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                                                                   Veröffentlichung am 13.05.2007

 

Werner Grundmann                                      Bearbeitungsstand: 19. April 2007

 

 

Die Leninsche ökonomische Lehre, ihre Folgen und ihre Überwindung [1]

 

Die nachfolgenden Ausführungen sind eine komprimierte Darstellung meiner Auffassungen zu den grundlegenden Ursachen des Scheiterns des Sozialismus[2]. Ich sehe die Hauptverantwortung für dieses Scheitern insbesondere im Wirken Lenins, der es als herausragender linker Theoretiker seiner Zeit versäumte, vor Beginn der Oktoberrevolution eine ausreichend wissenschaftlich begründete ökonomische Theorie zu entwickeln, die die Grundlage für die Gestaltung der (im Marxschen Sinne) neuen ökonomischen Gesellschaftsformation hätte sein können. Lenin leitete damit eine Entwicklung ein, deren Ausgang fragwürdig war.

 

 

Eine These über Lenin als Theoretiker und Revolutionär

 

Der Anteil Lenins am Scheitern des Sozialismus kann nach meiner Auffassung wie folgt zusammengefasst werden:

 

These: Lenin ist als Theoretiker und Revolutionär maßgeblich dafür verantwortlich, dass die linke Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts über die Oktoberrevolution in eine Fehlentwicklung, in eine Sackgasse, geführt wurde. Für seinen insgeheim erhobenen Anspruch, der geistige Erbe von Karl Marx und Friedrich Engels zu sein, gab es in Anbetracht der von ihm erzielten Erkenntnisse keine objektive Berechtigung. Die Ursachen seines Versagens lagen

-          erstens im Verabsolutieren der Marxschen Lehre,

 

-          zweitens in der wissenschaftlich unzureichend begründeten Einschätzung des erreichten gesellschaftlichen Entwicklungstandes vor Ende der Ersten Weltkrieges und

 

-          drittens im unvertretbar großen Wagnis, als revolutionärer Führer die erste sozialistische Revolution eingeleitet und durchgeführt zu haben, obgleich als Grundlage für die notwendige bewusste Gestaltung der angestrebten neuen ökonomischen Gesellschaftsformation keine wissenschaftlich begründete ökonomische Theorie vorlag und ohne eine Antwort auf die zentrale Frage der ökonomischen Funktionsweise der neuen ausbeutungsfreien Gesellschaftsordnung offen bleiben musste, ob überhaupt eine Revolution zum Ziele führen würde, ferner ob sie im zaristischen Russland, zur gegebenen Zeit, mit dem gestellten Ziel objektiv berechtigt war und dauerhaft erfolgreich sein würde.

 

Zur Lenin-These sind einige ergänzende Anmerkungen wesentlich:

-          Die Oktoberrevolution war weitaus mehr als eine soziale Revolution. Indem sie Lenin als „sozialistisch“ deklarierte, wurde die Machtfrage gestellt: die Frage der künftigen Verfügungsgewalt insbesondere über die Produktionsmittel und damit die Frage der erstmaligen revolutionären Veränderung der Eigentumsverhältnisse in einem Land. Obgleich Lenin alles tat, um den Ersten Weltkrieg zu beenden, bewirkte er mit der Zielstellung der Schaffung neuer Eigentumsverhältnisse eine Konfrontation zur gesamten übrigen Welt und schuf damit für Jahrzehnte ein Konfliktpotential mit vielen jener Länder, deren herrschende Mächte ihr Privateigentum an Produktionsmitteln tendenziell gefährdet sahen. Das mögliche Entstehen eines konkurrierenden sozialistischen Weltsystems barg deshalb die Gefahr weltweiter Auseinandersetzungen mit dem kapitalistischen Weltsystem bis hin zur Selbstvernichtung der Menschheit in einem Weltkrieg in sich, was im Falle der (weitaus späteren) weltweiten Ablösung des kapitalistischen Systems hätte vermieden werden können.

 

-          Die Frage der Strategie zur generellen Ablösung des Kapitalismus war zudem von vornherein an eine bedeutsame ökonomische Problematik gebunden. Die ökonomische Funktionsweise der nachkapitalistischen Ordnung könnte auch davon abhängen, ob eine weltweite Ablösung des Kapitalismus über eine Weltrevolution möglich ist, wie es sich Marx vorstellte, oder ob es über einen längeren Zeitraum weltweit konkurrierende Gesellschaftssysteme gibt, die mit ihrer ökonomischen auch ihre militärische Überlegenheit nachweisen müssen. In diesem Zusammenhang war es sicher wesentlich zu erkennen, worin die ökonomische Überlegenheit der neuen ökonomischen Gesellschaftsformation bestehen würde und ob das Überlegenheitskriterium im Falle der weltweiten Ablösung des Kapitalismus identisch sein würde mit jenem, das unter Konkurrenzbedingungen anzuwenden wäre. Könnte es nicht sein, dass im Falle einer weltweiten Konkurrenzsituation den sozialistischen Ländern eine ökonomische Funktionsweise aufgezwungen wurde, die den Anforderungen an eine kommunistische Ordnung völlig unzureichend entsprach und dass es eben infolge der Systemkonfrontation nicht nur zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen beiden Systemen kommen musste, sondern auch zu einer groben Vernachlässigung der ökologischen Anforderungen in den sozialistischen Ländern?

 

-          Könnte es darüber hinaus nicht sein, dass nach dem Zustandekommen dieser Konkurrenzsituation generell die gesellschaftlichen Voraussetzungen fehlten, um zielstrebig eine ökonomische Theorie als Grundlage für die kommunistische Ordnung und ihre ökonomische Funktionsweise zu erarbeiten und dass genau wegen dieser fehlenden Voraussetzungen auch heute noch keine ökonomische Theorie vorliegt, die es erlaubt, die ökologische und die soziale Frage im Weltmaßstab unter einheitlicher ökonomischer Vorgehensweise zu lösen, einschließlich der Verminderung der unvertretbar hohen Übervölkerung der Erde?

 

-          Könnte es letztlich nicht sein, dass nach dem Scheitern der sozialistischen Volkswirtschaften im Wettbewerb mit dem kapitalistischen System für viele Marxisten-Leninisten ein Kapitalismus der „sozialen Markwirtschaft“ heute als einzig akzeptabler Weg erscheint und dass deshalb eine kommunistische Gesellschaft für viele Linke zur Utopie geworden ist, weil sie Ökonomie und Wirtschaftlichkeit von vornherein gleichsetzen und sich die ökonomische Funktionsweise einer nachkapitalistischen Gesellschaft außerhalb des Wirtschaftens nicht vorstellen können? Könnte also die Kernfrage für die Gestaltung der kommunistischen Gesellschaft/Gemeinschaft vielleicht darin bestehen, dass eine andere Art von Ökonomie realisiert werden muss als jenes Wirtschaftlichkeitshandeln, das seit Jahrhunderten unser Leben dominiert und von Engels als Privatökonomie bezeichnet wurde,[3] d. h., gibt es neben jener Privatökonomie eine Gemeinschaftsökonomie, die im eigentlichen Sinne und in Unterscheidung zum Begriff Wirtschaftlichkeit in voller Berechtigung als Ökonomie zu bezeichnen wäre?

 

 

Lenins Verabsolutierung der Marxschen Lehre

 

Lenins Verabsolutierung der Marxschen Lehre äußert sich bereits in den folgenden drei Sätzen, die bekanntlich zu den Grundaussagen und Bekenntnissen der Marxisten gehörten:

-          „Der Marxismus ist das System der Anschauungen und der Lehre von Marx.“ ([1], S. 38)

-          „Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung ...“ ([2], S. 3).

 

Aus der Allmächtigkeit der „wahren“ Lehre von Karl Marx wurde die Zwangsläufigkeit ihres Sieges abgeleitet und aus ihrer Geschlossenheit die Unterstellung, Marx habe „den Kapitalismus als gesellschaftlich-ökonomische Formation erschöpfend analysiert ...“ (vgl. [3], S. 7).

 

Mit den anmaßenden Aussagen Lenins über die Richtigkeit und Geschlossenheit der wissenschaftlichen Theorien von Karl Marx wurde der Marxismus zur Glaubensfrage! Und indem Lenin das Werk von Marx nicht als qualitativ neuen, in sich abgestimmten Beitrag vor allem zur Entwicklung der Ökonomie und Philosophie  betrachtete, sondern zu etwas Eigenständigem, Ganzheitlichem, also zu einem Theoriesystem verabsolutierte und den von Marx abgelehnten Begriff „Marxismus“ übernahm[4], indem er ferner den „Marxismus“ propagierte und sich mit seinen eigenen wissenschaftlichen Arbeiten nur in jenem von Marx zuletzt gewählten relativ engen Rahmen bewegte, wurde dem Personenkult ein erstes Tor geöffnet. Auf diese Weise kam es unter Stalin zur analogen Bezeichnung „Marxismus-Leninismus“ und später zur (zeitweilig positiven!) Akzeptanz der Begriffe „Stalinismus“ und „Maoismus“. Obgleich Marx sowohl die Ökonomie als auch die Philosophie als Wissenschaften revolutionierte, sind seine weit reichenden Erkenntnisse – wie die eines jeden Wissenschaftlers – als Beiträge zu ihrer Entwicklung einzuordnen – analog dem so genannten „Darwinismus“ in der Biologie. Es ist vom Grundsatz her falsch und schadet der Wissenschafts- und Gesellschaftsentwicklung, wenn ausgehend von den Beiträgen einzelner Wissenschaftler deren Namen als Bezeichnung von Wissenschaften verewigt werden, was nicht ausschließt, dass einzelne abgrenzbare wissenschaftliche Theorien oder Strömungen innerhalb von Wissenschaften nach deren Schöpfern oder geistigen Führer benannt werden.

 

Es mag vielen marxistischen Theoretikern nicht bewusst sein – doch selbst in seinem ökonomischen Hauptwerk, dem „Kapital“, ging Karl Marx von einem eingegrenzten Arbeitsgegenstand und von einer klaren spezifischen Zielstellung aus. Er begrenzte seine Untersuchungen zur Erforschung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse vor allem auf die Ausbeutungsproblematik, dies mit dem Ziel, das Entstehen von Mehrwert als Ergebnis von Ausbeutung nachzuweisen, um damit „das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen“ (vgl. [4], S. 15/16). Mehrwert aber dient letztlich der privaten Bereicherung, und Ausbeutung ist nur eine, wenn auch ihre entscheidende Form. Dem überragenden Wissenschaftler Lenin hätte auffallen müssen, dass Marx bewusst auf die wissenschaftliche Behandlung der Reichtums- bzw. Bereicherungsproblematik verzichtete – obwohl es ein umfassendes und Marx wohlbekanntes Werk von Adam Smith gab, das erstmalig die Problematik „Nationalreichtum“ grundlegend behandelte[5]. Es ist deshalb die Frage zu beantworten, warum die Bereicherungs- und damit auch die Verarmungsproblematik gegenüber der Ausbeutungsproblematik für Marx nachgeordnet waren und warum sich die marxistischen Theoretiker nach Lenin so spät mit dem Nationalreichtum befassten.[6] Ferner: Gibt es über die Problematik „Nationalreichtum“ hinaus weitere grundlegende ökonomische Aspekte, die in einer umfassenden ökonomischen Problemstellung mit zu berücksichtigen wären oder in solch einem erweiterten Rahmen erst berücksichtigt werden können, etwa die ökologisch-ökonomische Problematik, die so genannte „Umweltökonomie“? Und wenn es objektiv eine komplexere ökonomische Problematik als die von Marx abgegrenzte und behandelte gibt, dann ist natürlich auch zu fragen, wie sie abzugrenzen ist und welche prinzipiell neuen Erkenntnisse sich aus ihrer Erforschung und praktischen Nutzung für die revolutionäre Bewegung ergeben könnten.

 

Aus dem Dargelegten folgt, dass zur Einschätzung der Leistungen Lenins als Theoretiker und Praktiker Erkenntnisse notwendig sind, die für den Prozess der Ablösung des kapitalistischen Systems objektiv gebraucht werden, aber nur aus einer gegenüber dem Marxschen Herangehen komplexeren ökonomischen Betrachtung gewonnen werden können. Erst aus einer solch umfassenden ökonomischen Denkweise könnten sich auch Korrekturen zu den Folgerungen aus den Untersuchungen von Marx und Engels ergeben. Hingegen ist es wohl infolge der ausgeprägten dialektischen Denkweise und wissenschaftlichen Gründlichkeit von Karl Marx nicht zu erwarten, dass er jemals im Rahmen des von ihm gewählten Arbeitsgegenstandes widerlegt werden kann.[7] All diese Umstände erschweren es noch heute, Lenins Leistungen zu werten und historisch einzuordnen. Es gab eben eine bestimmte Geschlossenheit in der Marxschen Betrachtungsweise! Und sie war disziplinübergreifend! Dennoch kann von Geschlossenheit im Marxschen Werk nur im relativen Sinne gesprochen werden, nur bezogen auf die von ihm bewusst gewählte Abgrenzung. Marx behandelte zu seiner Zeit vorrangig die Ausbeutungsproblematik als ökonomische Kernproblematik unter kapitalistischen Bedingungen, aber er vermied es, ihre Einordnung in eine umfassende Betrachtung explizit zu benennen, offensichtlich weil ihm die Abgrenzung der übergreifenden ökonomischen Problematik noch unklar war und er sich als reifer Wissenschaftler und wissenschaftlicher Perfektionist gegen das Fixieren wissenschaftlicher Thesen grundsätzlichen Charakters in Veröffentlichungen sträubte. Und natürlich kam hinzu, dass Marx mit der Bearbeitung der gewählten Kernproblematik – wohl auch wegen seiner außerordentlichen Gründlichkeit – in seiner Lebenszeit nicht zu Ende kam. Es ist bekannt, dass sogar die Bemühungen von Engels nicht ausreichten, die von Marx hinterlassenen ökonomischen Manuskripte abschließend zu bearbeiten. Auch Engels mied es, den objektiv gegebenen weiter ausgedehnten wissenschaftlichen Arbeitsgegenstand ihrer ökonomischen Forschungen direkt zu formulieren, obgleich er an mehreren Stellen seiner eigenständigen wissenschaftlichen Beiträge Hinweise gab, dass ihm dieser bewusst war. In ihren Sturm- und Drangjahren fanden Marx und Engels jedoch gedankliche Ansätze, die weit über jene Ergebnisse hinauszielten, zu denen beide letztlich im Alter ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse vorlegten. So befasste sich Engels 1843/1844 als junger Wissenschaftler im Rahmen seiner „Kritik der Nationalökonomie“ ausgehend vom Werk des schottischen Nationalökonomen Adam Smith mit der Bereicherungsproblematik und sprach von der politischen Ökonomie als „Bereicherungswissenschaft“[8]. Aber weder Marx noch Engels haben sich meines Wissens später zur Definition von Adam Smith geäußert, der davon ausging, dass sich die „Politische Ökonomie ... mit der Frage“ beschäftigt, „wie man Wohlstand und Reichtum eines Volkes und Staates erhöhen kann“ (vgl. [6], S. 347). Und doch war es Marx bewusst, welch „ungeheurer Fortschritt von Adam Smith“ vollbracht wurde, als dieser „Reichtum ... als vergangne, vergegenständlichte Arbeit“ beschrieb ([17], S. 635). Marx erkannte zudem, dass Reichtum nicht für den Staat geschaffen wird, wie die Ökonomen des 17. Jahrhunderts unterstellten, sondern dass der Staat letztlich „nur noch als Mittel zur Produktion des Reichtums betrachtet“ wurde (vgl. ebd., S. 639).

