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LoetzschJan2011Abruf.doc          abrufbare Veröffentlichung am 15.01.11

 

 

Werner Grundmann                                      Berlin, den 15. Januar 2011

 

Parteivorstand der Partei DIE LINKE

Parteivorsitzende

Dr. Gesine Lötzsch

Kleine Alexanderstraße 28

10178 Berlin

 

 

Demokratischer Sozialismus oder Kommunismus im Marxschen Sinne?

Zum Hauptweg der Linken

(offener Brief)

 

Sehr geehrte Genossin Lötzsch,

      mit Ihrem Beitrag vom 3. Januar  2011 in der Jungen Welt über die vielen „Wege zum Kommunismus“, die „nicht funktionierten“, haben Sie – sicherlich ungewollt – eine Diskussion zu den Grundfragen der Linken ausgelöst, deren Ergebnis für die Menschheit sehr wichtig werden könnte. Bei der Suche nach Wegen für die Linken sollten wir – unabhängig davon, wie wir das Ziel benennen – für alle Vorschläge offen sein, aber jedem Weg, für den sich linke Politiker entscheiden, die unverzichtbare Prämisse vorgeben, dass er in Anbetracht der drohenden Klimakatastrophe ein Überlebensweg sein soll. Es reicht nicht aus und ist höchst problematisch, „wenn wir uns auf den Weg machen“ und möglichst viele Wege „ausprobieren“. Alle Wege sollten in einen Hauptweg münden, den alle Strömungen der Linken deshalb mitgehen, weil sie ihn als existenziell notwendig betrachten. Diesen Hauptweg könnten alle Strömungen pflastern helfen und zur gemeinsamen grünen Straße ausbauen. Und wir sollten die „Grünen“ und alle einsichtigen, verantwortungsbewussten Menschen einladen, unseren Hauptweg mitzugehen.

 

Um den grünen Hauptweg, den Überlebensweg, zu finden, müssen wir wohl selbstkritisch unsere  bisherigen Vorgehensweisen insofern überprüfen, inwieweit sie den Anforderungen der Prämisse genügen. Dies schließt ein, den Inhalt unserer Ziele möglichst präzise zu bestimmen, ggf. zu korrigieren oder gar zu erweitern. Selbst die Begriffe Sozialismus und Kommunismus sollten auf den Prüfstand, wenn ihr Inhalt den Anforderungen der Prämisse nicht entspricht oder sich andere Begriffe als zutreffender erweisen! Zugleich sollten linke Wissenschaftler Grunderkenntnisse linker Theorie überprüfen, insbesondere die historische Einordnung linksorientierter Wege und die Ursachen ihres Scheiterns. Ein unverzichtbarer Schwerpunkt sollte die Erforschung der gesellschaftlichen Ursachen der existenziellen Krise der Menschheit sein.

 

Nachfolgend möchte ich allgemeine und spezifische Fragen aufwerfen, deren Beantwortung uns auf den Hauptweg führen könnte:

 

1. Unter kapitalistischen Bedingungen ist Ökonomie im Sinne von Wirtschaftlichkeit profitorientiert, unter sozialistischen Bedingungen – zumindest im volkswirtschaftlichen Rahmen – gewinnorientiert. Beide Ökonomien sind infolge der politischen und wirtschaftlichen Konkurrenz von kapitalistischen und sozialistischen Staaten Konkurrenzökonomien. Der junge Friedrich Engels verwandte für die dominierende Ökonomie seiner Zeit den Begriff Privatökonomie (vgl. „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“, MEW, Bd. 1, Berlin 1970, S. 499/503). Es stellt sich erstens die Frage, ob es in der historischen Entwicklung eine zur Privatökonomie gegensätzliche Ökonomie gab, die etwa als Gemeinschaftsökonomie bezeichnet werden könnte und keine Konkurrenzökonomie war. Zweitens ist zu fragen, ob es ausreicht, das kapitalistische System als Ausbeuterordnung zu bezeichnen oder ob nicht von einer Bereicherungs- und Verarmungsordnung im umfassenden Sinne gesprochen werden muss, einschließlich der Bereicherung durch den Verbrauch von Natur, die zur Verarmung unserer natürlichen Existenzgrundlagen führte. Drittens ist zu beantworten, ob die aus der kapitalistischen Ökonomie abgeleitete Ökonomie des „real existierenden Sozialismus“ dazu beitrug, uns an der Bereicherung zulasten der Nachwelt zu beteiligen und auf welcher ökonomischen Grundlage der „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ dies künftig verhindern will.
 

2. Wenn wir weiterhin Ökonomie im wirtschaftlichen Sinne verstehen und durch unser Handeln unsere Existenzgrundlagen zerstören, wenn wir dadurch eine Klimakatastrophe und gar einen Weltbrand provozieren könnten, dann sollten wir uns fragen, ob im Prozess der Befriedigung insbesondere unserer Grundbedürfnisse die primäre Anforderung an eine Gemeinschaftsökonomie darin bestehen müsste, vor allem die Natur zu schonen, Gemeinschaftlichkeit mit der Natur zu wahren und zerstörte Lebenssysteme zu renaturieren. Dies führt auf die Frage, ob wahre Ökonomie im Sinne rationeller Bedürfnisbefriedigung mit möglichst geringem Naturverbrauch und der Aufrechterhaltung des ökologischen Gleichgewichts zu verstehen ist und ob es – auf der Basis von Gemeineigentum und Gemeinbesitz an Natur – gilt, schrittweise Lebens- und Arbeitsbedingungen zu schaffen, die dies ermöglichen?

