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BWEb2Bürgerst.doc                                     Veröffentlichung: 13.05.2007

 

Werner Grundmann                                      Bearbeitungsstand: 24.04.2007

Technische Universität Berlin

Fachbereich VII Umwelt und Gesellschaft

Mentor: Prof. em. Dr. Rainer Mackensen

 

 

Zur ökonomischen Entwicklung von Bürgerstädten[1]

 

 

Gliederung:

1. Vorbemerkungen: (S. 1)

2. Einleitung (S. 4)

3. Rationelle Bedürfnisbefriedigung in mittelalterlichen Bürgerstädten (S. 9)

4. Die Bürgerstadt als gemeinschaftliches Lebenssystem (S. 16)

5. Schlussbemerkungen:

    nochmals zur Problematik der Gemeinschaftlichkeit (S. 23)

6. Literaturnachweis (S. 28)

 

 

1. Vorbemerkungen

Man wird mir zustimmen, dass das Verfolgen ökonomischer Zielstellungen stets auch rationelleres Verhalten und Handeln einschließt, also das Einsparen an belastenden Aufwendungen, wie etwa an Arbeitskraft, an Mitteln und Kapazitäten, an Arbeitszeit oder Wegezeit. Aber gilt auch das Umgekehrte, nämlich dass rationelleres Handeln stets auch die Kennzeichnung ökonomisch verdient? Das Problematische an der Zustimmung zur umkehrten Aussage ist, dass sie den Gegenstand der ökonomischen Theorie auf alle gesellschaftlichen Bereiche ausdehnt, denn belastende Aufwendungen entstehen bekanntlich überall. Nachfolgend wird von der Berechtigung und Notwendigkeit einer ökonomischen Theorie ausgegangen, die die angedeutete gedankliche Umkehrung akzeptiert.

 

Die vorliegende Veröffentlichung soll zum Nachweis der objektiven Berechtigung einer sich über alle gesellschaftlichen Bereiche erstreckenden geschlossenen ökonomischen Theorie beitragen. Die weit reichende Konsequenz der Akzeptanz einer solch übergreifenden Theorie wäre, dass wirtschaftliches und ökonomisches Denken künftig nicht mehr gleichgesetzt werden dürfte. Der Nachweis soll am Beispiel der ökonomischen Entwicklung der mittelalterlichen bürgerlichen Städte[2] erfolgen, wobei von der These ausgegangen wird, dass das städtebauliche Denken der Bürger jener Städte bewusst oder unbewusst ein ökonomisches Denken einschloss, das über das Wirtschaftlichkeitsdenken hinausging und bisher von der ökonomischen Forschung nicht als eigenständig erkannt wurde. Das Hervorheben der ökonomischen Entwicklung von Städten heißt nicht, dass sie nicht als untrennbarer Bestandteil ihrer Gesamtentwicklung gesehen wird. Es verweist aber auf die Annahme, dass eine ökonomische Theorie der Stadtentwicklung der entscheidende Bestandteil einer Gesamttheorie der Stadtentwicklung sein könnte.

 

Eine wesentliche Basis für eine übergreifende ökonomische Theorie ist der Fakt, dass zumindest höher organisiertes Leben überwiegend rationell handelt, ferner dass sich vernunftbegabtes Leben bei der Befriedigung seiner wachsenden Bedürfnisse in sich verkürzenden Zeitabständen zunehmend rationeller verhält. Erst das rationellere Verhalten und Handeln zur Befriedigung gegebener Bedürfnisse schafft die Basis für das Entstehen neuer Bedürfnisse. Mehr noch: Vernunftbegabtes Leben vermag auf bestimmten Stufen seiner Entwicklung Strukturen und Lebensweisen neuer Qualität zu erzeugen, die ein Überleben und Leben auf neuer Stufe in rationellerer Weise gestatten. Dabei gibt es jedoch keinen Entwicklungsautomatismus. Neue, insbesondere gemeinschaftliche Lebensformen setzen sich i. a. erst nach einem komplizierten, langwierigen Lernprozess durch. Die besten Überlebensvoraussetzungen haben dabei jene Gemeinschaften, die möglichst eine den neuen Bedingungen gemäße Organisationsform finden sowie jene, die die gegebenen Entwicklungszusammenhänge am besten begreifen und sie in ihrem Handeln entsprechend berücksichtigen. Dies schließt bei höher organisierten Gemeinschaften demokratische Entscheidungswege ein.

 

Eine weitere wesentliche Basis für die nachfolgenden Betrachtungen ist der Umstand, dass die Träger der Bedürfnisse von der Verfügbarkeit und Nutzbarkeit der jeweils benötigten Gebrauchswerte ausgehen, während den privaten Produzenten die hergestellte (und aus ihrer Sicht auch absetzbare) Produktionsmenge interessiert. Ersteres ist besonders für nutzbare Erzeugnisse bedeutsam: Eine primäre Orientierung auf die Verfügbarkeit und Nutzbarkeit von Gebrauchswerten gewünschter Quantität und Qualität schließt ein, möglichst langlebige, nur wenig verschleißende Erzeugnisse herzustellen, die geringe Erhaltungsaufwendungen erfordern und erst nach ihrem moralischen Verschleiß ersetzt werden müssen. Die Neuproduktion sollte aus Nutzersicht so weit wie möglich hinauszögert werden.

 

Die Verallgemeinerung dieses Herangehens, die auch ökologisches Denken einschließt, führt auf eine ökonomische Denkweise, die über die der Ökonomie der Produktion hinausgeht. Ich bezeichne sie als Ökonomie der Reproduktion[3]. Eine Einordnung der Ökonomie der Produktion in einen größeren Zusammenhang bedeutet jedoch nicht, dass der Produktion selbst und der an sie gebundenen Ökonomie ihre zentrale Rolle genommen wird; denn zunächst ist ja das rationelle Erzeugen von Gebrauchswerten das Primäre. Doch sobald die Menschen gelernt haben, hinreichend viele Gebrauchswerte einer Art auf rationelle Weise herzustellen sowie falls diese auch verfügbar und langlebig nutzbar sind, ist für die Gesellschaft das Ersparen der Produktion weiterer dieser Gebrauchswerte bzw. das Verhindern ihres vorzeitigen Ersatzes das rationellere Verhalten! Bei einer solchen Sicht zur Befriedigung eines Bedürfnisses ist es die höchste Form ökonomischen Handelns, die betreffenden Gebrauchswerte gar nicht erst oder nicht mehr produzieren zu müssen. Würde ein derartiges Vorgehen überall gewählt werden, bestünde die Möglichkeit einer generellen Umverteilung der Potenzen der Gesellschaft insbesondere auf die Befriedigung nichtmarktwirtschaftlich relevanter Bedürfnisse sowie für eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung. Der Gegenstand jener als Theorie zu konzipierenden Ökonomie der Reproduktion könnte allgemein in der immer rationelleren Erhaltung unserer gesamten Lebensbedingungen bestehen.