 

In Anbetracht dieser im Jahre 1857 im Manuskript festgehaltenen Aussagen erscheint es als Widerspruch, warum Marx im „Kapital“ nicht auf die zitierten weit reichenden Erkenntnisse zurückkam. Die Erklärung ist einfach: Marx befasste sich im Kapital mit der Analyse des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst, mit der schöpferischen Seite, mit der Schaffung von (an Gebrauchswerte gebundenen) Wert und Mehrwert. Es ging ihm um den Prozess der Wertschöpfung, um die kumulative Seite, um die „Bewegungsgrößen“, wie auch gesagt wird. Nur durch die Analyse des Prozesshaften konnte er dem Geheimnis der „Bereicherung durch Ausbeutung“ auf die Spur kommen. Das Anhäufen von Reichtum war für Marx ein übergeordneter Zusammenhang, eine neue Qualität, denn Bereicherung ist auf vielfältige Weise auch relativ unabhängig von Ausbeutung möglich, etwa indem der Staat missbraucht wird, um Kriege zu führen und Kolonien zum Zwecke der privaten Ausplünderung und Ausbeutung zu erobern. Über den Begriff Bereicherung als ökonomische Kategorie wird die integrale, die vergegenständlichte Seite, werden die Bestandsgrößen eines erweiterten ökonomischen Zusammenhangs erschlossen! Es war eine methodische Abgrenzung zwischen „Ausbeutung“ und „Bereicherung“ erforderlich, um einen wissenschaftlich sauberen Nachweis für das Entstehen von Mehrwert zu ermöglichen! Das ist das Geheimnis, weshalb von einer relativen Enge des ökonomischen Herangehens innerhalb jenes riesigen geistigen Werkes gesprochen werden darf und muss, das als „Das Kapital“ in die Geschichte einging! 

 

Außerordentlich bemerkenswert ist, dass Marx aus den frühen Jahren seiner wissenschaftlichen Arbeit (genauer: aus dem Jahre 1844) in seinen „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ auch weit reichende Ausführungen zur „Naturfrage“ hinterließ, wie er damals sagte, also zur ökologischen Problematik. Für ihn ist der „Kommunismus ... die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen ... und ... aufgelöstes Rätsel der Geschichte“ (vgl. [7], S. 536), d. h., Marx verstand bereits als junger Wissenschaftler den Kommunismus als Ergebnis aus der einheitlichen Lösung der ökologischen und der sozialen Frage![9] Aber wie hätte der späte Marx eine solch frühe Erkenntnis in sein fundiertes ökonomisches Werk einbauen können? Die Zeit war dafür noch nicht reif, und er selbst war mit seinen veröffentlichungsreifen Forschungen noch nicht einigermaßen so weit, um ökologisch-ökonomische Aspekte aufnehmen zu können!

 

Auch wenn Lenin die frühen zu seiner Zeit noch unveröffentlichten Manuskripte von Marx und Engels nicht kennen konnte, so war doch die kapitalistische Entwicklung nach Jahrzehnten so weit vorangeschritten, dass er eigenständig zu einer gegenüber dem späten Marx erweiterten Betrachtungsweise hätte finden können. Aus heutiger Sicht war es wohl ein Fehler von Marx und Engels, nicht ausdrücklich auf die Existenz der komplexeren ökonomischen Problematik hingewiesen, aber dennoch aus der Bearbeitung der eingegrenzten Problematik erste weit reichende Schlussfolgerungen gezogen zu haben. Eine solche wohl voreilige Aussage von Marx aus dem Jahre 1880 findet sich in den „Vorbemerkungen zur französischen Ausgabe“ von Engels‘ „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“, wo Marx die Arbeit von Engels „gewissermaßen“ als „eine Einführung in den wissenschaftlichen Sozialismus“ bezeichnet (MEW, Bd. 19, S. 185), obgleich doch noch keine ökonomische Theorie für die Funktionsweise des Sozialismus vorlag! Man beachte das Wort „gewissermaßen“! Hieß dies, dass sich Marx noch im Unklaren über seine Aussage war?

 

Das Dargelegte enthob Lenin nicht der Pflicht, folgende drei Fragen zu beantworten:

1.     War es Marx und Engels gelungen, die (politische) Ökonomie des Kapitalismus grundsätzlich in ihrer Gesamtheit wissenschaftlich zu behandeln?

2.     Vermochten es beide „nur“, eine „Kritik der“ (vorliegenden) „politischen Ökonomie“ des Kapitalismus vorzulegen?

3.     Oder hatten es beide „nicht einmal“ geschafft, die vorliegenden Theorien wissenschaftlich umfassend zu analysieren?

 

Meines Erachtens hatten es weder die Ökonomen vor Marx und Engels vermocht, eine grundsätzlich vollständige ökonomische Theorie für die bürgerliche Gesellschaft zu konzipieren, noch war es Marx und Engels gelungen, die gesamten vorliegenden Theorien aus ihrer Sicht heraus in voller Komplexität kritisch zu analysieren. Dies nachzuweisen, erfordert selbstverständlich gesonderte Untersuchungen.[10] Wenn aber die (bürgerliche) politische Ökonomie (in ihrem Sinne) selbst schon unvollständig war, dann musste es natürlich auch die Kritik an dieser Theorie sein! Es ging ja Marx im Wesentlichen um eine „Kritik der politischen Ökonomie“, worauf er im Untertitel zum „Kapital“ hinwies!

 

Weil die „ökonomische Theorie von Marx“ (vgl. [2], S. 80) selbst nicht abgeschlossen war, also im streng wissenschaftlichen Sinne auch nicht als „Theorie“ hätte bezeichnet werden dürfen, von Lenin aber als eines der drei „Grundbestandteile des Marxismus“ betrachtet wurde[11], konnte auch der Marxismus in seiner Gesamtheit keine „geschlossene“ Theorie bzw. kein „geschlossenes Theoriesystem“ darstellen! Etwas relativ Unvollständiges als „wahr“ zu bezeichnen, war in hohem Maße fragwürdig und musste dazu verleiten, gar nicht erst nach einem komplexeren ökonomischen Zusammenhang zu suchen! Der berühmte Satz von Lenin, der Marxismus sei allmächtig, weil er wahr sei, war von vornherein unzutreffend, eben weil eine ökonomische Theorie, die zwar den Kern einer Problematik behandelt, aber die Einordnung in den objektiv gegebenen Gesamtzusammenhang (noch) außer acht lässt, nicht als „wahr“ bezeichnet werden darf! Berücksichtigt man weiterhin, dass weder Marx noch Engels an einer eigenständigen ökonomischen Theorie als Grundlage für die neue Gesellschaftsordnung gearbeitet haben, und ferner, dass Lenin erst nach der Oktoberrevolution mit Arbeiten zur ökonomischen Funktionsweise des Sozialismus begann sowie dass die „politische Ökonomie des Sozialismus“ erst ab Mitte der zwanziger Jahre unter Stalin entstand, dann muss man sich schon fragen, an welche ökonomische Mittel Lenin vor der Oktoberrevolution dachte, die dem Marxismus sozusagen zwangsläufig zum Sieg verhelfen würden. Die Leninsche Aussage war ein Wunsch ohne ausreichende theoretische Basis! Die Massen sollten an den „Marxismus“ als „wissenschaftlich begründet“ glauben! Als herausragender Theoretiker, der er zweifellos war, hat Lenin die in neuer Weise gläubigen Massen, aber auch revolutionäre Führer und linke Wissenschaftler, auf einen Weg geführt, der nur teils gepflastert und dessen Ende nicht zu erkennen war. Lenins außerordentlich hoher Anspruch als führender „marxistischer“ Theoretiker und revolutionärer Führer seiner Zeit hat zudem die Folgen seiner historischen Fehleinschätzung und Selbstüberschätzung enorm verstärkt. Man darf wohl hinzufügen, dass Marx der von Lenin vorgenommenen vereinfachenden Einordnung und Deutung seines wissenschaftlichen Werkes niemals zugestimmt hätte.

 

 

Zur historischen Fehleinschätzung Lenins vor Ende des Ersten Weltkrieges

 

Lenins Bestrebungen waren sehr früh auf zwei unterschiedliche, aber sich ergänzende und voneinander abhängige Ziele ausgerichtet. Zum einen sah er sich als künftiger revolutionärer Führer, zum anderen als linker Theoretiker. Ohne dies direkt zu äußern, wurde aus seinen Reden und Veröffentlichungen hinreichend deutlich, dass er sich sowohl als geistiger Erbe und Nachfolger von Marx und Engels sah als auch als Praktiker zur Realisierung ihrer revolutionären Ideen. Lenin ging stets beide Wege. Letztlich gab er jedoch seiner selbst gestellten Aufgabe als Revolutionär das größere Gewicht. Dies war jedoch insofern problematisch, weil die Gefahr bestand, dass zum einen der theoretische Vorlauf nicht ausreichen konnte, um sich ausreichend begründete revolutionäre Ziele zu stellen, zum zweiten konnten seine subjektiven Zielstellungen als revolutionärer Führer in Widerspruch zu den damaligen Möglichkeiten des objektiv Erreichbaren geraten.

 

Bereits 1905 beantwortete Lenin die innerhalb der russischen Sozialdemokratie diskutierte Frage „Dürfen wir siegen?“ mit einer weit reichenden radikalen Aussage: „Die Arbeiter erwarten keine Kompromisse und bitten nicht um Almosen; sie trachten danach, die reaktionären Kräfte rücksichtslos zu zerschlagen, d. h. die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft zu errichten.“ (Vgl. [9], S. 610 und 621) Dennoch ging der Theoretiker Lenin zu jener Zeit davon aus, dass „eine demokratische Diktatur ... nicht imstande sein“ wird, „die Grundlagen des Kapitalismus anzutasten. Sie wird im besten Fall imstande sein, eine radikale Neuverteilung des Grundeigentums zugunsten der Bauernschaft vorzunehmen, einen konsequenten und vollen Demokratismus bis zur Errichtung der Republik durchzuführen ...“ (vgl. ebd., S. 566/567). Noch eindeutiger war damals Lenins Auffassung zur Unmöglichkeit des Überspringens von Entwicklungsetappen: „Der Marxismus hat unwiderruflich mit den Phantasien ... gebrochen, als ob beispielsweise Russland die kapitalistische Entwicklung vermeiden, dem Kapitalismus ausweichen oder ihn überspringen und einen anderen Weg einschlagen könne als den Weg des Klassenkampfes auf dem Boden und im Rahmen eben dieses Kapitalismus. Alle diese Leitsätze des Marxismus sind mit aller Ausführlichkeit bewiesen und durchgekaut worden, sowohl im Allgemeinen als auch im Besonderen hinsichtlich Russlands. Und aus diesen Leitsätzen folgt, dass es ein reaktionärer Gedanke ist, die Erlösung der Arbeiterklasse in irgendetwas anderem zu suchen als in der weiteren Entwicklung des Kapitalismus. ... Deshalb ist die bürgerliche Revolution für das Proletariat im höchsten Grade vorteilhaft. Die bürgerliche Revolution ist im Interesse des Proletariats unbedingt notwendig.“ (Ebd., S. 569/570).

 

Im Ergebnis seiner Analyse der aktuellen weltpolitischen Situation während des Ersten Weltkrieges revidierte Lenin bestimmte seiner von Marx ausgehenden Auffassungen aus dem Jahre 1905. Aufbauend auf seiner Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ aus dem Jahre 1916 [10], veröffentlichte er im April 1917 in den „berühmten ‚Aprilthesen‘ ... den Plan des Kampfes für den Übergang von der bürgerlich-demokratischen zur sozialistischen Revolution“ (vgl. [11], S. 65, und [12]). Jahrzehnte später wurde der Sinneswandels Lenins in der Zeit des Ersten Weltkrieges aus marxistisch-leninistischer Sicht wie folgt gedeutet: „Die Einschätzung des Imperialismus als monopolistischer, parasitärer oder verfaulender und sterbender Kapitalismus durch Lenin war entscheidend für die Ausarbeitung der marxistischen Theorie von der sozialistischen Revolution unter den Bedingungen des Imperialismus. Lenin entdeckte das Gesetz der ungleichmäßigen ökonomischen und politischen Entwicklung des Kapitalismus in der Epoche des Imperialismus und zog aus dem Wirken dieses Gesetzes die Schlussfolgerung, dass der Sieg des Sozialismus zunächst in einigen Ländern und sogar in einem einzelnen Lande möglich ist.[12] ([11], S. 66) Allein schon durch seine krasse Begriffswahl zur Charakterisierung des vorgeblich erreichten Entwicklungsstandes des Kapitalismus beeinflusste Lenin die Massen in seinem Sinne. Um dem Sozialismus zum Sieg zu verhelfen, reiche es aus, dem „sterbenden“ Kapitalismus, der als Imperialismus einen Weltkrieg provoziert hatte, nur noch den Todesstoß zu versetzen.

 

Die These vom „sterbenden Kapitalismus“ diente Lenin tatsächlich als eine wesentliche  theoretische Begründung für die objektive Berechtigung der Oktoberrevolution. Zugleich wurde es aber notwendig, auch theoretische Vorstellungen zum Aufbau und zur Funktionsweise der neuen Gesellschaftsordnung zu erarbeiten und umzusetzen. Die Frage zur ökonomischen Funktionsweise der nachkapitalistischen Gesellschaftsordnung nach einer Weltrevolution wurde von Lenin vor der Revolution weder gestellt noch untersucht. Dies war insofern problematisch, weil ausgehend von der Marxschen Lehre zur historischen Abfolge ökonomischer Gesellschaftsformationen die Frage des Übergangs zu einer nachkapitalistischen Gesellschaftsordnung eng mit der Frage zu verbinden war, worin die ökonomische Überlegenheit der neuen Gesellschaftsordnung bestehen wird. Zudem war natürlich offen, ob es überhaupt möglich sein würde, den Sozialismus in Konkurrenz zum Kapitalismus aufzubauen. Und ohne das Vorliegen einer ausreichend fundierten Theorie als Grundlage für die Gestaltung der neuen Gesellschaftsordnung bestand zudem die Gefahr, dass die revolutionären Führer nach einem geglückten Revolutionsakt an Objektivität verlieren und einen subjektiven Weg beschreiten könnten, also einen Weg der kurzfristigen Anpassung an die jeweiligen Situationen, wobei von vornherein nicht übersehen werden konnte, ob die Revolution dauerhaft erfolgreich sein würde und wie der Kapitalismus in einem längeren historischen Prozess abzulösen wäre. Es stellte eben auch für einen solch bedeutenden Gesellschaftstheoretiker, wie Lenin, eine subjektive Gefahr dar, davon auszugehen, eine wissenschaftlich begründete Einschätzung einer gegebenen historischen Situation gefunden zu haben, um dann die (vorgeblich objektiven) Erkenntnisse als revolutionärer Führer selbst anzuwenden!

 

Als Lenin seine Imperialismus-Schrift veröffentlichte, sah er zwar die Konsequenzen aus der Internationalisierung der kapitalistischen Ausbeutung; er erkannte auch das Entstehen neuer Formen der Kapitalkonzentration, Kapitalzentralisation und internationaler Machtausübung, nicht aber die Folgen anderer Formen privater Bereicherung für den Übergang zu einer nachkapitalistischen Gesellschaftsordnung. Aber kennzeichnend für das 20. Jahrhundert war nicht nur der Kampf um die Neuaufteilung der Welt zum Zwecke der Ausbeutung und zur Schaffung von Absatzmärkten, sondern vor allem auch die Ausplünderung der angeeigneten Natur[13] zur privaten Bereicherung. Das Aneignen von natürlichem Reichtum wurde immer mehr forciert und ausgedehnt, was wesentlich zur Zerstörung der irdischen Lebensgrundlagen sowie zur Belastung unserer Lebenssphäre mit Schadstoffen und Klima verändernden Gasen beitrug und das ökologische Gleichgewicht immer stärker zum Kippen bringt.

