E-Mail vom 11.06.2008, 14:17 Uhr, an info@jusos-berlin      Veröffentlichung: 11.06.2008

 

 

 

Von                                                                                         Berlin, den 11. Juni 2008

Werner Grundmann

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an die Bundesvorsitzende der Jusos

Genossin Franziska Drohsel

 

 

Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung

 

Liebe Genossin Drohsel,

           seit Ihrer Wahl zur Bundesvorsitzenden der Jusos im November 2007 habe ich Ihr Auftreten und Verhalten sehr zustimmend aufgenommen, insbesondere Ihre Aufgeschlossenheit für Neues sowie Ihr Bekenntnis zur Zusammenarbeit mit den LINKEN. Mit meinem Schreiben möchte ich Sie anregen, diesen Ihren Weg als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität und Ihre politische Arbeit als Bundesvorsitzende der Jusos konstruktiv fortzusetzen. Bitte prüfen Sie, ob Sie ausgehend von meinen eigenen Forschungsergebnissen zu einer breiteren theoretischen Basis finden können.

 

Ich bin Wirtschaftsmathematiker, studierte bis 1960 an der Karl-Marx-Universität Leipzig und war von 1963 bis 1990 als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Themenverantwortlicher in verschiedenen Einrichtungen der Bauakademie der DDR tätig, u. a. im Rechenzentrum und am Institut für Städtebau und Architektur. Bis zur Wende war ich langjähriges Parteimitglied der SED. Nach der Wende hatte ich einige Jahre die Möglichkeit, im Rahmen des Wissenschaftler-Integrationsprogramms an der Technischen Universität Berlin zu arbeiten und meine Forschungsergebnisse aus DDR-Zeiten zu verwerten und zu qualifizieren, insbesondere aus der Schaffung und Nutzung komplexer ökonomisch-mathematischer Modelle in der städtebaulichen Planung sowie zur ökonomischen Grundlagenforschung. Vor allem aber war ich auch auf der Suche nach den Ursachen des Scheiterns des „real existierenden“ Sozialismus. Nachdem ich 1996 in einem Vortrag an der Technischen Universität Berlin hinreichend begründen konnte, dass die ökologische Krise unter marktwirtschaftlichen Bedingungen nicht bewältigt werden kann, kam zur Überzeugung, dass es notwendig ist, eine ökologisch orientierte Ökonomie zu schaffen. Nach meiner Berentung im Jahre 2000 konnte ich auf den Arbeiten aus den neunziger Jahren aufbauen. Ich fand erste Vorschläge der ökonomischen Funktionsweise einer ökologisch orientierten nachkapitalistischen (und nachsozialistischen) Ordnung. Ein Gesamtergebnis liegt seit Oktober 2007 in Form der „Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung“ auf 70 Seiten vor, abrufbar von meiner oben genannten Homepage.

 

Mir ging es von Anfang an nicht nur um Kritik, sondern auch um einen möglichen Weg, die akute gesellschaftliche Krise überwinden zu helfen. Aber selbst mit meiner Kritik stieß ich bei den meisten linken Politikern, Wissenschaftlern und Verlegern auf große Vorbehalte. Der Hauptgrund für die Zurückhaltung oder gar Ablehnung war wohl, dass ich mich vom „wissenschaftlichen Sozialismus“ distanzieren musste! Ich kam zum Ergebnis, dass eine nachkapitalistische primär sozial oder sozialistisch orientierte Ordnung, die von vornherein die ökologische Problematik ausgrenzt, ihre wissenschaftliche Berechtigung dann verliert, wenn die Überwindung der ökologischen Krise zur Überlebensfrage für die Menschheit geworden ist, wenn die weltweite Lösung der sozialen Frage zurückgestellt oder verzögert werden muss, um das Überleben der Menschheit überhaupt zu sichern! Eine Gesellschaft, die diesen existenziellen Anforderungen zuallererst gerecht werden muss, kann nicht als „sozialistisch“ bezeichnet werden. Ich kam zu neuartigen Fragen und suchte über Jahre nach Antworten.