 

Aber wie komme ich von der ökonomischen Entwicklungsproblematik der mittelalterlichen bürgerlichen Städte auf die nach meiner Auffassung künftig anzustrebende ökonomische Reproduktion? Meine grundlegende These, die ich nachfolgend in einer ersten Form zu begründen versuche, besteht in der Behauptung, dass jenes anteilige ökonomische Verhalten und Handeln der Bürger der mittelalterlichen Städte, das auf die Stadtentwicklung und auf die Verbesserung ihrer spezifischen Lebens- und Arbeitsbedingungen bezog war, bereits in hohem Maße den Anforderungen der skizzierten Ökonomie der Reproduktion entsprach. Dabei ist nachgeordnet, ob jenes Verhalten und Handeln der Bürger der mittelalterlichen Städte von ihnen als ökonomisch gedeutet oder erkannt wurde. Nachweisbar ist auf jeden Fall, dass sie – um als "freie Bürger" zu überleben – sich sehr wohl präzise Gedanken zur strukturellen Gestaltung ihrer Stadt und zum Bau ihrer Gebäude machen mussten. Und natürlich wollten die Bürger auch wissen und mitbestimmen, was mit jenen Mitteln geschah, die für die Sicherung, den Ausbau, die Verwaltung und das Erhalten der Funktionstüchtigkeit ihrer Stadt von allen Bürgern über Steuern aufgebracht wurden. Es war auch von vornherein klar, dass diese Mittel möglichst rationell und insbesondere zur gemeinsamen Schaffung dauerhafter baulicher Lösungen eingesetzt werden sollten – ohne dass zu große laufende Aufwendungen entstehen durften. Die Ergebnisse ihrer Bemühungen waren – wie sich leicht nachweisen lässt – mit fortschreitender Entwicklung immer bessere bauliche Lösungen sowie sehr zweckmäßige Stadtstrukturen, die beide im heutigen Sinne als Ergebnis von ökonomischer Reproduktion gedeutet werden können. Und all dies funktionierte auf Basis des privaten Wirtschaftlichkeitsstrebens der Bürger mit Hilfe eigener Kräfte und über eine bedingt demokratisch geschaffene Bürgervertretung.

 

Von den Bürgern der mittelalterlichen Städte wurde Gemeinschaftliches und Privates eng verwoben. Gemeinsam geplante, finanzierte und errichtete Bauwerke, wie z. B. die Stadtmauer, Wehrtürme und Wassergräben, sicherten die Stadt insgesamt. Andere Bauwerke, wie z. B. Straßen und Brücken, ermöglichten ihre Erreichbarkeit im Interesse eines florierenden Handels. Die dichte Bebauung sicherte die Unterbringung möglichst vieler Steuern zahlender Bürger. Und die eigene Gesetzgebung und Verwaltung waren die Grundlagen für das Funktionieren der Städte sowie für ihre Weiterentwicklung. Aus heutiger Sicht könnte man – bezogen auf die mittelalterlichen Städte – von relativ eigenständigen Systemen sprechen, denn die Gesamtheit der Bürger einer Stadt agierte innerhalb ihres Gemeinwesens weitgehend selbständig. Und auch (im ausgehenden Mittelalter) ohne eigene landwirtschaftliche Produktion waren die bürgerlichen mittelalterlichen Städte gerade wegen der Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land über den marktwirtschaftlich organisierten Handel überlebensfähiger als alle historischen Siedlungsformen vorher.

 

Es bleibt die Frage, was es uns heute bringt, wenn wir das nur anscheinend schwierig begreifbare Phänomen, das die mittelalterliche Stadt darstellt, auf neue Weise zu begreifen versuchen.

 

Erstens stellen die mittelalterlichen bürgerlichen Städte die entscheidende Basis der heutigen Städte dar. Das Verstehen der Entwicklung der Vorgänger könnte helfen, Erklärungen zu finden, warum es zu einer teilweisen Zerstörung der mittelalterlichen Stadtstrukturen und zu einer Zersiedelung der Regionen kam. Es könnten aber auch Antworten gefunden werden, wie Städte künftig strukturiert bzw. umstrukturiert werden sollten. Zweitens könnten Ansätze gefunden werden, die den Weg zur Schaffung einer rationelleren ökologisch orientierten hierarchischen Funktionsweise der menschlichen Gesellschaft auf lokaler, regionaler und globaler Ebene eröffnen.

 

 

2. Einleitung

Die bürgerlichen mittelalterlichen Städte waren für alle ihre Bewohner in allererster Linie geschützte Lebensräume, und mit ihren spezialisierten Arbeitsmöglichkeiten boten sie ausgezeichnete Voraussetzungen für die Schaffung, Erhaltung und den Ausbau einer dauerhaften privaten Existenz. Die These der objektiven Berechtigung einer ökonomischen Theorie der Stadtentwicklung besagt aber nicht, dass die Entwicklung der mittelalterlichen bürgerlichen Stadt primär an wirtschaftlichen Zielen orientiert war. Die fortwährende erfolgreiche wirtschaftliche Tätigkeit war lediglich die entscheidende Voraussetzung für das Entstehen und Entwickeln der bürgerlichen Städte. Meine wissenschaftliche These beinhaltet vielmehr, dass das bestimmende Verhalten und Handeln der Bürger mittelalterlicher Städte in einer besonderen Weise ökonomischer Natur war und dass dies – trotz unterschiedlicher standörtlicher Entstehungsbedingungen der Städte – zu gleichartigen Stadtstrukturen führte. Oder anders ausgedrückt: das aus persönlichen, privaten und gemeinschaftlichen Motiven heraus bedingte verschiedenartige individuelle und gemeinschaftliche ökonomische Verhalten und Handeln der Bürger führte in Wechselwirkung tendenziell zur Entstehung und Entwicklung jener Stadtformen, die uns noch heute in ihrer Klarheit, Geschlossenheit und Gestaltung faszinieren.

 

Ausgehend von dem Versuch, Stadtentwicklung aus einer übergreifenden ökonomischen Denkweise zu verstehen, die keinen gesellschaftlichen Bereich ausgrenzt, kann es nicht das Ziel der vorliegenden Arbeit sein, jene verschiedenartigen Theorien der Entstehung der mittelalterlichen Städte zu diskutieren, wie sie schon ab dem 19. Jahrhundert ausgearbeitet wurden (vgl. Hans Planitz 1966, XIV-XV). Um einen ersten Ansatz für eine ökonomische Entwicklungstheorie der mittelalterlichen bürgerlichen Stadt vorzulegen, kann es auch nicht darum gehen, die unterschiedlichen Anlässe des Entstehens einzelner Städte zu analysieren, etwa ob und warum sie an den Standorten feudaler Herrschaftssitze (von Burgen) oder von Bischofssitzen entstanden. Die bisher vergebliche Suche nach einer (in ihrer Existenzberechtigung bezweifelten) "Spezialtheorie, die eine Erklärung für alle Phänomene findet" (ebd., XV), sollte meines Erachtens durch die Aufgabe abgelöst werden, die bestimmenden Trends der Entwicklung der mittelalterlichen Städte zu ergründen, um – ausgehend davon – die heutige Stadtentwicklung besser verstehen zu lernen. Doch auch dann, wenn eine gleichartige Zielstellung verfolgt wird, wenn Autoren die ökonomische Problematik vordergründig behandeln, bleibt die Diskussion einer möglichen übergreifenden ökonomischen Denkweise wohl primär.