 

Hinter der Imperialismustheorie Lenins verbarg sich die Unterstellung, dass nach der vorgeblich abgeschlossenen Internationalisierung der Ausbeutung unter Nutzung von nationalem Kapital aus den führenden kapitalistischen Ländern und der Marktbeherrschung durch das monopolistische Kapital das „höchste Stadium des Kapitalismus“ erreicht sei. Dabei vernachlässigte Lenin, dass es in der historischen Entwicklung aller Ausbeutungsgesellschaften neben der dominierenden ökonomischen Form der Bereicherung, der Ausbeutung von Menschen durch Menschen, auch stets nichtökonomische Formen der Bereicherung gab.

 

Karl Marx ging auf eine solche Problematik in seinen Ausführungen über die „so genannte ursprüngliche Akkumulation“ näher ein (vgl. [4], S. 741ff). „Recht und ‚Arbeit‘“ seien nicht „die einzigen Bereicherungsmittel“ gewesen. „In der wirklichen Geschichte spielen bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle“ (vgl. [4], S. 742), so auch in jenem  Bereicherungsprozess, der von der (bürgerlichen) politischen Ökonomie neutral als „ursprüngliche Akkumulation“ bezeichnet wurde.[14] Marx beschrieb die „sog. ursprüngliche Akkumulation“ im gesellschaftlichen Sinne als einen historischen Bereicherungs- und Verarmungsprozess, im ökonomischen Sinne als „Befreiung“ der Kleinproduzenten von ihren Produktionsmitteln auf dem Lande und in der Stadt und im historischen Sinne als „Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel“ (vgl. ebd., S. 742), im Fazit letztlich als private Aneignung von fremdem Eigentum und Besitz, in deren Ergebnis die einen „Reichtum akkumulierten“ und die anderen „schließlich nichts zu verkaufen hatten als ihre eigne Haut.“ (Vgl. ebd., S. 741).

 

Die „ursprüngliche Akkumulation“ vollzog sich in den westeuropäischen Ländern „Spanien, Portugal, Holland, Frankreich und England“ (vgl. ebd., S. 779) im Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus und war „nicht das Resultat der kapitalistischen Produktionsweise, sondern ihr Ausgangspunkt“ (vgl. ebd., S. 741)! „Die Expropriation“ (Enteignung) „des ländlichen Produzenten, des Bauern, von Grund und Boden bildet die Grundlage des ganzen Prozesses.“ (Vgl. ebd., S. 744). Die Expropriateure waren „industrielle Kapitalisten“, die die Arbeiter „von Dienstbarkeit und Zunftzwang“ „befreiten“, die die „zünftigen Handwerksmeister“, aber auch die „Feudalherren“, von ihrem „Besitz der Reichtumsquellen“ verdrängten (vgl. ebd., S. 743). Nach der Auflösung der „feudalen Gefolgschaften“ wurde die „Bauernschaft vom Grund und Boden [gewaltsam]“ vertrieben (vgl. ebd., S. 746), teils „systematisch verjagt und ausgerottet“, auch unter dem Einsatz von Soldaten (vgl. ebd., S. 758). Der Bereicherungs- und Verarmungsprozess schuf die Voraussetzungen für die kapitalistische Produktionsweise auf dem Lande und in den Städten. Die Ackerflächen der Kleinbauern wurden in Weideflächen für die massenhafte Tierhaltung verwandelt; in den Städten entstanden zunächst Manufakturen, später außerhalb der Stadtmauern Industriebetriebe. Die von feudalen Fesseln und ihren eigenen Produktionsmitteln „befreiten“ Kleinproduzenten verwandelten sich überwiegend in abhängige Lohnarbeiter. Sie wurden in schlimmster Form ausgebeutet oder auch sich selbst überlassen, massenhaft zu Bettlern, Räubern und Vagabunden und vom Staat extrem verfolgt (vgl. ebd., S. 762).[15] Karl Marx charakterisierte die neuen Eigentums- und Besitzverhältnisse zugespitzt als „Identität zwischen Nationalreichtum und Volksarmut“[16] (vgl. ebd., S. 753).

 

Das später als „Bauernlegen“ bezeichnete Vertreiben der Bauern und das private Aneignen ihres Grundbesitzes vollzog sich in großem Umfange im 15. und 16. Jahrhundert zuerst in England (vgl. [28], S. 272). Zusammen mit dem Entstehen von Manufakturen in den Städten ermöglichte dieser Bereicherungsprozess die Schaffung einer nationalen Basis für den Übergang zur kapitalistischen Produktionsweise. Die koloniale Basis für diesen Übergang wurde mittels nichtökonomischer Bereicherung durch die Annexion besiedelter Territorien, durch Kriege, Plünderungen und Raub, Versklavung, Piratentum, Erheben von Tribut und Steuern usw. über Jahrhunderte in Afrika, Asien und Amerika geschaffen. Teile des Großbürgertums ordneten sich von Anfang an in den über die Ausbeutung weit hinausgehenden Bereicherungsprozess ein, zunächst als Partner feudaler Mächte[17], später auf eigenständige Weise, wie die berüchtigte „Englisch-Ostindische Kompanie“, die „lange Zeit über das Handelsmonopol mit Indien“ und über die „politische Herrschaft in Ostindien“ verfügte (vgl. [4], S. 780 und 849).

 

Der Aufstieg westeuropäischer Länder zu den führenden Weltmächten begann mit der Eroberung und Ausplünderung Amerikas. Auf Basis des geraubten Edelmetalls konnte bereits ab 1548 die allgemeine europäische Geldwirtschaft eingeführt werden (vgl. [22], S. 561). Marx datierte deshalb „die kapitalistischen Ära erst vom 16. Jahrhundert“ an (vgl. [4], S. 743). Zur Gewinnung von Edelmetallen aus den mexikanischen Gruben schloss sich ein über 300 Jahre währender Ausbeutungsprozess der einheimischen amerikanischen Bevölkerung und später von afrikanischen Sklaven an, der sich bis 1888 hinzog und die riesige Menge von 3 Milliarden mexikanischer Pesos erbrachte (vgl. [23], S. 279).

 

Die wohl extremste Form der Bereicherung westeuropäischer Nationen im Rahmen der kolonialen Expansion war der nach der Eroberung von Amerika verstärkt einsetzende Sklavenhandel. Bis zum Jahre 1888 wurden ca. 15 Millionen afrikanische Sklaven nach Amerika gebracht (vgl. [24]), allein von 1807 bis 1847 über 5 Millionen (vgl. [11], S. 659). Der transatlantische Sklavenhandel war die größte Zwangsdeportation in der Geschichte und von bisher unvergleichlicher Brutalität. Die Sterblichkeitsrate der nackt transportierten Afrikaner während der Überfahrt lag bei 40 Prozent (vgl. [24]). Es müssten folglich etwa 10 Millionen Afrikaner beim Transport umgekommen und über Bord geworfen worden sein. Der Sklavenhandel brachte Gewinne bis zu 800 Prozent ein. Er wurde als Dreieckhandel[18] organisiert und war eine Kopplung von nichtökonomischen und ökonomischen Mitteln zur privaten und nationalen Bereicherung[19]. Marx bezeichnete den „Sklavenhandel“ als „Methode der ursprünglichen Akkumulation“.[20] Auch wenn sich die Formen der Bereicherung seitdem geändert haben –  die Bereicherung auf Kosten der Dritten Welt, von der wir heute sprechen, vollzieht sich nunmehr schon über Jahrhunderte. Insbesondere aus diesem Grunde wurde Afrika zum ärmsten Kontinent. Der heutige Reichtum europäischer Nationen und der weißen Bevölkerung Nordamerikas ist zu einem wesentlichen Teil das Ergebnis der Bereicherung auf Kosten der kolonialen Vorwelt besonders Afrikas, Amerikas und Asiens in den vergangenen 500 Jahren.

 

Der nationale und der koloniale Weg nichtökonomischer Bereicherung brachten den westeuropäischen Nationen seit Beginn der Neuzeit riesige Gewinne und neue Möglichkeiten sowohl der Ausbeutung als auch der nichtökonomischen Bereicherung. „Die Gewalt“ war „selbst ... eine ökonomische Potenz“ geworden (vgl. [4], S. 779)! Als dritter lukrativer Weg privater nichtökonomischer Bereicherung entwickelte sich das Kreditwesen. Reiche Großbürger fungierten zunehmend als private Kreditgeber von feudalen Herrschern. Anfänge zu diesem Kreditwesen gab es bereits im 15. Jahrhundert. Das seit 1370 in Augsburg ansässige Kaufmannsgeschlecht der Fugger stieg im Verlaufe von 150 Jahren zur reichsten deutschen Familie auf und finanzierte nicht nur die Kaiser des Hauses Habsburg; in Verbindung mit der Gründung der Fuggerbank in Rom pflegte es auch eine enge Bindung zum Heiligen Stuhl. Die Fugger bereicherten sich u. a. dadurch, dass der Kaiser eine Reichssteuer an die Kaufmannsfamilie verpfändete und der Papst der Fuggerbank die Rechnungsführung für das gesamte Ablasswesen übertrug. Im Jahre 1519 wandten die Fugger „850 000 Gulden allein an Bestechungsgeldern auf“, um dem eigenen Favoriten, den späteren Karl V., zur deutschen Kaiserkrone zu verhelfen (vgl. [30], S. 17, 29, 31 und 43). Das Vorbild der Fugger führte dazu, dass auf Basis der aus den Kolonien angeeigneten Mittel das „System ... der Staatsschulden Besitz von ganz Europa während der Manufakturperiode [nahm]“ (vgl. [4], S. 782). Auf diese Weise wurde die „öffentliche Schuld ... einer der energischsten Hebel der ursprünglichen Akkumulation.“ (Vgl. ebd., S. 782) Die Problematik der Staatsverschuldung begleitet uns in verstärktem Maße bis heute! Und Marx fügt hinzu: „Der einzige Teil des so genannten Nationalreichtums, der wirklich in den Gesamtbesitz der modernen Völker eingeht, ist – ihre Staatsschuld.“ (Ebd., S. 782)

 

Die dargelegten Zusammenhänge und historischen Fakten zeigen, dass nichtökonomische Bereicherung eine entscheidende Basis für das Entstehen des Kapitalismus war, dass der Reichtum der heutigen westlichen Welt wesentlich auf gewaltsamen Formen der privaten Bereicherung beruht und erst die Voraussetzungen für den nachfolgenden Ausbeutungsprozess schuf. Aber von Beginn an war kapitalistisches Engagement – zwar in unterschiedlichen Anteilen – stets das Streben nach nichtökonomischer und ökonomischer Bereicherung, nach Mehrung von privatem Eigentum und Besitz.

 

Die Bereicherung auf Kosten jener Länder, die wir heute als Dritte Welt bezeichnen, schloss zwar von Anfang an auch die Ausplünderung und Zerstörung von Natur mit ein; die Wirkungen auf das Lebenssystem der Erde wurden jedoch bis zum 19. Jahrhundert weitgehend unterschätzt, auch von Lenin. Obgleich er die Ausführungen von Marx zur „Naturfrage“ aus dem Jahre 1844 nicht kennen konnte, überging er entsprechende wichtige Hinweise aus Marxschen Hauptwerk: „Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Spring-quellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“ ([4], S. 529/530) Dass die ökologische Problematik zu einem entscheidenden Faktor für den notwendigen Übergang zu einer nachkapitalistischen Gesellschaft werden könnte, lag außerhalb der Betrachtungsweise Lenins. Auch nach seinem Tod spielte die ökologische Frage in den Arbeiten der führenden marxistischen Theoretiker kaum eine Rolle. Und doch wurde die Bereicherung auf Kosten der Natur im Verlaufe des 20. Jahrhunderts in bisher unerreichtem Maße und in vielfältiger Weise zu einem wesentlichen nichtökonomischen Mittel privater und nationaler Bereicherung. Es sei allein auf die Ausplünderung der Erdöllagerstätten und an das Abholzen riesiger Waldgebiete zur Papiergewinnung verwiesen, die faktisch ohne Ausbeutung erfolgen. Erst aus dem Begreifen der kapitalistischen Gesellschaft als Bereicherungsgesellschaft jedweder Form ergibt sich ein Zugang zur gesellschaftlichen Verursachung der ökologischen Krise!

 

Was wir heute als Globalisierung bezeichnen, schließt die angedeutete Form der privaten und gesellschaftlichen Bereicherung durch die Erschließung und den Verbrauch von Bodenschätzen sowie durch die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen mit ein. Die Globalisierung stellt eine neue Qualität dar. Sie ist ein komplexes Mittel zur extremen privaten und nationalen Bereicherung auf transnationaler Ebene geworden[21].

Zur Globalisierung gehören

-          die Verlagerung der Produktion in Billiglohn-Länder bei bewusster Nutzung unzureichender transnationaler „Umweltstandards“,

-          die Ausplünderung der Natur im globalen Rahmen,

-          das Provozieren kriegerischer Handlungen zur Sicherung der politischen und ökonomischen Einflussnahme im globalen Rahmen unter Inkaufnahme von Belastungen und Zerstörungen territorialer Lebensgrundlagen,

-          das Übertragen der die Natur belastenden Konsumtionsweise auf die Länder der Dritten Welt, z. B. in Form des Automobilismus,

-          das Hintergehen von Steuerzahlungen trotz verschuldeter nationaler Arbeitslosigkeit und

-          unkontrollierte Finanzspekulationen im internationalen Rahmen unter Gefährdung nationaler Währungen und Banken.

 

Aus den Darlegungen wird deutlich, dass das mit Ausbeutung verbundene Wirtschaftlichkeitsprinzip immer stärker vom allgemeinen Bereicherungsprinzip abgelöst wird, welches jede nur denkbare Form privater Bereicherung einschließt. Das private Handeln nach dem allgemeinen Bereicherungsprinzip strebt an, mit einem geringen Aufwand einen möglichst großen Gewinn bzw. Zuwachs an Eigentum und Besitz zu erzielen. Das erzielte Ergebnis an Reichtumszuwachs braucht dabei in keinem rationalen Verhältnis zum Aufwand zu stehen.[22]

 

Zur Zeit Lenins waren es Konzerne auf nationaler Ebene, die durch internationale Aktivitäten zur Bereicherung ihrer Nation beitrugen; heute haben die Kapitalvereinigungen multinationalen Charakter. Sie agieren global über alle Grenzen hinweg. Das Private ist weltumspannend geworden und dominiert inzwischen das Nationale, und zwar sowohl über die Ländergrenzen hinweg als auch innerhalb der Länder! Zahlreiche Nationen sind mit riesigen Beträgen an Private verschuldet. Nach der zeitweiligen nationalen Bereicherung auf Kosten der Dritten Welt kam es in einigen reichen Ländern zeitweilig zur so genannten „sozialen Marktwirtschaft“. Aber infolge fortwährend steigender Staatsschulden selbst in den „reichsten“ Ländern wird nunmehr auch die bisher relativ gut gestellte eigene Bevölkerung verstärkt zur Kasse gebeten, während der private Reichtum weiter „wächst“ und zum Selbstzweck geworden ist.

