarbeitet werden, die aktuellen und künftigen Anforderungen weitgehend entsprechen. Es handelt sich dann um eine jener "Utopien", deren Neuigkeitsgehalt sie als nicht realisierbar erscheinen läßt! Das Kreieren einer solchen "Utopie" ist natürlich zunächst wichtiger als alles andere, auch als das Auseinandersetzen mit den Auffassungen anderer Denkweisen und Schulen.

 

 

Wenn sich die Arbeiten an der "Ökonomie einer ökologisch orientierten Gesellschaft" in Richtung einer solchen "Utopie" bewegen, dann war es – ausgehend vom Zuhörerkreis – offensichtlich ein Fehler von mir, die beiden Ökologievorträge in Ihrem Oberseminar zu halten, ohne daß ich die wissenschaftlichen Grundlagen der "bürgerlichen" Soziologie ausreichend kannte. Aus heutiger Sicht ist es mir einsichtig, daß es die Seminarteilnehmer "nicht ... wünschten", in dem von mir mit vertretenen "Wissenschaftssystem ... zu argumentieren". Meine beiden Vorträge waren für Sie verfrüht! Es sei aber dennoch an dieser Stelle angemerkt, daß das Ende des Realsozialismus den bürgerlichen Intellektuellen nicht zwangsläufig das Auseinandersetzen mit den Auffassungen der anderen Seite erübrigt. Vielleicht werden künftige Entwicklungen sogar zeigen, daß die Kenntnisnahme jener (ökonomischen) Theorien, die aus der Marxschen Tradition kommen, auch für Wissenschaftler der bürgerlichen Schulen immer wichtiger werden könnten – auch wenn zur Zeit das Verhaftetsein in den eigenen Positionen und die mögliche Befangenheit durch die Erfolge des eigenen Gesellschaftssystems das derzeitige "Nichtwünschen" einer Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der anderen Wissenschaftstradition erklären.

 

Möglicherweise werden Sie den Begriff Befangenheit für sich selbst nicht akzeptieren – und dies würde ich verstehen. Aber ich spreche aus eigener Erfahrung und glaube, besser als alle anderen Seminarteilnehmer einschätzen zu können, wie schwer es ist, sich innerlich von einem System zu distanzieren, für das man sich Jahrzehnte seines Lebens eingesetzt hat. Für uns im Osten schien die moralische Überlegenheit des sozialistischen Systems vollkommen klar zu sein. Der "Sieg" über das konkurrierende System wurde deshalb auch als "gesetzmäßig" akzeptiert. Er mußte fast automatisch kommen. Andererseits wuchs der Abstand in der Leistungsfähigkeit der beiden Systeme. Ich persönlich war deshalb zumindest auf einen einschneidenden Wandel vorbereitet, nicht aber auf das Zusammenbrechen des Systems als Ganzes. Es dürfte aber sicherlich weit schwieriger sein, seine Befangenheit gegenüber einem wirtschaftlich kriselnden als gegenüber einem wirtschaftlich erfolgreichen System abzulegen.

 

 

Obgleich noch vieles andere zu sagen wäre, muß ich diesen Brief zu einem Schluß bringen. Was bleibt mir aus Konsequenz aus Ihrem Brief, den Hinweisen im Oberseminar und meinen Überlegungen? Womit sollte ich mich künftig im Oberseminar befassen? Die weitere Darlegung meiner bisherigen konzeptionellen Vorstellungen zur Ökonomie einer ökologisch orientierten Gesellschaft dürfte wegen der großen inhaltlichen Differenzen mit den Seminarteilnehmern nicht sinnvoll sein. Es bestünde zudem die Gefahr des weiteren emotionalen Hochschaukelns.

 

Es dürfte auch nicht zweckmäßig sein zu versuchen, mich kritisch mit der Luhmannschen Position zu den autopoietischen Systemen oder gar mit den wissenschaftlichen Grundlagen der "bürgerlichen" Soziologie allgemein zu befassen. Selbst wenn ich es könnte – mir steht wahrlich nicht der Versuch zu, mich mit gestandenen Soziologen diesbezüglich auseinanderzusetzen. Auffassungen, die schon so tief verwurzelt sind, wie die von Parsons, Luhmann u. a., werden, falls sie sich künftig als nicht tragfähig erweisen, nicht in der aktuellen Auseinandersetzung aus dem wissenschaftlichen Leben ausgesondert, sondern über den Generationenwechsel. Vielleicht könnte es aber sinnvoll sein, wenn wir uns über "Grundlegende Anforderungen an eine objektivierte wissenschaftliche Arbeit" auseinanderzusetzen. Diesbezüglich halte ich das Erarbeiten eines weitgehend einheitlichen Konsens tendenziell für möglich.

 

Mir ist bewußt, daß ich es Ihnen mit meinen beiden letzten Vorträgen und auch mit diesem Brief nicht leicht mache, daß ich an die Grenzen Ihrer möglichen Akzeptanz stoße, an Grenzen, die auch weltanschaulich bedingt sein können. Daß wir aber in vielen grundlegenden Fragen unterschiedliche Auffassungen haben, ist wohl in Anbetracht unserer sehr verschiedenen Entwicklungswege normal. Viel wichtiger dürfte unser gemeinsames Interesse sein, Wege für eine sinnvolle Entwicklung der Menschheit vorbereiten zu helfen und unser Wille, dieses Ziel konsequent zu verfolgen. Verschiedene Grundauffassungen zu den Ursachen des heutigen Dilemmas der Menschheit und zu den Wegen, aus ihm herauszufinden, können nur nützlich sein, um im Auseinandersetzungsprozeß den besten Weg zu finden. Unsere unterschiedlichen Auffassungen sollten aber auf keinen Fall unsere freundschaftlichen Beziehungen zerstören. Meine Achtung und Wertschätzung Ihrer Person ist im Verlaufe der Jahre stetig gestiegen – trotz dieser Meinungsverschiedenheiten. Ein Bruch in unseren Beziehungen würde mich wohl sehr lange Zeit belasten. Aber unabhängig davon, wie sich mein weiteres berufliches Leben gestaltet – ich spüre eine außerordentlich hohe moralische Verpflichtung, meinen begonnenen Weg weiter zu verfolgen, auch wenn ich zur Zeit noch sehr allein stehe. Das mag für andere nur sehr schwierig nachvollziehbar sein, aber ich bin davon überzeugt, daß mir die Zeit Recht geben wird.

