Drucken          Öffnen als PDF          Öffnen als Word-Doc.

 

Groll280409BWG.doc                                abrufbar veröffentlicht: 29.04.09

 

Von Werner Grundmann                                      Berlin, den 28. April 2009

13088 Berlin

 

an Franz Groll

75391 Gechingen

 

Ausgabe von Energiezertifikaten

 

Lieber Genosse Groll,

           am 25. April 2009 hatte ich während der Beratung der BAG Umwelt, Energie, Verkehr im Karl-Liebknecht-Haus, dem Sitz der Partei DIE LINKE, die Möglichkeit, Deine Ausführungen über eine „marktwirtschaftliche Methode“ zur „konsequenten, steuerbaren Reduzierung des Ressourcenverbrauchs“ zu hören und Deinen zwölfseitigen Flyer „Der gerechte, konsequente Weg zum Klimaschutz“ vom Dezember 2007 entgegenzunehmen.

 

Du schreibst, dass die „vorgestellte Lösung … der letzte im kapitalistischen System mögliche und zwingend  erforderliche Schritt“ sei, „damit der Klimawandel sozial gerecht auf ein erträgliches Ausmaß begrenzt werden kann, um den nachfolgenden Generationen eine Zukunftschance zu ermöglichen.“ „Die zwei wichtigsten Vorteile der Methode sind“ nach Deinen Ausführungen „die soziale Ausgewogenheit und die Transparenz des Energieverbrauchs für alle Produkte“. Dies erlaube „allen Menschen individuell zu entscheiden, wie sie ihren persönlichen, dringend erforderlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten wollen“ (vgl. S. 1).

 

Die Begrenzung des Klimawandels soll über die kostenlose Ausgabe von schrittweise zu reduzierenden Energiezertifikaten an alle „BewohnerInnen“ durch eine staatliche „Energieagentur“ erreicht werden, die von der Regierung eingesetzt wird, die unabhängig von ihr arbeitet und von den Energieressourcen ausgeht (vgl. S.3/4).

 

In den vergangenen Tagen habe ich mich grundsätzlich mit Deinen Ausführungen und Darlegungen befasst und bin zur folgenden Auffassung gelangt:

 

  1. Die möglichst schnelle Einführung von Energiezertifikaten im Rahmen der von Dir dargestellten marktwirtschaftlichen Methode unterstütze ich nachdrücklich. Die vorgestellte Lösung könnte in der Tat „der letzte im kapitalistischen System mögliche und zwingend  erforderliche Schritt“ sein, um all jene Möglichkeiten zu erschließen, die die Marktwirtschaft zur Verzögerung der Klimaerwärmung bietet. Der große Vorteil der Methode besteht darin, dass sie sich als System in das bestehende Wirtschaftssystem einpasst und damit das Wirtschaftssystem im existenziellen Interesse aller Beteiligten qualifiziert.

 

  1. Dem Sprecherrat der Ökologischen Plattform empfehle ich erstens, sich umgehend eine Auffassung zur Einführung von Energiezertifikaten zu erarbeiten und den Flyer – ggf. nach der Einarbeitung von Hinweisen – über die Homepage der ÖPF zu veröffentlichen, zweitens einen komprimierten Beitrag zum Vorschlag der Einführung von Energiezertifikaten in die „Tarantel“ aufzunehmen. Ich werde deshalb mein heutiges Schreiben auch als E-Mail an den Sprecherrat der ÖPF übermitteln.

 

  1. Dem Vorstand der Partei DIE LINKE schlage ich vor zu prüfen, ob die staatliche Ausgabe von Energiezertifikaten als wichtigster marktwirtschaftlicher Beitrag im Kampf gegen die Klimaerwärmung in ihre politische Arbeit aufgenommen werden sollte. Wenn die Einführung von Energiezertifikaten politisch durchgesetzt werden kann, würde dies in hohem Maße ein breites Bewusstsein für die Klimaproblematik erzeugen. Genossen Wolfgang Methling vom Parteivorstand der LINKEN werde ich deshalb mein heutiges Schreiben als E-Mail mit übersenden.

