Postbrief am 27.11.2008 an Prof. Dr. Dieter Klein       Veröffentlichung am 28.11.2008

 

 

 

Werner Grundmann                                                      Berlin, den 27.11.2008        

 

Herrn

Prof. Dr. Dieter Klein 

Mitglied des Vorstandes

der Rosa-Luxemburg-Stiftung und

Vorsitzender der Zukunftskommission

 Franz-Mehring-Platz 1

10243 Berlin

 

 

Zur Kritik der Grundidee des Sozialismus

 

 Sehr geehrter Genosse Klein,

         der Anlass meines Schreibens ist Ihr Beitrag über den

Krisenkapitalismus. Ein neoliberaler Mythos wankt

im „Neuen Deutschland“ vom 22./23.November 2008. Darin beschreiben Sie den „demokratischen Sozialismus als transformatorisches Gegenwarts- und Zukunftsprojekt“ im „Dreiklang … als Komposition von Freiheit durch Gleichheit und Solidarität, Verteidigung und Ausweitung des Öffentlichen und Mobilisierung von Akteuren für eine gerechte und solidarische Gesellschaft“. „Das Projekt des Liberalismus“ sei „die Individualisierung aller gegen alle“. „Das Projekt der Linken“ sei „die Individualität aller durch Teilhabe am Öffentlichen für alle.“

 

Ich bin zwar kein Mitglied der Partei DIE LINKE, war jedoch bis zur Wendezeit über dreißig Jahre Mitglied der SED, insbesondere während meiner Tätigkeit an der Bauakademie der DDR. Den Linken fühle ich mich nach wie vor eng verbunden. Doch es fällt es mir schwer, dem genannten „Projekt der Linken“ zu folgen, weil die zitierte Denkweise sowohl das Gemeinschaftliche als auch das Ökologische ausschließt.

 

Nach meinen Erfahrungen braucht Individualität eine Basis, um zur Geltung zu kommen. Die beste Basis sind Gemeinschaften, gleich welcher Form, ob etwa in einer Familie oder in einer Kommune. Gemeinschaften bedürfen eigener Interessen und Ziele, erfordern gemeinschaftlich anerkannte Mittel, um die Ziele zu realisieren, bedürfen der vollen Demokratie, brauchen eine verwandte Denkweise, einen gemeinsamen geistigen Halt und eine eigene existenzielle Grundlage. Sie müssen von ihren Mitgliedern gewollt sein und können wohl nur von unten nach oben entstehen. Das Ziel, etwa eine weltweite hierarchische Gemeinschaftsordnung zu schaffen, kann deshalb nur sehr langfristig über viele Schritte erreicht werden. Und doch könnte ein solches Ziel unverzichtbar sein, weil es letztlich die Erhaltung des irdischen Lebenssystems und die bewusste Einordnung der Gemeinschaften von Menschen in ihre natürlichen Lebenssysteme einschließen muss.

 

Wenn die Linken ihr Projekt der gerechten und solidarischen Gesellschaft sowie der Teilhabe aller am Öffentlichen zu Ende denken, kann dies auch das Folgende bedeuten: Falls wir schon unsere natürliche Lebenswelt verbrauchen und zerstören, ohne dass wir einen Weg aus der ökologischen Krise finden, dann soll jeder das Recht haben, in gleicher Weise am Verbrauch an Natur beteiligt zu werden. Nach uns die Sintflut!

 

Die weltweite Lösung der sozialen Frage in den Maßstäben der westlichen Industriegesellschaften würde diesem Projekt entsprechen! Eine solche Denkweise resultiert aus dem Primat des Sozialen und in seiner gesteigerten Form aus dem Primat des Sozialistischen, d. h., ohne die Berücksichtigung des Ökologischen wird das Sozialistische zum Extremistischen! Wir würden das Prinzip absoluter Grenzen verletzen! Wenn sich im betrachteten Zusammenhang gar erweist, dass zur Existenzerhaltung der Menschheit das Ökologische gegenüber dem Sozialen objektiv dominieren muss, verliert die Grundidee des Sozialismus ihre Berechtigung!

 

In Ihren Ausführungen verweisen Sie zu Recht auf die notwendigen „vielen kleinen Alltagsschritte und großen Brüche in den herrschenden Eigentums-, Verfügungs- und Machtverhältnissen“ und auf die „Umkehr der Privatisierungsstrategie in eine Stärkung des Öffentlichen“. Doch sie klammern die Kernfrage nach der ökonomischen Funktionsweise des „demokratischen Sozialismus“ prinzipiell aus. Ich frage Sie deshalb, ob unter den angestrebten Bedingungen der „Stärkung des Öffentlichen“ die Konkurrenzökonomie in Form des Wirtschaftlichkeitsprinzips dominant wirksam bleiben soll? Wollen die Sozialisten im Rahmen ihrer „sozialökologischen Alternative“ weiterhin zu Lasten unserer „Umwelt“ wirtschaften – wie dies unter „realsozialistischen“ Bedingungen üblich war und heute auf neue Weise, etwa in Venezuela, praktiziert wird? Wenn sich die Linken für eine „sozialökologische Entwicklung“ einsetzen, brauchen sie offenbar eine ökonomische Herangehensweise, die sowohl dem Sozialen als auch dem Ökologischen gerecht wird!

