E-Mail vom 10.06.2008, 22:00 Uhr, an kontakt@danieladahn   Veröffentlichung: 11.06.08

 

 

Von                                                                                         Berlin, den 10. Juni 2008

Werner Grundmann

www.bwgrundmann.de

...

 

an die Autorin

Daniela Dahn

 

 

Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung

 

Liebe Daniela Dahn,

           meine vertrauensvolle Anrede soll signalisieren, dass ich Ihnen sehr nahe stehe, obgleich Sie mich sicherlich nicht kennen. Ich meine dies weniger auf Ihr literarisches Werk bezogen, sondern vor allem auf Ihr gesellschaftspolitisches Bekenntnis.

 

Mein unmittelbarer Anlass, Ihnen zu schreiben, ist Ihr Beitrag „Überrollt? Belebt? Bereichert?“, der am 3./4. Mai 2008 auf der Seite 20 des „Neuen Deutschland“ erschien. Besonders beeindruckt haben mich die Zitate von Jurek Becker (Spalte 2/3) und Christa Wolf (Spalte 5/6). In der Tat führt die weitere Umsatzsteigerung unsere Welt tendenziell an den Abgrund, und sicherlich leben wir unter dem „Diktat der Profitmaximierung“, das uns in die „Selbstzerstörung“ führt. Was als bürgerliche „Demokratie“ erscheint, ist eine Diktatur des Kapitals ohne Diktatoren!

 

Über Google kam ich schnell auf Ihre Homepage. Ich fand auch sofort einige Sätze, die meinen Vorstellungen entsprechen: „Kritisieren heißt, sich verantwortlich fühlen. … Denn was uns überantwortet wurde, markiert unsere Zuständigkeit. … Wer nicht versucht hat, sich einzumischen, soll nicht behaupten, es ginge nicht.“

 

Ich bin ein solcher „Einmischer“ geblieben und war es als langjähriges SED-Mitglied auch schon zu DDR-Zeiten! Eine Reihe von Jahren habe ich gar versucht, mich in die Politische Ökonomie des Sozialismus „einzumischen“. Ausgehend vom Wohnungs(neu)bauprogramm der DDR ging es mir in einem Dissertationsentwurf um eine Ökonomie der Reproduktion, also letztlich um die ökonomisch sinnvolle Erhaltung und Modernisierung der überkommenen Bausubstanz. Obgleich ich als Mitarbeiter der Bauakademie der DDR von Professoren der Hochschule für Ökonomie für meine „Anmaßung“ abgestraft wurde, trugen die abgewiesene Dissertationsschrift und andere meiner Arbeiten dazu bei, mich nach der Wende theoretisch zu betätigen. Vor allem interessierten mich die grundlegenden Ursachen des Scheiterns des „real existierenden“ Sozialismus. Ich fühlte mich verpflichtet, all meine Erfahrungen aus DDR-Zeiten einzubringen. Die großen Mühen und die Rückschläge sollten nicht umsonst gewesen sein! Allerdings brauchte ich von 1994 bis 2007, um zu einem relativ abgeschlossenen, komplexen Ergebnis zu kommen. Ich nannte es

Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung“.

Diese Thesen mit ihren vielen Anmerkungen will zwar niemand drucken; doch ich konnte sie im Oktober 2007 zumindest ins Internet stellen.

 

Mir ging es von Anfang an nicht nur um Kritik, sondern auch um einen möglichen Weg, die akute gesellschaftliche Krise überwinden zu helfen. Aber selbst mit meiner Kritik stieß ich bei den meisten linken Politikern, Wissenschaftlern und Verlegern auf große Vorbehalte. Der Hauptgrund für die Zurückhaltung oder gar Ablehnung war wohl, dass ich mich vom „wissenschaftlichen Sozialismus“ distanzieren musste! Ich kam zum Ergebnis, dass eine nachkapitalistische primär sozial oder sozialistisch orientierte Ordnung, die von vornherein die ökologische Problematik ausgrenzt, ihre wissenschaftliche Berechtigung dann verliert, wenn die Überwindung der ökologischen Krise zur Überlebensfrage für die Menschheit geworden ist, wenn die weltweite Lösung der sozialen Frage zurückgestellt oder verzögert werden muss, um das Überleben der Menschheit überhaupt zu sichern. Eine Gesellschaft, die diesen existenziellen Anforderungen zuallererst gerecht werden muss, kann nicht als „sozialistisch“ bezeichnet werden. Ich kam zu neuartigen Fragen und suchte über Jahre nach Antworten.

