Werner Grundmann                                  Bearbeitungsstand: 16. April 2007

 

Erkenntnisweg

 

Im Nachhinein sehe meine berufliche Entwicklung vor allem als fortwährendes Streben, um auf verschiedenen Gebieten der Grundlagenforschung zu Erkenntnisfortschritten beizutragen – auch unabhängig davon, ob es immer möglich war, neue Erkenntnisse zu veröffentlichen. Da Erkenntnisfortschritte aufeinander aufbauen, können bestimmte Zwischenerkenntnisse zwar individuell notwendig, aber für ein erlangtes Endergebnis, das nicht vorausgedacht werden kann, nachgeordnet sein. Nachfolgend geht es mir vor allem um Endergebnisse.

 

In der ersten Phase meiner beruflichen Tätigkeit war ich ab Ende 1960 an der statistischen Auswertung der Säuglings- und Müttersterblichkeit in der DDR beteiligt. Weil mich das Arbeitsgebiet nicht ausreichend zufrieden stellte, nahm ich im Januar 1963 ein Angebot zum Wechsel an die Deutsche Bauakademie zu Berlin an. Von 1965 bis 1986 arbeitete ich überwiegend im Rechenzentrum der Bauakademie und seinen angegliederten Abteilungen als Themengruppenleiter. Mich interessierten von Anfang an weniger die Rechentechnik und Programmierung selbst, sondern vielmehr inhaltliche Fragen der Anwendung der EDV, vor allem die Schaffung und Nutzung mathematischer Modelle sowie Fragen der Anwendung der Operationsforschung. In dieser Phase meiner Tätigkeit beteiligte ich mich in den Jahren 1966 bis 1969 als Mitautor an der Herausgabe der Bücher „Mathematische Methoden zur Standortoptimierung“, Verlag Die Wirtschaft, und „Operationsforschung in der sozialistischen Wirtschaft“, Dietz Verlag. Letzteres galt bis zur Ablösung von Walter Ulbricht in der DDR als „Standardwerk der Operationsforschung“. Nach meiner Delegierung zum Wohnungsbaukombinat Rostock war ich als „Praktiker“ der Anwendung der EDV angesprochen worden, an diesem Buch mitzuwirken.

 

Wie mir später klar wurde, scheiterte die Operationsforschung in der DDR nicht nur am Politikwechsel, sondern auch an der unzureichenden wissenschaftlichen Fundierung der Nutzung der Mathematik in der Ökonomie. Die so genannten Standardmodelle der Operationsforschung hatten eine viel zu einfache Struktur, um komplexe ökonomische Problemstellungen beschreiben zu können. Mit der Problematik der Standardmodelle setzte ich mich über viele Jahre neben meiner unmittelbaren beruflichen Arbeit auseinander, insbesondere mit der fragwürdigen Übertragung ökonomisch-mathematischer Modelle aus dem westlichen Ausland auf sozialistische Bedingungen. Erst im Jahre 1992 konnte ich die gewonnenen Erkenntnisse an der Technischen Universität Berlin in den „Diskussionsbeiträgen IS/TUB“ (Nr. 18) als Schrift „Zur notwendigen Negation wissenschaftlicher Disziplinen zwischen der Mathematik und den sie nutzenden Einzelwissenschaften“ veröffentlichen. In ihr schlug ich die notwendige Abgrenzung zwischen abstrakt-mathematischen Formen als Gegenstand der Mathematik und inhaltlich-mathematischen Formen (mathematischen Modellen) als Gegenstand von Einzelwissenschaften vor. Wenn meine Ergebnisse bestätigt werden können, hätten Operations Research, Ökonometrie, mathematische Physik usw. keine objektive Berechtigung als eigenständige wissenschaftliche Disziplinen.