 

All die angedeuteten Prozesse wechselseitiger Bereicherung und Verarmung gingen mit der Verschärfung der ökologischen Krise einher. Das Verarmen in der Dritten Welt forcierte ihren Bevölkerungszuwachs, weil die Menschen in den armen Ländern zu ihrem Überleben immer stärker gezwungen waren, ihre natürlichen Lebensgrundlagen zu verbrauchen. Aber noch stärker verschärften die reichen Länder trotz weitgehend stagnierender Bevölkerungsanzahl durch ihren Automobilismus und andere Formen des Konsumrausches die ökologische Krise! Der Zuwachs an Reichtum in den industrialisierten Staaten und Ölstaaten verstärkte die Überlebensfähigkeit des kapitalistischen in Konkurrenz zum sozialistischen Weltsystem. Das sozialistische Weltsystem geriet selbst in den Strudel des Verbrauchs und der Zerstörung seiner Lebensgrundlagen. Aus dem angeeigneten und erarbeiteten Reichtum sowohl der kapitalistischen als auch der sozialistischen Länder erwuchs die Möglichkeit des Wettrüstens über viele Jahrzehnte, was Gefahren für die Weiterexistenz unserer Zivilisation mit sich brachte und fast zur Selbstvernichtung der Menschheit geführt hätte.

 

Wegen unzureichender Produktivitätssteigerung scheiterte der Sozialismus an der Vorgabe Lenins, den Kapitalismus in Konkurrenz zu überwinden. Lenin hat die enormen Möglichkeiten der weiteren inneren Entwicklung des Kapitalismus nicht erkannt und kam so zu einer krassen Fehleinschätzung des gegebenen Entwicklungsstandes. Die Ursache seiner Fehleinschätzung lag insbesondere in der auf die Ausbeutungsproblematik eingeengten Denkweise. Ausgehend von seiner Analyse ging er davon aus, dass die Zeit für eine sozialistische Revolution reif sei. Aber selbst aus eigener Sicht handelte er fahrlässig, da für die bewusste Gestaltung des Aufbaus der neuen Gesellschaftsordnung die vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse in keiner Weise ausreichten. Bis heute ist nicht erforscht, wie die nachkapitalistische Gesellschaft nach der weltweiten Ablösung des Kapitalismus ökonomisch funktionieren könnte, um sowohl die ökologische Krise zu bewältigen als auch die soziale Frage zu lösen, also um das Überleben der Menschheit erst einmal zu sichern! Aber warum ist das so?

 

Lenin verließ sich offensichtlich auf sein Genie, als es darauf ankam, nach erfolgreichem Machtwechsel die Ergebnisse der Oktoberrevolution zu sichern und die ökonomischen Grundlagen für die neue Gesellschaftsordnung aufzubauen. Aber auch ein Genie wird durch die Umstände gezwungen, sich in eine historische Situation einzupassen. Auch ein Genie ist nicht fähig, in einem Land eine ökonomisch notwendige Entwicklungsetappe zu überspringen. Und auch bei einem Genie geht Objektivität verloren, wenn sich Widersprüche zwischen eigenen Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen ergeben. In einer solchen Situation erfindet selbst ein Genie etwas „Neues“, passt sich an und verdrängt mögliche ungewollte Spätfolgen!

 

Lenin war in seinen theoretischen Untersuchungen von jener eingeschränkten komplexen Problematik ausgegangen, die Marx aus methodischer Sicht bewusst gewählt hatte, um dem Geheimnis der Produktion von Mehrwert durch Ausbeutung von Menschen auf die Spur zu kommen. Wie gezeigt wurde, gab es jedoch hinreichend Hinweise im Hauptwerk von Marx, wonach ihm die komplexere Problemstellung bekannt war. Indem sich Lenin im Rahmen dieser relativen Enge theoretisch weiter bewegte, schuf er sich mit seiner Imperialismus-Theorie ein vorgeblich wissenschaftlich begründetes Fundament, das ihm subjektiv die Möglichkeit gab, seine bisherige aus der Marxschen Entwicklungslehre übernommene Position zu verdrängen, um eine erste sozialistische Revolution zu wagen und um dann selbst die Macht zu übernehmen. Im Grunde genommen warf er alle wissenschaftlichen Bedenken aus dem Jahre 1905 über Bord und konzentrierte sich – auch unter Verletzung demokratischer Prinzipien gegenüber anderen russischen linken Kräften – voll auf die Übernahme der Macht. Die Eigenmächtigkeit Lenins musste zumindest zu einer vorübergehenden Selbstisolierung der Bolschewiki von anderen europäischen linken Kräften führen und zu einem vergeblichen Warten auf eine Weltrevolution. Unter der Verantwortung Lenins wurden aber auch erste undemokratische Maßnahmen durchgesetzt und Todesurteile gefällt. Es wäre zu prüfen, ob das Verdrängen des ursprünglich angestrebten „konsequenten und vollen Demokratismus“ (vgl. [9], S. 567) den Boden für jene Fehlentwicklung bereitete, die in den dreißiger Jahren unter Stalin von der „demokratischen Diktatur“, der vorgeblichen „Diktatur des Proletariats“, zu einer der schlimmsten Diktaturen der Menschheitsgeschichte führte.

 

 

Lenins falsche ökonomische Strategie

 

Erst nach der siegreichen Oktoberrevolution ging Lenin daran, „die Grundlagen einer sozialistischen Ökonomie zu schaffen“ ([11], S. 65). Er orientierte auf die Ablösung des kapitalistischen Wirtschaftssystems durch die sozialistische Planwirtschaft und forderte, „den Kapitalismus auch auf dem Gebiet der Wirtschaft zu schlagen“ (ebd., S. 66). In seiner Arbeit „Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht“ vom April 1918 [13] nannte er zum ersten Male die ökonomischen Mittel und den Weg, um die Überlegenheit des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus zu erreichen: die „Steigerung der Arbeitsproduktivität“, „die höhere Organisation der Arbeit“ (vgl. ebd., S. 751) und die „Organisierung des Wettbewerbs“ (vgl. ebd., S. 754ff). Besonders einprägsam für jeden Marxisten-Leninisten war jedoch Lenins Formulierung in seiner Schrift „Die große Initiative“ vom Juli 1919: „Die Arbeitsproduktivität ist in letzter Instanz das allerwichtigste, das ausschlaggebende für den Sieg der neuen Gesellschaftsordnung. ... Der Kapitalismus kann endgültig besiegt werden und wird dadurch endgültig besiegt werden, dass der Sozialismus eine neue, weit höhere Arbeitsproduktivität schafft.“ ([14], S. 261). Lenins Zielstellung der notwendigen Erhöhung der Arbeitsproduktivität war sicherlich aus der Zeit heraus geboren und für das industriell unterentwickelte Russland unverzichtbar, aber galt sie generell als Voraussetzung der angestrebten Ablösung des Kapitalismus als System? Mit der Erfüllung der Leninschen Orientierung haben sich Generationen von Sozialisten abgeplagt, um letztlich an ihr zu scheitern! Sie war nicht realisierbar, weil sie bedeutete, den Kapitalismus mit seinen über Jahrhunderte bewährten eigenen Mitteln zu schlagen. Mit der gegebenen Orientierung konnte nicht mehr erreicht werden, als in gewissem Umfange den enormen wirtschaftlichen Rückstand Russlands aufzuholen, was aber „nichts weiter“ bedeutete, als unter den neuen gesellschaftlichen Bedingungen die entscheidende Produktionsbasis überhaupt erst zu schaffen und die Produktivitätsentwicklung bedingt nachzuholen.

 

Es fragt sich, ob Lenin, nachdem die Ablösung der alten Macht durch die Oktoberrevolution erfolgreich war, eine andere ökonomische Orientierung hätte finden können! Nein! Es gab überhaupt kein Mittel, um den Kapitalismus im „ökonomischen Wettbewerb“ zu besiegen! Deshalb musste auch die von Lenin gegebene Zielstellung falsch sein. Der Fehler Lenins bestand schon in der Oktoberrevolution selbst! Wer sich in Konkurrenz zum Kapitalismus begibt, wird bei Strafe des Untergangs gezwungen, auf dem Weltmarkt analog zu agieren wie das Kapital selbst! Da aber das Kapital infolge seines Rufs nur wenig Rücksicht auf die Ausgebeuteten und die Natur zu nehmen braucht und über Jahrhunderte in einem enormen Umfang akkumuliert worden war, hatte es von vornherein enorme wirtschaftliche Vorteile in der Systemauseinandersetzung. Das Kapital vermochte es sogar, in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern auf Kosten der Vorwelt, Mitwelt und Nachwelt einen Überfluss-Lebensstandard zu schaffen, der unter sozialistischen Bedingungen weder erreicht werden konnte, noch angestrebt werden sollte. Die wirtschaftliche Überlegenheit des Kapitalismus war letztlich auch die Ursache für die historische Niederlage des Sozialismus – unabhängig von den Auswüchsen, die sich infolge von Personenkult und diktatorischen Herrschaftsformen in einer Reihe von sozialistischen Ländern entwickelten. Der Sozialismus scheiterte als ökonomische Gesellschaftsformation, weil seine Ziele zu einseitig ausgerichtet wurden, weil er mit falschen ökonomischen Mitteln agierte und zum falschen Zeitpunkt angestrebt wurde! Doch die historische Niederlage des Sozialismus hat Marx nicht widerlegt – im Gegenteil hinsichtlich der ökonomischen Kernfrage sogar bestätigt!

 

Bis heute konnten die marxistischen Theoretiker nicht klären, worin die ökonomische Überlegenheit der nachkapitalistischen gegenüber der kapitalistischen Gesellschaftsordnung bestehen könnte. Doch sollte es diese überhaupt geben, nachdem immer deutlicher wird, dass die Privatökonomie die irdischen Lebensgrundlagen tendenziell immer stärker zerstört? Vollzieht sich in der „kommunistischen“ Volksrepublik China in wirtschaftlicher Konkurrenz zu den führenden kapitalistischen Staaten nicht auch eine analoge selbstzerstörerische Entwicklung?

 

Der Marxismus-Leninismus schuf eine relative geistige Enge, von der sich die eigenen Theoretiker nicht lösen konnten. Dies lag einerseits daran, weil Lenin die Marxsche ökonomische Theorie in den vorgegebenen Bahnen weiterentwickelte, aber auch an den über Jahrzehnte nachgewiesenen Erfolgen aus der Schaffung einer sozialistischen Gesellschaft und am Entstehen des sozialistischen Weltsystems. Im Ergebnis der zeitweiligen Erfolge war es nicht verwunderlich, dass Lenin durch seine theoretischen Beiträge und durch die aus seinen Theorien abgeleiteten praktischen Erfolge zeitweilig höher als Marx eingestuft wurde.[23] Es waren aber die zunehmende wirtschaftliche Überlegenheit der führenden kapitalistischen Länder, der kostspielige Rüstungswettlauf und die Unzufriedenheit mit der Bewältigung wesentlicher eigener Probleme in den sozialistischen Ländern, die dazu führten, dass auch immer mehr Sozialisten an der Richtigkeit von grundsätzlichen ökonomischen Orientierungen Lenins zweifelten.

 

Fehlwirkungen der Leninschen ökonomischen Lehre

 

Eines der eigenständigen ökonomischen Probleme des Sozialismus war die deutlich sichtbare Unfähigkeit, die eigene Bausubstanz ausreichend zu erhalten. Dahinter verbarg sich, dass es bei Gebrauchswerten langer Nutzungsdauer nicht ausreicht, nur auf die mittels hoher Arbeitsproduktivität zu erzielende Neuproduktion zu orientieren; vielmehr musste es von vornherein um die Betrachtung des Zusammenhangs zwischen dem bereits Geschaffenen, seinem Verschleiß, seiner Erhaltung, der eventuellen Aussonderung und dem neu zu Schaffenden gehen. Mit anderen Worten: Es fehlte eine Theorie der ökonomischen Reproduktion, die insbesondere auf die Schaffung und rationelle Erhaltung der objektiv erforderlichen städtischen Bausubstanz hätte angewandt werden müssen. Dies aber war eine interne, prinzipiell nicht an den Weltmarkt gebundene Problematik in den sozialistischen Ländern! Sie wurde nicht bewältigt, obgleich das so genannte ökonomische Grundgesetz des Sozialismus auf die ständig bessere Befriedigung der materiellen und kulturellen Bedürfnisse orientierte, was ja die Beachtung des erreichten Entwicklungsstands in der Konsumtionssphäre einschloss. Dass viele sozialistische Länder die Erhaltung ihrer Bausubstanz unvertretbar vernachlässigten und nicht einigermaßen die notwendige Relation zwischen Erhaltung, Modernisierung und Neubau fanden, schadete ihrem Ansehen enorm. Die Ursache für diese fehlerhafte Baupolitik lag in der Dogmatisierung der bereits zitierten Leninschen Vorgabe, dass die höhere Arbeitsproduktivität „in letzter Instanz das allerwichtigste, das ausschlaggebende für den Sieg der neuen Gesellschaftsordnung“ sei. Ausgehend von der Leninschen Vorgabe wurde im volkswirtschaftlichen Rahmen auf das jährlich geschaffene Nationaleinkommen als entscheidendes ökonomisches Bewertungskriterium orientiert, nicht aber – unter Berücksichtigung des Verschleißverlustes! – auf den Zuwachs an Nationalreichtum. So wie die Marxsche Lehre von Lenin dogmatisiert wurde, wurde die Leninsche ökonomische Lehre selbst zum Dogma. Da aber Lenin zugleich ein revolutionärer Praktiker war und die revolutionären Erfolge auf Basis seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse über Jahrzehnte als offensichtlich richtig erschienen, blieb innerhalb des Sozialismus eine kritische Auseinandersetzung mit Lenins geistigem Werk sowie mit der objektiven Berechtigung der Oktoberrevolution aus. Das Ergebnis waren der Marxismus-Leninismus und das sozialistische Weltsystem. Es existierte so lange, bis sich im Prozess der Systemauseinandersetzung das kapitalistische gegenüber dem sozialistischen System als wirtschaftlich überlegen und sich die Zielsetzungen der dogmatisierten ökonomischen Lehre Lenins als nicht realisierbar erwiesen hatten.