 

Es ist bekannt, dass es von den Städten der Antike zu den feudal, klerikal oder bürgerlich dominierten Städten des Mittelalters keinen kontinuierlichen Übergang gab.  Da die antiken Städte vor allem durch Sklaven in Zwangsarbeit errichtet und erhalten wurden, zerfielen sie auch mit dem Zerfall der Sklavenhaltergesellschaft. Zudem gab es vor der Völkerwanderung nördlich der Grenzen des römischen Reiches gar keine Städte. Das Neue am Bau der bürgerlichen Städte war, dass er selbst organisiert erfolgte, nicht auf Weisung eines Landesherrn, sondern aus Einsicht in die Notwendigkeit und aus eigener Verantwortung der Beteiligten. Sowohl für den Bau eigener und gemeinschaftlicher Gebäude als auch für den Bau von Straßen, Plätzen und der Stadtmauer konnten nur eigene Kräfte und Mittel eingesetzt werden, die aus der Handels- und gewerblichen Tätigkeit gewonnen wurden. Bürgerliche Städte – sowohl des lokalen als auch des Fernhandels – entstanden also fast ausschließlich als Neugründungen, und zwar an unbefestigten Plätzen (Wiks), an befestigten Standorten des Handels (Märkten), aber auch an ehemaligen Standorten von antiken Städten, von römischen Legionslagern und Kastellen.

 

Die entscheidende gesellschaftliche Voraussetzung für das Entstehen der bürgerlichen Städte war das generelle Ablösen der antiken Sklavenhaltergesellschaft durch das progressivere Feudalsystem. Unter Sklavenhalterbedingungen ernährten ca. zehn Sklaven einen Freien. Unter feudalen Bedingungen verbesserte sich dieses Verhältnis im Verlaufe von Jahrhunderten beträchtlich. Die Ursache für die Steigerung insbesondere der landwirtschaftlichen Erträge lag darin, dass die feudalen Leibeigenen über die Nutzung ihres von Feudalherren gepachteten Landes selbst verfügen konnten, dass sie also nur zu einem Teil ihrer verfügbaren Arbeitszeit Frondienste beim Feudalherren leisten mussten. Sie waren an höheren Erträgen einerseits deshalb interessiert, weil sie ihre agrarischen Produkte selbst auf den Märkten anbieten konnten, andererseits weil sie die Pacht in Form der Naturalrente, später – nach der Entwicklung der städtischen Warenproduktion – als Geldrente zu zahlen hatten.

 

Mit steigender Produktivität bestand für einen Teil der landwirtschaftlich tätigen Arbeitskräfte die Möglichkeit, sich zunächst handwerklich zu spezialisieren und später vermehrt an den Standorten des Handels niederzulassen. Die Spezialisierung ermöglichte es ihnen, bessere Waren auf rationellere Weise herzustellen, als dies auf den Fron- bzw. Bauernhöfen unmittelbar möglich war und sie preiswerter auf den Märkten anzubieten. Zugleich konnten die Handwerker für mehrere Höfe tätig sein. Den Bauern ermöglichte diese Entwicklung zudem, sich voll auf die landwirtschaftliche Produktion zu konzentrieren, was sich gleichfalls Ertrag steigernd auswirkte. Auf diese Weise kam es zur gesellschaftlichen Arbeitsteilung zwischen den Handwerkern und Bauern. 

 

Aus dem gemeinsamen existentiellen und wirtschaftlichen Interesse der Kaufleute und der Handwerker entwickelte sich das Bedürfnis und die Notwendigkeit, die Handelsplätze, die noch dörflichen Charakter besaßen, als Wohnstandorte einzurichten und sie später mittels Mauern und Wassergräben gegen Überfälle zu sichern. Dies war die Geburtsstunde der mittelalterlichen bürgerlichen Stadt, zugleich aber auch eine bauliche Manifestation der Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land. Man darf sich allerdings die damals entstandenen Siedlungen nicht als derart dicht bebaute, geschlossene, ummauerte Städte vorstellen, wie sie uns aus dem späten Mittelalter teilweise bis heute überkommen sind. Werner Sombart verweist darauf, "dass alle mittelalterlichen Städte in Jahrhunderte währender Umbildung langsam aus Dörfern erwachsen sind". Auch die so genannten "Gründungsstädte" würden keine Ausnahme machen (vgl. Sombart 1919, I, 138). "Selbst die größten Städte" trugen "noch im Hoch- und Spätmittelalter starke Spuren von Land- und Ackerstädten an sich..." (vgl. ebd., 135/136). Sombart führt eine Reihe eindrucksvoller Belege an, wie sich das Leben in den – wie er sagt "halbstädtischen" Siedlungen – über lange Zeit vollzog (vgl. ebd., 137). Die Vorstellung anderer Autoren, bei den so genannten "Gründungsstädten" habe es sich um "künstliche Ansiedlungen von Händlern und Handwerkern gehandelt", bezeichnet er als abenteuerlich (vgl. ebd., 138). Offensichtlich war das allmähliche Verdrängen von Bauern aus den unbefestigten und befestigten halbstädtischen Ansiedlungen nur in dem Maße möglich, wie durch die Bauern einer Region in ihrer Gesamtheit mittels steigender landwirtschaftlicher Produktivität vermehrt die nichtbäuerliche Bevölkerung zufrieden stellend ernährt werden konnte.

 

Die von den Feudalherren weitgehend unabhängigen Kaufleute und Handwerker, also jene Nichtleibeigene, die sich als "frei" betrachteten, sahen die Möglichkeit und die Voraussetzung, um sich auf Dauer individuell und gemeinschaftlich als "Freie" zu behaupten. Die Struktur der zu schaffenden Städte musste in Anbetracht gegebener privater Handels- und Gewerbeinteressen auf der einen und der Schwäche des einzelnen Bürgers auf der anderen Seite sowohl privaten als auch gemeinschaftlichen Charakter besitzen. Letztlich überwog aber die Zielstellung nach Schaffung eines Gemeinwesens, das für alle künftigen Einwohner zugleich ein geschützter Lebensraum sein konnte. Über die wirtschaftliche Basis zur Erhaltung dieses Lebensraumes mussten die Handwerker und Kaufleute jedoch selbst verfügen. Sie brauchten so viel Kraft und Mittel, um einerseits für sich, ihre Familien und Bediensteten eigenen Wohnraum zu schaffen und eine private Existenz aufzubauen. Andererseits mussten sie aber auch bereit und in der Lage sein, ihren Anteil zur Schaffung und Erhaltung gemeinschaftlicher Gebäude und baulicher Anlagen zu leisten. Nur solche Personen erhielten in ihrer Stadt als freie Einwohner die Bürgerrechte. Und jene Personen, die (über Handel oder reine Geldgeschäfte) die größten Vermögen erworben hatten und somit auch den größten finanziellen Beitrag zum Bau und zur Erhaltung der Stadt leisten konnten, wurden zu ihren bestimmenden Kräften: die Patrizier.

