E-Mail am 16.03.2008, 00:10 Uhr, an el-leipzig@gmx.net Veröffentlichung am 16.03.2008

 

 

 

Werner Grundmann                                                                        Berlin, den 15.03.2008

...

 

an

Prof. Dr. Ekkehard Lieberam

Leipzig

 

Zur theoretische Erneuerung der Marxschen Lehre

 

Sehr geehrter Genosse Lieberam,

                      Ihr wertvoller ND-Beitrag vom 14. März 2008 anlässlich des 125. Todestages von Karl Marx veranlasst mich, Sie auf meine Ergebnisse aufmerksam zu machen.

 

Ihre konzentrierte, klare Darstellung grundlegender Zusammenhänge, die zum Gegenstand der Marxschen Theorie gehören, hat mich außerordentlich beeindruckt. Doch noch mehr bewegt mich, dass Sie von „theoretischer Erneuerung“ sprechen. Das Schwierige ist es allerdings zu beantworten, in welchem Sinne es heute um eine theoretische Erneuerung der Marxschen Lehre gehen müsste. In der Nachwendezeit hatte ich im Rahmen des Wissenschaftler-Integrationsprogramms die Möglichkeit, mich zumindest konzeptionell mit dieser Problematik zu befassen. Ich kam zur Überzeugung, dass die Einordnung der Marxschen Lehre in einen erweiterten Zusammenhang notwendig ist. Seine Theorie halte ich in der von ihm gewählten Abgrenzung für derartig tiefgründig bewiesen halte, dass sie nicht widerlegt werden kann. Was jedoch Karl Marx infolge seiner Gründlichkeit und seines zu frühen Todes nicht in Angriff nahm, ist erstens die Einordnung der Ausbeutungs- in die Bereicherungsproblematik, zweitens die einheitliche Lösung der sozialen und der „Naturfrage“. Zwischen beiden grundlegenden Aspekten der möglichen Erweiterung der Marxschen Lehre besteht ein enger Zusammenhang: Die ökologische Krise kann als Ergebnis der privaten und gesellschaftlichen Bereicherung auf Kosten der Nachwelt betrachtet werden! Gesellschaftliche Bereicherung in diesem Sinne gab es aber auch unter sozialistischen Bedingungen!

 

Es gibt jedoch weitere mögliche Ansätze, um ausgehend von der Marxschen Lehre zu Erweiterungen seiner Theorie kommen. Besonders intensiv hat mich die Frage beschäftigt, wie der Begriff Ökonomie im Rahmen einer nachkapitalistischen Ordnung zu definieren ist. Im „Kapital“, Bd. 1, Seite 167, Fußnote 6, fand ich mit Verweis auf Aristoteles die Aussage, dass nach zwei Ökonomien unterschieden werden muss! Zudem verwendet Friedrich Engels den Begriff Privatökonomie. Es stellte sich für mich die Frage, ob nach gewinnorientierter und nach bedürfnisorientierter Ökonomie unterschieden werden sollte und welche historische Bedeutung die bedürfnisorientierte Ökonomie bisher hatte. Da ich mich viele Jahre mit der Schaffung und Anwendung komplexer mathematischer Modelle und Methoden im Städtebau und Wohnungsbau der DDR befasst habe, war ich gezwungen, selbst Antworten zur ökonomischen Bewertung städtebaulicher Bauvarianten zu finden, wobei das Gewinnkriterium ausschied und sich das Kostenkriterium als fragwürdig erwies. Die Politische Ökonomie des Sozialismus war keine ausreichende Hilfe für mich! Es gab ja nicht einmal eine Ökonomie der Reproduktion!

 

Mit diesen und anderen Fragen verließ ich nach der Abwicklung die Bauakademie der DDR. Prof. Dr. Mackensen vom Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin ermöglichte mir zu Beginn der neunziger Jahre den Wechsel in das Wissenschaftler-Integrationsprogramm. Ich durfte entsprechend eigenen Vorstellungen meine theoretischen Arbeiten fortsetzen und kam nach meiner Berentung im Jahre 2000 zu Ergebnissen, die im konzeptionellen Sinne jenen Anforderungen entsprachen, die ich als theoretisch offen betrachtete.

 

Im vorigen Jahr veröffentlichte ich über meine Homepage www.bwgrundmann.de die entscheidenden Ergebnisse meiner langjährigen Arbeiten. Ich habe sie

Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung

genannt. Sie umfassen 70 Seiten und stehen zum Download zur Verfügung. Die entscheidenden Aussagen aus den Thesen sind in den  

Erkenntnisse aus den Berliner Thesen …

auf zehn Seiten zusammengefasst. Diese zehn Seiten füge ich meiner E-Mail in Form der Datei BTErk.doc bei.

 

Sie schreiben in Ihrem Beitrag für das Neue Deutschland:

>> Nicht in dem von Hegel gepriesenen Staat, sondern in der von ihm missachteten Gesellschaft liegt der Schlüssel zum Verständnis der gesellschaftlichen Entwicklung und zur Schaffung menschlicher gesellschaftlicher Verhältnisse. … Der Mensch ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen. Die Gesellschaft ist nicht die Summe der Individuen, sondern die Summe der Beziehungen zwischen ihnen. Die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft ist in der Ökonomie zu suchen. <<

 

Durch das Einbeziehen der ökologischen Problematik in die Gesamtbetrachtungen werden neue Begriffe dominant:

- Statt von gesellschaftlichen Verhältnissen müsste von Lebensverhältnissen gesprochen werden, worunter die gesamten Beziehungen der Menschen untereinander sowie die Wechselbeziehungen der Menschen mit ihrer gesamten planetaren Lebenswelt zu verstehen sind.

- Die Klassenfrage wird zur Überlebensfrage, die gewinnorientierte Privatökonomie zur bedürfnisorientierten Gemeinschaftsökonomie!

- Der Weg zum Überleben führt über die Schaffung einer weltweiten hierarchischen nicht an Staaten gebundenen Gemeinschaftsordnung, wobei nur in eingeschränktem Umfang Besitz an Natur zulässig ist.

 

Die entscheidende Aussage von Karl Marx zur behandelten Problematik findet sich in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844“ (MEW, Ergänzungsband, Erster Teil, Berlin 1968, S. 536): Für Marx ist der Kommunismus „die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen“.

 

 

Ich würde mich freuen, wenn Sie meine Ergebnisse kritisch prüfen würden. Sie sind führenden Politikern der LINKEN bekannt, auch einigen Wissenschaftlern der Rosa-Luxemburg-Stiftung und einigen Genossen Ökologischen Plattform. Die Reaktion ist bisher verhalten.

 

Meine E-Mail erhalten Sie zweifach, weil erfahrungsgemäß in bestimmten Fällen die Übermittlung unterbunden wird. Ich bitte Sie deshalb um eine kurze Rückantwort, ob eine oder beide E-Mails bei Ihnen eingetroffen sind.

 

Mit solidarischen Grüßen

 

Werner Grundmann                               Berlin, den 16. März 2008, 00:15 Uhr