 

Eine erste wichtige Aussage fand ich beim jungen Karl Marx. Er verstand Kommunismus im Sinne der einheitlichen Lösung der Natur- und der sozialen Frage! Beim jungen Friedrich Engels stieß ich auf einen Begriff, der mich längere Zeit beschäftigte. Er bezeichnete die Ökonomie seiner Zeit durchweg als „Privatökonomie“, als Ökonomie zum privaten Nutzen! Wenn diese Begriffsverwendung im Wesentlichen heute noch zutrifft: Wie sollte dann „Ökonomie“ im Sinne einer nachkapitalistischen Ordnung definiert werden? Gibt es einen Gegensatz zur „Privatökonomie“? Wie war es zu erklären, dass Karl Marx den Begriff „Ökonomie“ nie definiert hat? Doch er verwies im „Kapital“, Bd. 1, auf der Seite 167 in einer längeren Fußnote auf Aristoteles, der von der Existenz zweier Ökonomien ausging! Aristoteles sprach von der „Chrematistik“, der „Kunst …, Geld zu machen“, und von der „Ökonomik“ als „Erwerbskunst“. D. h., Karl Marx war die notwendige Unterscheidung nach zwei Ökonomien bewusst! Ihm war wohl auch klar, dass unter nachkapitalistischen Bedingungen ein anderes, ein nicht gewinnorientiertes ökonomisches Denken erforderlich ist. Doch sich damit zu befassen, war nicht Gegenstand der „Kritik der politischen Ökonomie“! Zudem war er zu gründlich, um beiläufig eine Definition zu wagen. Diese Zurückhaltung von Karl Marx hat wohl mit dazu geführt, dass wir unter sozialistischen Bedingungen das auf Gewinne ausgerichtete Wirtschaftlichkeitsdenken übernommen haben. Am „ökonomischen“ Wettbewerb der Systeme ist der Sozialismus dann wegen unzureichender Wirtschaftlichkeit gescheitert, und dies trotz der geringen Rücksichtnahme auf Umweltbelastungen! Es stellte sich deshalb für mich die Frage, ob der Leninsche Weg, sich auf den Wettbewerb der Systeme einzulassen, überhaupt richtig war.

 

Als Schlüssel, um aus dem Dilemma des Scheiterns des Sozialismus zu finden, erwies sich die Definition von Ökonomie im gemeinschaftlichen und ökologischen Sinne! Wenn Ökonomie als rationelle Bedürfnisbefriedigung verstanden wird, wenn zudem Gemeinbesitz und Gemeineigentum weltweit als entscheidende Basis für die Menschheitsentwicklung anerkannt werden, dann kann Ökonomie – unabhängig von der Existenz von Wertformen –primär als Gemeinschaftsökonomie realisiert werden! Dann lässt sich der Begriff Ökonomie – unabhängig vom Menschen – sogar auf die belebte Natur übertragen! Gerade in der Natur gibt es – wenn auch unbewusst – in vielfältiger Form „rationelle Bedürfnisbefriedigung“! Es gilt folglich, das unbewusste natürliche ökonomische Verhalten in der belebten Natur mit dem bewussten ökonomischen Verhalten der Menschen in Übereinstimmung und gemeinschaftlich zur Wirkung zu bringen!

 

In der Nachwendezeit habe ich, aufbauend auf den Grunderkenntnissen von Marx und Engels sowie unter Kritik der verabsolutierenden Leninschen Vorgaben, versucht, in Thesenform eine wissenschaftliche Konzeption für die Gesamtproblematik zu erarbeiten. Dabei erkannte ich, dass beide Ökonomien stets historisch nebeneinander existierten, obgleich dies von den ökonomischen Wissenschaften nicht wahrgenommen wurde! Es gab sogar eine historische Phase in der bürgerlichen Entwicklung, in der die Gemeinschaftsökonomie über die Privatökonomie dominierte! Dies war in den mittelalterlichen bürgerlichen Städten der Fall, als das Bürgertum zur Aufrechterhaltung seiner Existenz gegen die Angriffe des Feudaladels gezwungen war, die gemeinsam aufgebrachten Mittel zur Sicherung und Gestaltung ihrer Städte so rationell wie möglich einzusetzen. Die Bürgerstädte des Mittelalters waren in sehr hohem Maße rationelle Lebens- und Überlebenssysteme! Ich habe versucht, dies in einem längeren Beitrag, der in einen Sammelband aufgenommen wurde, nachzuweisen.