 

Eine erste wichtige Aussage fand ich beim jungen Karl Marx. Er verstand Kommunismus im Sinne der einheitlichen Lösung der Natur- und der sozialen Frage! Beim jungen Friedrich Engels stieß ich auf einen Begriff, der mich längere Zeit beschäftigte. Er bezeichnete die Ökonomie seiner Zeit durchweg als „Privatökonomie“, als Ökonomie zum privaten Nutzen! Wenn diese Begriffsverwendung im Wesentlichen heute noch zutrifft: Wie sollte dann „Ökonomie“ im Sinne einer nachkapitalistischen Ordnung definiert werden? Gibt es einen Gegensatz zur „Privatökonomie“? Wie war es zu erklären, dass Karl Marx den Begriff „Ökonomie“ nie definiert hat? Doch er verwies im „Kapital“, Bd. 1, auf der Seite 167 in einer längeren Fußnote auf Aristoteles, der von der Existenz zweier Ökonomien ausging! Aristoteles sprach von der „Chrematistik“, der „Kunst …, Geld zu machen“, und von der „Ökonomik“ als „Erwerbskunst“. D. h., Karl Marx war die notwendige Unterscheidung nach zwei Ökonomien bewusst! Ihm war wohl auch klar, dass unter nachkapitalistischen Bedingungen ein anderes, ein nicht auf Gewinne orientiertes ökonomisches Denken erforderlich ist. Doch sich damit zu befassen, war nicht Gegenstand der „Kritik der politischen Ökonomie“! Zudem war er viel zu gründlich, um beiläufig eine Definition zu wagen. Diese Zurückhaltung von Karl Marx hat wohl mit dazu geführt, dass unter sozialistischen Bedingungen das auf Gewinne ausgerichtete Wirtschaftlichkeitsdenken übernommen wurde. Am „ökonomischen“ Wettbewerb der Systeme ist der Sozialismus dann wegen unzureichender Wirtschaftlichkeit gescheitert, und dies trotz der geringen Rücksichtnahme auf Umweltbelastungen! Es stellte sich deshalb für mich die Frage, ob der Leninsche Weg, sich auf den Wettbewerb der Systeme einzulassen, überhaupt richtig war.

 

Als Schlüssel, um aus dem Dilemma des Scheiterns des Sozialismus zu finden, erwies sich die Definition von Ökonomie im gemeinschaftlichen und ökologischen Sinne! Wenn Ökonomie als rationelle Bedürfnisbefriedigung verstanden wird, wenn zudem Gemeinbesitz und Gemeineigentum weltweit als entscheidende Basis für die Menschheitsentwicklung anerkannt werden, dann kann Ökonomie – unabhängig von der Existenz von Wertformen –primär als Gemeinschaftsökonomie realisiert werden! Dann lässt sich der Begriff Ökonomie – unabhängig vom Menschen – sogar auf die belebte Natur übertragen! Gerade in der Natur gibt es – wenn auch unbewusst – in vielfältiger Form „rationelle Bedürfnisbefriedigung“! Es gilt folglich, das unbewusste natürliche ökonomische Verhalten in der belebten Natur mit dem bewussten ökonomischen Verhalten der Menschen in Übereinstimmung und gemeinschaftlich zur Wirkung zu bringen!

 

In der Nachwendezeit fand ich auch hinreichend Hinweise, dass beide Ökonomien, die Privatökonomie und die Gemeinschaftsökonomie, stets historisch nebeneinander existierten, obgleich dies von den ökonomischen Wissenschaften nicht wahrgenommen wurde! Es gab sogar eine historische Phase in der bürgerlichen Entwicklung, in der die Gemeinschaftsökonomie über die Privatökonomie dominierte! Dies war in den mittelalterlichen bürgerlichen Städten der Fall, als das Bürgertum zur Aufrechterhaltung seiner Existenz gegen die Angriffe des Feudaladels gezwungen war, die gemeinsam aufgebrachten Mittel zur Sicherung und Gestaltung ihrer Städte so rationell wie möglich einzusetzen. Die Bürgerstädte des Mittelalters waren in sehr hohem Maße rationelle Lebens- und Überlebenssysteme! Ich habe versucht, dies in einem längeren Beitrag, der in einen Sammelband aufgenommen wurde, nachzuweisen.