 

In der ersten Hälfte der siebziger Jahre entstand in Gemeinschaftsarbeit zwischen Fachspezialisten des Instituts für Städtebau und Architektur (ISA), EDV-Spezialisten und unter meiner Mitwirkung im Verlaufe von dreijähriger intensiver Zusammenarbeit ein erstes anwendungsorientiertes komplexes mathematisches Modell zur Optimierung der baulichen Entwicklung eines Siedlungssystems. Wir nannten es OMBESA und wandten es unter Einsatz eines Großrechners insgesamt drei Mal an, und zwar auf die Siedlungssysteme der Städte Karl-Marx-Stadt, Zwickau und Freiberg mit ihren Einzugsbereichen. Die Berechnungen brachten mit hohen Anteilen notwendiger Erhaltungs- und Modernisierungsmaßnahmen für die Wohnbausubstanz Ergebnisse, die wesentlich von jenen Festlegungen abwichen, die im Rahmen des Wohnungsbauprogramms der DDR für den Bezirk Karl-Marx-Stadt vorgesehen waren. Dem damaligen Bezirksarchitekten, Dr. Peter Andrä, der unsere Arbeiten unterstützt und gefördert hatte, wurde es deshalb verboten, die Optimierungsergebnisse zu veröffentlichen. Unsere Arbeiten zur Qualifizierung, Verbreitung und Anwendung des OMBESA mussten wir 1976 einstellen. Ein wesentliches Ergebnis der Arbeiten am und unter Einsatz des ökonomisch-mathematischen Modells OMBESA war jedoch die Erkenntnis, dass sowohl die mathematische Modellierung selbst als auch die Anwendung von mathematischen Modellen als Mittel zur Erkenntnisgewinnung dienen können, und zwar auch für die ökonomische Grundlagenforschung. Erst im Jahre 1993 konnte ich die verallgemeinernden Ergebnisse unserer Arbeiten aus der ersten Hälfte der siebziger Jahre in der 100-seitigen Schrift „Komplexe mathematische Modelle in der städtebaulichen Planung. Erfahrungen und Erkenntnisse“ in Nr. 20 der „Diskussionsbeiträge IS/TUB“ an der Technischen Universität Berlin veröffentlichen.

 

Die in Verbindung mit der Schaffung und Anwendung des OMBESA erzielten Ergebnisse hatten mein Interesse für die ökonomische Grundlagenforschung geweckt, insbesondere für die Ökonomie der so genannten Nichtproduktionssphäre. Ich kam zur Erkenntnis, dass es notwendig sei, die Volkswirtschaftsplanung in die Planung der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung einzuordnen und als entscheidendes Kriterium zur Messung der Leistungen der Gesellschaft, das erzielte Nationaleinkommen (das Bruttosozialprodukt) durch den Zuwachs an (reproduzierbarem) Nationalreichtum zu ersetzen. Dies hätte ermöglicht, neben den während eines Planungszeitraumes geschaffenen Werten auch den Verlust an Werten, etwa durch physischen und moralischen Verschleiß, in einem Zusammenhang zu betrachten. Zugleich kam ich zur Überzeugung, dass es notwendig sei, eine ökonomische Theorie der Reproduktion zu schaffen. Die neuen Erkenntnisse begründete ich in einem Dissertationsentwurf über die „Ableitung eines Kriteriums zur einheitlichen ökonomischen Bewertung baulicher Veränderungen in der Deckung des Wohnbedarfs“, den ich der Fakultät Bauökonomie der Bauakademie im Juli 1980 einreichte. Doch die Promotion wurde durch Professoren der Hochschule für Ökonomie abgeblockt, vermutlich weil die vorgelegten Ergebnisse sowohl eine indirekte Kritik am Planungssystem und als auch am Wohnungsbauprogramm der DDR darstellten, sich aber auch gegen Fehler in der verbreiteten Theorie der politischen Ökonomie des Sozialismus richteten.

 

In den Festlegungen zur Nichtannahme des Dissertationsentwurfs verwehrte mir die Fakultät Bauökonomie der Bauakademie, die Schrift an irgendeiner Einrichtung des Bauwesens der DDR einzureichen, etwa an einer der Bauhochschulen. Zudem wurde ich aus meinen laufenden inhaltlichen Arbeiten herausgedrängt und bis 1985 mit der Einsatzplanung, Beschaffung und Programmierung der ersten Bürocomputer für die Bauakademie beauftragt. Deshalb versuchte ich, meine Arbeiten zur ökonomischen Grundlagenforschung und zur Grundlegung der Nutzung der Mathematik in der Ökonomie außerhalb meiner Dienstzeit fortzusetzen und die Ergebnisse über Vorträge zu verbreiten. Zugleich bemühte ich mich um Unterstützung für den Dissertationsentwurf außerhalb der Bauakademie, insbesondere im Zentralinstitut für Wirtschaftwissenschaften der Akademie der Wissenschaften (AdW) der DDR. Darüber hinaus nahm ich an wissenschaftlichen Veranstaltungen des Zentralinstitutes für Philosophie der AdW und an mehreren internationalen Kolloquien zur Anwendung der Mathematik in der Ökonomie teil. Doch überall spürte ich eine bestimmte Zurückhaltung und konservative Grundhaltung, so dass es mir weitgehend verwehrt wurde, meine Ergebnisse vorzutragen oder zu veröffentlichen. Als ich 1986 einen Vortrag am Zentralinstitut für Philosophie der AdW halten durfte, wurde nur ein ausgewählter Personenkreis zugelassen. Der verantwortliche Leiter erschien selbst nicht.

