Drittter Brief an Gregor Gysi                                            Veröffentlichung am 12.06.2007

- E-Mail an Gregor.Gysi.MA01@bundestag.de vom 02.03.2007, 13:28 Uhr -

 

 

 

Von Werner Grundmann  

 

An

Büro Dr. Gregor Gysi

Persönlicher Referent

Dieter Liehmann

Platz der Republik 1

11011 Berlin

 

 

Betreff: Zum Utopischen  (Ihre E-Mail vom 27.02.07)

 

Sehr geehrter Genosse Liehmann,

                                                  ich danke Ihnen für Ihre offenen Wort in Ihrer E-Mail vom 28.02.07, 11:38 Uhr. Unter „offen“ verstehe ich insbesondere Ihre Äußerungen zum utopischen Charakter meiner Vorstellungen. Doch was Sie als „utopisch“ bezeichnen, sind für mich aktuelle existenzielle Zwänge, die die nächsten Jahrzehnte betreffen und eine baldige wissenschaftliche Fundierung in nächsten Jahren erfordern. Der immer schneller vor sich gehende Klimawandel, die Vielzahl an schweren Naturkatastrophen und die Gefahr einer bevorstehenden Klimakatastrophe werden dazu führen, dass die Menschheit aus der unmittelbaren Erfahrung außerordentlich schnell lernen wird.

 

Sicherlich habe ich Verständnis dafür, dass es für fast alle Menschen sehr überraschend sein dürfte, sich eine Ökonomie ohne Gewinnstreben vorzustellen. Andererseits ist diese andere Ökonomie tagtäglich in jedem Haushalt existent, ohne dass die Familienmitglieder bei der rationellen Gestaltung der Hausarbeiten an den Begriff Ökonomie oder gar an Gewinn denken. Diese andere Ökonomie existierte stets neben der offiziellen (Privat-)Ökonomie und dies seit Jahrtausenden. Sie wurde allerdings von der bürgerlichen Wissenschaft verdrängt, obgleich zumindest die Bürgerstädte des Mittelalters in ihrer rationellen Gestaltung dominanter Ausdruck dieser anderen Ökonomie waren. Warum sollte es folglich nicht möglich sein, diese Denkweise neu zu beleben und allmählich auf alle gesellschaftlichen Bereiche zu übertragen? Zudem wird diese vorgeblich neue Ökonomie schon deshalb schnell Zustimmung erfahren, weil hinreichend viele Menschen das Überangebot in den Supermärkten als belastend und als ökologisch unverständlich empfinden. Sollen sie Nützliches wegwerfen, nur damit die Wirtschaft weiterhin „wächst“, während die Natur immer mehr verödet? Es könnte relativ schnell gehen, das weitere Wirtschaftlichkeitsstreben als absurd zu begreifen.

 

Sie verweisen darauf, dass „ein Verzicht oder eine Eliminierung privaten Gewinnstrebens nicht nur, aber auch zum Scheitern des Staatssozialismus beitrug“. Die übergreifende Frage ist jedoch, ob der Sozialismus gescheitert ist, weil er zu wenig Wirtschaftlichkeit erzeugt hat oder weil er sich von vornherein auf die (privat-)ökonomische Konkurrenz zum Kapitalismus eingelassen hat. Sie könnten antworten, dass es dafür einen äußeren Zwang gab. Dies trifft zweifellos zu. Doch gab es von vornherein überhaupt eine Chance, den Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln „ökonomisch“ im Sinne der Erzielung höherer Produktivität zu „besiegen“? Die ersten „Versuche“ führten unter Stalin zur Versklavung von Millionen Menschen in Arbeitslagern und zur Zwangskollektivierung in der Sowjetunion. Spätere Versuche gingen mit extremen Belastungen unserer Lebenswelt einher. Das Fazit kann müsste deshalb sein, dass entweder der Versuch des Aufbaus einer sozialistischen Gesellschaft zu früh oder dass er mit einem falschen Ansatz erfolgte. Damit sind wir aber bei der Frage einer der nachkapitalistischen Ordnung adäquaten Ökonomie, die die ökologische Problematik von vornherein berücksichtigt! Hätte Lenin dies erkennen können? Dass die Lösung der „Naturfrage“  eine immense gesellschaftliche Bedeutung besaß, war Marx über 70 Jahre vorher bekannt. Es ist nachgeordnet, ob Lenin die spezifischen Erkenntnisse von Marx zugänglich waren. Entscheidend dürfte vielmehr das historisch unvertretbar große Wagnis von Lenin gewesen sein, eine sozialistische Revolution durchzuführen, ohne die wissenschaftlichen Voraussetzungen für die Funktionsweise der neuen Gesellschafts- bzw. Gemeinschaftsordnung geschaffen zu haben! Wenn sie Marx vorgelegt hätte, wäre es vermutlich gar nicht erst zur Oktoberrevolution gekommen. Möglicherweise orientierte Marx von vornherein auf die weltweite Ablösung des Kapitalismus, weil aus seiner Erkenntnis heraus die „Naturfrage“ nur weltweit gelöst werden kann.