 

Infolge der relativen Schwäche der im frühen Mittelalter entstandenen städtischen Gemeinwesen war es für ihr Überleben bedeutsam, erstens selbst für ihren eigenen Schutz zu sorgen, zweitens als relativ eigenständig von den Mächtigen ihrer Zeit anerkannt zu werden und handeln zu können. Auch dies wurde auf ökonomische Weise geregelt, indem die städtischen Gemeinwesen den jeweiligen feudalen Herrschern Teile ihrer Einkünfte abgaben und diese ihrerseits den bürgerlichen Gemeinwesen das Markt- bzw. das Stadtrecht zubilligten. Die Vergabe des Stadtrechtes durch einen Landesherren ermöglichte den jeweiligen Stadtbürgern, ihre Ziele besser zu verfolgen, ihre Eigenständigkeit zu sichern, ihre Vermögen zu mehren und ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Aber auch die betreffenden Landesherren waren – zur Sicherung ihrer finanziellen Einnahmen – am Funktionieren der städtischen Gemeinwesen interessiert.

 

Mit wachsendem Vermögen nahm das städtische Bürgertum in Konkurrenz zu den Feudalherren auch selbst unmittelbar Einfluss auf die Bauernschaft der Umgebung, so z. B. zum Absichern von Lieferungen benötigter agrarischer Erzeugnisse. Über den nichtäquivalenten Austausch eignete sich das Bürgertum nunmehr selbst einen Teil jener Grundrente an, die sonst den Feudalherren zugeflossen wäre (vgl. Ökonomisches Lexikon, L-Z, 1971, 728, unter "Stadtwirtschaft"). Ein Teil des Bürgertums kam allmählich selbst zu großem Reichtum. Das Kaufmannsgeschlecht der Fugger aus Augsburg wurde gar zum dominierenden Gläubiger deutscher Kaiser (vgl. Die Fugger ..., 25, 29, 33/34, 38-40, 47) und die Fuggerbank in Rom zum Bankhaus des Papstes (a. a. O., 31)! Aus den anfangs um ihre Existenz ringenden Bürgern des frühen Mittelalters wurde im Verlaufe von Jahrhunderten die allmählich wirtschaftlich und politisch selbst dominierende Kraft des Bürgertums.

 

Die bisher angedeutete ökonomische Problematik ist an steigende Produktivität und Wirtschaftlichkeit gebunden und vielfach in der Literatur behandelt worden. Ausgehend von meiner These nach einer möglichen übergreifenden ökonomischen Theorie, die in Verbindung mit der Stadtentwicklung entworfen werden könnte, erhebt sich die Frage nach jenen ökonomischen Zusammenhängen, die über die bisher skizzierten hinausgehen.

 

Dem Betrachter der mittelalterlichen bürgerlichen Städte fällt an ihren Formen viel Gleichartiges auf, so z. B. die angenäherte Kreisform der Stadtmauern, die Zentrumsbildung, die Diagonalführung der Hauptstraßen zu den Stadttoren, die relativ geringe Ausdehnung der Städte, die dichte Bebauung, die zum Zentrum hin zunehmende (beschränkte) Geschoßhöhe, die zentrale Lage der meisten gemeinschaftlichen und vieler Handelseinrichtungen, die Ansiedlung von vielen Händlern und Gewerbetreibenden an den innerstädtischen Teilen der Handelswege, ferner die relativ engen Straßen und Gassen, die Vielgestaltigkeit der Architektur u. a. Uns erscheinen diese Formen heute als sehr vernünftig, geradezu als selbstverständlich. Ihre Entwicklung bedurfte aber Jahrhunderte und vollzog sich widersprüchlich, bevor sie sich bewährte. Es erhebt sich die Frage, warum bürgerliche Städte genau diese Formen und Strukturen entwickelten, die sich von denen ihrer Vorgänger wesentlich unterschieden. Und die bedeutsamste Frage, die wir uns in diesem Zusammenhang stellen müssen, ist wohl, warum heute offensichtlich eine Auflösung von Städten vor sich geht, warum die über Jahrhunderte bewährten Stadtstrukturen allmählich zerstört werden. Welches Verhalten und Handeln bewog die Bürger der mittelalterlichen Städte, sie so zu errichten, wie wir sie heute noch in manchen Regionen bewundern können, und was bewegt heute die Einwohner, die Investoren und die Planer von Städten, Bewährtes aufzugeben oder zu verdrängen?

 

Meine Annahme ist – und dies mag aus unserem gewohnten ökonomischen Denken heraus ungewöhnlich anmuten –, dass im Zusammenhang mit dem Entstehen der Form und Struktur der mittelalterlichen bürgerlichen Städte von einer ökonomischen Verursachung gleichartiger Grundstrukturen gesprochen werden kann, die über das Wirtschaftliche hinausreicht. Um dies zu akzeptieren, muss man wohl vom grundlegenden Anliegen ökonomischer Tätigkeit überhaupt ausgehen: vom Bestreben, Bedürfnisse auf möglichst rationelle Weise zu befriedigen. Das Wirtschaftlichkeitsprinzip, das sich über Jahrtausende entwickelte, war ja an sich ein Mittel, um benötigte Erzeugnisse rationeller fertigen und damit preiswerter als die Konkurrenten auf dem Markt anbieten zu können; es diente also letztlich auch der rationellen Bedürfnisbefriedigung! Speziell für den Bau von Städten reichte wirtschaftliches Herangehen aber schon deshalb nicht aus, weil bauliche Erzeugnisse gebraucht wurden, die nicht auf dem Markt angeboten werden konnten, die also nicht als Waren galten. Die meisten von ihnen brauchten die Einwohner aber nur mittelbar, wie z. B. die Straßen und Plätze, die Stadtmauer, die Türme und Tore, notwendige Wassergräben, Brücken, Leitungen zur Wasserversorgung usw. Sie waren dennoch unverzichtbar; aber ihre Größe bzw. Ausdehnung sollte nur so gewählt werden, wie es unbedingt erforderlich war. Anders z. B. bei Wohngebäuden, die zumindest ausreichend Wohnraum für die Familie, die Bediensteten und deren mögliche Vergrößerung haben sollten. Während zur Errichtung des eigenen Wohngebäudes mit den zugehörigen Nebenbauwerken (für Arbeits- und Lagerräume, für sanitäre Zwecke etc.) der einzelne Bürger selbst verantwortlich war und finanziell aufkommen musste, bedurfte es zur Schaffung sowohl der mittelbar erforderlichen Bauwerke als auch zum Bau von gemeinschaftlich gebrauchten Gebäuden (etwa von Verwaltungsgebäuden und sakralen Bauwerken) der Einsicht aller Bürger, einer gemeinsamen Beschlussfassung und des Zusammentragens von Mitteln für Baumaterial sowie für die Entlohnung der städtischen Arbeiter (Plebejer). Die Mittel für solche Bauwerke entstammten letztlich der wirtschaftlichen Tätigkeit der Bürger.

 

Nach den bisherigen Darlegungen ergeben sich zwei theoretische Problemstellungen: erstens jene nach der ökonomischen Problematik, vor der die Bürger gemeinschaftlich standen, bevor sie über die Errichtung gemeinschaftlicher Bauwerke sowie über die Erhaltung und den Ausbau ihrer Stadt entschieden; zweitens jene nach der im ökonomischen Sinne vernünftigsten Vorgehensweise für den einzelnen Bürger, bevor er mit dem Bau seines eigenen Gebäudes begann.

