Vierter Brief an Gregor Gysi                                            Veröffentlichung am 12.06.2007

- E-Mail an Gregor.Gysi.MA01@bundestag.de vom 05.03.2007, 15:31 Uhr -

 

 

Von Werner Grundmann 

 

An 

Büro Dr. Gregor Gysi

Persönlicher Referent

Dieter Liehmann

Platz der Republik 1

11011 Berlin

 

 

Betreff: Grunderkenntnisse aus den „Berliner Thesen“

 

 

Sehr geehrter Genosse Liehmann,

                                                      in meiner E-Mail vom 02.03.07, 13:28 Uhr, „zum Utopischen“ hatte ich den Entwurf meiner „Berliner Thesen“ vom 08.08.2005 erwähnt, den ich am 22.08.2005 im Umfange von 36 Seiten an Andre Brie gesandt hatte. Zurzeit arbeite ich an einer Zusammenfassung von „Erkenntnissen aus den Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung“. Die entscheidenden Ergebnisse habe ich ihnen als Auszug nachfolgend zur Information zusammengestellt. Sie sollen dazu dienen, mich besser verständlich zu machen.

 

 

------------------------------------Beginn des Auszugs

 

Erkenntnisse aus den Berliner Thesen

für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung

 

1. Das entscheidende Ergebnis der Berliner Thesen

Die Berliner Thesen sind ein Versuch, um ausgehend von der Marxschen Erkenntnis der historischen Abfolge ökonomischer Gesellschaftsformationen auf der Basis einer erweiterten Herangehensweise eine wissenschaftlich begründete Strategie für die Ablösung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und für den Aufbau einer nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung zu unterbreiten. Die Erweiterungen gegenüber dem Marxschen Vorgehen bestehen darin,

- erstens neben dem Privateigentum an Produktionsmitteln auch den Privatbesitz an Natur in die Betrachtungen einzubeziehen,

- zweitens die Hinweise von Marx und Engels zur Existenz einer bedürfnisorientierten Ökonomie zu berücksichtigen,

- drittens diese andere Ökonomie zu nutzen, um Aussagen zur ökonomisch und ökologisch orientierten Lebensweise zu erarbeiten sowie

- viertens um alle Ausbeutergesellschaften im umfassenderen Sinne als Bereicherungsgesellschaften zu kennzeichnen.

 

Der Vorschlag, eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung anzustreben, geht vom dialektischen Gesetz der Vereinigung oder der Divergenz aus, das nur die Wahl zwischen Vergemeinschaftung zur Sicherung des Überlebens der Menschheit oder Individualisierung, Spaltung, Konkurrenz, Kriege und den Niedergang der Menschheit zulässt. Vergemeinschaftung schließt ein, zu einer einheitlichen Weltanschauung für die gesamte Menschheit zu finden und den Missbrauch von Religionen zur Spaltung der Völker und Kulturen künftig zu verhindern. Den beiden gegensätzlichen Entwicklungswegen entsprechen adäquate Ökonomien, die nachfolgend als Gemeinschaftsökonomie und Privatökonomie bezeichnet werden. Das entscheidende Ziel der Privatökonomie sind Gewinne unter Anwendung des Wirtschaftlichkeitsprinzips. Wirtschaftlichkeit wurde bisher fälschlicherweise mit Ökonomie gleichgesetzt.

 

Die Berliner Thesen versuchen darüber hinaus zu belegen, warum der Aufbau einer sozialistischen in Konkurrenz zur kapitalistischen Gesellschaftsordnung in eine historische Sackgasse führen musste und der wissenschaftliche Sozialismus keine objektive Existenzberechtigung hat.

 

Das entscheidende Ergebnis der Berliner Thesen besagt, dass die nachkapitalistische Ordnung eine hierarchische Gemeinschaftsordnung neuer ökonomischer Qualität sein muss, die Gemeinschaftlichkeit zwischen den Menschen sowie der Menschen mit der Natur durch Wiederherstellung natürlicher Lebenssysteme anstrebt. Die neue ökonomische Qualität besteht darin, dass Ökonomie nicht mehr gewinnorientiert zur privaten Bereicherung, sondern als Gemeinschaftsökonomie bedürfnisorientiert im Sinne rationeller Befriedigung gemeinschaftlich anerkannter Bedürfnisse unter gemeinschaftlichen Lebensbedingungen verstanden wird. Die neue Ordnung soll schrittweise innerhalb der bestehenden Gesellschaftsordnungen aufgebaut werden, wobei sich fortschreitend Menschen zu Gemeinschaften zusammenfinden, die bewusst nach den Anforderungen der Gemeinschaftsökonomie auf der Basis von Gemeineigentum und nach den Erfordernissen voller Demokratie leben, arbeiten und ihre Produkte bzw. Leistungen untereinander austauschen. Die neue Lebens- und Produktionsweise findet hinreichend Anerkennung, wenn sie sich als Überlebensökonomie erweist, als notwendig zur Sicherung des Überlebens der Menschheit. Die Gemeinschaftsökonomie wird die vorherrschende Privatökonomie verdrängen, wenn immer mehr Menschen die existenzielle Gefährdung der Menschheit aus dem Wirken der Privatökonomie erkennen.