 

Aber es gab und gibt eine weitere Fehlentwicklung aus der Anwendung der Leninschen ökonomischen Lehre, die in ihren schwerwiegenden Folgen die ganze Menschheit betrifft. Weil im Rahmen der Systemauseinandersetzungen in den sozialistischen Ländern die Schaffung von Neuem zuungunsten der Erhaltung materieller Güter langer Nutzungsdauer vorangetrieben wurde, weil also das bereits Geschaffene und Bestehende stark vernachlässigt wurde, gab es in diesen Ländern in der offiziellen Politik auch den Hang, das von der Natur Gegebene gering zu schätzen. Es kam zu ähnlich unverantwortlichen Belastungen, Schädigungen und Zerstörungen unserer Lebenswelt wie in vielen kapitalistischen Ländern. Während sich in den vergangenen Jahrzehnten unter kapitalistischen Bedingungen der größte Anteil privater Bereicherung über die Ausbeutung von Menschen sowie über die Aneignung, Ausplünderung, Zerstörung und Belastung der Natur vollzog, was durch den individualistischen Konsumtionstrieb noch verstärkt wurde, kam es unter sozialistischen Bedingungen im Bemühen um die Lösung der sozialen Frage und zur Existenzerhaltung zu Fehlentwicklungen im Umgang mit der Natur. Im ökonomischen Sinne war dieses Verhalten gegenüber der eigenen Lebenswelt[24] eine spezifische Form unverantwortlicher gesellschaftlicher Bereicherung auf Kosten der Mitwelt und Nachwelt! Die sozialistischen Länder sicherten sich einen relativ hohen Lebensstandard und ihre Verteidigungsfähigkeit auch zu Lasten der irdischen Lebenswelt. Sie trugen auf ihre Weise zur Zerstörung der irdischen Lebensgrundlagen und zur Verschärfung der ökologischen Krise bei, obgleich dies vom Grundverständnis her den Zielstellungen des so genannten ökonomischen Grundgesetz des Sozialismus widersprach, denn auch eine intakte Natur ist ein selbstverständliches kulturelles Bedürfnis von Ausbeutung befreiter Menschen. Die sozialistischen Länder waren aus der beschriebenen ökonomischen Sicht heraus (bis auf die schlimmen Auswüchse vor allem unter stalinistischen und maoistischen Bedingungen) ausbeutungsfreie, sozial orientierte spezifische Bereicherungsgesellschaften zu Lasten der eigenen Lebenswelt. Indem also der Sozialismus ausgehend von der Leninschen Orientierung seine ökonomische Überlegenheit in Form wirtschaftlicher Überlegenheit nachzuweisen versuchte, geriet er in einen analogen Strudel wie der Kapitalismus selbst. Zum Erreichen wirtschaftlicher Ziele wurde die Verschärfung der ökologischen Krise in Kauf genommen.[25]

 

 

Ökonomie in Unterscheidung zu Wirtschaftlichkeit

 

Obgleich in der heutigen Umgangssprache der Begriff Ökonomie häufig in einem verallgemeinerten Sinne als der Begriff Wirtschaftlichkeit verwandt wird, werden beide Begriffe in ihrer Bedeutung nicht nur von der bürgerlichen Wissenschaft faktisch gleichgesetzt.[26] Da es aber sicherlich auch vor der Entstehung des Wirtschaftlichkeitsprinzips und vor der Erfindung des Geldes ökonomisches Verhalten von Menschen gab, ist zu fragen, worauf dieses Verhalten gerichtet war und wie es aus heutiger Sicht verallgemeinert zu kennzeichnen ist. Zugleich ist zu fragen, ob das Wirtschaftlichkeitsprinzip auch für die nachkapitalistische Gesellschaftsordnung noch Bedeutung besitzt und falls nicht, wäre zu beantworten, woran das Wirtschaftlichkeitsprinzip historisch gebunden ist und woher es seine Jahrhunderte lange Dominanz nahm. Wurde der eigentliche Gegenstand der Ökonomie als Wissenschaft noch gar nicht erkannt oder nur zeitweilig verdrängt? Existierten und existieren Ökonomie und Wirtschaftlichkeit zugleich? Und falls dies zutrifft: Wie ordnet sich der spezifische Begriff Wirtschaftlichkeit in den verallgemeinerten Begriff Ökonomie ein?

 

Der Fragenkomplex löst sich auf, wenn von den Grundbedürfnissen des einzelnen Menschen in ihrer Gesamtheit ausgegangen und ökonomisches Verhalten als ein natürliches Verhalten im Sinne der rationalen Bedürfnisbefriedigung zunächst jedes Einzelnen begriffen wird, wenn also im Rahmen des historisch Möglichen von vornherein versucht wird, der ganzen Persönlichkeit des Einzelnen zu entsprechen. Das Streben nach rationeller Bedürfnisbefriedigung existiert für jeden Menschen objektiv, auch unabhängig von seiner Einordnung in eine Gemeinschaft oder Gesellschaft und auch unabhängig von den Eigentums- und Besitzverhältnissen. Es gehört zu seiner Persönlichkeit. Je weniger Zeit ein Mensch braucht, um seine Grundbedürfnisse zu befriedigen, umso mehr bleibt Zeit für seine Persönlichkeitsentwicklung[27]. Die Frage ist allerdings, inwieweit es die Verhältnisse dem Einzelnen erlauben, seinen begründeten Bedürfnissen zu entsprechen, seine Bestrebungen zu unterstützen oder ob seine Bedürfnisse gar manipuliert werden.

 

So wie individuelle Bedürfnisse objektiv gegeben sind und ihre Befriedigung auf rationelle Weise angestrebt werden sollte, verhält es sich mit gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Bedürfnissen. „Die Gesamttendenz der Ökonomie der Zeit“ sollte folglich dahin gehen, „dass die Gesellschaft immer weniger Arbeits- und Zeitaufwand zur unmittelbaren Reproduktion ihres Lebens benötigt, und zwar nicht durch Einschränkung ihrer Bedürfnisse, sondern durch deren allseitige, immer rationellere und effektivere Befriedigung.“ ([28], S. 786-787)[28]

 

Ökonomisches Handeln im dargestellten Sinne ist unmittelbar auf die Bedürfnisbefriedigung gerichtet. Durch die Prämisse der Zeitersparung orientiert es auf die Befriedigung weiterer, auch nichtmaterieller Bedürfnisse. Eine solche Ökonomie kann auch ohne Geld ihre Aufgabe erfüllen, indem die hergestellten Güter nach Leistungs- und sozialen Prinzipien an den Einzelnen, an Gemeinschaften und Gesellschaften vergeben und die bereits vorhandenen langlebigen Gebrauchswerte durch die Verteilung von Arbeitszeit erhalten und modernisiert werden. Das Wirtschaftlichkeitsprinzip ist hingegen zwingend an Wertformen gebunden, die es ermöglichen, den angestrebten Gewinn oder auch den erzielten Verlust zu messen. Ohne Gewinn, ohne den Absatz seiner Produkte ist der Wirtschaftende auf Dauer nicht in der Lage, in irgendeiner Form weiter zu produzieren. Für ihn ist es prinzipiell nachgeordnet, was er produziert; entscheidend ist lediglich, dass er mehr an Geld einnimmt als er ausgegeben hat. Für den Privaten ist also die wertmäßige Seite dominant, für den Bedürfnisträger die gebrauchswertmäßige Seite. Nur dadurch, dass letztlich der so genannte Verbraucher mit seiner Kaufentscheidung oder seiner Kaufzurückhaltung die Produzenten in ihrer Gesamtheit anregt, seinem individuellen Bedürfnis zu entsprechen, wird die Produktion bestimmter Gebrauchswerte erst herausgefordert. Insofern bleibt der Bedürfnisträger dominant. Deshalb wird von den Unternehmen jener ungeheure Werbeaufwand betrieben, um Käufer zu gewinnen. Mit anderen Worten: auch das Wirtschaften ist eingebettet in den komplexeren Zusammenhang der rationellen Bedürfnisbefriedigung. Der privat Wirtschaftende geht zwar – analog wie eine sich selbst versorgende Gemeinschaft – von den erwarteten Bedürfnissen und von den gesellschaftlichen Möglichkeiten ihrer Befriedigung aus; sein Hauptmotiv ist aber nicht die Befriedigung bestimmter von ihm vermuteter Bedürfnisse der Menschen, sondern eine möglichst günstige Verwertung seines eingesetzten Kapitals und dies in fortlaufender Wiederholung.

 

Dass sich der Wirtschaftende im Eigeninteresse entsprechend seinen Möglichkeiten relativ schnell auf die Bedürfnisträger einstellt, bedeutet jedoch nicht, dass auch allen Bedürfnisträgern entsprochen wird. Interessant sind für den Wirtschaftenden nur solche Bedürfnisträger, die über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügen. Er findet sie in relativ hohem Anteil in solchen Staaten, deren Nationen sich im Verlaufe der historischen Entwicklung in hohem Maße auf Kosten anderer Nationen und des natürlichen Reichtums der Erde bereichert haben und auf dieser Basis durch eigene Leistungen hoch produktive Industrien aufbauen konnten. In solchen Staaten herrscht ein derartiger Warenüberfluss, dass die Marktwirtschaft als sozial erscheint oder tatsächlich in beträchtlichem Umfang soziale Leistungen ermöglicht, wobei übersehen wird, dass eben diese Leistungen ohne die Ausbeutung in der Dritten Welt und ohne weltweite Ausplünderung des irdischen Lebenssystems nicht möglich wären.

 

Die Wirtschaftenden sind in ihrer Gesamtheit auch nicht in der Lage, der Befriedigung aller Bedürfnisarten zu entsprechen, weil nicht alle Bedürfnisse marktrelevant sind und teils keinen Warencharakter besitzen. Eines dieser Bedürfnisse ist die Wiederherstellung einer intakten Lebenswelt. Es gibt zwar in den reichen Ländern große Anstrengungen, um über das Steueraufkommen Maßnahmen zur Erhaltung der „Umwelt“ und zur Renaturierung vor allem auf dem eigenen Territorium durchzuführen; die durchgängige Anwendung des Wirtschaftlichkeitsprinzips im Sinne des Erzielens eines privaten Vorteils zu Lasten anderer und zur Belastung unserer Lebenswelt bewirkt jedoch, dass im globalen Rahmen tendenziell mehr zerstört als wieder renaturiert wird, wodurch ein wachsender Nachholbedarf entsteht und die zeitlichen Möglichkeiten immer mehr schwinden, um durch einen „Gewaltakt“ das Lebenssystem der Erde noch zu retten. Es gibt zurzeit nicht einmal die organisatorischen und finanziellen Voraussetzungen, um derartige Maßnahmen einzuleiten! Die Marktwirtschaft ist in der Lage, sehr viele Einzelbedürfnisse zu befriedigen, nicht aber Gesamtbedürfnisse – wie das Überlebensbedürfnis der Menschheit!

 

Das Wirtschaftlichkeitsprinzip ist prinzipiell an Privateigentum, an Privatbesitz und an die Warenproduktion gebunden. Es geht zugleich von der Schöpfung von Werten im Eigeninteresse und von der Schöpfung von Gebrauchswerten für Fremdinteressen aus. Folglich ist es für bestimmte historische Zeiträume gesellschaftlich nützlich. Es birgt jedoch wegen der herrschenden Konkurrenzbedingungen von vornherein die Möglichkeit verstärkter Ausbeutung durch das Absenken der Löhne in einem Unternehmen in sich, wenn dieses in einer wirtschaftlich schwierigen Situation überleben will. In einer auf Privateigentum an Produktionsmitteln basierenden Gesellschaft ist Gewinnstreben objektiv notwendig und damit Ausbeutung selbst bei „fairer“ Verhaltensweise der Unternehmer im Marxschen Sinne unverzichtbar. Doch bereits die mit dem Wirtschaftlichkeitsprinzip verbundene Tendenz, zum privaten Vorteil und zu Lasten anderer zu agieren, ist das Problematische, weil diese Tendenz impliziert, sich auch auf nichtökonomische Weise zu bereichern. Unabhängig von dieser Problematik entstand das allgemeine Bereicherungsprinzip historisch früher – noch bevor die Menschheit das Geld erfunden hatte! Seine Anwendung nutzt alle denkbaren, auch kriminelle Möglichkeiten zur privaten Bereicherung mit und ohne Einsatz eigener Mittel, mit oder auch ohne Einsatz von Arbeitsaufwand, auf friedliche, aber hinterlistige Weise oder aber auch durch das Austragen bewaffneter Auseinandersetzungen bis hin zu Weltkriegen.

 

Das Entstehen des Wirtschaftlichkeitsprinzips hat die Bereicherung auf Kosten anderer durch Ausbeutung in gewisser Weise „kultiviert“, wissenschaftlich nachvollziehbar gemacht, wie „Das Kapital“ von Karl Marx zeigt. Es ist das grundlegende Bereicherungsprinzip. Heute wird allerdings versucht, es auf Gebiete zu übertragen, die mit der Warenproduktion nichts zu tun haben. Die Übergänge vom Wirtschaftlichkeits- zum allgemeinen Bereicherungsprinzip sind fließend geworden.[29] Das allgemeine Bereicherungsprinzip hat sich in seiner parasitären Form immer stärker durchgesetzt, was sich in Wirtschaftskriminalität, in den zahllosen Formen der „Umverteilung“ des angeeigneten privaten Reichtums in den reichen Ländern äußert oder auch in der so genannten Umwidmung von Privatbesitz in Privateigentum, woraus die Möglichkeit erwächst, dass der private Eigentümer (etwa mit angeeigneten Naturreichtümern) beliebig verfahren darf.

 

Als ein erstes Fazit ergibt sich, dass das Wirtschaftlichkeitsprinzip und seine verallgemeinerte Form, das Bereicherungsprinzip, die entscheidenden privatökonomischen Mittel zur Entwicklung von Bereicherungsgesellschaften sind. Bereicherungsgesellschaften basieren auf privatem Eigentum und Besitz. Sie sind an die Marktwirtschaft und an die Existenz von Wertformen gebunden. Durch ihre private Produktionsweise und ihre individualistische Konsumtionsweise tragen sie nicht nur entscheidend zur Entstehung von Verarmungsgesellschaften bei, sondern auch zur Verarmung des natürlichen Reichtums und zur Zerstörung des irdischen Lebenssystems.

 

Während sich das allgemeine Bereicherungsprinzip und das Wirtschaftlichkeitsprinzip historisch entwickelt haben, nutzen die Menschen das Ökonomieprinzip, seit es Menschen gibt. Es entspricht dem natürlichen Streben der Menschen zur immer rationelleren Befriedigung von individuellen und gemeinsamen Bedürfnissen. Damit schließt es das Überlebensbedürfnis von Individuen, Gemeinschaften und Gesellschaften ein. Insofern ist das Ökonomieprinzip Gegenstand einer Ökonomie, die zugleich Überlebensökonomie sein und die Reproduktion der gesamten Lebensbedingungen einschließen muss. Es kann auf der Basis von persönlichem Eigentum, Gemeineigentum, genossenschaftlichem und gesellschaftlichem (staatlichem) Eigentum angewandt werden. Seine größte Wirksamkeit wird jedoch unter gemeinschaftlichen Produktions- und Lebensbedingungen erreicht. Das Ökonomieprinzip geht vor allem von der Gesamtheit der Grundbedürfnisse aus. Im Sinne der Sicherung des Überlebensbedürfnisses fordert es von jeder Gemeinschaft und Gesellschaft das bewusste Beschränken an Besitz über die Natur und das Erhalten bzw. Reproduzieren der natürlichen Lebenssysteme und Kreisläufe. Das Ökonomieprinzip orientiert auf das immer stärkere Ersparen von Zeitaufwand bei der Befriedigung der (gemeinschaftlich bzw. gesellschaftlich anerkannten) Bedürfnisse unter Nutzung der natürlichen Kreisläufe. Das Ergebnis ist an die Möglichkeiten und Fähigkeiten der Individuen und Gemeinschaften bzw. Gesellschaften im Rahmen ihrer Hierarchien gebunden. Gemeinschaftliche Produktion ermöglicht das Anwenden des Verteilungsprinzips bzw. die gemeinsame Nutzung bestimmter gemeinschaftlich erzeugter Gebrauchswerte. Die Notwendigkeit der Schaffung und der Gebrauch von Wertformen erübrigen sich. Die rationelle Befriedigung der Bedürfnisse misst sich am gesamten Zeitaufwand, der über alle gemeinschaftlichen bzw. gesellschaftlichen Ebenen zur Produktion bzw. Reproduktion erforderlich ist. Kommunismus in diesem Sinne erfordert die Schaffung einer Menschheitsgemeinschaft, die sich in die Gemeinschaft aller irdischen Lebensformen einordnet.[30]

 