 

Im Herbst 1986 nutzte ich dann die Möglichkeit, um mit Unterstützung von Dr. Peter Andrä, der eine leitende Funktion im Institut für Städtebau und Architektur übernommen hatte, innerhalb der Bauakademie zum ISA überzuwechseln. Das ermöglichte es mir, mich bis zur Wende 1989/1990 zumindest anteilmäßig mit ökonomischer Forschung, insbesondere mit der so genannten  Städtebauökonomie zu befassen. Aber auch danach konnte ich meine inhaltlichen Forschungsarbeiten fortsetzen. Die größte Unterstützung fand ich bei Professor Dr. Rainer Mackensen vom Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin. Er gehörte zu jenen Professoren, die mit dem Evaluieren des ISA beauftragt worden waren. Von ihm wurde ich bereits im Mai 1991 zur Teilnahme an sein Oberseminar eingeladen. Die Seminarteilnahme, eigene Vorträge sowie die offizielle Unterstützung meiner Forschungsarbeiten durch Professor Mackensen sicherten meine Aufnahme in das Wissenschaftler-Integrationsprogramm (WIP) und ab 1. Januar 1994 für drei Jahre meine Arbeitsmöglichkeit als Einzelwissenschaftler an der Technischen Universität Berlin.

 

Im Nachhinein betrachte ich die Jahre unter der Obhut von Professor Mackensen als außerordentlich kreative Zeit. Bis zur Einstellung des Oberseminars im Jahre 1999 hatte ich die Möglichkeit, weitgehend nach eigenen Vorstellungen zu arbeiten. Meine Ergebnisse stellte ich halbjährlich in insgesamt 13 Vorträgen im Seminar vor. Einen Teil der Ergebnisse konnte ich – wie bereits dargelegt – veröffentlichen. Mit einem weiteren Beitrag, und zwar „Zur ökonomischen Entwicklung von Bürgerstädten“, beteiligte ich mich am Ende meiner offiziellen beruflichen Tätigkeit an der Herausgabe des Buches von Rainer Mackensen „Handlung und Umwelt. Beiträge zur soziologischen Lokaltheorie“, das im Jahre 2000 im Verlag Leske + Budrich in Opladen erschien. In meinem Beitrag versuchte ich nachzuweisen, dass in den Bürgerstädten des Mittelalters Gemeinschaftsökonomie zur rationellen Befriedigung gemeinsamer Bedürfnisse auf der Basis von Privatökonomie real existierte und über Jahrhunderte dominierte.

 

Auf Basis der zu DDR-Zeiten erzielten Ergebnisse kam ich im Verlaufe der neunziger Jahre zu neuen möglicherweise weit reichenden Erkenntnissen, die die gesellschaftliche Entwicklung in ihrer Gesamtheit betrafen und die ich wegen ihrer Brisanz auch nach der Wende bisher nur teilweise veröffentlichen konnte. Die entscheidende Grundlage für die Fortschritte war wohl, dass ich ab 1993 begann, zwischen Wirtschaftlichkeit im Sinne von (gewinnorientierter) Privatökonomie und Ökonomie im eigentlichen Sinne, d. h. im Sinne von rationeller Bedürfnisbefriedigung, zu unterscheiden. Der künftige Gegenstand der Ökonomie als Wissenschaft sollte die rationelle individuelle Bedürfnisbefriedigung unter gemeinschaftlichen Bedingungen sein und Naturökonomie einschließen! Stellt man die Ökonomie im eigentlichen Sinne der Privatökonomie gegenüber, empfiehlt sich der Begriff Gemeinschaftsökonomie.