 

 

Die marktwirtschaftliche Methode zur Reduzierung des Ressourcenverbrauchs über die staatliche Einführung von Energiezertifikaten braucht einen Namen. Er könnte aus den Namen bzw. Anfangsbuchstaben der Autoren Herman E. Daly (USA), Hans Peter Aubauer (Wien) und David Flemming (UK) abgeleitet werden, die offenbar die Grundlagen für die Methode geschaffen haben, und „Daly-Aubauer-Flemming-Methode“ oder kurz „DAF-Methode“ lauten. Deshalb halte ich auch Verweise auf die entscheidenden Literaturquellen für erforderlich. Zur besseren Verbreitung der Methode empfehle ich, diesen oder einen anderen Namen in den Titel des Flyers aufzunehmen, etwa in der Form: „Die DAF-Methode – wichtigste marktwirtschaftliche Methode zur Erreichung der Klimaschutzziele“.  

 

Den bisherigen Titel halte ich in mehrfacher Hinsicht für überzogen. Es geht in Deinen Ausführungen nicht um „den Weg“, sondern um „den marktwirtschaftlichen Weg“. Die Versachlichung Deiner Grundgedanken gebietet es, nichtmarktwirtschaftliche Methoden auf keinen Fall von vornherein aus den Betrachtungen zum Erreichen der Klimaschutzziele auszuschließen. Vielmehr sollte bei allen marktwirtschaftlichen Bemühungen die Beantwortung der Grundsatzfrage offen gehalten werden, ob der Klimawandel prinzipiell marktwirtschaftlich und damit primär gewinnorientiert beherrscht werden kann oder ob neben der Nutzung aller marktwirtschaftlichen Möglichkeiten ein ökonomisches Umdenken und ein ökonomisch neuartiges Handeln im Sinne einer primär bedürfnisorientierten Ökonomie unverzichtbar sind.

 

Obgleich die vorgeschlagene marktwirtschaftliche Methode für längere Zeit unverzichtbar sein dürfte, kann sie meines Erachtens nur ein Weg sein, um den Klimawandel zu bremsen. Selbst wenn es gelänge, sie in führenden Industrieländern durchzusetzen, halte ich wegen der globalen Dominanz privater Profitmaximierung und nationaler Egoismen das Weltwirtschaftssystem, das gesamte kapitalistische Gesellschaftssystem, aber auch das irdische Lebenssystem in ihrer Gesamtheit und Eigenentwicklung für prinzipiell nicht beherrschbar. Es sei an die Zunahme an Waldbränden erinnert, die durch unterschiedliche Ursachen ausgelöst werden: durch Brandrodung zur Gewinnung von profitablen landwirtschaftlichen Nutzflächen, durch Brandstiftung etwa zur spekulativen Gewinnung von Bauland, infolge zunehmender Ausdehnung der Siedlungsgebiete durch die irdische Überbevölkerung, durch Fahrlässigkeit einzelner Personen und durch natürliche Ursachen. Allein die tendenzielle Zunahme der Waldbrände unterschiedlicher Verursachung könnte im Zusammenhang mit der Erhöhung der Durchschnittstemperatur und der weiteren Ausbildung des globalen ökologischen Ungleichgewichts tendenziell eine Eigenentwicklung bis zur Klimakatastrophe auslösen! Wenn Du von der „Verhinderung eines extremen Klimawandels“ sprichst, dann kann es sich auf der Basis der von Dir vorgeschlagenen Methode meines Erachtens höchstens um eine extreme Verzögerung des Klimawandels handeln. Es müssen folglich auch gänzlich neue Wege gesucht und gegangen werden, die nicht marktwirtschaftlich gebunden sind und das kapitalistische System im positiven Sinne von Innen her unterwandern. Sollte sich die breite Nutzbarmachung der faktisch kostenlos verfügbaren, umweltneutralen Raumenergie, wie dies Prof. Dr. Josef Gruber in seinem neuen Buch über „Raumenergie-Technik“ beschreibt, als möglich erweisen, würde zusammen mit dem Wirtschaftssystem auch die von Dir vorgeschlagene Methode im bestmöglichen Sinne schrittweise unterwandert werden. Wer sollte für zusätzlich benötigte Energie Geld ausgeben, wenn sie fast kostenlos verfügbar und zudem umweltneutral ist?