 

Die auf Marx und Engels aufbauende wissenschaftliche Konzeption für die Begründung einer nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung liegt auf 70 Seiten in den „Berliner Thesen“ vom Oktober 2007 abrufbar zum Ausdruck, zum Download, zur Veröffentlichung und zur Übersetzung vor. Die entscheidenden „Erkenntnisse“ aus den Berliner Thesen habe ich in der Datei BTErk.doc auf zehn Seiten zusammengefasst. Diese Datei füge ich meiner E-Mail bei. Aus ihr können Sie entnehmen, dass ich die Schaffung einer nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung als Prozess sehe, der dadurch initiiert werden könnte, dass von Menschen, die sich der „neuen“ Ökonomie verpflichtet fühlen, unter Nutzung der vollen Demokratie in ausgewählten gesellschaftlichen Bereichen „Zellen der Gemeinschaftsökonomie“ geschaffen werden. Die Gründung dieser „Zellen“ würde von den Kommunen und vom Staat offenbar dann unterstützt werden, wenn diese Zellen – ohne Konkurrent der vorherrschenden Wirtschaft zu sein – im Wesentlichen eigenständig existieren, wenn sie „überflüssige“ Menschen sinnvoll auffangen, wenn sie dem Leben dieser Menschen wieder einen Sinn geben und zugleich weniger Anforderungen zu staatlicher Unterstützung notwendig wäre. Hinter all dem verbirgt sich in der Anfangsphase die ökonomische Nutzung des privatökonomisch Überflüssigen der Wegwerfgesellschaft: Menschen, ungenutzte Gebäude und Wohnungen, auskonkurrierte Kleinbetriebe, Warenüberschuss und stillgelegte Agrarflächen! Entscheidend dürfte langfristig letztlich das Vorbild dieser „Zellen“ in ihrer ökonomischen Funktionsweise sein, d. h. ihr Nachweis, dass ihre Ökonomie die „wahre“ ist. Dann käme es über Jahrzehnte zu einem schrittweisen Verdrängen der Privat- durch die Gemeinschaftsökonomie.

 

Sollten Sie sich für meine Ergebnisse interessieren, empfehle ich, die zehn Seiten der „Erkenntnisse“ zuerst zu lesen. Um einen weiteren Einblick in meine Ergebnisse zu gewinnen, könnte die vierseitige Ausarbeitung zur „Kritik des Begriffes Nachhaltigkeit“ vom 23. Februar 2008 nützlich sein. In Form der Datei NachhaltigBWG.doc übergebe ich Ihnen diese Ausarbeitung gleichfalls mit der heutigen E-Mail. Sollten Sie mit der Übernahme der Dateien Schwierigkeiten haben, teilen Sie mir bitte Ihre Privatadresse mit. Ich übersende Ihnen dann die Dateien als Ausdrucke im Kuvert.

 

Ich bin Wirtschaftsmathematiker, studierte bis 1960 an der Karl-Marx-Universität und war von 1963 bis 1990 in verschiedenen Einrichtungen der Bauakademie, u. a. im Rechenzentrum und am Institut für Städtebau und Architektur. Über meine oben aufgeführte Homepage können Sie mehr über meine Person und meine Aktivitäten erfahren.

 

Ich würde mich zwar freuen, wenn Sie in absehbarer Zeit eine kritische Auffassung zu meinen Arbeiten äußern könnten; doch ich hätte Verständnis dafür, wenn eine inhaltliche Antwort ausbliebe. Auf jeden Fall sollten Sie wissen, dass die „Berliner Thesen“ existieren. Dankbar wäre ich Ihnen allerdings, wenn Sie mir den Empfang meiner E-Mail kurz bestätigen würden. Erfahrungsgemäß kommen bestimmte meiner Schreiben niemals an.

 

Mit freundlichen Grüßen und besten Wünschen

 

Werner Grundmann                   Berlin, den 10. Juni 2008, 22:00 Uhr