 

Den Begriff Privatökonomie fand ich beim jungen Friedrich Engels. Eine Definition des Begriffes Ökonomie im Sinne von Gemeinschaftsökonomie gibt es meines Wissens weder bei Marx noch bei Engels und erst recht nicht bei Lenin. Doch eine entsprechende Definition ist wohl die grundlegende Voraussetzung, um zur Funktionsweise einer nachkapitalistischen ökologisch (und sozial) orientierten Ordnung zu finden.

 

Die „Entdeckung“ der Ökonomie als Gemeinschaftsökonomie, die neben der Privatökonomie seit Jahrtausenden existiert und mit ihr verwoben ist, hatte für meine weiteren Erkenntnisfortschritte große Konsequenzen. Auf ihrer Grundlage war es möglich, die Entwicklung des derzeitig vorherrschenden kapitalistischen Gesellschaftssystems historisch neu einzuordnen, die Ergebnisse von Marx und Engels in einen erweiterten Zusammenhang zu stellen, die Leninsche Lehre als Verabsolutierung der Marxschen Lehre einer grundsätzlichen Kritik zu unterziehen und das Scheitern des Sozialismus wissenschaftlich zu erklären.

 

Zusammengefasst ergaben sich bis 1999 über alle dreizehn Vorträge und danach folgende wichtige Erkenntnisse.

 

1.       Nach der Lehre des Marxismus-Leninismus wurden die Sklavenhaltergesellschaft, der Feudalismus und der Kapitalismus, die entscheidend auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln basieren, als Ausbeutergesellschaften begriffen. Es war deshalb nahe liegend, über die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln und damit der Beseitigung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zur Lösung der sozialen Frage und zum Aufbau des Sozialismus als sozial gerechte Gesellschaftsordnung zu finden. Doch obgleich die Ausbeutung das entscheidende Mittel für die Entwicklung der drei ökonomischen Gesellschaftsformationen war, spielten stets auch andere Mittel privater (und nationaler) Bereicherung, wie Kriege, Raub, Vertreibung, Unterdrückung, Versklavung, Erpressung und Kolonisation sowie die Ausplünderung natürlicher Reichtümer, eine große Rolle. Im umfassenden Sinne waren die Sklavenhaltergesellschaft, der Feudalismus und der Kapitalismus mehr als „nur“ Ausbeutergesellschaften. Sie waren stets Bereicherungs- und Verarmungsgesellschaften! Reichtumsanhäufung durch private Aneignung von fremdem Eigentum und Besitz schuf vielfach erst die ausreichende Basis, um unter Einsatz neuer Produktionsmittel Ausbeutung in größerem Stile praktizieren zu können. Zahlreiche Beispiele dafür finden  sich im Hauptwerk von Karl Marx, dem „Kapital“. Was Marx als „so genannte ursprüngliche Akkumulation“ bezeichnete, ist im wesentlichen Bereicherung nichtökonomischer Natur und nur bedingt an Arbeit gebunden, obgleich sie wirtschaftlichen Zielen dienen konnte. Nichtökonomische Bereicherung ließ sich zwar historisch und aktuell relativ leicht nachweisen; doch sie musste beim wissenschaftlichen Nachweis der Entstehung des Mehrwerts durch Ausbeutung aus den Betrachtungen selbstverständlich ausgeschlossen bleiben.

 

2.       Die Anhäufung privaten Reichtums erfolgte nicht nur auf Kosten der Menschen der Vorwelt und Mitwelt; sie geschah und geschieht heute auch auf Kosten aller Menschen und zu Lasten allen Lebens unserer Nachwelt, indem unsere Lebenswelt, die so genannte Umwelt, zum Zwecke privater Bereicherung immer mehr ausgeplündert, vergiftet, belastet und zerstört wird. Daraus folgt, dass sich nichtökonomische Bereicherung vielfältiger Ausprägung unter globalisierten gesellschaftlichen Bedingungen immer stärker zur existenziellen Gefahr für die gesamte Menschheit entwickelt. Es gibt nicht nur eine massenhafte Verarmung von Menschen durch Ausbeutung und Arbeitslosigkeit; zugleich verarmen auch unsere natürlichen Lebensgrundlagen. Und es setzen sich offensichtlich immer mehr jene Bereicherungsformen durch, die – über das Wirtschaftsgeschehen hinaus – bei verhältnismäßig geringem Einsatz den größten Reichtumszuwachs versprechen, d. h., das Wirtschaftlichkeitsprinzip wird immer stärker von Bereicherungsprinzipien jedweder Form dominiert!