 

Darüber hinaus gebe ich zu bedenken: Wenn das Denken und Handeln im Sinne der Erzielung von Gewinn in ein ökonomisches System eingeführt wird, entsteht eine Eigenentwicklung, die letztlich nicht mehr gezügelt werden kann. Wir kennen hinreichend Beispiele, dass versucht wird, Gewinne nicht nur aus rationellem Handeln im eigenen Bereich heraus zu erzielen, sondern vor allem zu Lasten anderer, was die Belastung unserer „Umwelt“ einschließt. Da jedoch die Natur über keine eigene Stimme verfügt, schlägt sie mit unabsehbaren Folgen erst dann zurück, wenn bestimmte Schwellen überschritten wurden. Dann kann ein einzelnes schwerwiegendes Umweltverbrechen die globale Katastrophe auslösen!

 

Es geht folglich um das Bewusstwerden und Bewusstmachen, was unter wahrer Ökonomie unter gemeinschaftlichen Lebensbedingungen zu verstehen ist! Ich spreche – zum Abgrenzen von der bisherigen Denkweise – deshalb nicht mehr von „Sozialismus“ oder „Kommunismus“, sondern von einer in einem längeren Prozess demokratisch zu schaffenden Gemeinschaftsordnung. Sie stelle ich der derzeitig vorherrschenden (kapitalistischen und „kommunistischen“) Privatordnung gegenüber, die insbesondere auf Privateigentum, auf Privatbesitz und gesellschaftlichem Besitz an Natur basiert. Die derzeit vorherrschende  Gesellschaftsordnung schließt unbegrenzte Bereicherung und Verarmung mittels der Wirtschaft und der Finanzwirtschaft ein. Sie ist – auch ohne Diktatoren – eine Diktatur des Kapitals. Alle Schichten der Bevölkerung sind in diesem System gefangen und damit an der Bereicherung und Verarmung beteiligt – jede auf ihre Weise! Insofern ist die bürgerliche Demokratie, die innerhalb des Systems geschaffen wurde, nur eine Scheindemokratie! Sie führt nicht aus dem System heraus. Wenn sich die Linken weiterhin ausschließlich innerhalb dieser „Demokratie“ bewegen, werden sie infolge unzureichender Erfolge stetig an Bedeutung verlieren. Sie sollten deshalb mit neuen Ansätzen versuchen, sich aus den Fesseln der bürgerlichen Demokratie zu befreien, sie jedoch im Interesse der Menschen weiterhin nutzen. Sie sollten sich eine neue Basis schaffen, die volle Demokratie auch in der Wahl der ökonomischen Mittel erlaubt. Den Systemcharakter des ablaufenden Bereicherungs- und Verarmungsprozesses sowie die Tendenz zur Selbstvernichtung der Menschheit zu erkennen, schafft erst die Voraussetzungen, nach einer qualitativ neuartigen Systemlösung zu suchen. Ohne das Erkennen der grundlegenden Ursachen des Scheiterns des Sozialismus kann keine neue Strategie zur Ablösung der vorherrschenden Gesellschaftsordnung gefunden werden. 

 

Um die Meinung anderer führender Genossen der Linkspartei einzuholen, habe ich – mit Einverständnis des Genossen Klaus Freitag vom Europa-Büro Schwerin – meinen Brief den Ihnen vorliegenden Brief an Gregor Gysi per E-Mail auch an Andre Brie gesandt. Er kennt einen Entwurf meiner „Berliner Thesen“ vom 08.08.2005, fand aber bisher nicht ausreichend Zeit, dazu inhaltlich Stellung zu beziehen. Dafür habe ich Verständnis. Viel wichtiger ist es mir, dass meine Ergebnisse, wenn sie bestätigt werden können, allmählich in die politische Arbeit der Linken einfließen.

 

Mit solidarischen Grüßen

 

Werner Grundmann                               Berlin, den 2. März 2007, 13 Uhr 28