Neunter Brief an Gregor Gysi                                         Veröffentlichung am 14.06.2007

- E-Mail an Gregor.Gysi.MA01@bundestag.de vom 30.03.2007, 16:05 Uhr -

 

 

 

Von Werner Grundmann  

 

an das

Büro Dr. Gregor Gysi

Persönlicher Referent

Dieter Liehmann

Platz der Republik 1

11011 Berlin

 

nichtökonomische Bereicherung

 

Lieber Genosse Liehmann,

                                        vielen Dank für Deine Rückantwort vom 27. März 2007, 12:57 Uhr, auf meine E-Mail „Extremisieren“. Deine Einschätzung, „dass wir ziemlich nahe in unseren Analysen beieinander liegen“, hat mich positiv überrascht. Für besonders wichtig halte ich Deine Feststellung zur drohenden Gefahr, „dass es die exogenen Krisen sind“, die dem Kapitalismus „seine Grundlagen entziehen“. Andererseits trifft sicherlich Deine Feststellung zu, wonach „nur von einer Minderheit von Sozialistinnen und Sozialisten“ die Bedeutung „der ökologischen Frage“ ausreichend erkannt wird. Dies äußert sich auch in der Wahl des Themas „Wie grün darf die LINKE sein?“ für die gemeinsame Konferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Fraktion DIE LINKE im Deutschen Bundestag am 12. Mai 2007. Ich habe den Eindruck, dass die Sozialistinnen und Sozialisten in Anbetracht der weltweiten Debatte zum Klimawandel zumindest verunsichert an dieses Thema herangehen. Sie stellen die Frage wohl deshalb politisch, weil von den Linken die gesellschaftlichen Ursachen der ökologischen Krise bisher nur unzureichend wissenschaftlich erkannt wurden.

 

Auf einen wesentlichen Aspekt der Entstehung der ökologischen Krise möchte ich nachfolgend etwas näher eingehen: auf die nichtökonomische Bereicherung.

 

Du schreibst: „Es war und ist ein schwer wiegender Irrtum, ökonomische Prozesse nicht als Werterzeugung und z u g l e i c h als Transformationen von Stoffen und Energien zu begreifen; nur wenn man das tut, ergibt sich auch der Zusammenhang der sozialen mit der ökologischen Frage.“

 

Ich bin mir unsicher, was Du in die „Transformationen von Stoffen und Energien“ einbeziehst. Doch um den Zusammenhang zwischen der sozialen und ökologischen Frage gesellschaftlich herzustellen, könnte es ausreichen, nach ökonomischer und nichtökonomischer Bereicherung zu unterscheiden, wobei ich unter nichtökonomischer Bereicherung jene Formen des Aneignens von fremdem Eigentum und Besitz verstehe, die nicht oder nur in geringem Maße an Arbeit gebunden sind, für die also der Aufwand für die Aneignung fremden Reichtums im Vergleich zum erzielten „Ergebnis“ unwesentlich ist. Zur nichtökonomischen Bereicherung gehören Raub, Versklavung, Piraterie, Tribute, Diebstahl, Betrug, Korruption, Wucher, überhöhte Gebühren, fortwährende Mietsteigerungen usw. Wir sind tagtäglich über die Medien dem umfassenden Bereicherungsgeschehen ausgesetzt, ohne dass sich die Linke ausreichend damit auseinandersetzt.

 

Was Karl Marx unter der „sogenannten ursprünglichen Akkumulation“ als „[Ausgangspunkt] der kapitalistischen Produktionsweise“ ausführlich beschrieb, waren Prozesse und Beispiele vor allem nichtökonomischer Bereicherung (vgl. „Das Kapital“, Bd. 1, Berlin 1971, S. 741 ff)! So bezeichnete er den „Sklavenhandel“ – bezogen auf Liverpool – als „Methode der ursprünglichen Akkumulation“ (vgl. ebd., S. 787). „Die Gewalt“ war „selbst ... eine ökonomische Potenz“ geworden (vgl. ebd., S. 779)! Das aber heißt, dass nichtökonomische Bereicherung zur Basis ökonomischer Bereicherung ausgedehnt werden kann und umgekehrt.