 

3.       Doch auch das Wirtschaftlichkeitsprinzip und das Wirtschafts„wachstum“ bedingen immer mehr Natur- und Energieverbrauch und führen zur Naturzerstörung. Sie bewirken, dass immer weniger Natur wirklich wachsen kann! Fortschreitende private (und nationale) Bereicherung sowie massenhafte Verarmung, d. h., die weltweite Nichtlösung der sozialen Frage, führen zur Bevölkerungszunahme, zu mehr Aneignung von Natur und zu vergrößerter Massentierhaltung. Beides, das „Wachstum“ der Wirtschaft und die Bevölkerungszunahme, zerstören das ökologische Gleichgewicht zwischen dem menschlichen sowie dem tierischen Leben auf der einen und dem pflanzlichen Leben auf der anderen Seite. Damit kommt es zu einer schleichenden Erderwärmung und letztlich zur Klimakatastrophe, die in nichts Anderem gipfelt als in einem Weltbrand und der Vernichtung der gesamten Menschheit. Dem können wir nur entgehen, wenn wir außerhalb aller marktwirtschaftlichen Überlegungen nicht nur den Ausstoß an Treibhausgasen verringern, sondern – nach der weltweiten Bündelung aller benötigten Kräfte – den Anteil bereits angereicherter atmosphärischer Treibhausgase gezielt verringern.

 

4.       Was unter den derzeit herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen als Aufwärtsentwicklung erscheint, ist also in Wirklichkeit eine gesellschaftliche Abwärtsentwicklung, eine Negativentwicklung, die mit Sicherheit in die Katastrophe führt, wenn ihre privatökonomischen Ursachen nicht erkannt werden und wenn das vorherrschende Gesellschaftssystem nicht rechtzeitig durch ein primär ökologisch orientiertes Gemeinschaftssystem auf der Basis von Gemeinschaftsökonomie ersetzt wird, d. h., wir gehen mit dem Kapitalismus unter oder wir lösen ihn weltweit rechtzeitig ab! Die Ablösung des Kapitalismus müsste einschließen, jenen privaten Reichtum, d. h. jenes Privateigentum sowie jenen privaten und nationalen Besitz an Natur, der der privaten (und nationalen) Bereicherung dient oder dienen könnte, durch Gemeineigentum und (eingeschränkten) Gemeinbesitz an Natur zu ersetzen.

 

5.       Das Erkennen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung im erweiterten Sinne als eine Bereicherungs- und Verarmungsgesellschaft, die die Existenz der Menschheit in naher Zukunft gefährdet, wird zur Akzeptanz führen, dass in einer nachkapitalistischen Ordnung die Lösung der ökologischen vor der Lösung der sozialen Frage dominieren muss. Die Lösung der sozialen Frage darf weltweit nur in dem Maße vorangetrieben werden, wie es gelingt, das Überleben der Menschheit zu sichern. Damit verliert die Grundidee des Sozialismus, die die Lösung der sozialen Frage als primär betrachtet, an objektiver Berechtigung. Auch unter den veränderten Eigentumsverhältnissen fanden die Sozialisten zu keiner dem neuen Gesellschaftssystem adäquaten Ökonomie und akzeptierten wirtschaftliches Handeln – trotz Verschärfung der ökologischen Krise.

 

6.       Wenn die weltweite Ablösung des Kapitalismus als Gesellschaftssystem zur Weiterexistenz der Menschheit notwendig wird, dann muss die Sicherung des Überlebens der Menschheit auch in einer nachkapitalistischen Ordnung dominieren, insbesondere durch weltweit organisierte und abgestimmte Aktivitäten zur Beseitigung von Belastungen unseres geschundenen Ökosystems, durch Wiederaufforstung, durch die weitgehende Aufgabe des Besitzanspruchs über die Natur, durch gezielte Maßnahmen zum Abbau der Übervölkerung, durch den Übergang von einer Gesellschaftsordnung zu einer hierarchisch gegliederten Gemeinschaftsordnung sowie durch die Überwindung der Privatökonomie und ihre Ablösung durch Gemeinschaftsökonomie. Wesentliche Schritte zur weltweiten Lösung der sozialen Frage werden nur möglich sein, soweit dies die Sicherung des Überlebens der Menschheit im Rahmen einer Übergangsordnung zulässt.