Seit dem Entstehen des Bereicherungs- und des Wirtschaftlichkeitsprinzips existierten beide stets parallel zum Ökonomieprinzip. Beide Bereicherungsprinzipien haben sich mit dem Entstehen von Privateigentum und Privatbesitz sozusagen in das natürliche ökonomische Verhalten der Menschen eingeschlichen. Beide haben das Ökonomieprinzip unterwandert und weitgehend verdrängt. Es gibt jedoch ein historisches Beispiel, das beweist, wie sich die Nutzung des Wirtschaftlichkeitsprinzips und des Ökonomieprinzips bei Dominanz des Ökonomieprinzips gegenseitig in vorbildlicher Weise ergänzten. Dafür sind die Bürgerstädte des Mittelalters ein eindrucksvolles Beispiel, insbesondere zu jener Zeit, als sich das Bürgertum noch gegen den Feudaladel zur Wehr setzen musste. Obgleich die damaligen Bürger einer Stadt das Wirtschaftlichkeitsprinzip zur Sicherung und zum Ausbau der eigenen Existenz nutzten, wurde beim Bau, bei der Erhaltung und beim Ausbau der Bürgerstädte sowie bei der Sicherung der Städte nach außen intuitiv nach dem Ökonomieprinzip im Sinne der rationellen Befriedigung gemeinsamer Bedürfnisse vorgegangen. Dies drückt sich vor allem in der rationellen Form der Bebauung aus: in der im allgemeinen runden Stadtmauer, in der funktionell unterschiedlichen Breite der Straßen, in der Dichte der Bebauung im Sinne der bestmöglichen Flächennutzung, in der Geschoßhöhe sowie in der zentralen Anordnung des Marktes und der gemeinschaftlich genutzten Einrichtungen. Die Strukturen der Städte wurden so gewählt, dass sie ihre Funktion mit möglichst geringem Bau- und Nutzungsaufwand sowie niedrigem Zeitaufwand für die Nutzer über lange Zeit erfüllten. Die Basis für das Vorgehen waren die gemeinsamen existenziellen Interessen der Bürger und die von ihnen zur Befriedigung gemeinsamer Bedürfnisse gezahlten Steuern. Insofern gab es trotz der prinzipiell individualistischen Interessen der einzelnen Bürger eine von außen erzwungene Dominanz des Gemeinschaftlichen. Deshalb kann eine „mittelalterliche bürgerliche Stadt“ als „ein gemeinschaftliches Lebenssystem ..., ein System zum gemeinschaftlichen Leben und Überleben“ aufgefasst werden (vgl. [16], S. 182). Nachdem jedoch das Bürgertum ausreichend an wirtschaftlicher und politischer Macht gegenüber dem Feudaladel gewonnen hatte, nachdem ferner der übliche Selbstschutz der Städte entfiel und sich wissenschaftlich-technischer Fortschritt allmählich durchsetzte, begann sich auch die Dominanz des Wirtschaftlichkeitsdenkens in den Bürgerstädten durchzusetzen, wodurch die Stadtmauern fielen und sich mit der Bildung von Manufakturen und Industriebetrieben sowie mit dem Entstehen und der Ansiedlung des Industrieproletariats auch die Strukturen vieler Städte wesentlich veränderten. Nicht nur die Produktionsweise, sondern auch die Lebensweise der Gesellschaft wurde immer stärker durch das Wirken des Wirtschaftlichkeitsprinzips und das Zurückdrängen des Ökonomieprinzips bestimmt. Es kam zu jener unkontrollierten Ausdehnung der Städte, deren Ergebnis wir heute Zersiedeln der Landschaft nennen! Dieser Prozess der Inbesitznahme von Territorien unter Einsatz des privaten Kapitals hat sich im Globalisierungsprozess durch das Wirken des allgemeinen Bereicherungsprinzips inzwischen auf die gesamte Erde ausgebreitet. Karl Marx sah diese Entwicklung voraus. Im ersten Band des „Kapital“ prognostizierte er die „Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarktes.“ (Vgl. [4], S. 790)

 

Die dargelegten Zusammenhänge sollten zeigen, dass Lenin die unter kapitalistischen Bedingungen mögliche Entwicklung und die ökonomische Funktionsweise der nachkapitalistischen Ordnung nicht ausreichend erkannte. Es fragt sich deshalb, was er gemeint haben könnte, als er im „Schlusswort zum Bericht über das Parteiprogramm“ am 19. März 1919 vor dem VIII. Parteitag der KPR(B) erklärte: „Wir schätzen den Kommunismus nur dann, wenn er ökonomisch fundiert ist.“? ([15], S. 207)

 

 

Marktwirtschaft und globale ökologische Krise

 

Sowohl bürgerlichen Wissenschaftlern als auch marxistisch-leninistischen Theoretikern erscheint das Fortschreiten der ökologischen Krise so, als sei sie allgemein fortschritts- und nicht gesellschaftsbedingt, weil wirtschaftliches Handeln sowohl zur kapitalistischen und als auch zur sozialistischen Gesellschaft gehört. Deshalb entstand die Idee des notwendigen nachhaltigen Wirtschaftens. Der Versuch, nachhaltig zu wirtschaften, wird die ökologische Krise sicherlich verzögern, aber den Kollaps letztlich nicht aufhalten.

 

Die globale ökologische Krise ist auch Gegenstand naturwissenschaftlicher Untersuchungen. Die naturwissenschaftliche Kernproblematik der globalen ökologischen Krise besteht darin, dass das globale ökologische Gleichgewicht, also das natürlich entstandene Verhältnis zwischen dem Anteil an pflanzlichem Leben einerseits und dem Anteil an tierischem sowie menschlichem Leben andererseits, tendenziell zuungunsten des pflanzlichen Lebens zerstört wird: Durch die Zunahme des Umfangs und Anteils des Kohlendioxid abgebenden Lebens sowie durch die Abnahme des Kohlendioxid aufnehmenden Lebens kann der wachsende Anteil atmosphärischen Kohlendioxids immer weniger gebunden werden, wodurch sich die Atmosphäre zunehmend aufheizt. Wenn die grundlegenden, also die gesellschaftlichen Ursachen für das Entstehen der globalen ökologischen Krise nicht rechtzeitig erkannt und beseitigt werden, kommt es nach dem Überschreiten eines kritischen Wertes der Durchschnittstemperatur der Erdatmosphäre zum „Kippen“ des Klimas und damit zur Klimakatastrophe, die zu einem Weltbrand führen und unsere Zivilisation vernichten kann.

 

Die Abnahme an pflanzlichem Leben auf der Erde (und damit der wachsende Verlust an natürlichem Reichtum) resultiert insbesondere aus der verstärkten Vernichtung unserer Wälder durch Abholzung, Brandrodung, durch Waldsterben infolge sauren Regens, durch unzureichende und zu späte Wiederaufforstung sowie durch die Bevölkerungszunahme in der Dritten Welt, aber auch durch die Versteppung und die Ausdehnung von Wüsten. Alle Aspekte, die die ökologische Schieflage verschärfen, stehen in engem Zusammenhang mit privaten oder gesellschaftlichen Bereicherungsbestrebungen, indem Natur in Besitz genommen und unmittelbar „Naturressourcen“ vermarktet, indem Abgase in die Atmosphäre entlassen oder soziale Gegensätze geschaffen werden, die die Menschen der Dritten Welt, um zu überleben, zwingen, ihre natürliche Lebenswelt zu verbrauchen. Das bereits erfolgte Aufheizen der Atmosphäre verschärft die ökologische Krise weiter, insbesondere durch das Selbstentzünden von Wäldern nach Blitzschlag infolge verstärkter Trockenheit und erhöhten Temperaturen. 

 

Die Ausplünderung und Schädigung der Natur ist im ökonomischen Sinne Bereicherung auf Kosten der Nachwelt. Sie ist mit einem Hauseigentümer vergleichbar, der Miete verlangt, aber nichts veranlasst, dass das undichte Dach seines Miethauses repariert wird. Er bereichert sich an den Mietern, indem er das eingenommene Geld für andere Zwecke verbraucht und nicht entsprechend den Erfordernissen zur Sicherung der weiteren Bewohnbarkeit des Miethauses handelt. Das tendenzielle Ergebnis des Verhaltens des Hauseigentümers ist, dass sein Haus unbewohnbar wird.

 

Der Unterschied vom Miethaus zu unserem „Haus Erde“ ist, dass wir es zwar kostenlos bewohnen dürfen, dass aber die Selbstheilungskräfte der Natur nicht ausreichen könnten, um das globale ökologische Gleichgewicht rechtzeitig wiederherzustellen. Statt zur Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts durch gezielte Maßnahmen beizutragen, nutzen wir unsere ökonomischen Potenzen vielmehr dazu, um das Konsumtionsniveau in den reichen Ländern auf teils unsinnige Weise weiter zu heben. Die Natur kommt zu kurz, weil sie außerhalb der Marktwirtschaft steht! Für aufgeschlossene Menschen wird damit begreifbar, dass an der vorherrschenden Privatökonomie etwas grundsätzlich nicht stimmt! Sie steht auf dem Kopf: Das Mittel für den Austausch von Waren, das Geld, ist zum Selbstzweck geworden und richtet sich immer mehr gegen die mögliche Befriedigung jener elementaren Bedürfnisse, die marktwirtschaftlich nicht relevant sind. Es „rechnet sich nicht“, wenn Leistungen zur Beseitigung von Schäden an der Natur gebracht werden!

 

Im Kapitalismus wird die größte Potenz der Gesellschaft auf die rationelle Produktion jener Erzeugnisse gerichtet, die vermarktet werden können. Dies steigert sich in solche Extreme, dass in den reichen Ländern zu Lasten der Befriedigung von Bedürfnissen, die keinen Warencharakter besitzen, ein Überfluß an Waren entsteht. Das Fazit einer solchen Entwicklung ist, dass zunehmend ein Nachholbedarf in der Befriedigung von marktwirtschaftlich nicht gebundenen Bedürfnissen entsteht. Insbesondere wächst der Bedarf an Maßnahmen zur Verhinderung des ökologischen Kollaps immer weiter an, bis er letztlich so hoch ist, dass er mit allen verfügbaren Kräften der Menschheit in der noch verfügbaren Zeit nicht mehr geleistet werden kann.

 

Wenn wir die ökologische Krise noch verhindern wollen, stehen wir vor einer gewaltigen Umverteilung des gesellschaftlichen Arbeitsvermögens, dies auch zu Lasten des Konsumtionsniveaus künftig lebender Menschen! Aber die Natur wird unbewusst mit uns zusammenarbeiten, wenn wir den richtigen Weg zur Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts beschreiten. Wir müssten allerdings herausfinden, wie hoch die Schulden unserer Menschheit gegenüber der Natur sind, d. h. welche Leistungen in welchem Umfange gebracht werden müssen, um den ökologischen Nachholbedarf auszugleichen, und wir müssten die notwendigen Maßnahmen auf die ganze Menschheit verteilen, um das Ziel noch zu erreichen. Es wäre folglich notwendig, dass die Menschheit zu einem gemeinschaftlichen Handeln findet und erzwingt, dass keine neuen Schulden gegenüber der Natur entstehen. Kann ihr dies unter kapitalistischen Bedingungen gelingen? Sicherlich nicht! (Vgl. [19])

 

Während Marx bereits 1844 auf die notwendige und mögliche Lösung der Naturfrage beim Aufbau der kommunistischen Gesellschaft hinwies, hat Lenin die objektive Existenz dieser Problematik offensichtlich nicht erkannt. Stattdessen leitete er eine Strategie der gesamtgesellschaftlichen Anpassung an die kapitalistische Privat- und Nationalökonomie ein. Eben wegen der Realisierung dieser Strategie gab es unter sozialistischen Bedingungen eine Hemmschwelle, die es verhinderte, die wahren (vom Gesellschaftssystem abhängigen) Ursachen der ökologischen Krise zu erkennen.

 

Wenn wir heute Lenin und seine mehr als optimistische Aussage des erwarteten Sieges des Sozialismus zitieren, bleiben nur noch wenige ernst. Dass es hingegen eine Zwangsläufigkeit der Selbstvernichtung unserer Zivilisation aus den Wirkungen des vorherrschenden kapitalistischen Wirtschaftssystems geben könnte, bereitet vielen Menschen große Sorgen. Wenn die Menschheit dieses System im Weltmaßstab nicht rechtzeitig ablöst, wird sie mit ihm untergehen! Der objektive Zwang zur Ablösung des gesamten kapitalistischen Systems erwächst primär aus der notwendigen rechtzeitigen Lösung der ökologischen Frage zur Sicherung des Überlebens der Menschheit!

 

 

Zur nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung

 

Es erhebt sich die Frage, ob durch eine andere als die von Lenin vorgegebene ökonomische Politik der Zusammenbruch des Sozialismus hätte verhindert werden können, da es doch im Rahmen sozialistischer Gesellschaften zweifellos Bereiche gab, für die die Konkurrenz zum kapitalistischen System nachgeordnet war. In solchen Bereichen hätten zweifellos Erkenntnisse aus der zu entwickelnden Ökonomie der Reproduktion mit großem Nutzen angewandt werden können, wie z. B. im kostenintensiven Städte- und Wohnungsbau. Die Antwort leitet sich aus dem Gesamtzusammenhang ab. Das Bauen in den sozialistischen Ländern war nur relativ unabhängig von der Systemauseinandersetzung. Nachdem der Akt der Oktoberrevolution vollzogen und die Macht übernommen worden war, entstand im historischen Prozess ein objektiver Zwang, sich der Konkurrenz auf dem Weltmarkt mit der ganzen Wirtschaftskraft der sozialistischen Staaten zu stellen. Eine besser durchdachte ökonomische Innenpolitik hätte wohl den inneren Zusammenbruch des sozialistischen Systems verzögert, aber nicht verhindert. Der große Fehler Lenins war weniger seine ökonomische Politik als vielmehr die Durchführung der Oktoberrevolution selbst. Sie führte die Linke in eine historische Sackgasse und verhinderte über Jahrzehnte die entscheidenden gesellschaftswissenschaftlichen Erkenntnisfortschritte, die zur Ausarbeitung einer Strategie notwendig waren, um den Kapitalismus im Weltmaßstab ablösen zu können. Zu den notwendigen Erkenntnisfortschritten gehörte meines Erachtens die Einsicht, dass die nachkapitalistische Ordnung Gemeinschaftlichkeit in höherem Sinne realisieren sollte, im Sinne der Wiederherstellung der Einheit des Menschen mit der Natur. Die neue Ordnung muss deshalb mehr als eine sozialistische Gesellschaftsordnung sein! Der Prozess des Übergangs zu dieser Gemeinschaftsordnung ist folglich primär ökologisch dominiert auszurichten, d. h., in diesem Übergangsprozess darf die soziale Frage nur soweit gelöst werden, wie es die Sicherung des Überlebens der Menschheit zulässt. Dabei gilt es, den Widerspruch zwischen Ökonomie und Ökologie weitgehend zu beseitigen. Auf der Basis von Gemeineigentum und Gemeinbesitz wird es möglich letztlich werden, die ökologische und die soziale Frage unter der Dominanz der Bewältigung der ökologischen Krise und der Prämisse nach rationeller Bedürfnisbefriedigung gemeinsam zu lösen.

 

Die nachkapitalistische Ordnung wird eine ökonomische Formation neuer Qualität im Marxschen Sinne sein, eine ökonomische Gemeinschaftsformation, eine weltweite Gemeinschaftsordnung! Die neue Qualität wird sich zum einen in jenem Kriterium äußern, das der ökonomischen Bewertung der Leistungen der Gemeinschaften zugrunde gelegt wird, d. h. im Aufwand für die rationelle Befriedigung vor allem der Grundbedürfnisse, zum zweiten darin, dass die Gemeinschaften von vornherein von ihren (als zulässig erkannten und akzeptierten) Bedürfnissen insgesamt ausgehen, insbesondere von all ihren Grundbedürfnissen. Dabei wird jeweils der erreichte Stand der Bedürfnisbefriedigung berücksichtigt und angestrebt, durch die rationelle Erhaltung des Gegebenen möglichst auf die Produktion von Neuem zu verzichten. 

