E-Mail am 12.02.2010, 17:13 Uhr, an info@klassikradio.de   veröffentlicht: 04.03.2010

 

 

Werner Grundmann                                         Berlin, den 12. Februar 2010

wbgrundmann(at)online.de

 

Gier beim Klassik Radio

– Hörerbrief –

 

Seit Monaten leisten sich die Manager der Klassik Radio Aktiengesellschaft eine Werbung, die sicherlich nicht nur mir zuwider ist. Klassik Radio unterbricht die Nachrichten zur Frühstückszeit durch eine Werbung der Immobilienfirma Ebertz und Partner. Darüber hinaus werden die Nachrichten mit einer Ebertz und Partner–Werbung abgeschlossen. Mit „mehr Erfahrung, mehr Weitblick“ verspricht Ebertz und Partner „mehr Rendite“!  Dass die Doppelwerbung die Wirtschaftsnachrichten einschließt, wird bereits dadurch verdrängt, weil der Name Ebertz und Partner innerhalb kurzer Zeit vierfach zu hören ist! Selbst wenn nur eine Wirtschaftsnachricht gemeldet werden kann, wird der Firmen-Name vierfach eingehämmert! Im Namen von Ebertz und Partner verkünden die Werbestrategen schließlich: „Wir verdienen Ihr Vertrauen!“

 

Dass die „Quadrat-Werbung“ über Monate innerhalb der Nachrichten ausgerechnet beim Klassik Radio vermittelt wird, ist eine Zumutung für sensible Ohren klassischer Musik und meines Wissens bisher einmalig bei Radiosendern! Die Werbung kennzeichnet die Gier der Manager der Aktiengesellschaft, die Gier der Unternehmensgruppe Ebertz und Partner, die Blindheit der Aktionäre und der Werbestrategen!

 

Anfangs war ich „nur“ empört über diese lästige, abstoßende und dumme Entscheidung der Manager. Später entschloss ich mich, die Nachrichten des von mir am meisten gehörten Senders zu negieren. Inzwischen bin ich soweit, dass ich vor den Nachrichten des Klassik Radios stets auf einen anderen Sender umstelle. Heute bin ich fast soweit, mich völlig von Klassik Radio zu verabschieden, weil ich die Gier, die sich hinter der Werbepraxis verbirgt, in Anbetracht der zahlreichen internationalen Gierschäden der letzten Monate nicht mehr ertrage.

 

Die Doppelwerbung von Ebertz und Partner mag dem Sender noch finanzielle Vorteile bringen; doch sie richtet sich ungewollt gegen das Ansehen des Senders selbst! Dem Hörer von Klassik Radio könnte das verborgene primäre Anliegen „seines“ Senders bewusst werden! Er könnte sich fragen: Geht es dem Sender primär um ein humanitär-künstlerisches Anliegen, das privat finanziert werden muss, oder ist die klassische Musik nur Beiwerk, um über den Sender maximalen Profit zu erzielen? Das Letztere wäre, wenn die Gier nicht gebremst werden kann, letztlich selbstmörderisch und eine Unterschätzung des Feingefühls von jenen künstlerisch interessierten Menschen, die sich an den Werken etwa von Beethoven, Mozart und Bach orientieren. Es wäre auch zum Schaden der beliebten Moderator(inn)en!

 

Den Gierigen und ihren willigen Helfern bitte ich ferner das Folgende zu bedenken:

    Erstens ist Gier eine unter den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen erzeugte menschliche Eigenschaft, die sich nicht nur auf einen Aspekt der Tätigkeit der betreffenden Menschen beziehen muss. Die Gier, den „geschlossenen Immobilienfonds“ über eine aufdringliche Werbung zur privaten Bereicherung zu erweitern, könnte damit verbunden sein, diesen Fonds unter Vergrößerung des „Niedriglohnsektors“ oder auf Kosten der Mieter in analoger Bereicherungsgier zu nutzen.

   Zweitens erzeugt Geldgier über den Drang nach Absatz an materiellen Werten in Verbindung mit den von der Werbung suggerierten „Spar“-Versprechen die Gier nach materiellem Besitz bei den minder Bemittelten. Was als „Sparen“ deklariert wird, ist häufig eine unnütze, überteuerte Geldausgabe. Je mehr der Käufer den Verlockungen des „Sparens“ erliegt, umso weniger kann er zur Sparkasse bringen, d. h., die Geldgierigen missbrauchen die deutsche Sprache!

   Drittens verleiten die „Spar“-Verlockungen zur Gier des „negativen Sparens“: zum Schuldenmachen! Auch beim Klassik Radio Shop kann man „sparen“. Beim Kauf etwa einer „Geschenkbox mit 8 CD“ für „nur“ 99,90 Euro wird nach „harter Kostenkalkulation“ das Einsparen von 10 Cent suggeriert! Es hätte auch nur ein Cent sein können! Für diese 10 Cent würde der „Sparer“ mit einem „Sparkassenbuch Gold“ bei der Berliner Sparkasse heute 1,25 % Zinsen pro Jahr erhalten. Hätte er für den Kauf einen Dispo-Kredit genommen, würde er 13,25 % pro Jahr Zinsen bezahlen. Leider lassen sich viele „Verbraucher“ immer noch mit „Schwellenpreisen“ abzocken! Doch selbst der naivste Käufer ist lernfähig! Der große Nachteil der Gier zum „negativen Sparen“ ist der Umstand, dass viele dieser gierigen „Sparer“ wegen Zahlungsunfähigkeit irgendwann entschuldet werden müssen, wodurch Geldgierige Werte einbüßen oder selbst Pleite gehen – wie einige jener amerikanischen Großbanken, die zuviel Immobilienkredite vergaben.

   Viertens: Was als „soziale Markwirtschaft“ nach dem Zweiten Weltkrieg begann, ist durch neue Formen der Ausbeutung und Bereicherung zu einem unsozialen Feld der von Gier zerfressenen Manager und Anleger der Realwirtschaft und Finanzwirtschaft geworden! Die Gier gehört zur moralischen Verkommenheit eines selbstzerstörerischen Gesellschaftssystems!

   Fünftens ist zwischen Geldgier und Gier nach materiellen Werten, nach Grundbesitz und nach Ausplünderung unserer natürlichen Reichtümer zu unterscheiden. Mit allen vier Wertformen kann spekuliert werden – auf Kosten von anderen Menschen, von fremden Völkern sowie zu Lasten unserer irdischen Lebenswelt. Private und nationale Bereicherung auf der einen Seite erzeugt Verarmung auf der anderen Seite, einschließlich der Verarmung unserer natürlichen Existenzgrundlagen. Das Ende könnte eine weltweite Klimakatastrophe in wenigen Jahrzehnten sein!

 

Sollten die Manager der Klassik Radio AG bis Ende März 2010 keinerlei Schlussfolgerungen aus der dargelegten Kritik ziehen, werde ich den vorliegenden Hörerbrief über meine Homepage www.bwgrundmann.de abrufbar veröffentlichen, weil ich dann davon ausgehen muss, dass sich Klassik Radio weiter zum Klassischen Gier-Sender entwickelt! Eine letzte Hoffnung, um aus dem Dilemma der Marktradikalen herauszufinden, könnte eine „Ode an die Menschheit“ mit der „Einsicht – schöner Götterfunken!“ sein sowie eine neue Neunte Sinfonie – falls Schiller und Beethoven wiedergeboren werden!

 

Werner Grundmann                             Berlin, den 12.02.2010, 17:11 Uhr