 

7.       Der Gedanke der notwendigen Ablösung des Kapitalismus in einem Übergangsprozess führt zu einem besseren Verstehen für die letztlich anzustrebende Gemeinschaftsordnung, die der junge Karl Marx in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ (MEW, Ergänzungsband, Erster Teil) bereits als kommunistisch bezeichnete. In seinen weit reichenden Ausführungen zur „Naturfrage“ kam er 1844 zur Überzeugung, dass der „Kommunismus ... die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen ... und ... aufgelöstes Rätsel der Geschichte“ sei (vgl. ebd., S. 536), d. h., Marx verstand bereits als junger Wissenschaftler den Kommunismus als Ergebnis aus der einheitlichen Lösung der Natur- und der sozialen Frage. Aus seiner frühen Erkenntnis wird verständlich, warum sich Marx für eine weltweite Ablösung des kapitalistischen Systems aussprach und allein schon aus der zu erwarteten Verschärfung der Naturfrage keinen (wirtschaftlichen) Wettbewerb des neuen gegen das alte System unterstützt hätte.

 

8.       Wir sind heute alle im System der Privatökonomie der kapitalistischen Bereicherungs- und Verarmungsgesellschaft gefangen – auch die Menschen in den so genannten „reichen Ländern“: die Reichen und Wohlhabenden infolge der Konkurrenz, die minder Bemittelten und die Armen infolge von Ausbeutung und Arbeitslosigkeit. Wer sich von den Reichen und Wohlhabenden nicht weiter bereichert, wer mit seinem Unternehmen nicht weiter „wächst“, wer mit Massen- und Billigangeboten auf dem Markt keinen Erfolg hat, dem droht die Insolvenz und Verarmung. Wer jedoch von den minder Bemittelten und Armen die Billigangebote ausschlägt, gerät letztlich in Existenzgefahr, weil er steigende Miet- und Energiekosten, Steuern und Kinderbetreuung sowie die medizinische Versorgung nicht mehr bezahlen kann. Doch alle Menschen der „reichen Länder“ leben bewusst oder unbewusst auf Kosten der Nachwelt und der Dritten Welt. Dies äußert sich in der finanziellen Verschuldung der Staaten sowie in Belastungen und Zerstörungen unserer Lebenswelt. Was als „soziale Marktwirtschaft“ in den „reichen Ländern“ erscheint, erwächst aus dem Unsozialen gegenüber der Dritten Welt und aus dem Unökologischen. Keiner kann aus dem System ausbrechen, das sich wie ein Krebsgeschwür mittels „Freihandelszonen“ global ausdehnt und besonders die „Entwicklungsländer“ extrem verschuldet. Deshalb kann das System nur in seiner Gesamtheit überwunden werden.

 

9.       Der Einzelne lernt, wenn er selbst betroffen ist, sowohl aus dem Negativen als auch aus dem Positiven. Er neigt, sich an Streiks gegen das Unsoziale oder gar an politischen Auseinandersetzungen zu beteiligen, wenn er selbst unter den gesellschaftlichen Verhältnissen leidet; doch er verteidigt unter den Bedingungen der „sozialen Marktwirtschaft“ sein Lebensniveau, ohne zu fragen, auf wessen Kosten er sich bereichert. Er wird sich allerdings zusammen mit vielen anderen an Massenprotesten beteiligen, wenn er spürt, dass sich die „Überflussgesellschaft“ durch fortwährendes „Wachstum“ und Naturzerstörung selbst ihr Grab schaufelt. Er wird durch viele Naturkatastrophen spüren, dass letztlich alles auf eine Klimakatastrophe hinausläuft. Dann weiß er, dass er zusammen mit dem kapitalistischen System am privaten und nationalen Bereicherungsstreben sowie an der Verarmung der Dritten Welt und seiner eigenen Lebenswelt zugrunde geht. Es sei denn, er kennt mit vielen anderen rechtzeitig eine Lösung, wie die kapitalistische durch eine primär ökologisch orientierte Ordnung abgelöst werden kann.