 

Die Bereicherung zu Lasten der belebten Natur, ihre Ausplünderung, Belastung und Vergiftung, ist im Wesentlichen nichtökonomische Bereicherung. Sie vollzieht sich vor allem  durch die Entnahme von Gebrauchswerten und die Entsorgung von Abprodukten. Doch der „Gebrauchswert ist … nie als unmittelbarer Zweck des Kapitalisten zu behandeln. Auch nicht der einzelne Gewinn, sondern nur die rastlose Bewegung des Gewinnens. Dieser absolute Bereicherungstrieb“ schließt „die rastlose Vermehrung des Werts“ ein (vgl. ebd., S. 167/168). Der Gewinn wird über den Preis erzielt. Einen Bezug des Preises zum Arbeitsaufwand für die Entnahme der Gebrauchswerte, etwa an Holz aus den borealen und Regenwäldern, herzustellen, ist wenig ergiebig. Sicher ist jedoch, dass über den Raubbau an den Wäldern Riesenprofite erzielt werden. Auch der Aufwand für die Wiederaufforstung ist nachgeordnet, weil die Dauer des Nachwachsens der Bäume teils Jahrhunderte dauert! Die Menschheit muss aber innerhalb weniger Jahrzehnte einen Überlebensweg finden!

 

Man könnte fragen, warum für viele Sozialistinnen und Sozialisten die ökologische Frage als gesellschaftswissenschaftliche Problematik so fern steht. Die Antwort ist wohl in der Verabsolutierung der Erkenntnisse des Marxschen Hauptwerks durch Lenin zu suchen. Weil die Ausbeutungsproblematik die Kernproblematik kapitalistischer Bereicherung darstellt und am schwierigsten zu durchschauen war, weil zudem an die Überwindung der Ausbeutung die Lösung der sozialen Frage gebunden ist, Marx jedoch bis zum Ende seines Lebens (wegen seiner überaus großen wissenschaftlichen Gründlichkeit) weder die Ausbeutungsproblematik abschließend bearbeiten, noch mit der umfassenderen Problematik der einheitlichen Analyse der Naturfrage und der sozialen Frage überhaupt beginnen konnte, weil letztlich Lenin die Bedeutung der ökologischen Problematik negierte, ist die Linke seit der Oktoberrevolution auf die Lösung der sozialen Frage fixiert. Um aus diesem verfestigten Denken und Handeln herauszukommen, bedarf es offenbar einer überaus deutlichen oder gar überspitzten Darstellung des derzeitigen gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs und der voraussichtlichen gesellschaftlichen Entwicklung. Die Sozialistinnen und Sozialisten sind durch Marx und Engels, vor allem aber durch Lenin geprägt, obgleich das Spätwerk von Marx eine Eingrenzung der Gesamtproblematik auf die Ausbeutungsproblematik darstellt. Diese bewusst gewählte Eingrenzung lässt sich im Werk von Marx nachweisen. Aus dieser Eingrenzung resultiert der von Engels in den Anfängen beschriebene und von Lenin gelehrte, „wissenschaftliche Sozialismus“.

 

Dass neben der ökonomischen Bereicherung durch Ausbeutung auch nichtökonomische Bereicherung existiert, war für Marx offenbar selbstverständlich und kein wissenschaftlicher Arbeitsgegenstand, sondern eine der Voraussetzungen für die Entstehung des Kapitalismus. Er sprach deshalb – unter Verwendung des bürgerlichen Begriffes „Akkumulation“ – im „Kapital“ von „sogenannter ursprünglicher Akkumulation“.

 

Inwiefern die einheitliche Betrachtung von ökonomischer und nichtökonomischer Bereicherung zu neuen Erkenntnissen führt, hatte Marx bereits 1844 erkannt. Aus seinen „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ kann abgeleitet werden, dass er unter Kommunismus die einheitliche Lösung der Naturfrage und sozialen Frage verstand (vgl. MEW, Ergänzungsband, Erster Teil, S. 536).