 

Die auf Marx und Engels aufbauende wissenschaftliche Konzeption für die Begründung einer nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung in Form der Berliner Thesen  ist vor allem für wissenschaftlich interessierte Leser gedacht. Die entscheidenden „Erkenntnisse“ aus den Berliner Thesen habe ich in der Datei BTErk.doc auf zehn Seiten zusammengefasst. Diese Datei füge ich meiner E-Mail bei. Aus ihr können Sie entnehmen, dass ich die Schaffung einer nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung als Prozess sehe, der dadurch initiiert werden könnte, dass von Menschen, die sich der „neuen“ Ökonomie verpflichtet fühlen, unter Nutzung der vollen Demokratie in ausgewählten gesellschaftlichen Bereichen „Zellen der Gemeinschaftsökonomie“ geschaffen werden. Die Gründung dieser „Zellen“ würde von den Kommunen und vom Staat offenbar dann unterstützt werden, wenn diese Zellen – ohne Konkurrent der vorherrschenden Wirtschaft zu sein – im Wesentlichen eigenständig existieren, wenn sie „überflüssige“ Menschen sinnvoll auffangen, wenn sie dem Leben dieser Menschen wieder einen Sinn geben und wenn zugleich weniger Anforderungen zu staatlicher Unterstützung notwendig wären. Hinter all dem verbirgt sich in der Anfangsphase zur Schaffung der Gemeinschaftsordnung die ökonomische Nutzung des privatökonomisch Überflüssigen der Wegwerfgesellschaft: Menschen, ungenutzte Gebäude und Wohnungen, auskonkurrierte Kleinbetriebe, Warenüberschuss und stillgelegte Agrarflächen! Entscheidend dürfte langfristig letztlich das Vorbild dieser „Zellen“ in ihrer ökonomischen Wirkungsweise sein, d. h. ihr Nachweis, dass ihre Ökonomie die „wahre“ ist. Dann käme es über Jahrzehnte zu einem schrittweisen Verdrängen der Privat- durch die Gemeinschaftsökonomie.

 

Sollten Sie sich für meine Ergebnisse interessieren, empfehle ich, die zehn Seiten der „Erkenntnisse“ zuerst zu lesen. Um einen weiteren Einblick in meine Ergebnisse zu gewinnen, könnte die vierseitige Ausarbeitung zur „Kritik des Begriffes Nachhaltigkeit“ vom 23. Februar 2008 nützlich sein. In Form der Datei NachhaltigBWG.doc übergebe ich Ihnen diese Ausarbeitung gleichfalls mit der heutigen E-Mail. Im Übrigen habe ich beide Ausarbeitungen, die „Erkenntnisse“ aus den Berliner Thesen und die „Kritik des Begriffes Nachhaltigkeit“ in einem Postbrief auch an den Sprecher des Seeheimer Kreises der SPD und Bundestagsabgeordneten, Klaas Hübner, in sein Bürgerbüro nach 06406 Bernburg, Lindenstr. 31, übersandt.

 

Ich würde mich freuen, wenn Sie in absehbarer Zeit eine kritische Auffassung zu meinen Arbeiten äußern könnten; doch ich hätte Verständnis dafür, wenn eine inhaltliche Antwort ausbliebe. Auf jeden Fall sollten Sie junge aufstrebende Politikerin wissen, dass die Berliner Thesen existieren. Dankbar wäre ich Ihnen allerdings, wenn Sie mir den Empfang meiner E-Mail kurz bestätigen würden. Erfahrungsgemäß kommen bestimmte meiner Schreiben niemals an.

 

Mit freundlichen Grüßen und besten Wünschen

 

Werner Grundmann                   Berlin, den 11. Juni 2008, 14:13 Uhr