 

Innerhalb einer mittelalterlichen Stadt konnte man offensichtlich beim Baugeschehen nach zwei Ebenen ökonomischer Problemstellungen unterscheiden. Die eine Ebene betraf die Stadt in ihrer Funktionstüchtigkeit als Ganzes, die andere bezog sich auf die Nutzung jeder einzelnen jener Flächen, die für eine eigenverantwortliche Bebauung durch einen ihrer Bürger in Frage kam, bzw. die für gemeinschaftlich benötigte Einrichtungen gebraucht wurden. Die private Entscheidung zur Schaffung der baulichen Voraussetzungen für eine wirtschaftlich erfolgreiche Existenz konnte nicht von der persönlichen Entscheidung zur Schaffung von Wohnraum getrennt werden: Familienleben und berufliche Tätigkeit vollzogen sich i. a. innerhalb desselben Gebäudes bzw. Gebäudekomplexes.

 

Eine dritte Entscheidungsebene, die die Bürger einer Stadt zu berücksichtigen hatten, betraf ihre territoriale Einordnung und Anbindung. Es musste gewährleistet sein, dass in Stadtnähe ausreichend viele Nahrungsgüter produziert werden konnten sowie dass die Stadt – bei allem Schutzbedürfnis – über Straßen, Wege, Brücken und Tore bis hinein in das Zentrum auch als Handelsplatz zu erreichen war.

 

Es ist nun bemerkenswert, dass sowohl die gemeinschaftliche als auch die individuelle Problematik, die den Entscheidungen zum Bauen innerhalb der Städte zugrunde lag, ganzheitlichen Charakter besaß: Sowohl die Gemeinschaft der Bürger stand vor einer komplexen Problemstellung als auch jeder einzelne Bürger vor der eigenen, wobei die verfügbaren finanziellen Mittel und die verfügbaren Arbeitskräfte zwangsläufig Schranken für die beabsichtigten Baumaßnahmen darstellten. Im Folgenden sollen die beiden Arten von Problemstellungen näher betrachtet werden.

 

 

3. Rationelle Bedürfnisbefriedigung in mittelalterlichen Bürgerstädten

Die Befriedigung von Bedürfnissen ist i. a. an belastende Aufwendungen gebunden. Für ihre Träger ist es deshalb von entscheidender Bedeutung, sich im Prozess der Befriedigung der Bedürfnisse möglichst rationell verhalten zu können. Worin die Rationalität im Einzelnen besteht, hängt von der Art der Bedürfnisse ab. Dies gilt auch für nichtmaterielle Bedürfnisse. Häufig geht es dem Bedürfnisträger darum, den Zeitaufwand möglichst gering zu halten, um an das betreffende Erzeugnis oder an die jeweilige Dienstleistung zu gelangen. Aber auch die Nutzung von Erzeugnissen kann mit einem belastenden Zeit- oder mit finanziellem Aufwand verbunden sein.

 

Die Möglichkeit, ein materielles Bedürfnis zu befriedigen, setzt erstens voraus, dass das gewünschte Produkt verfügbar ist, d. h., es muss überhaupt die Möglichkeit seines Kaufes etwa auf einem (erreichbaren) Markt bestehen. Zweitens muss es ausreichend preiswert angeboten werden, was eine rationelle Produktion voraussetzt, denn der Bedarfsträger muss es sich finanziell leisten können, das jeweilige Bedürfnis über den Kauf des Produktes zu befriedigen. Erst dann ist es für ihn auch nutzbar. Analoges gilt für die Befriedigung nichtmaterieller Bedürfnisse und für Dienstleistungen.

 

Geht man von einem bestimmten Stand erreichter Bedürfnisbefriedigung aus und fragt man nach Verbesserungen im zurückliegenden Zeitabschnitt, so können sich diese einmal auf den verringerten Gesamtzeitaufwand beziehen, um die jeweiligen Bedürfnisse zu befriedigen; zum zweiten könnte nach den Preisen bzw. Mitteln gefragt werden, die für die Befriedigung notwendig waren bzw. zur Verfügung standen; ein dritter Aspekt könnte die freie Zeit betreffen, die dem Bedarfsträger zur Verfügung stand, um die Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung zu nutzen; viertens interessiert bei bestimmten Gebrauchswerten, wieviel Zeitersparnis ihre Nutzung dem einzelnen bringt. Aus gesamtstädtischer bzw. regionaler Sicht käme schließlich hinzu, wie viele Menschen die Möglichkeit rationeller Bedürfnisbefriedigung, ausgehend von ihrem Wohn- und Arbeitsstandort, überhaupt haben. Und letztlich können die Fehlwirkungen aus der Produktion und Nutzung betrachteter Erzeugnisse für die einschränkte Befriedigung anderer Bedürfnisse eine Rolle spielen.

 

In der Gesamtbetrachtung geht es folglich um eine sehr komplexe Problematik von Zusammenhängen sowie um die Berücksichtigung mehrerer beeinflussender Faktoren. Hinzu kommt, dass sich derartige Zusammenhänge in die jeweilige historische Situation und damit in einen langwierigen Entwicklungsprozess einordnen, an den die Menschen gebunden sind. Ziel rationeller Reproduktion sollte es – ausgehend von der Gesamtheit aller realistisch befriedigbaren Bedürfnisse – wohl sein, zu einem möglichst hohen Beitrag verbesserter Bedürfnisbefriedigung in einem betrachteten Zeitabschnitt zu kommen. Dabei wäre von der ökonomischen Theorie zu beantworten, wie ein solcher Beitrag gemessen werden kann.

 

Wenn es gelingt, die zu einem historischen Zeitpunkt gewünschten Gebrauchswerte rationell zu erzeugen und wenn zudem Produzenten und Nutzer identisch sind, bestehen die besten Voraussetzungen, die genannte Zielstellung zu erreichen. In bestimmter Hinsicht, und zwar bezogen auf die langlebigen Bauwerke, war dieser Umstand in den mittelalterlichen bürgerlichen Städten gegeben. Im Folgenden soll dargelegt werden, worin sich dies äußerte, auf welche Weise rationelle Bedürfnisbefriedigung in den mittelalterlichen bürgerlichen Städten gelang. Natürlich würde es den Rahmen dieses Beitrages sprengen, wollte man den Prozess der Entwicklung der Bürgerstädte im Mittelalter aus ökonomischer Sicht genauer beschreiben. Wesentlich zur Bestätigung meiner eingangs fixierten These sind wohl letztlich die Ergebnisse des bürgerlichen Städtebaus, wie sie ausgangs des Mittelalters vorlagen und teilweise heute noch sind.