 

Ich vermisse zurzeit bei den Linken nicht nur eine kritische Gesamtdarstellung des vorherrschenden Gesellschaftssystems, in dem die Kreativität des legalen, illegalen und kriminellen Bereicherns eine Eigenentwicklung zum Negativen vollzieht und der Rechtsstaat über den Lobbyismus immer stärker zur privaten Bereicherung missbraucht wird. Es bedarf auch einer wissenschaftlich-historischen Aufarbeitung der Gesamtproblematik der Entstehung und Entwicklung der drei Formen von Bereicherungsgesellschaften, die wir dank Marx bisher als ökonomische Gesellschaftsformationen im Sinne von Ausbeutergesellschaften begriffen haben. So z. B. stellt sich die Frage, woher bereits Aristoteles das Wissen um die Existenz zweier Formen von Ökonomie, der Chrematistik und der Ökonomik (vgl. „Das Kapital“, Bd. 1, Berlin 1971, S. 167, Fußnote 6), nahm, und sein Schüler, der spätere Alexander der „Große“, dennoch (oder deswegen?) zum größten Eroberer der Antike wurde. Wenig bekannt ist, dass Alexander dank seiner Eroberungen den bis dahin größten Schatz der Antike zusammenraffte und damit die griechische Sklavenhaltergesellschaft stärkte. Und letztlich bleibt in diesem Zusammenhang zu erklären, was sich hinter dem Vers 85 der 18 Sure des Korans verbirgt, in dem es zu Alexander dem „Großen“ heißt: „Wir (das heißt Gott) richteten sein Reich auf Erden ein, und wir gaben ihm die Mittel, alle seine Wünsche zu erfüllen.“ (Vgl. auch „Lexikon des Islam“ Orbis Verlag 1995, S. 24)

 

Heute, da das Bereicherungs- und Verarmungsgeschehen allseitig soweit vorangeschritten ist, dass die ökologische Krise die Existenz der Menschheit bedroht, geht es meines Erachtens um einen Bruch mit dem traditionellen eingeschränkten sozialistischen Denken und Handeln der Linken. Dieser objektiv notwendige Bruch ist wohl das gegenwärtig Schwierigste für die Linke. Es sollte deshalb ein Weg gefunden werden, um diesen Bruch schrittweise vorzubereiten, etwa indem die Linke in ihrer nationalen Politik weiterhin das Soziale favorisiert, aber zugleich international eine Bewegung zur gemeinsamen Bekämpfung der ökologischen Krise organisiert. Dieser Bewegung sollte der Gedanke der Suche nach gemeinschaftlichen Lösungen und ihrer Realisierung zugrunde gelegt werden. Es reicht z. B. nicht aus, wenn die Industrie- und die „Schwellenländer“ ihren Kohlendioxidausstoß reduzieren; vielmehr geht es um gemeinschaftliche internationale Projekte zur gezielten Reduzierung des in der Atmosphäre bereits gespeicherten Kohlendioxids. Das gemeinschaftliche Denken und Handeln zum Klimaschutz von „oben“ her sowie das Gründen von Zellen auf der Basis der Gemeinschaftsökonomie von „unten“ her könnten sich gegenseitig ergänzen und damit das Ziel zur Schaffung einer weltweiten Gemeinschaftsordnung voranbringen.

 

Inzwischen bin ich so weit, dass ich nunmehr doch Deinen Vorschlag aufgegriffen habe, über einen Beitrag für die Zeitschrift „Utopie kreativ“ in einer ersten Form an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich würde mich freuen, wenn Du mich dabei beratend unterstützen würdest – vielleicht nach dem Vorlegen eines Manuskriptentwurfs während eines ersten persönlichen Gesprächs.

 

Mit solidarischen Grüßen

 

Werner Grundmann                             Berlin, den 30.03.07, 16:05 Uhr