Sechster Brief an Gregor Gysi                                            Veröffentlichung am 12.06.2007

- E-Mail an Gregor.Gysi.MA01@bundestag.de vom 09.03.2007, 12:19 Uhr -

 

 

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Von Werner Grundmann  

 

an das

Büro Dr. Gregor Gysi

Persönlicher Referent

Dieter Liehmann

Platz der Republik 1

11011 Berlin

 

 

Betreff: Eigenentwicklung zum Negativen

 

Sehr geehrter Genosse Liehmann,

                                                    herzlichen Dank für Deine schnelle Reaktion vom 07.03.2007, 17:29 Uhr, sowie für Deine kritischen Aussagen. Ich möchte noch einmal betonen, dass ich an einer offenen kritischen Haltung zu meinen Ergebnissen sehr interessiert bin. Zugleich habe ich für Deine Kritik der„Avantgardefunktion und Allwissenheit der einst führenden Partei der Arbeiterklasse“ Verständnis, nachdem ich selbst hinreichend Erfahrungen im Rahmen meiner wissenschaftlichen Arbeit zu DDR-Zeiten sammeln „durfte“. Besonders einschneidend war für mich die rigorose Ablehnung eines Dissertationsentwurfs zur ökonomischen Bewertung der Befriedigung der Wohnbedürfnisse durch einen Professor der Hochschule für Ökonomie Berlin-Karlshorst im Jahre 1980.

 

Du missverstehst jedoch meine Denkweise, wenn Du ihr unterstellst, dass sich „die ökonomische Entwicklung unabhängig vom Willen der Menschen quasi naturgesetzlich vollzieht“. Ich bin vielmehr der Auffassung, dass die gesellschaftlichen Bedingungen und die vorherrschende Ökonomie in einer Gesellschaft den Willen und die Verhaltensweise der meisten Menschen so prägen, dass eine bestimmte Entwicklung tendenziell zustande kommt, auch wenn es Menschen gibt, die die selbstzerstörerische Tendenz erkennen und sich massiv gegen sie wehren. Insofern kann es meines Erachtens eine gesellschaftliche Eigenentwicklung zum Negativen geben, die erstens dann in die Katastrophe führt, wenn ihre grundlegenden Bedingungen, Zusammenhänge und Eigengesetzlichkeiten nicht hinreichend erkannt werden und zweitens wenn – im Schoße der bestehenden Gesellschaft – keine Entwicklung initiiert werden kann, die mit Sicherheit aus der Sackgasse herausführt. Es geht deshalb heute um das bewusste Initiieren dieser Eigenentwicklung auf erweiterter wissenschaftlicher Basis!

 

Dass Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung tendenziellen Charakter besitzen, hat bekanntlich zuerst Marx erkannt. Doch aus diesem Wissen ist noch lange nicht klar, worin der Entwicklungstrend besteht. Er ist offenbar nur aus dem Verstehen der vollen Komplexität der Entwicklung zu erkennen.

 

Die Theoretiker des Marxismus-Leninismus haben aus der immer stärkeren Vergesellschaftung der Produktion einen Automatismus des Übergangs zum Sozialismus abgeleitet, so als brauche nur noch der „Überbau“ revolutionär umgestaltet werden, um neuartige Produktionsverhältnisse zu schaffen. Diese Annahme resultierte offenbar aus der bewussten Konzentration von Karl Marx auf die sehr schwierig zu durchschauende Ausbeutungsproblematik: auf die „Ökonomie der Produktion“. Für die Bearbeitung der so genannten Nichtproduktionssphäre blieb für den überaus gründlichen Marx nur am Rande Zeit. Er fand auch nicht zu seinen Arbeiten aus den vierziger Jahren zur Lösung der Naturfrage zurück. Auch das ihm wohl bekannte Werk von Adam Smith über den „Reichtum der Nationen“ konnte er nicht aufarbeiten. Damit kam er zu keinen ausreichend wissenschaftlich begründeten Aussagen zur Bereicherungsproblematik, die die Ausbeutungsproblematik in einen umfassenderen Zusammenhang einordnete – obgleich sich Friedrich Engels in seinen frühen Schriften bereits grundsätzlich zu den Bereicherungswissenschaften seiner Zeit geäußert hatte. Über die umfassende Betrachtung der Bereicherungsproblematik wäre jedoch Marx wieder auf die Naturfrage gestoßen! Sicherlich hätte er dann auch den „Grundwiderspruch des Kapitalismus“ anders als uns bisher bekannt formuliert. Eine erweiterte Formulierung könnte die nachfolgende sein:

Der innerhalb des kapitalistischen Systems unauflösbare Grundwiderspruch besteht im unbeschränkten privaten Streben nach Bereicherung auf Kosten der Vorwelt, Mitwelt und Nachwelt einerseits und der beschränkten Verfügbarkeit natürlicher Reichtümer sowie der eingeschränkten Belastbarkeit unserer Lebenswelt andererseits.

 

Weil auf der Basis von Privateigentum und Privatbesitz private und nationale Interessen dominieren, weil Gewinne zu Lasten der Konkurrenz und der „Umwelt“ angestrebt werden und weil demokratische Organe zur Wahrung existenzieller Menschheitsinteressen fehlen, kann die Natur nur bedingt geschützt werden. Weil ferner die Dominanz privater wirtschaftlicher Interessen zu einer Individualisierung der meisten Menschen geführt hat und die einzelnen Menschen zum Überleben primär an sich selbst denken müssen, ergibt sich in der Endphase der kapitalistischen Entwicklung eine andere Tendenz, als dies bisher von den Marxisten-Leninisten angenommen wurde: Wir werden mit dem kapitalistischen System (und anderen Formen der Marktwirtschaft) untergehen, wenn es nicht gelingt, uns aus seinen Fesseln zu befreien und wenn wir uns als Linke unfähig erweisen, einen neuen Entwicklungsweg auf Basis einer „neuen“ Ökonomie zu eröffnen.  

 

Allein schon das „ökonomische Grundgesetz des Sozialismus“ zeigt, wieweit wir von der „ökonomischen“ Denkweise der anderen Seite beeinflusst waren. Im Jahre 1975 hieß es:

Sicherung der höchsten Wohlfahrt und der freien allseitigen Entwicklung aller Mitglieder der Gesellschaft auf dem Wege des ununterbrochenen Wachstums und der Vervollkommnung der gesellschaftlichen Produktion

            Ununterbrochenes Wachstum! Die ökologische Problematik blieb von vornherein außen vor!

 

Dieser E-Mail füge ich eine Datei bei, die ich ZweiOekonomien.doc genannt habe. Auf zwei Seiten stelle ich darin die Gemeinschaftsökonomie der Privatökonomie in zusammenfassenden Aussagen gegenüber. Ich wäre Dir dankbar, wenn Du Dir dazu eine Meinung bilden würdest. Vielleicht findet auch Genosse Gregor Gysi Zeit und Muse, sich in erster Form zu äußern.

 

Mit solidarischen Grüßen

 

Werner Grundmann                        Berlin, den 9. März 2007, 12:18 Uhr

 

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ZweiOekonomien.doc                                                vom 9. März 2007

 Werner Grundmann

                                               Die beiden Ökonomien kompakt

                                                                - Entwurf -

Alles bewusste und unbewusste Leben, jedes Individuum, strebt nach rationeller Bedürfnisbefriedigung. Wir werten es als ökonomisch, wenn ein einzelnes Individuum sein spezifisches Ziel auf rationelle Weise erreicht hat.

Ökonomie ist im allgemeinen Sinne die Wissenschaft von der rationellen Bedürfnisbefriedigung. Jedoch ist die Möglichkeit, sich ökonomisch zu verhalten, meist an Gemeinschaftlichkeit gebunden. Deshalb ist Ökonomie im vertieften Sinne als Wissenschaft von der rationellen individuellen Bedürfnisbefriedigung unter gemeinschaftlichen Bedingungen zu verstehen. Um die große Bedeutung des gemeinschaftlichen Aspektes zu betonen und um gemeinsame Bedürfnisse von vornherein mit zu berücksichtigen, sollte zudem von Gemeinschaftsökonomie gesprochen werden – dies auch zur bewussten Unterscheidung von der Privatökonomie. Gemeinschaftsökonomie ist die eigentliche Ökonomie, ihre natürliche Form. Sie tritt auch in der unbewusst lebenden Natur auf und sollte dann als Naturökonomie bezeichnet werden.