 

3. Gab es bei den Naturvölkern auch ohne die Nutzung von Wertformen ein ökonomisches Verhalten, das im Sinne von Gemeinschaftsökonomie verstanden werden könnte? 

 

4. Warum sprach Karl Marx von der historischen Abfolge ökonomischer Gesellschaftsformationen und nicht von der historischen Abfolge ökonomischer Gesellschaftsordnungen? Hatte er im Blickfeld, dass nach den privat dominierten Gesellschaftsordnungen eine Gemeinschaftsordnung neuer ökonomischer Qualität folgen muss? Wies er deshalb im „Kapital“, Bd. 1, S. 167, mit Bezug auf Aristoteles auf die Existenz zweier Ökonomien hin?

 

5. Der junge Marx verstand unter Kommunismus sinngemäß die einheitliche Lösung der sozialen und der „Naturfrage“ durch die „wahrhafte Auflösung des Widerstreits zwischen den Menschen mit der Natur und mit den Menschen“ (vgl. „Ökonomisch-philosophische Manuskripte“ aus dem Jahre 1844, MEW, Ergänzungsband, Erster Teil, S. 536). Da die Naturfrage nur im Weltmaßstab gelöst werden kann, stellt sich in Anbetracht des Missbrauchs und der Diffamierung des Begriffes Kommunismus die Frage, ob es nicht zutreffender ist, von Weltgemeinschaftsordnung (World Community Order) zu sprechen.

 

6. Der Begriff Sozialismus schließt aus ökologischer Sicht eine problematische Steigerung ein. Es geht nicht nur darum, eine soziale Ordnung zu schaffen; vielmehr wird die Lösung der sozialen Frage zum primären gesellschaftlichen Ziel erhoben. Es sollte jedoch in Anbetracht der Überbevölkerung mit über sieben Milliarden Menschen geprüft werden, ob die weltweite Realisierung der sozialistischen Zielstellung das irdische Lebenssystem überfordern würde. Auch aus dieser Sicht ist zu klären, wie eine Überlebensordnung gestaltet werden kann, die eine einheitliche Lösung der ökologischen und der sozialen Frage weltweit ermöglicht.

 

7. Wir sollten prüfen, ob wir uns allein schon deshalb vom Begriff Marxismus lösen müssten, weil Karl Marx hinsichtlich der Einbeziehung der ökologischen Problematik seine Lehre nicht vollenden konnte. Eine prinzipiell unvollendete Lehre kann aber keine „wissenschaftliche Weltanschauung“ und auch keine hinreichende Grundlage für eine wissenschaftlich begründete Politik sein.

 

8. Ein großes historisches Dilemma der Linken war es, dass die kommunistische Ordnung nicht hinreichend als ökonomische Formation im Marxschen Sinne gekennzeichnet werden konnte. Reicht die Unterscheidung nach Gemeinschaftsökonomie und Privatökonomie aus, um dieses Manko zu beheben, um von einer ökonomischen Formation neuer Qualität zu sprechen, von einer ökonomischen Gemeinschaftsformation?

 

9. Sollten wir dies bestätigen können, dann bedarf es einer längeren Entwicklung, um der „neuen“ Ökonomie zum Durchbruch zu verhelfen. Doch dann müssen wir uns auch fragen, ob Revolutionen die richtigen Wege sind, um zu einer nachkapitalistischen Ordnung zu gelangen. Revolutionen schaffen neue Machtstrukturen und Konfrontationen. Sie verdrängen die Notwendigkeit kontinuierlicher Entwicklungen und eröffnen die Möglichkeit, dass sich einzelne Personen oder Gruppen von Personen über alle anderen erheben und Diktaturen schaffen.

 

10. Kann Gemeinschaftsökonomie im Rahmen alternativer demokratischer Lebensformen unter kapitalistischen Bedingungen genutzt werden, ohne Konkurrenzökonomie zu sein? Kann die Gemeinschaftsökonomie die Konkurrenzökonomien durch ihr Vorbild schrittweise verdrängen?

 

 

DIE LINKE sollte unter Nutzung von Erkenntnissen der Ökologischen Plattform sowie unter Einsatz kompetenter Mitglieder des Parteivorstandes ihr ökologisches Profil wesentlich schärfen und das Ergebnis im Parteiprogramm fixieren. Sie sollte sich auf ihren Hauptweg begeben, die Partei zu einer Gemeinschaftspartei umbilden und die existenzielle Notwendigkeit zur Schaffung einer Weltgemeinschaftsordnung weltweit propagieren.

 

Mit ihrer Pflicht zur Fortsetzung des Erbes von Karl Marx und Friedrich Engels trägt die deutsche Linke eine außerordentliche Verantwortung für die Sicherung des Fortbestandes der Menschheit. Durch die Erarbeitung und Veröffentlichung der „Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung“ habe ich versucht, dieser Verantwortung in einer ersten Form gerecht zu werden.

 

Mit solidarischen Grüßen und besten Wünschen

 

Werner Grundmann                                   Berlin, den 15.01.2011, 01:20 Uhr

 

 

 

 

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