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KassErklKritikBWG.doc                   abrufbare Veröffentlichung: 03.08.2010

 

Werner Grundmann                                                Berlin, 2. August 2010

 

 

Bildungsgemeinschaft SALZ e. V.

Herrn

Peter Schüren

Oberonstr. 21

59067 Hamm

 

Zur Kasseler Erklärung vom 14. März 2010

Zustimmung, Präzisierungen und Vorschläge

 

Lieber Peter Schüren,

    am 13./14.03.2010 fand die von der Bildungsgemeinschaft SALZ e.V. ausgerichtete Konferenz zu Ökologie und Sozialismus in Kassel statt. Im Anschluss an die Konferenz wurde von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Beschlusskonferenz eine Erklärung „Für eine ökosozialistische Wende von unten!“ verabschiedet, in der die Unterzeichner „die ökosozialistische Erklärung von Belém [unterstützen]“ und sich „als Teil der weltweiten ökosozialistischen Bewegung [verstehen]“. Sie verweisen darauf, dass die „kapitalistische Produktionsweise mit einem ökologisch verantwortlichen Wirtschaften und einer lebenswerten zukunftsfähigen Welt nicht vereinbar [ist]“ und dass die „Erwärmung der Erdatmosphäre durch den Ausstoß von Treibhausgasen das Überleben der Menschheit [gefährdet]“. Ich teile prinzipiell diese Befürchtungen der Konferenzteilnehmer, möchte jedoch auf einige generelle Widersprüche verweisen, deren Auflösung eine verbesserte wissenschaftliche Fundierung und eine Qualifizierung der gesamten Herangehensweise ermöglichen könnte.

 

Die tiefer liegende Problematik hinsichtlich der Gestaltung einer ökosozialistischen bzw. einer sozialökologischen Wende wird offenbar, wenn die Frage nach dem Primat des Ökologischen oder des Sozialen beim Aufbau einer nachkapitalistischen Ordnung beantwortet werden muss. Falls sich die Lösung der ökologischen Frage aus existenziellen Gründen als vordringlich erweist, falls wir also die Lösung der sozialen Frage im Weltmaßstab nur in dem Maße voranbringen dürfen, dass das Überleben der Menschheit gesichert bleibt, dann waren die Versuche zum Aufbau einer sozialistischen Ordnung unter sträflicher Vernachlässigung des Ökologischen der falsche Weg! Dann ist es aber auch fragwürdig, eine weltweite ökosozialistische Ordnung aufzubauen, weil sie das Primat des gesteigerten Sozialen sprachlich gleichfalls impliziert. Letztlich ist zu beantworten, ob der Versuch zum Aufbau des Sozialismus in Konkurrenz zum Kapitalismus unter Verschärfung der ökologischen Krise eine historische Sackgasse war?

 

Wer sich auf Karl Marx und Friedrich Engels beruft, sollte hinsichtlich der ökosozialistischen Wende die folgenden wichtigen Fakten und Hinweise beachten:

 

Erstens: Marx und Engels haben das „Kommunistische Manifest“ hinterlassen und kein „Sozialistisches Manifest“! In den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844“ ist für Marx der Kommunismus „die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen“, was im Sinne der einheitlichen Lösung der ökologischen und der sozialen Frage verstanden werden kann.

 

Zweitens: Unterschiedliche Aussagen von Karl Marx zur nachkapitalistischen Ordnung lassen vermuten, dass er infolge der Konzentration auf die Arbeiten an der „Kritik der politischen Ökonomie“ zu keiner klaren Position hinsichtlich ihres primären Charakter fand. In der „Kritik des Gothaer Programms“ aus dem Jahre 1875 spricht er von der „ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft“ sowie von „einer höheren Phase“. In der „Vorbemerkung zur französischen Ausgabe“ von Engels’ „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ bezeichnet Marx im Jahre 1880 den theoretischen Teil der Arbeit von Engels zögerlich als „gewissermaßen eine Einführung in den wissenschaftlichen Sozialismus“.

                                     

Drittens: Wenn wir von der Marxschen Lehre der historischen Abfolge ökonomischer Gesellschaftsformationen ausgehen und (unter Berufung auf Aristoteles) den Verweis von Karl Marx im ersten Band des „Kapital“ zur Existenz zweier Ökonomien beachten, dann stellt sich die Frage, welche der angedeuteten Ökonomien (Chrematistik oder Ökonomik) Grundlage für eine nachkapitalistische Ordnung sein müsste.