 

Zur „sozialen Ausgewogenheit“ der von Dir beschriebenen Methode stelle ich die Frage: Kann es eine „soziale Ausgewogenheit“ auf unsozialer Basis geben, oder wäre es nicht besser, von vornherein von einem Schritt der „Umverteilung von oben nach unten“ zu sprechen (vgl. S. 5)? Gibt es wahre „Gerechtigkeit“ auf einer ungerechten Basis an privatem Eigentum und Besitz, vor allem an Besitz an Natur? Kann es darum gehen, den „Klimawandel sozial gerecht auf ein erträgliches Ausmaß“ zu begrenzen? Der Begriff „Gerechtigkeit“ ist zum Modewort geworden und verschleiert die wahren gesellschaftlichen Verhältnisse! Die Ausdrucksweise erinnert an jährliche Gehaltserhöhungen im öffentlichen Dienst der Bundesrepublik, die „sozial gerecht“ erschienen, weil alle Gehaltsempfänger den gleichen Prozentsatz erhielten, was bedeutete, dass die besser Verdienenden weitaus mehr als die geringer Verdienenden bekamen – womit sich die sozialen Gegensätze im Verlaufe der Jahre verstärkten.

 

Noch fragwürdiger wird eine derartige Sprache, wenn das „erträgliche Ausmaß“ im Klimawandel überschritten wird, wenn im Nachhinein festgestellt werden muss: Die Klimakatastrophe konnte zwar nicht aufgehalten werden; aber im Verbrauch der letzten Ressourcen zur Energiegewinnung ging es „gerecht“ zu! Was für eine „Gerechtigkeit“ gegenüber jener „Nachwelt“, der das Leben auf der Erde deshalb verwehrt wird, weil die Klimakatastrophe mögliche Reinkarnationen für extrem lange Zeiten ausschließt? Reicht es nicht aus, wenn Du von „gleicher Verteilung der Energiezertifikate“ auf alle Menschen eines Landes sprichst?

 

Auch wenn sich die von Dir zu Recht vorgeschlagene Methode im marktwirtschaftlichen Rahmen bewegt, sollten wir in der Verwendung von Begriffen vorsichtig sein. Dies schließt auch den Begriff „Ressourcen“ ein. Er gaukelt uns vor, als hätten die heute lebenden Menschen „dasselbe Anrecht“ (vgl. S. 11), die noch verfügbaren „Ressourcen“ zu „verbrauchen“. Aber allein dieses „Verbrauchen“ der letzten „Ressourcen“ der Erdöl- und der Kohlevorkommen  könnte zwingend die Klimakatastrophe auslösen! Die Marktwirtschaft stempelt uns zu „Verbrauchern“ unserer Natur, unserer natürlichen „Ressourcen“. Aber wir Menschen sind doch „nur“ Träger von Bedürfnissen. Die Menschen der Erde könnten wohl dann überleben, wenn wir uns in der heutigen existenziell kritischen Zeit auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse konzentrieren und die historisch überholte Denkweise fortwährenden Wirtschaftwachstums als das kennzeichnen, was sie in der Tat ist: Existenz bedrohend für die Erdenmenschheit! Je mehr die Wirtschaft „wächst“, umso weniger wächst Natur! Allein dass sich die Wirtschaftswissenschaft Begriffe aus der Natur, wie Wachstum und Klima,  angeeignet hat, kennzeichnet das Perverse dieser „Privatökonomie“ – wie sie Friedrich Engels kennzeichnete!

 

Abschließend verweise ich auf eine große Gefahr, die von der vorgeschlagenen Methode ausgeht. Sie besteht leider darin, dass die Verhinderung des Klimawandels aus der Sicht der in die Methode einbezogenen Menschen auf die Reduzierung des CO2-Ausstoßes eingeengt werden könnte!

 

Ich wünsche Dir weitere kreative Einsichten und verbleibe mit solidarischen Grüßen

 

Werner Grundmann                               Berlin, den 29.04.2009, 01:05 Uhr

 

 

zurück zum Anfang