 

10.  Die Ablösung des vorherrschenden Gesellschaftssystems kann dann angestrebt werden, wenn möglichst viele Menschen begreifen, dass es die gewinnorientierte Privatökonomie war, die das System geschaffen hat, dass das Weiterwirken der Privatökonomie zur Zerstörung der irdischen Existenzgrundlagen führt und dass nur das Verdrängen sowie Ersetzen der Privatökonomie durch Gemeinschaftsökonomie das Überleben der Menschheit sichern kann. Deshalb gilt es zuerst, der dominanten Privatökonomie, die die gesellschaftliche Negativentwicklung tendenziell bestimmt, die Gemeinschaftsökonomie als konträr positiv gegenüberzustellen. Das Wissen zur Existenz und zu den Möglichkeiten der Gemeinschaftsökonomie wird es erlauben, im Rahmen der bestehenden Ordnung eine Parallelentwicklung zu initiieren, die Gemeineigentum schafft und weiterentwickelt, die Gemeineigentum und Gemeinbesitz im Sinne der rationelleren Bedürfnisbefriedigung unter Anwendung der Gemeinschaftsökonomie nutzt und zugleich Gemeinbesitz auf die naturgemäß zulässige Ausdehnung beschränkt.

 

11.            Erste praktische Schritte könnten darin bestehen, den von der Privatökonomie ausgesonderten, vorgeblich überflüssigen Menschen eine Perspektive zu geben und relativ eigenständige Zellen der Gemeinschaftsökonomie auf der Basis voller Demokratie zu gründen. Sie sollten nicht mehr verwertbare Gebäude, Flächen, Maschinen, Geräte usw. im Sinne der rationellen Bedürfnisbefriedigung wieder einer Nutzung zuführen. Ein Teil jener Zellen, der still gelegte Nutzflächen übernommen haben, sollten eine weitgehende Selbstversorgung absichern. Die Vorgehensweise müsste sich gegen die Wegwerfideologie der heutigen Gesellschaft richten und es zugleich ermöglichen, die staatlichen Sozialleistungen gegenüber den bisher Arbeitslosen zu reduzieren. Die Zellen sollten der Gesellschaft Angebote unterbreiten, um staatlich finanzierte „Umweltprojekte“ zu bearbeiten.

 

12.            Zwischen den Zellen wäre der Austausch von Gebrauchswerten und Leistungen zu organisieren, der es in der Folge ermöglicht, Organe der Gemeinschaftsökonomie zu schaffen sowie später – im Verlaufe von Jahrzehnten – lokale, regionale, auf einzelne Kulturen begrenzte sowie weltweite Strukturen. Für den äquivalenten Austausch der Gebrauchswerte und Leistungen könnte die zeitweilige Einführung von eigenen Währungen erforderlich werden.

 

13.            Die Strukturen der Gemeinschaftsökonomie werden die demokratische Basis der Linken stärken und es über die Organe der bürgerlichen Demokratie sowie über die zu schaffenden Organe voller Demokratie ermöglichen, die Übergangsbewegungen und die Schaffung von Übergangsformen zu unterstützen, um ökologische Projekte zur Sicherung des Überlebens der Menschheit zu realisieren, um auf allen Ebenen den Einflussbereich der Privatökonomie sukzessive einzuschränken und letztlich die Privatökonomie mit den Mitteln der vollen Demokratie außer Kraft zu setzen.

 

 

Es bleibt zu beantworten, warum der Sozialismus in seiner realen Ausprägung objektiv scheitern musste. Das Scheitern lag schon in der Oktoberrevolution selbst begründet. Wohl war es an der Zeit, um in Russland für soziale Verbesserungen zu kämpfen; doch der Versuch, in diesem Land ein ausbeutungsfreies Gesellschaftssystem aufzubauen, war in jeder Hinsicht verfrüht und wissenschaftlich völlig unzureichend fundiert. Lenin unterlag mit seiner These vom „sterbenden“ Kapitalismus nicht nur der Fehleinschätzung zu den Möglichkeiten kapitalistischer Entwicklung; er hatte vor Beginn der Oktoberrevolution auch keine ausreichenden Vorstellungen zur Funktionsweise des neuen Gesellschaftssystems, so dass es von vornherein fragwürdig war, ob sich die gegebene Situation objektiv für eine Revolution eignete und ob der Weg, über Revolutionen eine neue Ordnung zur errichten, der richtige war. Lenin konnte sich nach der Machtübernahme in seinen theoretischen Vorstellungen nur noch der aktuellen Situation anpassen, was zum fragwürdigen Wettbewerbsgedanken der beiden Gesellschaftssysteme führte. Er stellte das falsche Ziel, über das Erreichen einer höheren Arbeitsproduktivität den Kapitalismus in Konkurrenz zu überwinden. Die Orientierung auf die Menge des Produzierten trug später zur Verschärfung der ökologischen Krise unter sozialistischen Bedingungen bei. An Lenins illusionären Zielstellungen scheiterten mehrere Generationen von Sozialisten! Sie führten zum fragwürdigen Versuch, den Kapitalismus mit dessen eigenen über Jahrhunderte „bewährten“ Mitteln zu überwinden!