 

Viertens: Wenn wir zudem berücksichtigen, dass Friedrich Engels in den „Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie“ die Ökonomie seiner Zeit als „Privatökonomie“ bezeichnete, dann geht es auf dem Weg zu einer nachkapitalistischen Ordnung, die ökologisch und sozial orientiert sein soll, sicherlich um die Suche nach einer Ökonomie gegensätzlichen Charakters! Statt einer gewinnorientierten Ökonomie brauchen wir eine bedürfnisorientierte Ökonomie! Die Wiederherstellung und Erhaltung einer gesunden Lebenswelt muss von vornherein als eines der Grundbedürfnisse zum Gegenstand dieser Ökonomie gehören!

 

Fünftens: Ein Denken im Sinne der ökonomischen Renaturierung unter Einbeziehung der Eigenleistungen der Natur geht über das (gewinnorientierte) Wirtschaftlichkeitsdenken weit hinaus. Nicht nur aus diesem Grunde ist es fragwürdig, Ökonomie und Wirtschaftlichkeit gleichzusetzen. Wirtschaftlichkeitsbestrebungen gehen in hohem Maße zulasten der Natur! Sie entsprechen den Anforderungen der Privatökonomie! Engels soll von der „verdammten Wirtschaft“ gesprochen haben!

 

Sechstens: Das Gegensätzliche zu privatkapitalistischen Interessen sind gesellschaftliche und gemeinschaftliche Interessen, woraus sich die Frage nach der objektiven Existenz von Gesellschaftsökonomien und von Gemeinschaftsökonomien ableitet. Gesellschaftsökonomien sind an Ländergrenzen gebunden und können Konkurrenzökonomien zu anderen Ländern darstellen. Gemeinschaftsökonomien liegen der Lebens- und Produktionsweise von Gemeinschaften im Rahmen ihrer natürlichen Lebensbedingungen bzw. zu ihrer Wiederherstellung zugrunde. Sie sind nicht an Ländergrenzen gebunden und ordnen sich weltweit hierarchisch in jene global erforderliche Gemeinschaftsökonomie ein, deren Nutzung notwendig ist, um die Gemeinschaft irdischen Lebens zu erhalten.

 

Siebentens: Es darf angenommen werden, dass die Grundform jener bedürfnisorientierten Gemeinschaftsökonomie einer nachkapitalistischen Überlebensordnung auf die rationelle Befriedigung der Grundbedürfnisse unter gemeinschaftlichen Lebensbedingungen gerichtet ist. Sie muss nicht wertgebunden sein. Ökonomisches Verhalten im Sinne der Gemeinschaftsökonomie existiert auch in der Natur unabhängig vom Menschen.

 

 

Die sozialistische Ökonomie hat als Gesellschaftsökonomie und als Konkurrenzökonomie analog zur Verschärfung der ökologischen Krise beigetragen wie die kapitalistische Ökonomie. Selbst in Bereichen ohne ökonomische Konkurrenz, wie dem Städtebau, kam es – unter Vernachlässigung der innerstädtischen Bausubstanz – durch extensives Bauen am Rande der Städte zu einem hohen Verlust an natürlicher Umgebung. Über die „Steigerung der Arbeitsproduktivität“ diente die „Ökonomie der Produktion“ der Erzeugung von immer mehr Produkten – auch zulasten der „Umwelt“. Diese einseitige Orientierung verhinderte das Entstehen der objektiv notwendigen „Ökonomie der Reproduktion“ zur rationellen Erhaltung des Bestehenden und notwendige Renaturierungsmaßnahmen. Im Gegenteil: Im Prozess der rationellen Gewinnung von fossilen Energieträgern kam es zur Zerstörung ganzer Landschaften!

 

Wer ökosozialistische Positionen vertritt und sich in der Tradition von Karl Marx versteht, muss sich beantworten, welche Ökonomie der neuen Ordnung bzw. der Lebens- und Arbeitsweise der neu zu schaffenden und neu auszurichtenden Strukturen im Rahmen der bestehenden Ordnungen zugrunde gelegt werden soll. Reicht es aus, wenn der Gegenstand jener sozialökologisch zu nutzenden Ökonomie sich auf marktrelevante Bedürfnisse erstreckt oder sollten wir jene Ökonomie der Renaturierung mit anstreben, die letztlich auf die Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts zwischen der irdischen Flora und Fauna gerichtet sein muss? Es ist nicht nur die Zunahme an Treibhausgasen, die tendenziell zur Klimakatastrophe führt, sondern auch die tendenzielle Abnahme der Waldbestände durch Abholzen, Brandrodung, Waldbränden und Belastung mit Schadstoffen, die eine Verringerung der möglichen Aufnahme von atmosphärischen Treibhausgasen bewirkt! Eine rationelle und effektive Renaturierung würde dem Überlebensbedürfnis der Menschheit und den Anforderungen der Nachwelt entsprechen!