 

Die mögliche Beweiskraft der Berliner Thesen resultiert aus dem komplexen Herangehen, aus der einheitlichen ökonomischen Betrachtungsweise sowie aus dem Bemühen, jede einzelne These inhaltlich zu begründen bzw. zu belegen und mit anderen Thesen abzustimmen. Insofern besteht eine eingeschränkte Berechtigung, um von neuen Erkenntnissen sprechen zu dürfen.

 

 

2. Grunderkenntnisse aus den Berliner Thesen

 

Entsprechend einer ersten Grunderkenntnis aus den Berliner Thesen ist die kapitalistische Gesellschaft eine Bereicherungs-, Ausbeutungs-, Verarmungs-, Zerstörungs- und letztlich Selbstvernichtungsgesellschaft. Sie teilt die Menschheit nicht nur in Reiche und Arme; sie verarmt und zerstört zugleich ihre eigene, unsere Lebenswelt. Entweder es gelingt, das kapitalistische Gesellschaftssystem durch eine überlebensfähige Ordnung rechtzeitig abzulösen, oder die Menschheit geht mit ihm unter.

 

Eine zweite Grunderkenntnis aus den Berliner Thesen lautet: Um eine Strategie zur Ablösung des kapitalistischen Gesellschaftssystems zu konzipieren, ist es notwendig, zwischen Privatökonomie und Gemeinschaftsökonomie zu unterschieden, das Gleichsetzen von Wirtschaftlichkeit und Ökonomie abzuweisen und die Gemeinschaftsökonomie zunehmend als entscheidendes Mittel zum Erreichen gemeinschaftlicher Zielstellungen zu entwickeln und zu nutzen.

 

Eine dritte Grunderkenntnis erklärt die Herrschaft des kapitalistischen Gesellschaftssystems aus dem Wirken der Privatökonomie. Sie bedient sich des internationalen Währungs- und Finanzsystems, insbesondere der so genannten Leitwährungen. Die Privatökonomie herrscht in Eigenentwicklung aus sich selbst heraus und dominiert tendenziell die Entwicklung der gesamten Menschheit. Deshalb braucht sie in ihrer am „höchsten“ entwickelten Form keine Diktaturen. Im Prozess der Globalisierung dehnt sie ihre Dominanz nach außen aus, im Prozess der Privatisierung nach innen. Was als Demokratie erscheint, unterliegt letztlich dem Diktat der Privatökonomie. Es bewahrheitet sich der Spruch aus der Umgangssprache: „Geld regiert die Welt!“ Das Ausdehnen der Herrschaft der Privatökonomie nach innen und außen erfolgt durch Vernetzung, über die Schaffung von Netzen als Mittel zur privaten Bereicherung. Das bisher höchstentwickelte Netz ist das Internet.

 

Eine vierte Grunderkenntnis lautet: Die Voraussetzungen für die weltweite Ablösung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung können schrittweise durch Verdrängung der Privatökonomie von der Gemeinschaftsökonomie geschaffen werden. Die Verdrängung  der Privatökonomie sollte über die Bildung von Zellen der Gemeinschaftsökonomie in allen gesellschaftlichen Bereichen aller Völker und Kulturen eingeleitet werden. Die Zellen nutzen insbesondere das Ausgesonderte, das „Unwirtschaftliche“, der Privatökonomie gemeinschaftlich zur sinnvollen rationellen Bedürfnisbefriedigung. Im Verlaufe der weiteren Entwicklung schließen sich die Zellen zu Organen und die unterschiedlichen Organe zu Lebenssystemen der Gemeinschaftsökonomie zusammen.

 

Eine fünfte Grunderkenntnis geht von der mittels der Gemeinschaftsökonomie entstehenden Massenbasis aus, die die Voraussetzungen schafft, um die kapitalistische Ordnung weltweit nach Entscheidungen der vollen Demokratie abzulösen. Der entscheidende Schritt zur Ablösung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung als System besteht im weltweiten Außerkraftsetzen ihrer Wertformen und der Funktionsweise des Bereicherungsnetzes.

 

--------------------------------------Ende des Auszugs

 

Ich bitte Sie, meine Ergebnisse grundsätzlich zu prüfen und Genossen Gregor Gysi vorzulegen. Mir genügt zunächst eine prinzipielle zustimmende oder ablehnende Aussage, um weiter reagieren zu können.

 

Mit solidarischen Grüßen

 

Werner Grundmann                             Berlin, den 05.03.2007, 15:31 Uhr