 

Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg in Ihrer unermüdlichen wissenschaftlichen Tätigkeit, aber auch viel Freude und Erholung in Ihrem neuen Heim in Falkensee.

 

Viele herzliche Grüße (auch an Frau Neumann)

Ihr Ihnen sehr verbundener

 

 

W. Grundmann

 

 

Literaturnachweis:

[1] Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. dtv wissenschaft, Nr. 4620, München 1993

[2] Jürgen Habermas: Zur Logik der Sozialwissenschaften. stw Nr. 517, Frankfurt a. M. 1985 (identisch mit der fünften erweiterten Auflage von 1982),       insbesondere seine Auseinandersetzungen mit Niklas Luhmann (1971): „Systemtheorie der Gesellschaft oder kritische Gesellschaftstheorie?"

[3] Niklas Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft. stw Nr. 1152, Frankfurt a. M., 1. Aufl. 1994

[4] G. Endruweit/ G. Trommsdorf (Hrsg.): Wörterbuch der Soziologie.

     Ferdinand Enke Verlag Stuttgart 1989

 

 

 

P.S.: Dem Brief lege ich die Kopie eines Kalenderblattes aus dem Literaturkalender 1995 bei. Es enthält ein Zitat aus dem im Jahre 1994 veröffentlichten Buch

Über die unverzügliche Rettung der Welt

der Schriftstellerin Helga Königsdorf. Das Zitat entspricht genau meinen Intentionen. Helga Königsdorf ist Mathematikerin, aber als Schriftstellerin in der DDR bekannt geworden. Das Zitat lautet:

 

Die Menschheit ist dabei, sich selbst zu vernichten, ohne Sinn und Verstand. Müßte man nicht erwarten, daß es das herausragende Thema kritischer Kultur dieser Zeit wäre, wie denn nun die Weltrettung vor sich gehen sollte? Darüber müßte sich Persönliches vergessen lassen. Auf jeden Fall sollte die Diskussion darüber unverzüglich beginnen. Man sollte mutig Vorschläge und Ideen auf den Tisch legen und dabei auch irren dürfen. Denn alles ist Neuland. Die Menschen haben genug geistige und technische Möglichkeiten, die eigene Rettung wenigstens ins Auge zu fassen. Kein Mensch kann heute mit Sicherheit sagen, ob dies noch gelingen könnte. Aber es ist ein würdigeres Verhalten, den Versuch zu wagen, als sich dem passiven Lamento hinzugeben und wie eine Schar hypnotisierter Kaninchen auf die Gefahr zu starren. … Jetzt steht die Aufgabe, das Wachstumsbestreben der einzelnen Teile der Menschheit in eine mehr oder weniger überwiegend qualitative, zuverlässige Richtung zu zwingen. Dazu ist zum Beispiel die Wirtschaft mit ihrem kurzfristigen Denken nicht in der Lage. Obgleich es auch in ihrem längerfristigen Interesse läge. Da muß Politik eingreifen. Aber das kann Politik, die sich im Schlepptau der Wirtschaft befindet, nicht leisten.


 

[1] Zur Problematik der Anwendung der Systemtheorie in der gesellschaftlichen Praxis betrachte ich mich als aussagekräftig, nachdem ich im Verlaufe mehrerer Jahre an der Schaffung und Anwendung komplexer mathematischer Modelle mitgewirkt habe. Bei diesen Forschungsarbeiten waren realistische Systemanalysen für Siedlungsgebiete unerläßlich.

[2] Luhmann spricht bewußt nicht vom Systemteil, sondern vom Teilsystem.

[3] Vgl. [3], Anmerkung 17, auf  S. 52, wo auf das 1981 in New York von Milan Zeleny herausgegebene Buch "Autopoiesis: A Theory of Living Organization" verwiesen wird.

[4] Jürgen Habermas schreibt zu meiner Verwunderung reichlich überzogen: "Luhmann demonstriert überzeugend ... die Vorzüge des systemtheoretischen Ansatzes gegenüber allen Spielarten einer soziologischen Handlungstheorie." ([2], S. 483)

[5] Neben dem systemtheoretischen Herangehen werden insbesondere komplexe mathematische Modelle gebraucht, wobei vom Optimalitätscharakter wirtschaftlicher Prozesse ausgegangen werden müßte.

[6] Insbesondere dann, wenn die ökonomische und die ökologische Problematik bei der Untersuchung gesellschaftlicher Zusammenhänge ausgeklammert wird.

[7] Z. B. erfordert ein komplexer Inhalt die Anwendung einer adäquaten Methode, die es auch erlaubt, komplexe Zusammenhänge zu beschreiben und zu bearbeiten.

[8] Etwa wenn der Inhalt in seiner Komplexität unzureichend erkannt, aber dennoch die Systemtheorie angewandt wurde.