 

Zu seiner fehlerhaften Politik gelangte Lenin durch eine verabsolutierende Fehleinschätzung der Lehren von Karl Marx. Er unterstellte, Marx habe den Kapitalismus als ökonomische Gesellschaftsformation erschöpfend analysiert. Marx habe zudem eine in sich geschlossene wahre und deshalb allmächtige Lehre geschaffen und eine wissenschaftlich begründete Weltanschauung hinterlassen. Keine seiner Unterstellungen erweist sich bei näherer Untersuchung als haltbar! Um die vorgebliche Ganzheitlichkeit und das Besondere der Marxschen Lehre hervorzuheben, übernahm Lenin den (von Marx abgelehnten) Begriff des Marxismus und initiierte damit – sicherlich ungewollt – eine Entwicklung, die als Leninismus, Stalinismus und Maoismus im Personenkult gipfelte und in mehreren Diktaturen endete.  

 

Lenin hat die Linke in eine Sackgasse geführt! Er erkannte weder den umfassenden Charakter der kapitalistischen Gesellschaft als Bereicherungsgesellschaft, noch wurde ihm klar, dass sich Marx in seinen ökonomischen Forschungen bewusst auf die entscheidende Form der privaten Bereicherung, auf die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, konzentriert hatte. Lenin fand nicht zur Erkenntnis, dass Bereicherung auf Kosten der Natur möglich und immanenter Bestandteil aller Bereicherungsgesellschaften ist, dass folglich der Aufbau einer weltweiten nachkapitalistischen Ordnung die einheitliche Lösung der ökologischen und der sozialen Frage einschließen muss. Damit konnte Lenin nicht erkennen, wie die Frage der Überlegenheit der nachkapitalistischen gegenüber der kapitalistischen Ordnung zu beantworten ist. Um von einer ökonomischen Überlegenheit sprechen zu können, bedarf es der ökonomischen Vergleichbarkeit. Doch diese ist zwischen Privatökonomie und Gemeinschaftsökonomie nicht gegeben! Die Privatökonomie misst anders und zudem in gegensätzlicher Richtung. Sie ist auf die Warenproduktion und auf Wirtschaftswachstum ausgerichtet. Die Leistungen der Privatökonomie  übertreffen zu wollen, hieße anzustreben, das kapitalistische System im weltweiten „Wettbewerb“ um die (ungewollte) Selbstvernichtung der Menschheit rechts zu überholen! Sicherlich schließt die neue Ordnung die rationellere Befriedigung aller Grundbedürfnisse aller Menschen ein; doch auch diese steht unter dem Primat der Lösung der Existenzfrage der Menschheit. Von Überlegenheit in irgendeiner Form sprechen zu wollen, schließt sich schon deshalb aus, weil das Überlebensbedürfnis der Menschheit absolut primär ist und weil es zur Errichtung einer weltweiten Gemeinschaftsordnung offenbar keine Alternative gibt.

 

 

In den vergangenen Jahren befasste ich mich auch intensiv mit der Beantwortung grundsätzlicher weltanschaulicher Fragen. Dazu angeregt wurde ich durch Veröffentlichungen der linken Autoren Paul Schulz und Maarten Dillinger. Bisher vorliegende Ergebnisse, die an anderer Stelle publiziert werden, verweisen darauf, dass die einheitliche Lösung der ökologischen und der sozialen Frage um die Lösung der religiösen Frage erweitert werden muss, wobei in dieser Einheit der Lösung der religiösen Frage vermutlich das Primat zukommt! Die Menschheit könnte vor einer neuen Aufklärung stehen! Im Rahmen dieser Betrachtungen ist es bemerkenswert, dass das Wissen der altgriechischen Philosophen zur Existenz zweier Ökonomien nicht eigenständig entstanden sein dürfte. Die gesellschaftliche Entwicklungslehre von Karl Marx könnte sich in absehbarer Zeit in einen weitaus größeren Zusammenhang einordnen lassen!