 

Bürgerliche Städte des ausgehenden Mittelalters wiesen eine typische Grundstruktur auf. Der Markt befand sich in zentraler Lage. Befestigungen, insbesondere Stadtmauern, umschlossen die Stadt i. a. weitgehend kreisförmig. Die Führung der Straßen verlief diagonal vom Markt zu den Stadttoren. Die Bebauung war sehr dicht, zum Zentrum hin verstärkt mehrgeschossig. Gemeinschaftliche und Verwaltungsgebäude lagen i. a. zentral – am Marktplatz oder in seiner Nähe. In größeren Städten, deren Bürger etwa im Fernhandel großen Erfolg hatten, waren nach Stadterweiterungen oder Einbeziehung benachbarter Dörfer auch Nebenzentren entstanden – meist gekoppelt an gemeinschaftliche Einrichtungen. Die Straßen hatten eine Breite, so dass zwei Fuhrwerke aneinander vorbeikamen. Die Gassen waren so eng, dass sie nur von Fußgängern genutzt werden konnten. Die Wasserversorgung erfolgte über innerstädtische Brunnen. Netze zur Abwasserbeseitigung und für andere Abprodukte fehlten gänzlich. Insgesamt gesehen, faszinierten die Städte trotz der gleichartigen Grundstrukturen durch ihren gestalterischen Reichtum, durch ihre kulturellen Schätze und ihre Ganzheitlichkeit.

 

Das existentielle Problem bürgerlicher Städte des Mittelalters war über Jahrhunderte das dominierende. Nach folgenschweren historischen Erfahrungen hatte es sich gezeigt, dass nicht befestigte Städte infolge der Auseinandersetzungen zwischen Adel und Bürgertum, zwischen den verschiedenen feudalen Herrschern, ferner infolge von Glaubenskriegen und von anderen politischen Auseinandersetzungen kaum Überlebenschancen besaßen. Zum Schutze ihrer Städte nach außen errichteten die Bürger Mauern, Wehrtürme, Wälle und Wassergräben; sie organisierten Bürgerwehren, Feuerwehren und Wachmannschaften, hielten sich Stadtsoldaten, um das Eindringen von Feinden in die Stadt und ihre Zerstörung zu verhindern.

 

Worin zeigte sich nun jene von mir behauptete rationelle Bedürfnisbefriedigung?

 

1. Das Bedürfnis nach äußerer Sicherheit wurde dadurch ökonomisch zweckmäßig realisiert, dass für die Mauern der mittelalterlichen Städte eine runde, meist eine angenäherte Kreisform gewählt wurde. Ein Kreis stellt aber – was mathematisch bewiesen ist – jenes geometrische Gebilde dar, das bei gegebenem Umfang die größte Fläche einschließt. Wenn also von den Bürgern i. a. kreisförmige Stadtmauern vorgezogen wurden, war erstens innerhalb der Stadt maximal viel Bauland verfügbar, zweitens brauchte man für den Bau der Mauer selbst relativ wenig Bauland und drittens wurde der Bedarf an Baumaterial sowie an Mitteln für die Errichtung und Erhaltung niedrig gehalten. Da der Grund und Boden zur Zeit der Städtegründungen und noch lange danach feudalen und städtischen Grundherren gehörte[4] und seine Nutzung in Form von Zins, Miete, Leihgebühr und Grundrente (vgl. Sombart, I, 643-650) bezahlt werden musste, war auch aus dieser Sicht der rationelle Umgang mit dem Bauland ein notwendiges ökonomisches Erfordernis.

Natürlich waren die Stadtmauern kein Objekt wirtschaftlicher Tätigkeit[5]. Je fester sie gefügt waren, umso länger würden sie überdauern und umso geringer waren die spezifischen auf eine Zeiteinheit bezogenen einmaligen Kosten sowie die laufenden Erhaltungsaufwendungen. Falls die Stadt nicht schnell wuchs, waren die Stadtmauern Jahrhundertbauwerke. Von den Stadtvätern wurde in Vorbereitung des Baus einer Stadtmauer also offensichtlich ein andersartiges und zudem gemeinschaftliches ökonomisches Denken verlangt als in ihrer eigenen Tätigkeit als Kaufleute oder als Handwerker. Funktionstüchtigkeit, Dauerhaftigkeit und notwendige Größe sowie der rationelle Einsatz der von allen eingebrachten Mittel waren die Ausgangspunkte ihrer ökonomischen Überlegungen.

 

2. Während der Bau von Stadtmauern durch äußere Umstände erzwungen wurde und der Zweck allein die Art ihrer Gestaltung bestimmte, war der Bau von gemeinschaftlich erforderlichen Bauwerken, z. B. für religiöse, für Bildungs- und Verwaltungszwecke, gewünscht und gewollt. Derartige Bauwerke hatten nicht nur funktionellen, sondern auch repräsentativen Charakter. Sie waren gleichfalls als Jahrhundertbauwerke gedacht. Ihr Bau basierte auf einer analogen ökonomischen Denkweise wie der Bau der Stadtmauern, jedoch sollten sie – je nach den finanziellen Voraussetzungen der Städte – möglichst viel an Leistung, Kreativität, künstlerischer Gestaltung und Eigenheiten der jeweiligen Stadt zum Ausdruck bringen. Da das Bauen zu jener Zeit eine handwerkliche Tätigkeit war und es noch keine eigenständig wirtschaftenden Baubetriebe gab, wurde die Organisation des Bauens von den städtischen Verwaltungen selbst bestimmt. Das rationelle Bauen in der notwendigen Qualität konnte auf diese Weise durch die Bürgervertretungen der Städte selbst bestimmt und beeinflusst werden.

 

3. Beim Bau der Bürgerhäuser, die gleichfalls auf eine lange Nutzungsdauer konzipiert wurden, kam ein neuer ökonomischer Aspekt rationeller Bedürfnisbefriedigung hinzu. Es galt, die verfügbare, klar abgegrenzte Baufläche so zweckmäßig wie möglich zu nutzen, d. h., das Gebäude sollte zwar alle privat und persönlich gewünschten Funktionen erfüllen, durfte aber nicht mehr Grundfläche in Anspruch nehmen, als Bauland zur Verfügung stand. Die Lösung ergab sich durch das Errichten mehrerer Geschosse auf gegebener Grundfläche. Einerseits ging es auf dem Grundstück um die rationelle Nutzung der Grundfläche, andererseits um die Schaffung von möglichst viel Geschoßfläche und damit von neuer Nutzfläche. Später kamen gar Kellergeschosse hinzu. Die Geschoßanzahl übertraf nur in seltenen Fällen drei bis vier Geschosse – einfach deshalb, weil vielgeschossige Gebäude ohne die noch nicht erfundenen Fahrstühle für die Nutzer unzumutbar gewesen wären. Vielgeschossige Wohntürme, wie man sie heute noch in Regensburg findet, waren meist Überbleibsel alter Befestigungsanlagen.

Das mehrgeschossige Bauen brachte zudem eine Kosteneinsparung je Quadratmeter Geschoßfläche, weil sich die spezifischen Aufwendungen für die Gründungsarbeiten und den Dachausbau in Abhängigkeit von der Geschoßanzahl verminderten. Es gab aber im Verlaufe der Jahrhunderte auch deshalb einen Zwang, die Gebäude aufzustocken, weil Handel und Gewerbe ausgedehnt werden konnten, weil sich die Familien vergrößerten, weil keine anderen innerstädtischen Bauflächen mehr zur Verfügung standen und das bereits genutzte Gebäude nicht abgerissen werden konnte. Das galt insbesondere für jene erfolgreicheren Familien, die ihren Geschäfts- und Wohnstandort im Zentrum oder in dessen Nähe hatten. Sie verfügten auch über die finanziellen Mittel, um ihre Gebäude architektonisch ansprechend zu gestalten, was zu größerem Ansehen beitrug und die Geschäftsgrundlage weiter verbesserte.