 

In der Diskussion zu Ihrem Beitrag Grundprozesse des gegenwärtigen Kapitalismus und ihre Wirkungen auf die Umwelt im Gesprächskreis Nachhaltigkeit der RLS am 17./18. Mai 2006

(vgl. http://www.rosalux.de/cms/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Manuskripte_64.pdf)  haben Sie sich wie folgt geäußert:

>>Aber ich hebe das hervor, was wir in der Linkspartei das »strategische Dreieck« genannt haben. Zur Formierung gesellschaftlicher Gegenkräfte brauchen wir zum einen Proteste und Widerstand, der aber zerrinnt, wenn wir nicht zweitens für das Machbare hier und heute alternative Konzepte anbieten. Mit beidem aber bleiben wir im gegenwärtigen System stecken und werden nichts voranbringen, wenn wir nicht drittens eine Vision entwickeln, und zwar eine machbare Vision. Und die Beherrschung der Brücken zwischen diesen drei Aufgaben, dies ist für mich bislang ein ganz elementares, aber [nicht] gelöstes Problem. Und deshalb bemühen wir uns so um das Herausfinden von Einstiegsprojekten. Bürgerinnen und Bürger lassen sich nicht gewinnen, wenn sie nicht spüren, man kann etwas bewegen. Also geht es um Einstiegsprojekte, die machbar sein müssen und die daher mobilisierungsfähig sind und außerdem noch die Qualität haben, dass sie über das Machbare von heute hinausreichen, ein Stück von Vision in sich bergen. Das ist etwas sehr Schwieriges. <<

 

Seit etwa 15 Jahren befasse ich mich mit einer Problematik, deren Bearbeitung mich zu jener von Ihnen gesuchten Brücke geführt haben könnte. Sie dürfte in jenem vorgeblich neuen ökonomischen Denken bestehen, das dem gesunden Menschenverstand entspricht und zudem ökologisch orientiert ist: Ökonomie als rationelle Bedürfnisbefriedigung unter gemeinschaftlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen! Es geht um eine Ökonomie, die auch unabhängig von Wertformen existiert! Sie könnte jenes Einfache sein, das so schwierig zu finden war! Einen ersten Hinweis zur Existenz von zwei Ökonomien fand ich in einer Fußnote im Band 1 des „Kapital“, Seite 167, mit einem Verweis auf Aristoteles.

 

In der beigefügten zehnseitigen Ausarbeitung 

Zur Kritik der Grundidee des Sozialismus

Zur bewussten Eingrenzung der ökonomischen Lehre von Karl Marx

und ihren politischen Konsequenzen

habe ich versucht, Gedanken zusammenzutragen, die über jene theoretische Klippe hinweghelfen könnten, vor der die Linken stehen. Die Marxsche Lehre der historischen Abfolge ökonomischer Formationen wird ausgehend von der Unterscheidung nach der gewinnorientierten Konkurrenzökonomie und nach der bedürfnisorientierten Gemeinschaftsökonomie auf neue Weise bestätigt. Im Ergebnis meiner Untersuchungen komme ich zur Aussage, dass die Ablösung des kapitalistischen Systems nicht über den Weg von Revolutionen in Konkurrenz zur vorherrschenden Ökonomie erfolgen darf, sondern durch die gezielte (von der Gesellschaft akzeptierte) Schaffung von Gemeinschaften, die bewusst nach den Erfordernissen der „neuen“ Ökonomie leben wollen. Als gesellschaftlich akzeptierte Zellen der Gemeinschaftsökonomie könnten sie zur Grundlage für den schrittweisen Aufbau einer weltweiten Gemeinschaftsordnung werden.

 

Meine Ausarbeitung sehe ich als Beitrag zur Programmdebatte der LINKEN. Ich habe sie am 29.10.2008 per E-Mail an die Genossen Lafontaine, Bisky, Gysi und Methling gesandt und abrufbar über meine Homepage veröffentlicht.

          

Meinem Schreiben füge ich einen weiteren Beitrag im Umfange von vier Seiten bei. Ich hatte diese Ausarbeitung über

Neue Energie für Frieden und Entwicklung auf der Basis einer "neuen" Ökonomie

als Flyer am 17.10.2008 während der Konferenz der Bundestagsfraktion DIE LINKE über

Neue Energie für Frieden und Entwicklung

verteilt, wo ich als Gast eingeladen war. Der Flyer ergänzt meine oben genannten Ausführungen insofern, weil sich die Nutzbarmachung „umweltneutraler“ Energieformen als eine unverzichtbare Voraussetzung für den möglichen Aufbau einer nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung erweisen könnte. Im Flyer unterscheide ich zwischen systemimmanenten und systemfremden Energiearten. Speziell geht es mir um die Nutzbarmachung der Stickstoffverbrennung von Siliziumwasserstoffen, den höheren Silanen, unter Verarbeitung von Sand sowie um die breite Nutzbarmachung der überall kostenlos verfügbaren  Raumenergie.

 

Die Ergebnisse meiner spezifischen Ausarbeitungen basieren auf den

Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung

die ich im Umfange von 70 Seiten am 5. Oktober 2007 veröffentlichte. In den

Erkenntnissen aus den Berliner Thesen … ,

gleichfalls vom 5. Oktober 2007, habe ich die wichtigsten Ergebnisse aus den Thesen auf zehn Seiten zusammengefasst. Beide Ausarbeitungen sind abrufbar über meine Homepage

 www.bwgrundmann.de

 

Ich hoffe, dass ich Sie mit meinen Ausführungen anregen konnte, meine Ergebnisse zu prüfen und bei Ihrer weiteren Arbeit zu berücksichtigen. Bitte antworten Sie kurz per E-Mail, ob mein Brief Sie erreicht hat. Herzlichen Dank im Voraus!

 

Mit solidarischen Grüßen

 

Werner Grundmann

 

 

Zwei Anlagen