 

Da die Privatökonomie der kapitalistischen Gesellschaft marktwirtschaftlich nicht relevante Bedürfnisse von vornherein aus ihren Handlungen ausschließt und deren mögliche Befriedigung tendenziell erschwert, da sie sogar unfähig ist, dem Überlebensbedürfnis der Menschheit zu entsprechen, erübrigt sich ein genereller ökonomischer Vergleich zur nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung!

 

Der Übergang zu einer weltweiten Gemeinschaftsordnung kann nur in einem längeren Entwicklungsprozess erfolgen. Die Menschen werden erst lernen müssen, die geistigen Fesseln des egoistischen Wirtschaftlichkeits- und Bereicherungsdenkens abzulegen, um gemeinschaftlich handeln zu können. Sie müssen begreifen, dass es die gewinnorientierte Privatökonomie war, die das kapitalistische System geschaffen hat und dass das Weiterwirken dieser Privatökonomie zur Zerstörung der irdischen Existenzgrundlagen führt. Sie müssen sich davon überzeugen, dass nur das Verdrängen sowie Ersetzen der Privatökonomie durch Gemeinschaftsökonomie das Überleben der Menschheit sichern kann. Und sie müssen zu lernen, die Anwendung der vorgeblich neuen, der „wahren“ Ökonomie im Rahmen des vorherrschenden Gesellschaftssystems in relativ eigenständigen Gemeinschaften zu praktizieren.

 

Entscheidend ist das Wissen um diese andere Ökonomie. Dieses Wissen zur Existenz und zu den Möglichkeiten der Gemeinschaftsökonomie wird es erlauben, im Rahmen der bestehenden Ordnung eine Parallelentwicklung zu initiieren, die Gemeineigentum schafft und weiterentwickelt, die Gemeineigentum und Gemeinbesitz im Sinne der rationelleren Bedürfnisbefriedigung unter Anwendung der Gemeinschaftsökonomie nutzt und zugleich Gemeinbesitz auf die naturgemäß zulässige Ausdehnung beschränkt. Die „neue“ Ökonomie, die in Wirklichkeit seit Jahrtausend in den Köpfen der Menschen existiert und im täglichen Verhalten praktiziert wird, dürfte in relativ kurzer Zeit als Selbstverständlichkeit angenommen werden. Sie wird umso mehr akzeptiert werden, je besser und früher die Menschen zunächst lernen, den „Überfluss“ der kapitalistischen Wegwerfgesellschaft zur rationellen Bedürfnisbefriedigung zu nutzen. Noch mehr Zuspruch wird die „neue“ Ökonomie finden, wenn die vorgeblich Überflüssigen, die Langzeitarbeitslosen, die Ausgesonderten den Sinn ihres Lebens in der zweckmäßigen Nutzung der Gemeinschaftsökonomie entdecken.

 

Den Anfang der ökonomischen Parallelentwicklung könnten Zellen der Gemeinschaftsökonomie bilden, die sich eigenständig unter Einhaltung der bürgerlichen Gesetze demokratisch bilden. Sie sollten nicht mehr verwertbare Gebäude, Flächen, Maschinen, Geräte usw. im Sinne der rationellen Bedürfnisbefriedigung wieder einer Nutzung zuführen. Ein Teil jener „Zellen“, die still gelegte Nutzflächen übernommen haben, sollten eine weitgehende Selbstversorgung absichern. Die Zellen könnten der Gesellschaft Angebote unterbreiten, um staatlich finanzierte „Umweltprojekte“ zu bearbeiten. Zwischen den Zellen wäre der Austausch von Gebrauchswerten und Leistungen zu organisieren, der es in der Folge ermöglicht, Organe der Gemeinschaftsökonomie zu schaffen sowie später – im Verlaufe von Jahrzehnten – lokale, regionale, auf einzelne Kulturen begrenzte und weltweite Strukturen. Sie werden es auf allen Ebenen ermöglichen, den Einflussbereich der Privatökonomie sukzessive einzuschränken, um letztlich die Privatökonomie mit den Mitteln der vollen Demokratie außer Kraft zu setzen.

 

Erst der erfolgreiche Aufbau einer weltweiten Gemeinschaftsordnung wird allmählich dazu führen, das Gemeinschaftliche in Einheit mit dem Individuellen und das gemeinschaftliche Leben der Menschen mit anderen Lebensformen voll auszuprägen. Wir werden als Menschheit anderen Lebensformen ihr Recht auf ungestörte Eigenentwicklung in „ihren“ Lebenssystemen gewähren müssen und unseren Besitzanspruch an der irdischen Lebenswelt bewusst einschränken, denn eine von Ausbeutung befreite Menschheit ist nicht wirklich frei, wenn sie zu Lasten anderer Lebensformen lebt. Die letzte Form der Selbstbefreiung der Menschheit ist ihre bewusste Selbstbeschränkung zugunsten der Weiterexistenz anderen irdischen Lebens, ohne dass die Menschheit auf Eigenentwicklung verzichten muss!

 

Die Selbstbeschränkung der Menschheit schließt auch den zielgerichteten Abbau der Übervölkerung unseres Planeten ein. Auch dies wird erst mit der Errichtung einer weltweiten Gemeinschaftsordnung in Angriff genommen werden können, weil die Bewältigung dieser Problematik einer gemeinschaftlichen Orientierung bedarf und die hinreichende Lösung der sozialen Frage in den bisher armen Ländern unserer Welt voraussetzt. 

 

 

Zusammenfassung

 

Der Gegenstand der vorliegenden Untersuchungen war es nicht nur, die grundlegenden Ursachen für das Scheitern des Sozialismus in den theoretischen Arbeiten und der revolutionären Praxis Lenins nachzuweisen, sondern auch einen Beitrag für einen neuen Ansatz zur notwendigen Überwindung des kapitalistischen Systems vorzulegen.

 

Die entscheidenden Fehler Lenins bestanden in folgendem:

-          Lenin erkannte nicht den umfassenden Charakter der kapitalistischen Gesellschaft als Bereicherungsgesellschaft. Ihm war nicht bewusst, dass sich Marx in seinen ökonomischen Forschungen gezielt auf die entscheidende Form der Bereicherung, auf die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, konzentriert hatte.

 

-          Lenin erkannte nicht, dass Bereicherung auf Kosten der Natur möglich und immanenter Bestandteil aller Bereicherungsgesellschaften ist, dass deshalb der Aufbau einer nachkapitalistischen Ordnung die einheitliche Lösung der ökologischen und der sozialen Frage einschließen muss.

 

-          Lenin erkannte nicht, dass der Prozess der weltweiten Systemauseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus nicht nur zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen konnte, sondern auch zur Verschärfung der ökologischen Krise bis hin zur existenziellen Gefährdung der Menschheit und dass die nicht rechtzeitige Ablösung des Kapitalismus im Weltmaßstab zur ökologischen Katastrophe führt.

 

-          Damit erkannte Lenin nicht, dass beim Übergang von der kapitalistischen zur weltweiten Gemeinschaftsordnung (zum „Kommunismus“) die Lösung der ökologischen Frage gegenüber der Lösung der sozialen Frage dominieren muss und dass die „Lehre vom wissenschaftlichen Sozialismus“ folglich fragwürdig ist.

 

Indem Lenin mit der Oktoberrevolution einen wissenschaftlich unzureichend begründeten revolutionären Weg beschritt, führte er die linke Bewegung im 20. Jahrhundert in eine historische Sackgasse. Infolge der wirtschaftlichen Unterlegenheit endete ihr Weg in der Implosion des sozialistischen Weltsystems. Damit wurde das „wissenschaftlich begründete“ Weltbild von Millionen Menschen soweit zerstört, dass den meisten Sozialisten die mögliche Ablösung des Kapitalismus nunmehr als unmöglich erscheint. Die Erfahrungen mit dem Niedergang des Sozialismus waren für viele der betroffenen Menschen niederschmetternd, weil ein progressiv gedachtes und gewolltes gesellschaftliches System nicht am Leben erhalten werden konnte.

 

Vielen Menschen wurde ihr großes gemeinsames gesellschaftliches Ziel genommen, weil ein „Genie“ vorzeitig einen falschen Weg wies und einschlug! Das neue Gesellschaftssystem entstand nicht nur zum falschen Zeitpunkt; es war zudem mit nicht korrigierbaren Geburtsfehlern behaftet. Die sozialistische Idee, der „wissenschaftliche Sozialismus“ und der „Realsozialismus“ waren nicht überlebensfähige geistige bzw. gesellschaftliche Fehlgeburten, weil sie einseitig auf die Lösung der sozialen Frage orientierten und weil sie vernachlässigten, dass alles Leben, natürlich auch das von Gesellschaften und Gemeinschaften, der Einordnung in ein funktionstüchtiges Lebenssystem bedarf, dessen Erhaltung oberste Priorität hat, weil nicht erkannt wurde, dass der objektive Zwang zur weltweiten Ablösung des kapitalistischen Systems primär aus der Gefährdung der Existenz der Menschheit infolge der tendenziellen Zerstörung des irdischen Lebenssystems erwächst. Es wird sicherlich weiterhin soziale Revolutionen geben. Doch es sollte keinen „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ geben, denn die sozialistische Idee hat unabhängig von der Lösung der ökologischen Frage keine objektive Berechtigung! Der „Realsozialismus“ wird wohl der einzige Versuch eines Sozialismus bleiben, weil der Menschheit die drohende Gefahr des „Kippens“ unseres Klimas in den nächsten Jahren und Jahrzehnten durch Unwetter, Flächenbrände und riesige Überschwemmungen so drastisch verdeutlicht werden wird, dass sie unbedingt und massiv nach Erklärungen und Lösungen suchen muss.

 

Es ist eine nur bedingt an die Ausbeutung gebundene Problematik, die – will die Menschheit überleben – zur Ablösung des gesamten kapitalistischen Systems sowie zur Abschaffung privater Eigentums- und Besitzverhältnisse zwingt. Der Kapitalismus entstand auf der Basis nichtökonomischer Bereicherung im Prozess der ursprünglichen Akkumulation; er wird durch nichtökonomische Bereicherung in historisch kurzer Zeit seine natürliche Existenzbasis selbst zerstören. Nur seine weltweite Ablösung kann verhindern, dass durch die weitere private und gesellschaftliche Bereicherung zu Lasten der Natur unser Lebenssystem tendenziell nicht noch mehr zerstört wird und es zu einer Klimakatastrophe kommt. Diese Problematik wurde über Jahrzehnte verdrängt, weil sich die sozialistischen Staaten in das gleiche Fahrwasser begaben wie das konkurrierende kapitalistische System.

 

Im zweiseitigen Interview des Neuen Deutschland vom 31.12.99 mit Oskar Negt finden sich vier bemerkenswerte Sätze:

1.     „Und auch wir im Westen können nicht so genau sagen, was Sozialismus denn nur wirklich ist. Das, was als solcher ausgegeben wurde, war’s nicht.“ ([20], S.15);

2.     „Heute kann man ... mit gutem Gewissen sagen, dass die Ideengeschichte seit Marx nur noch aus Fußnoten zum Philosophen aus Trier besteht.“ ([20], S.14)

3.     Nun sind wir wieder an einem Punkt vor Oktober 1917.“ ([20], S.15)

4.     „Die Idee des Sozialismus wird leider allgemein mit dem Stalinismus identifiziert und ist derzeit noch stark beschädigt. Dennoch müssen wir Alternativen entwickeln zum derzeitigen Kapitalismus. Und da müssen wir wieder von vorn anfangen.“ ([20], S.15)

 

Als Karl Marx schrieb, dass „die bürgerliche Ökonomie erst zum Verständnis der feudalen, antiken, orientalen Gesellschaft [kam], sobald die Selbstkritik der bürgerlichen Gesellschaft begonnen“ hatte (vgl. [17], S. 636), ahnte wohl er nicht, dass es der sozialistischen bezogen auf das Verständnis der bürgerlichen Ökonomie analog ergehen könnte: Erst nach dem Beginn der kritischen Auseinandersetzung mit der Ökonomie der sozialistischen Gesellschaft befähigen wir uns, die Ökonomie der kapitalistischen Gesellschaft umfassender zu verstehen. Mit anderen Worten heißt dies: Eine grundsätzliche Kritik an der Leninschen ökonomischen Lehre versetzt uns erst in die Lage, bei Marx neu anzusetzen und zu lernen, wie seine (von Lenin dogmatisierte) ökonomische Lehre in einen umfassenden ökonomischen Zusammenhang eingeordnet werden kann, um letztlich zu jener ökologisch und gemeinschaftlich orientierten Ökonomie zu finden, die den Anforderungen einer nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung objektiv entspricht.

 

 

Quellennachweis

[ 1] Lenin: „Karl Marx“ In: „Ausgewählte Werke in drei Bänden“, 7. Aufl. 1970,

      Bd. I, S. 23-67; vgl. auch Lenin: „Werke“, Bd. 21, S. 31-80

 

[ 2] Lenin: „Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus“

      In: „Ausgewählte Werke in drei Bänden“, Bd. 1, S. 77- 82;

      vgl. auch: Lenin: „Werke“, Bd. 19, S. 3-9

 

[ 3] Vorwort zu: „Lenin: ‚Ausgewählte Werke in drei Bänden‘, Bd. I“,

      7. Aufl. 1970

 

[ 4] Marx: „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band “

      In: MEW, Bd. 23

 

[ 5] Engels: „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“

       In: MEW, Bd. 1, S. 499-524

 

[ 6] Smith, Adam: „Der Wohlstand der Nationen“ München: dtv, 7. Auflage 1996

      (Vollständige Ausgabe nach der 5. Auflage (letzter Hand), London 1789)

 

[ 7] Marx: „Ökonomisch-philosophische Manuskripte“ In: MEW, Ergänzungsband,

      Erster Teil

 

[ 8] Immler, Hans; Schmied-Kowarzik, Wolfdietrich: „Marx und die Naturfrage“

      VSA-Verlag, Hamburg 1984, 144 S.

 

[ 9] Lenin: „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen

       Revolution“ In: „Ausgewählte Werke in drei Bänden“, Bd. I; S. 527-646;

       vgl. auch Lenin: „Werke“, Bd. 9, S. 1-130

 

[10] Lenin: „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“

       In: „Ausgewählte Werke in drei Bänden“, Bd. I, S. 763-873;

       vgl. auch Lenin: „Werke“, Bd. 22, S. 189-309

     

[11] „Ökonomisches Lexikon L-Z“, Verlag Die Wirtschaft, Berlin 1971, 1248 S.

 

[12] Lenin: „Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution“

       In: „Ausgewählte Werke in drei Bänden“, Bd. II, S. 37-44;

       vgl. auch Lenin: „Werke“, Bd. 24, S. 1-8

 

[13] Lenin: „Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht“

       In: „Ausgewählte Werke in drei Bänden“, Band II, S. 731-770;

       vgl. auch Lenin: „Werke“, Bd. 27, S. 225-268

 

[14] Lenin: „Die große Initiative“ In: „Ausgewählte Werke in drei Bänden“,

       Band III, S. 241-268; vgl. auch Lenin: „Werke“, Bd. 29, 397-424

 

[15] Lenin: „Schlusswort zum Bericht über das Parteiprogramm“

        am 19. März 1919 vor dem VIII. Parteitag der KPR(B)

        In: „Ausgewählte Werke in drei Bänden“, Band III, S. 203-212;

        vgl. auch Lenin: „Werke“, Bd. 29, S. 184-201

 

[16] Grundmann, Werner: „Zur ökonomischen Entwicklung von Bürgerstädten“

       In: Mackensen, Rainer (Hg.): „Handlung und Umwelt. Beiträge zu einer

       soziologischen Lokaltheorie“ Leske + Budrich, Opladen 2000, S. 165-191

 

[17] Marx: „Einleitung [zur Kritik der Politischen Ökonomie]“

        Aus dem handschriftlichen Nachlass von Marx aus dem Jahre 1857.