 

4. Die rationelle Nutzung der gesamten innerhalb der Stadtmauer vorhandenen Baufläche entwickelte sich nach dem Prinzip, so wenig wie möglich Fläche nicht zu bebauen, denn auch für die nicht bebauten Flächen musste ggf. Entgelt an die Eigentümer bezahlt werden. Das war aber nur aus dem Steueraufkommen aller Bürger möglich. Zudem waren diese Flächen auf irgendeine Weise zu befestigen und zu erhalten: entweder als Platz, als Straße oder Gasse. Die Nutzung der bebauten Flächen wurde hingegen – bis auf Ausnahmen – privat finanziert. Und wenn sich eine private Nutzung ergab, konnte die Stadt vom jeweiligen Bürger zudem Steuern erheben. Auf diese Weise kam es in den bürgerlichen Städten im Interesse aller Bewohner zu einer sehr hohen Bebauungsdichte. Je mehr Bürger eine Stadt im Rahmen der gegebenen Schranken (innerhalb der Stadtmauer und bei begrenzter Geschossigkeit) aufnehmen konnte, umso größer waren ihre Möglichkeiten, sich in Konkurrenz zu anderen Städten zu behaupten.

Auch hinter der rationelleren Nutzung des städtischen Grund und Bodens verbarg sich eine Bedürfnisproblematik: Gebäude dienten unmittelbar dazu, Bedürfnisse zu befriedigen. Man wohnte und arbeitete in den Gebäuden, erlernte einen Beruf und schuf eine Familie. Plätze, Straßen, Gassen und Wege brauchte man nur mittelbar, etwa um zum Markt zum Einkaufen zu gelangen oder um Waren zu transportieren. Deshalb wurden nur wenige Straßen bewusst so breit gehalten, dass zwei Fuhrwerke nebeneinander Platz hatten. Das waren vor allem jene, die vom Markt zu den Stadttoren führten und somit den Handel mit Besuchern der Stadt ermöglichten.

Die offensichtliche Zweckmäßigkeit, in den Städten immer dichter und höher zu bauen, setzte sich im Verlaufe von Jahrhunderten vor allem in den dominierenden Städten durch – natürlich immer in Abhängigkeit von der Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge, also von der Möglichkeit, mit immer weniger in der Landwirtschaft tätigen Menschen immer mehr städtische Bevölkerung zu ernähren.

 

5. Mittelalterliche bürgerliche Städte waren in hohem Maße zeitökonomisch strukturiert, d. h., der Marktplatz, die Straßen- und Gassenführung, die Bebauungs- und Wohndichte wurden so gewählt bzw. hatten sich so entwickelt, dass der Zeitaufwand der Nutzer der städtischen Einrichtungen sowie zum Erreichen des Marktes überaus gering waren, so dass die Frage notwendiger Verkehrsmittel nur für schwere Lasten entstand. Die zentrale Standortwahl des Marktes, des Rathauses, der Kirche und von Bildungseinrichtungen (z. B. von Universitäten) sowie die strahlenartige Straßenführung zu den Stadttoren ermöglichten einen im Durchschnitt kaum verringerbaren Wegeaufwand der Bewohner und Besucher der Stadt zum Zentrum. Lediglich die Gassenführung brachte kleinere Umwegen. Natürlich waren infolge des begrenzten Flächenangebotes insbesondere für Bewohner an der Stadtmauer etwas längere Wege nicht zu vermeiden. Herbergen für Händler und andere Besucher der Städte befanden sich i. a. in den Straßen, die von den Stadttoren zum Marktplatz führten. Auch dies war zeitökonomisch zweckmäßig.

 

6. Die besten Entwicklungsbedingungen hatten jene Städte, die an geographisch günstigen Standorten entstanden waren und die selbst die Voraussetzungen für den Fernhandel schufen, etwa durch den Ausbau von Häfen (in Hamburg, Bremen, London, Lissabon, Marseille, Genua, Venedig, Dubrovnik, Konstantinopel u. a.), durch den Bau von Schiffen, von Brücken über größere Flüsse (in Köln, Wien, Paris, Magdeburg, Regensburg, Warschau u. a.) sowie von Straßen, Kanälen und Dämmen. So z. B. bot die von den Regensburgern mit großem Aufwand gebaute Steinerne Brücke über Jahrhunderte die einzige Möglichkeit zur Überquerung der Donau zwischen Ulm und Wien. Andere Städte schufen die innerstädtischen Voraussetzungen für die Durchführung von Messen (Leipzig, Frankfurt a. M., Basel). Entscheidend für die erfolgreiche Entwicklung der genannten und anderer Städte war die gemeinsame Bereitschaft ihrer Bürger, einen Teil ihrer Steuern in gemeinschaftliche Projekte zu investieren, deren privater und gemeinschaftlicher Nutzen erst langfristig zu erwarten war.

 

7. Obgleich sich das gemeinschaftliche Denken und Handeln im Verlaufe von Jahrhunderten in den Bürgerstädten sehr ausprägte, gingen die größten Gefahren für ihre Existenz ausgerechnet von innen aus: einerseits aus der Brandgefahr durch die Holzbauweise, andererseits durch die unzureichende Beseitigung von Abprodukten.

Die dominierende Holzbauweise führte beim zufälligen Brand eines Gebäudes infolge der dichten Bebauung und des begünstigenden Übergreifens der Flammen auf die Dächer anderer Gebäude (etwa bei der Verwendung von Holzschindeln) zu verheerenden Stadtbränden, von denen kaum eine Stadt im Verlaufe der Jahrhunderte verschont blieb. Ziegel- und Schieferdächer schränkten später die Gefahren großer Brände ein.

Das fehlende gemeinschaftlich organisierte Beseitigen von Abprodukten und Abwässern führte schon sehr früh zu verheerenden Epidemien, von denen insbesondere die dicht wohnende Stadtbevölkerung betroffen war. Im 14. Jahrhundert wurden 20 Millionen Menschen, etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung Europas, Opfer der Pest. Da die Ursachen der Epidemien bis in das 19. Jahrhundert hinein unerkannt blieben, wurde die Schaffung von Entsorgungsnetzen um Jahrhunderte verzögert. Bis in das erste Drittel des 19. Jahrhunderts suchte die Pest Europa heim, bis ins zweite Drittel des 19. Jahrhunderts den Orient. Erst 1894 wurde der Erreger der Pest entdeckt und herausgefunden, dass er von Ratten, die vom Unrat in den Städten lebten, über Flöhe auf den Menschen übertragen wurde. Die dominierende Ursache für die Pest war nicht jene "verpestete Luft", von der man sprach, sondern ein Jahrhunderte langes Versäumnis im europäischen Städtebau: das Nichterkennen notwendiger Stadthygiene! Meyers Konversationslexikon schreibt noch 1896 unter dem Stichwort Pest:

"Der Ansteckungsstoff der Pest ist unbekannt, er wird durch Berührung und durch die Luft übertragen ... Die in Armut und Elend lebenden Volksklassen werden von der Pest am häufigsten ergriffen. Dabei scheinen manche Beschäftigungsweisen ganz verschont zu werden, besonders solche, welche mit viel Wasser zu thun haben ..." (Meyers Konversationslexikon 1896, 13, 721).