 

Infolge der außerordentlichen Dominanz des Wirtschaftlichkeitsdenkens bedarf die Akzeptanz der vorgeblich neuen Ökonomie viel Zeit und Vorbilder. Ihre mögliche Nutzbarkeit unter der vorherrschenden privatökonomischen Dominanz muss als sinnvoll und möglich nachgewiesen werden. Doch es werden sich Menschen finden, die sie gemeinschaftlich erfolgreich nutzen, die bewusst „Zellen der Gemeinschaftsökonomie bilden. Sie muss sich als Überlebensökonomie erweisen und fähig sein, die vorherrschende Ökonomie im Verlaufe von Jahrzehnten zu verdrängen, ohne Konkurrenzökonomie im Sinne von Wirtschaftlichkeit zu sein!

 

Mir ist bewusst, dass ich mit meinen Ausführungen und Vorschlägen über die Ziele von SALZ „Soziales, Arbeit, Leben und Zukunft“ hinausgehe. „Leben und Zukunft“ müsste durch „Überleben“ ersetzt werden! Doch „SALZ ist undogmatisch und plural“! SALZ ist nicht bereit „radikal­demokratische, radikal linke, radikal feministische, revolutionär-sozialistische, marxistische und kommunistische Ansätze“ auszugrenzen!

 

Der Bildungsgemeinschaft SALZ e.V. empfehle ich:

 

1. SALZ sollte entscheiden, ob sie sich künftig als Teil einer Bewegung zur Schaffung einer weltweiten Gemeinschaftsordnung versteht.

 

2. SALZ müsste die auf den Menschen gerichtete egozentrische Denkweise des „gerechten“ Verbrauchs an „Ressourcen“ überprüfen, die den Menschen zum Eigentümer über die Natur, über seine Lebenswelt, erhebt, ihn aber tendenziell zur Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts führt. Wenn wir uns schon zugrunde richten, soll es wenigstens „gerecht“ zugehen?

 

3. SALZ sollte eine Lebens-, Produktions-, Kooperations- und Austauschsweise unter Nutzung der bedürfnisorientierten Gemeinschaftsökonomie sowie unter Anwendung voller Demokratie fördern. So z. B. könnte angestrebt werden, selbstverwaltete landwirtschaftliche Genossenschaften zu Zellen der Gemeinschaftsökonomie umzubilden. Der Begriff des „ökologischen Wirtschaftens“ ist in hohem Maße fragwürdig.

 

4. SALZ sollte die Existenz nicht profitabler Formen der Energiegewinnung propagieren, insbesondere die breite Nutzbarmachung der Raumenergie und die Stickstoffverbrennung von Siliziumwasserstoffen („Benzin aus Sand“!) unterstützen (vgl. beigefügte Anlage „Neue Energie für Frieden und Entwicklung auf der Basis einer ‚neuen’ Ökonomie“ vom 14.10.08).

 

 

Es geht um das Initiieren einer ökologisch (und sozial) ausgerichteten Entwicklung zur schrittweisen Schaffung einer weltweiten Gemeinschafts- und Überlebensordnung! Eine ausführlichere Begründung meiner Vorschläge findet sich in Form einer wissenschaftliche Konzeption zum Stand von April 2010 in den abrufbaren „Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung“ (http://www.bwgrundmann.de/BT2010.htm , 83 S.) sowie in den abrufbaren „Erkenntnissen aus den Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung“ (http://www.bwgrundmann.de/BT2010Erk.htm , 11 S.).

 

Selbstverständlich erwarte ich auf mein Schreiben keine inhaltliche Stellungnahme, würde mich aber freuen zu erfahren, ob mein Brief wohlbehalten bei Euch eingetroffen ist.

 

Mit solidarischen Grüßen

 

Werner Grundmann

 

 

Eine Anlage

 

 

 

 

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