Erster Postbrief vom 11.09.1995 an Jürgen Kuczynski:

mein Vortrag über "Ökologisch orientierte politische Ökonomie"

 

Antwort von Jürgen Kuczynski vom 13.09.1995                  Veröffentlichung am 18. Juni 2007

 

 

------------------------ Beginn des Postbriefes

 

Werner Grundmann                                                                                 Berlin, den 11.09.95

 

Herrn

Prof. Dr. Jürgen Kuczynski

Berlin-Weißensee

 

 

Sehr geehrter Herr Prof. Kuczynski,

                             beiliegend übergebe ich Ihnen meinen Vortrag

Ökologisch orientierte politische Ökonomie,

den ich am 13.07.95 vor einem kleinen Kreis von Soziologen an der Technischen Universität Berlin gehalten habe. Die Möglichkeit dazu ergab sich, nachdem ich seit dem 01.01.94 im Rahmen des Wissenschaftler-Integrationsprogramms von der KAI e. V. (AdW-Nachfolgeeinrichtung) mit Unterstützung meines jetzigen Mentors, dem Soziologen Prof. Dr. Rainer Mackensen, für drei Jahre zur Technischen Universität Berlin überwechseln konnte. Ich hatte Professor Mackensen im Mai 1991 bei Evaluationsgesprächen an der Bauakademie der DDR kennen gelernt, wo ich seit 1963 bis zum Abwickeln der Bauakademie als Wirtschaftsmathematiker im Rechenzentrum und im Institut für Städtebau und Architektur tätig gewesen war.

 

Durch den Kontakt zu Professor Mackensen ergab sich für mich seit Ende 1991 die Chance, an selbst gewählten Themen zu arbeiten, u. a. an den wissenschaftlichen Grundlagen für die Schaffung komplexer mathematischer Modelle und an der Städtebauökonomie. Aus der Bearbeitung dieser und anderer Themen entwickelte sich Anfang 1994 mein Interesse an der Konzipierung einer (politischen) Ökonomie für eine ökologisch orientierte Gesellschaft.

 

Mein Interesse für ökonomische Forschung setzte Anfang der siebziger Jahre ein, als wir in der Bauakademie im Zusammenhang mit der Schaffung und mehrfachen Anwendung eines komplexen mathematischen Modells zur Optimierung der baulichen Entwicklung von Siedlungssystemen auf ungelöste ökonomische Probleme stießen. Insbesondere fanden wir damals kein ausreichend wissenschaftlich begründbares Optimalitätskriterium, das der Bewertung städtebaulicher Entwicklungsvarianten zugrunde gelegt werden konnte. Ich habe mich deshalb im Verlaufe der siebziger Jahre mit dieser Problematik auseinandergesetzt und mich im Rahmen der Forschungen am Wohnungsbauprogramm der DDR um die "Ableitung eines Kriteriums zur einheitlichen ökonomischen Bewertung baulicher Veränderungen in der Deckung des Wohnungsbedarfes" bemüht. Die von mir 1980 zu diesem Thema eingereichte Dissertationsschrift wurde von einem Professor der Hochschule für Ökonomie abgewiesen – möglicherweise weil meine Ergebnisse zum Teil konträr zur ökonomischen Politik standen, die dem Wohnungsbauprogramm zugrunde lag. Wesentlich für mich war bei der Ausarbeitung der Dissertationsschrift, daß ich mich im Laufe der Zeit in den ersten Ansätzen in eine Ökonomie hineingedacht hatte, die prinzipiell außerhalb der Produktion lag. Dies war wohl auch die entscheidende Grundlage dafür, um mich ab Frühjahr 1994 mit ökonomischen Problemen einer ökologisch orientierten Gesellschaftsordnung zu befassen. Es zeigte sich, daß es eine inhaltliche Verwandtschaft zwischen der städtebaulichen und der ökologischen Problematik gab.

 

Der Inhalt meines Vortrages könnte insofern bedeutsam sein, weil er meines Erachtens eine erste konzeptionelle Vorstellung für eine nachkapitalistische Gesellschaftsordnung enthält, die ökonomisch anders als die sozialistisch/kommunistische Gesellschaftsordnung funktionieren müßte. Aber es dürfte natürlich schwierig sein, unter den Linken und selbst unter den ökologisch orientierten Parteien und unter Wissenschaftlern Zustimmung für diesen Denkansatz zu finden. Andererseits könnte er eine Grundlage bilden, um aus dem theoretischen Dilemma der Linken herauszukommen. Der Ansatz impliziert, von Marx mit erweiterter Sicht neu auszugehen.