Ökonomie kann unter bestimmten historischen Bedingungen anteilig als Privatökonomie auftreten. Von Privatökonomie sollte dann gesprochen werden, wenn – auf der Basis von Privatbesitz und Privateigentum – das allgemeine Streben nach rationeller Bedürfnisbefriedigung zur weiteren privaten Bereicherung genutzt wird.

Die Wirtschaftswissenschaften haben privatökonomischen Charakter, weil sie unter Nutzung von Privateigentum und Privatbesitz im Prozess der rationelleren Bedürfnisbefriedigung durch die Anwendung des Wirtschaftlichkeitsprinzips zur weiteren Aneignung privaten Reichtums beitragen. Die Übertragung des Wirtschaftlichkeitsprinzips auf Bereiche außerhalb der privaten Wirtschaft führt zum allgemeinen Bereicherungsprinzip. Die Wirtschaftswissenschaften sind Bereicherungswissenschaften.

 

Gemeinschaftsökonomie und Privatökonomie unterscheiden sich allgemein darin,

-   von wessen und welchen Bedürfnissen ausgegangen bzw. nicht ausgegangen wird,

-   unter welchen gesellschaftlichen bzw. gemeinschaftlichen Bedingungen der ökonomische Fortschritt erzielt wird,

-   im Auftrage welcher Interessenten ökonomische bzw. privatökonomische Ziele angestrebt werden,

-   woran ökonomischer Fortschritt  gemessen wird,

-   in welcher Weise sich der Einfluss der dominierenden Ökonomie äußert.

Im Besonderen unterscheiden sich beide Ökonomien wie folgt:

-   Während sich die Privatökonomie auf die marktwirtschaftlich relevanten Bedürfnisse beschränkt, d. h. auf Waren und Leistungen, die auf dem Markt einen Preis erzielen, geht die Gemeinschaftsökonomie vor allem von den grundlegenden individuellen und gemeinsamen Bedürfnissen allen Lebens des gesamten gemeinschaftlichen Lebenssystems aus.

-   Privatökonomie basiert auf Privateigentum insbesondere an Produktionsmitteln und dem privaten Besitz an Natur; Gemeinschaftsökonomie basiert auf Gemeineigentum und persönlichem Eigentum und schränkt den Besitz an Natur auf das unbedingt Notwendige ein.

-   Privatökonomie agiert im Auftrag privater Interessenten außerhalb demokratischer Entscheidungen; Gemeinschaftsökonomie wird nach demokratisch beschlossenen Entscheidungen angestrebt.

-    Privatökonomie ist primär am Wert orientiert und misst sich am privat erzielten Gewinn in einem Zeitabschnitt; Gemeinschaftsökonomie geht primär vom Gebrauchswert aus und misst sich an der Reduzierung des gemeinschaftlich notwendigen (zeitlichen) Arbeitsaufwands zur Befriedigung insbesondere der grundlegenden individuellen und gemeinsamen Bedürfnisse während eines Zeitabschnitts.

-    Der Einflussbereich von Privatökonomie wird – in Konkurrenz zu anderen Privatinteressenten – durch private Bereicherung jedweder, auch gewaltsamer Form ausgedehnt; der erweiterte Einfluss und die verbesserte Wirkung von Gemeinschaftsökonomie basiert auf dem Prinzip freiwilliger Zusammenarbeit und freiwilligem Zusammenschluss einzelner Menschen zu Gemeinschaften oder von Gemeinschaften niederer zu Gemeinschaften höherer Komplexität.

 Seit Jahrtausenden wird die Menschheitsentwicklung von der Privatökonomie dominiert. Es gab jedoch eine herausragende Ausnahme:

       In den Bürgerstädten des Mittelalters dominierte auf der Basis der Privatökonomie die Gemeinschaftsökonomie. Die Bürgerstädte waren (durch äußere Bedingungen erzwungene) rationell gestaltete Lebenssysteme. Die Erfolge der Privatökonomie führten zunächst zur Schaffung von Manufakturen innerhalb der Städte. Als sich jedoch die Städte für die Industrialisierung als zu eng erwiesen, wurden ihre Stadtmauern schrittweise „gesprengt“. Es folgte die Zersiedelung unserer Landschaften, die bis heute anhält.

==================Ende der beigefügten Datei