        In: MEW, Bd. 13, S. 613-642

 

[18] Müller, Eva: „Der Nationalreichtum“ Verlag Die Wirtschaft, Berlin 1987

 

[19] Grundmann, Werner: „Zur Nichtbewältigung der ökologischen Krise unter

       marktwirtschaftlichen Bedingungen“ Vortrag am 27.06.96

       an der Technischen Universität Berlin, 27 S., unveröffentlicht

 

[20] „Wir müssen noch einmal von vorn anfangen“ Interview von

       Gabriele Oertel und Karlen Vesper mit Prof. Dr. Oskar Negt.

       In: „Neues Deutschland“ vom 31.12.1999, S. 14/15

 

[21] Fedorenko, N. P.; Maiminas, E. S.; Tscheremnych, Ju. N.;

       Tschernjak, Ju. I.: „Mathematik und Kybernetik in der Ökonomie.

       Nachschlagewerk“ Verlag Die Wirtschaft,

       Berlin 1973, Stichwort „Nationalreichtum“

 

[22] Zentner, Chr.: „Der große Bildatlas zur Weltgeschichte“

        Unipart-Verlag, Remseck 1992

 

[23] „transpress Lexikon Numismatik“ Verlag transpress, Berlin 1976

 

[24] „Der Pfeffer ist gut, die schwarze Ware ist besser.

        Die Anfänge des orientalischen und transatlantischen Sklavenhandels“

        Sendung des Deutschlandfunks,

        Reihe Religion und Gesellschaft, vom 12.05.99

 

[25] Pückler, Hermann Fürst von: „Briefe eines Verstorbenen“ (1830/32)

       Zitiert nach „Neues Deutschland“ vom 23./24.08.03, S. 24

 

[26] Scheer, Hermann: „Globalisierung – Zur ideologischen Transformation eines

       Schlüsselbegriffs“ In: Le Monde diplomatique (Hg.):

       „Atlas der Globalisierung“ taz Verlags- und Vertriebs-GmbH (2003), S. 6-8

 

[27] Marx, Karl: „Grundrisse zur Kritik der politischen Ökonomie“ 2. Aufl.,

        Dietz Verlag, Berlin 1974

 

[28] „Ökonomisches Lexikon A-K“, Verlag Die Wirtschaft, Berlin 1969, 1200 S.

 

[29] Gorbatschow, Michail: „Mein Manifest für die Erde. Jetzt handeln für Frieden,

       globale Gerechtigkeit und eine ökologische Zukunft“

       Campus Verlag, Frankfurt/New York 2003, 155 S.

 

[30] „Die Fugger: Ein Kaufmannsgeschlecht im Zentrum der Macht“

        Thales-Verlag, Essen 1991 (Thales Themenheft Nr. 68)

 


 

[1] Die vorliegende Schrift entstand in einer ersten Fassung im August 2001. Sie wurde vom 24. August bis 25. September 2003 ergänzt und überarbeitet sowie vom 17.-19.04.2007 noch einmal überarbeitet.

 

[2] Unter Sozialismus versteht der Verfasser eine ausbeutungsfreie ökonomische Gesellschaftsformation, die primär auf dem gesellschaftlichen Eigentum an Produktionsmitteln basiert und unter Anwendung des Wirtschaftlichkeitsprinzips die ständig bessere Befriedigung der materiellen und kulturellen Bedürfnisse der Menschen anstrebt. Den Begriff real existierender Sozialismus in jenem beschönigenden Sinne, dass die bisherigen Schwächen sozialistischer Gesellschaften einst überwunden werden, hält der Verfasser für fragwürdig, weil die objektive Berechtigung künftiger sozialistischer Gesellschaften infolge der Verschärfung der ökologischen Krise offen ist. Das Primat der Lösung der ökologischen Frage zur Existenzerhaltung der Menschheit könnte von den Linken veränderte gesellschaftliche Strategien erfordern.

[3] Vgl. Fußnote 8.

[4] Im Brief von Engels an Paul Lafargue vom 27.8.1890 überliefert Engels den folgenden Ausspruch von Marx: „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin!“ (MEW, Bd. 37, S. 450)

 

[5] Der schottische Nationalökonom Adam Smith veröffentlichte 1776 das umfangreiche Werk „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“. Er sprach noch vom Wohlstand der Nationen, wofür sich später der Begriff Nationalreichtum bzw. Volksvermögen einbürgerte. Das Buch von Adam Smith liegt als Übersetzung vor und wurde unter dem Titel „Der Wohlstand der Nationen“ ab 1978 in mehreren Auflagen u. a. vom Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv) veröffentlicht. Eine unter Verantwortung von P. Thal herausgegebene Übersetzung des Werkes von Adam Smith aus dem Englischen erschien unter dem Titel „Eine Untersuchung über das Wesen und die Ursachen des Reichtums der Nationen“ auch im Dietz Verlag, Berlin 1975 und 1976.

 

[6] Erste marxistische Bücher vom Autor A. L. Wainstein über den Nationalreichtum erschienen in den sechziger Jahren in der UdSSR (vgl. [21], Stichwort „Nationalreichtum“); erste DDR-Autorin eines Buches über den „Nationalreichtum“ war Eva Müller im Jahre 1987 [18]. Die ersten Ergebnisse zur Berechnung des Nationalreichtums der UdSSR im Sinne des reproduzierbaren materiellen Nationalreichtums wurden Anfang der sechziger Jahre veröffentlicht (vgl. [21], Stichwort „Nationalreichtum“).

 

[7] Die hin und wieder vertretene Behauptung, dass die Marx’sche Arbeitswertlehre widerlegt sei, erklärt sich wohl damit, dass von den betreffenden Wissenschaftlern der von Marx gewählte Untersuchungsrahmen verlassen wurde.

 

[8] In den „Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie“ aus den Jahren 1843/44 ([5], S. 499-524) setzte sich Friedrich Engels vor allem mit dem grundlegenden Werk von Adam Smith über den „Wohlstand der Nationen“ auseinander [6]. Obgleich Engels Adam Smith als ökonomischen Luther bezeichnet (vgl. [5], S. 503), wertet er die Nationalökonomie als „ausgebildetes System des erlaubten Betrugs“ und als „eine komplette Bereicherungswissenschaft.“ (Vgl. ebd., S. 499) Weiter schrieb Engels: „Der Ausdruck Nationalreichtum ist erst durch Verallgemeinerungssucht der liberalen Ökonomen aufgekommen. Solange das Privateigentum besteht, hat dieser Ausdruck keinen Sinn. Der ‚Nationalreichtum‘ der Engländer ist sehr groß, und doch sind sie das ärmste Volk unter der Sonne. Man lasse entweder den Ausdruck ganz fallen, oder man nehme Voraussetzungen an, die ihm einen Sinn geben. Ebenso die Ausdrücke Nationalökonomie, politische, öffentliche Ökonomie. Die Wissenschaft sollte unter den jetzigen Verhältnissen Privatökonomie heißen, denn ihre öffentlichen Beziehungen sind nur um des Privateigentums willen da.“

 

[9] Es ist bemerkenswert, dass die beiden Hochschullehrer der Gesamthochschule Kassel, Hans Immler und Wolfdietrich Schmied-Kowarzik, im Ergebnis eines öffentlich ausgetragenen wissenschaftlichen Meinungsstreits im Jahre 1984 das Buch „Marx und die Naturfrage“ veröffentlichten, in dem sie die weit reichenden Aussagen des jungen Marx zur Lösung der „Naturfrage“ analysieren und würdigen [8].

 

[10] Der Autor hat Untersuchungen dazu vorliegen, worin diese Unvollständigkeit bestehen dürfte, konnte sie aber noch nicht abschließen.

 

[11] Aus dem Verselbständigen der wissenschaftlichen Beiträge von Marx erwuchs dann die Bezeichnung „marxistische politische Ökonomie“. Dabei ist zu fragen, ob Marx, falls er gezielt an einer eigenständigen ökonomischen Theorie gearbeitet hätte, diese „politische Ökonomie“ genannt hätte.

 

[12] Es gibt andere Auffassungen, wie z. B. die von Oskar Negt: „Lenin, Trotzki und die führende Riege der Bolschewiki haben bis 1923 auf die Weltrevolution gesetzt, weil sie wussten, dass Sozialismus in einem Land nicht zu haben ist. Erst Stalin hat dies für machbar erklärt.“ ([20], S. 15) Unterschiedliche Auffassungen darüber, ob Lenin eine Weltrevolution erwartete, schaffen nicht den Fakt aus der Welt, dass er als der Erste (ohne Abstimmung mit revolutionären Führern ausländischer linker Kräfte) eine sozialistische Revolution in Gang brachte und führte.

 

[13] Ich halte die häufig verwandte Ausdrucksweise „Ausbeutung der Natur“ für fragwürdig. Es bedarf einer begrifflichen Unterscheidung zwischen dem Missbrauch bzw. dem privaten Aneignen von unbelebter und unbewusst lebender Natur einerseits und dem Versklaven von Menschen sowie dem privaten Aneignen fremder Arbeitsergebnisse andererseits.

 

[14] Adam Smith sprach von „previous accumulation“ (vgl. [4], S. 741).

 

[15] Bettler, die drei Mal „ohne Lizenz“ aufgegriffen wurden, galten „als Staatsverräter“! „Unter der Regierung Heinrich des Achten“ wurden „72 000 große und kleine Diebe hingerichtet“ (vgl. [4], S. 764).

 

[16] Marx bestätigte damit die Aussage von Friedrich Engels, wonach der „‘Nationalreichtum‘ der Engländer ... sehr groß“ sei, „und doch sind sie das ärmste Volk unter der Sonne.“ (Vgl. Fußnote 8)

[17] Karl V. erteilte „1507 erstmals flämischen ‚Kaufleuten‘ das Privileg zum Sklavenhandel nach Spanisch-Westindien“ (vgl. [11], S. 658).

 

[18] Die „Sklavenhändler brachten Textilien, Perlen, Waffen, Alkohol u. a. nach Afrika, handelten dafür Sklaven ein, verschifften diese nach Süd- oder Mittelamerika bzw. in die Südstaaten des Nordens und kauften für den Erlös amerikanische Plantagenprodukte ... für das ‚Mutterland‘ ein.“ [24]

 

[19] Hermann Fürst von Pückler (1785-1871), bedeutender Gartengestalter und Schriftsteller, schrieb: „Die Geschichte lehrt uns leider, dass die Nationen, welche am konsequentesten und rücksichtslosesten dem Egoismus gehuldigt haben, bisher stets am besten gediehen sind, ihre Macht am längsten behauptet haben.“ [25]

 

[20] „Liverpool wuchs groß auf der Basis des Sklavenhandels. Er bildet seine Methode der ursprünglichen Akkumulation. ... Liverpool beschäftigte 1730 im Sklavenhandel 15 Schiffe, 1751: 53, 1760: 74, 1770: 96 und 1792: 132.“ ([4], S. 787)

 

 

[21] Für den Träger des Alternativen Nobelpreises, Hermann Scheer, „ist Globalisierung zum Stichwort für den totalen Weltmarkt eines schrankenlosen Kapitalismus geworden“. Es gehe um eine „tendenziell vollständige Entgrenzung der Wirtschaftsprozesse“ (vgl. [26], S. 6). „Globalisierung ist zum Albtraum einer Ökonomie geworden, die sich durch keine öffentlichen, sozialen und ökologischen Werte und Ziele mehr einbinden lässt.“ (Vgl. ebd., S. 7)

 

[22] Ins Extreme geführt, äußerte sich Marx zur Bereicherung mittels der „Englisch-Ostindischen Kompanie“: „Große Vermögen sprangen wie die Pilze an einem Tage auf, die ursprüngliche Akkumulation ging vonstatten ohne Vorschuss eines Schillings.“ ([4], S. 780)

[23] Der Autor vertrat längere Zeit selbst eine solche Position.

[24] Den Begriff Umwelt verwende ich deshalb nicht mehr, weil er eine egozentrische Sichtweise einschließt, so als sei der einzelne Mensch nicht Bestandteil seiner Lebenswelt. Wenn wir von Umweltzerstörung sprechen, zerstören wir ja nicht nur die uns umgebende Welt, sondern auch uns selbst.

 

[25] Erst unter Gorbatschow wurde „beschlossen, 1300 Betriebe aus ökologischen Gründen ... zu schließen.“ (Vgl. [29], S. 21)

 

[26] Auch wenn Marx den Begriff Ökonomie nicht definiert hat, so war es ihm wohl bewusst, dass es eine Unterscheidung zwischen Ökonomie und Wirtschaftlichkeit geben muss, wie seine bekannte Aussage zeigt: „Ökonomie der Zeit, darein löst sich schließlich alle Ökonomie auf.“ (Vgl. [27], S. 89)  Marx verallgemeinerte seine Aussage im betrachteten Zusammenhang so weit, dass er gar vom „Gesetz der Ökonomie der Zeit“ im Sinne von „Zeitersparung“ sprach (vgl. ebd.). Die Aussage „Wirtschaftlichkeit der Zeit“ hätte hingegen keine inhaltliche Berechtigung.

In einer Fußnote im „Kapital“, Bd. 1, wird die Auffassung von Marx zur notwendigen Unterscheidung einer wertorientierten von einer gebrauchswertorientierten Ökonomie besonders deutlich, als er Aristoteles zitiert, der zwischen der „Chrematistik“, der Lehre vom Geld, und der „Ökonomik“, die sich als „Erwerbskunst“ der „Verschaffung der zum Leben und für das Haus oder den Staat nützlichen Güter [beschränkt]“. Für die „Chrematistik [scheint]“ hingegen „keine Grenze des Reichtums und des Besitzes zu existieren“. Aristoteles fügt hinzu: „Die Verwechslung beider Formen, die ineinander überspielen, veranlasst einige, die Erhaltung und Vermehrung des Geldes ins Unendliche als Endziel der Ökonomik zu betrachten.“ (Vgl. [4], S. 166, Fußnote 6)

 

[27] „Denn der wirkliche Reichtum ist die entwickelte Produktivkraft aller Individuen.“ (Marx, [27], S. 596)

 

[28] Dieses Zitat aus dem „Ökonomischen Lexikon“ von 1969 zeigt, dass der Gedanke einer übergreifenden Ökonomie auf Basis Marxscher Erkenntnisse bereits von marxistischen Ökonomen aufgegriffen wurde.

[29] Neben dem allgemeinen Bereicherungsprinzip gibt es spezifische Bereicherungsprinzipien, wie etwa die Schwellenpreise, jene 99er Preise, die unterhalb einer Schwelle, etwa der 100, liegen und deshalb als niedrig erscheinen, in Wirklichkeit aber nur zum Kauf animieren und dem Käufer den letzten Cent entlocken sollen. 

[30] Es versteht sich von selbst, dass es keinen Sinn hat, vom Scheitern des Kommunismus zu sprechen, da es ihn in einer hoch entwickelten Form in unserer Menschheit noch nicht annähernd gab. Doch die Diffamierung und der Missbrauch dieses Begriffes sollten die Linken veranlassen, stattdessen den Begriff (nachkapitalistische) Gemeinschaftsordnung zu verwenden.

 

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