Erster Postbrief an Oskar Lafontaine vom 24. Juni 2007      Veröffentlichung am 28.09.2007

 

 

 

Werner Grundmann                                                                       Berlin, den 24. Juni 2007

... 

                                              

Herrn                                    

Oskar Lafontaine

Fraktion DIE LINKE im Bundestag

Vorsitzender der Partei DIE LINKE

Platz der Republik 1

 

11011 Berlin

 

 

Betreff: Erkenntnisse zur Umwelt- und Systemfrage

 

 

Sehr geehrter Genosse Lafontaine,

                                                   auf dem Gründungsparteitag der LINKEN hatten Sie sich grundsätzlich zur Systemfrage geäußert. Sie gehen davon aus, dass „ein System, das nur auf Mehrverbrauch, Umsatz- und Gewinnsteigerung orientiert ist, die ökologische Frage nicht lösen [kann]“. Die „Systemfrage wird durch die Umweltfrage gestellt. Das wissen wir, Die Linke. Die anderen wissen es nicht.“ (Vgl. Neues Deutschland vom 18.06.2007, S. 3)

 

Mir ist nicht bekannt, welche Erkenntnisse Ihrer Aussage zugrunde liegen; jedoch unterstütze ich Ihre Auffassung nachdrücklich und gratuliere Ihnen zu Ihrem mutigen Bekennen. Sicherlich haben Sie unter vielen Linken Erstaunen, Aufsehen, Zustimmung, aber auch Widerspruch ausgelöst. Aus langjähriger wissenschaftlicher Arbeit ist mir klar, welche Konsequenzen sich aus Ihrer Feststellung ergeben: Wenn die drohende Zerstörung unserer Lebenswelt, wenn also die Erhaltung der Existenz unserer Menschheit zwingend die Ablösung des Kapitalismus als Gesellschaftssystem erfordert, dann kann die Lösung der sozialen Frage in absehbarer Zeit nur eingeschränkt realisiert werden. Deshalb sollte von der einheitlichen Lösung der ökologischen und der sozialen Frage unter Sicherung des Überlebens unserer Menschheit gesprochen werden.

 

Seit 1994 befasse ich mich u. a. mit den ökonomischen Grundlagen einer ökologisch orientierten nachkapitalistischen Ordnung. Ihre grundsätzlichen Aussagen zur notwendigen Systemablösung waren Anlass für mich, Ihre Position zu meinen Arbeitsergebnissen kennen zu lernen, um gemeinsam nach Wegen der Systemablösung zu suchen. Nach vielen Schwierigkeiten und manchen Umwegen entschloss ich mich erst im Mai 2007, meine Erkenntnisse über die Homepage www.bwgrundmann.de zu veröffentlichen. Als entscheidend für mein Vorankommen erwies sich der Versuch, den Begriff Ökonomie neu zu definieren und das Gleichsetzen von Ökonomie und Wirtschaftlichkeit zurückzuweisen. Wirtschaftlichkeit müsste als Privatökonomie bezeichnet werden – wie es Friedrich Engels für die Ökonomie seiner Zeit vorschlug. Hingegen sollte Ökonomie ganz allgemein im Sinne von rationeller Bedürfnisbefriedigung verstanden werden. Weil gemeinschaftliche Bedingungen einer solchen Denkweise am besten entsprechen, stelle ich die derzeitig vorherrschende Privatökonomie sowohl im wissenschaftlichen wie im praktischen Sinne der künftigen Gemeinschaftsökonomie gegenüber. Gemeinschaftlichkeit würde dann alle anderen Lebensformen einschließen, woraus folgt, dass eine nachkapitalistische Ordnung eine Gemeinschaftsordnung sein müsste.

 

Die Begründung meiner Ergebnisse finden Sie in der Erstfassung der

 

Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung

 

Sie umfasst 69 Seiten. Am 13. Mai 2007 konnte ich diese Thesen erstmalig über die genannte Homepage veröffentlichen.

 

Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse aus den Thesen finden Sie auf sieben Seiten in:

Erkenntnisse aus

Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung

 

Die Berliner Thesen haben konzeptionellen wissenschaftlichen Charakter. Ihre generelle Beweiskraft resultiert aus dem übergreifenden, dem komplexen Charakter der Gesamtbetrachtungen sowie aus der inhaltlichen Abstimmung zwischen den Thesen. Die Berliner Thesen sind als Entwurf zu betrachten. Sie bedürfen einer kritischen Überprüfung und sicherlich der Ergänzung und Vertiefung.

 

Meine Bemühungen, die Berliner Thesen über einen linksorientierten Verlag zu veröffentlichen, fanden bisher nur geringe Unterstützung. Selbst die verantwortlichen Genossen der Ökologischen Plattform bei der Linkspartei blieben letztlich zurückhaltend. Die größte Aufgeschlossenheit zeigte der persönliche Referent von Gregor Gysi, Genosse Dieter Liehmann.

 

Beigefügt übergebe ich Ihnen die Berliner Thesen sowie die Erkenntnisse aus den Thesen. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir in absehbarer Zeit eine generelle Einschätzung geben könnten – gleich welcher Form. Auch zu einem persönlichen Gespräch bin ich jederzeit gern bereit. Unabhängig von Ihrer erhofften Wertung bitte ich Sie, den Erhalt meiner Briefsendung etwa per E-Mail bestätigen zu lassen.

 

Das Wichtigste zu meiner Person: Ich bin Jahrgang 1937, schloss 1960 an der Karl-Marx-Universität Leipzig ein Studium als Diplom-Wirtschaftsmathematiker ab und war von 1963 bis nach der Wende an der Bauakademie der DDR in Berlin tätig, danach im Wissenschaftler-Integrationsprogramm an der Technischen Universität Berlin. Bis zur Wende war ich Mitglied der SED. Weitere Angaben finden Sie auf meiner Homepage.

 

Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre stellte ich bei westdeutschen eine größere Aufgeschlossenheit für neue Gedanken als bei ostdeutschen Linken fest. Letztere erscheinen mir als Linke häufig konservativer. Insofern hoffe ich – im Sinne eines gemeinsamen Vorankommens zur Bewältigung der ökologischen Krise und zum Aufbau einer nachkapitalistischen Ordnung – auf Ihren Zuspruch und Ihre Unterstützung.

 

Für Ihre verantwortungsvolle Tätigkeit wünsche ich Ihnen beste Gesundheit und viel Erfolg!

 

Mit solidarischen Grüßen

 

Werner Grundmann