 

Da ich Sie als den Gesellschaftswissenschaftler der ehemaligen DDR schätze und da ich weiß, daß Sie neuen Ideen gegenüber sehr aufgeschlossen sind, habe ich mich nach längerem Zögern doch entschlossen, Ihnen meinen Vortrag zur kritischen Durchsicht zu übergeben. Bis auf persönliche Bekannte und den Soziologen der TUB kennt meinen Ansatz bisher niemand.

 

Der Vortrag wurde im Seminar von Professor Mackensen – bei aller Unterstützung und Aufgeschlossenheit, die ich bisher an der Technischen Universität fand – sehr kritisch, teils sehr emotional aufgenommen, wofür ich im Nachhinein Verständnis habe. Auch bei guten Bekannten fand er nur bedingt Zustimmung. Die im Vortrag enthaltenen neuen Gedanken können auch von den meisten mir vertrauten Wissenschaftlern nur teilweise nachvollzogen werden. Ich bin mir zwar weitgehend sicher, prinzipiell den richtigen ökonomischen Ansatz für eine ökologisch orientierte Gesellschaft gefunden zu haben, brauche aber den Rat und vielleicht die Unterstützung erfahrener Wissenschaftler der Marxschen Schule. Ich wäre auch für Hinweise dankbar, wie ich künftig weiter vorgehen könnte, um Gleichgesinnte für meine inhaltliche Herangehensweise zu interessieren.

 

Im übrigen bin ich seit der Auflösung der SED (Mitglied seit 1958) an keine Partei mehr gebunden, stehe aber seit der Wende der PDS näher als jeder anderen Partei.

 

Für die Unterstützung meines Vorhabens, meinen konzeptionellen Ansatz zu verbessern, zu erweitern (ich habe natürlich weitaus mehr Gedanken vorliegen, als der Vortrag enthält) und zu veröffentlichen (vielleicht in Thesenform?), wäre ich Ihnen außerordentlich dankbar.

 

Sie könnten mich anrufen oder mir kurz schreiben, wenn für Sie Zeit zu einem Gespräch bleibt. Ich werde dann sicherlich einen Weg finden, um Ihrem Vorschlag zu entsprechen.

 

Mit herzlichem Dank für Ihre Mühe und vorzüglicher Hochachtung

Ihr

 

(W. Grundmann)

 

 ------------------------ Ende des Postbriefes

 

  

================ Beginn der Antwort von Jürgen Kuczynski vom 13.09.95

 

Jürgen Kuczynski

Parkstraße 94

13086 Berlin                                                                                      13. September 1995

 

Herrn Werner Grundmann

 

Lieber Herr Grundmann:

Ich habe Ihre Studie sogleich und mit großem Interesse gelesen. Sehr viele kluge Gedanken. Aber Sie wünschen meine Kritik.

 

Ein Grundfehler besteht meiner Ansicht nach darin, daß Sie einen Unterschied zwischen ökonomischem und wirtschaftlichem Denken machen. Der wahre Unterschied besteht zwischen ökonomischem und privatwirtschaftlichem Denken. Privatwirtschaft auf der Basis einer Ausbeuterwirtschaft. Daher gehen Sie auch auf  S. 5 mit Recht auf die „Antike“, d. h. auf die erste Ausbeutergesellschaft, die Sklavenhaltergesellschaft, zurück.

 

Ein zweiter Grundfehler ist, daß Sie von sozialistischen Gesellschaften im Osten Europas sprechen. In Wirklichkeit handelt es sich um Gesellschaften mit sozialistischen Elementen (vor allem in der Sozialpolitik), mit viel zu wenig kapitalistischen Elementen (keine Konkurrenz unter den Betrieben) und überwiegend feudalabsolutistischen Elementen (das Politbüro war unfehlbar, es gab keine Basisdemokratie – die Pressefreiheit war unter Friedrich dem Großen größer als in der DDR).

 

Ansonsten erscheinen mir vor allem die beiden ersten Absätze auf S. 10 falsch, insbesondere wenn wir an die 2. und 3. Welt denken. Recht übertrieben erscheint mit der 2. Absatz auf S. 17. Sie brauchen doch nur an die Festlegung der niedrigen Einzelhandelspreise und Mieten zu denken. S. 18 Absatz 6 ist Unsinn – Marx dachte an ein Leben der Menschen nach ihren Bedürfnissen erst im vollendeten Kommunismus, also in fernster Zukunft.

 

Ich danke Ihnen für die Einsicht in Ihre Arbeit und verbleibe mit guten Wünschen für ihre Vollendung   

            Ihr   

Jürgen Kuczynski

 

================ Ende der Antwort von Jürgen Kuczynski vom 13.09.95