 

8. Die Fehlwirkungen städtischer Lebens- und Produktionsweise im Mittelalter gingen jedoch über die Grenzen der Städte hinaus und führten zu weit reichenden ökologischen Schäden. Neben Verunreinigungen der Gewässer und des Grundwassers durch fehlende Klärmöglichkeiten kam es zu einem enormen Verbrauch an Holz als Baumaterial und für Heizzwecke, so dass sich Gefahren für den Waldbestand in Mittel- und Südeuropa generell ergaben. Venedig verbrauchte große Teile der Wälder der östlichen Adriaküste, des heutigen Kroatien. Die Hafenstädte verwandten riesige Mengen an Holz für den Schiffsbau. Viele Eichenwälder gingen als "Schälwälder" zugrunde, weil die tanninhaltige Borke zum Gerben von Fellen gebraucht wurde. Auch für die Salzsiedereien und Glasbrennereien wurde viel Brennholz benötigt. Erst nach akutem Holzmangel im Bergbau ging man ausgangs des 18. Jahrhunderts in Mitteleuropa zur Wiederaufforstung und Waldbewirtschaftung über. Dennoch kam es über die Jahrhunderte zu einem drastischen Rückgang der Waldbestände. (Vgl. N.N. 1997: Der Wald - Lebensraum ... )

 

Versucht man die Ergebnisse der Entwicklung und Tätigkeit der Bürger mittelalterlicher Städte aus ökonomischer Sicht zusammenzufassen, wird folgendes deutlich:

 

- Das maßgebliche Denken der Bürger und der anderen Bewohner dieser Städte war bedürfnisorientiert, wobei im existentiellen Interesse und zur Förderung von Handel und Gewerbe die Befriedigung der (als notwendig erkannten) gemeinschaftlichen Bedürfnisse als primär betrachtet wurde. In den Städten konnten dennoch wesentlich mehr private und persönliche Bedürfnisse befriedigt werden als je zuvor unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen – und dies bei einem stetig wachsenden Anteil der Stadtbewohner an der Gesamteinwohneranzahlen.

 

- Das Hauptmittel zur Existenzsicherung und zur besseren Befriedigung der Bedürfnisse war – soweit dies als notwendig erkannt wurde – in umfassender Weise ökonomischer Natur. Auf Basis der selbst erarbeiteten und erwirtschafteten Mittel bestand es in der Suche nach den rationellsten Wegen zur Bedürfnisbefriedigung, und zwar sowohl durch die private Gestaltung der eigenen Wohn- und Arbeitswelt als auch durch die gemeinschaftliche Schaffung einer rationellen Stadtstruktur. Natürlich wurde dieses Mittel rationelle Bedürfnisbefriedigung nicht in solch verallgemeinerter Form ausgedrückt; die praktizierte ökonomische Verhaltensweise entsprach einfach dem gesunden Menschenverstand! Existentiell notwendige und für alle zweckmäßige gemeinschaftliche Planungen und Veränderungen der Stadtstruktur sowie eigenständiges privates Verhalten bildeten eine sinnvolle Einheit zur wirksamen Gesamtentwicklung der Stadt.

Wenn man das Ergebnis dieses bürgerlichen Städtebaus aus der Sicht der Bewohner und Nutzer betrachtet, wenn man etwa ihren Wege- und Zeitaufwand zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse heute nachvollzieht, dann hätten zu jener Zeit die Straßenführungen, die Standortwahl des Marktes und der verschiedenen gemeinschaftlichen Einrichtungen im Sinne der Bewohner kaum besser vorgenommen werden können. Es sei jedoch ergänzt, dass es sich bei der Wahl von Standorten für Einrichtungen und Gebäude, wie wir sie am Ausgang des Mittelalters vorfinden, nicht immer um bewusste Planung handeln muß; vielfach haben sich Standorte erst im Nachhinein sowohl für den privaten Nutzer als auch für die Masse die Bedürfnisträger gleichermaßen als zweckmäßig erwiesen, nachdem sich ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage ergab.

 

-  Das angewandte ökonomische Prinzip, um die aus der Gemeinschaft zusammengetragenen Mittel in ihrem Sinne möglichst rationell zu verwenden, war das Haushaltsprinzip. Aber die mittels der städtischen Haushaltsführung zu lösenden Aufgaben waren sehr vielfältig. Sie unterschieden sich auch in ihrem ökonomischen Charakter. Neben den Tagesaufgaben gab es unter ihnen stets auch solche, die umfangreiche Aufwendungen und ein sehr langfristiges ökonomisches Denken im Sinne der ständigen Verfügbarkeit bestimmter Bauwerke erforderten. Betrachtet man alle gemeinschaftlich, privat und persönlich (etwa von den im Baugewerbe Tätigen für sich selbst) errichteten Bauwerke und Gebäude zusammen, so kann festgestellt werden, dass sich ein erheblicher Anteil des Reichtums in den Städten in diesen gebauten Gebrauchswerten manifestierte. Die je Bewohner verfügbaren gebauten Werte nahmen im Verlaufe der Jahrhunderte zu. Städtisches Leben brachte nicht nur relative Sicherheit, sondern auch mehr Wohlstand für die meisten ihrer Bewohner.

 

- Die Frage, inwieweit die aus den rationelleren Stadtstrukturen erwachsende hohe Zeitökonomie den Bewohnern der Städte auch zugute kam, d. h., ob die Menschen überhaupt über genug freie Zeit verfügten, um die Angebote städtischer Lebensweise zu nutzen, beantwortet sich aus ihrer damaligen Lebenseinstellung. "Anfang des 19. Jahrhunderts galt das Arbeiten über das erforderliche Maß hinaus entweder als Habgier und Geiz oder als Zeichen von Armut. Erst später begann die Glorifizierung von Arbeit als Lebenssinn. Allerdings fühlten sich schon damals engagierte Honoratioren stark überlastet. Im Unterschied zu heute, da ebenfalls über Stress geklagt wird, brachten die Menschen aber erheblich mehr Zeit für das Gemeinwohl auf." (Scarpa 1997) Erst im Verlaufe der Industrialisierung wurden infolge verändernder Umstände jene langen Arbeitszeiten erzwungen und jene Methoden der Ausbeutung angewandt, die für den Manchester-Kapitalismus kennzeichnend waren.

 

- Reine Geldgeschäfte (Wucher) sowie die vordergründige Ansammlung von Reichtum in Form von Geld, Edelmetallen und Edelsteinen spielten beim Bürgertum über viele Jahrhunderte eine nachgeordnete Rolle. Sein Reichtum spiegelte sich vor allem innerhalb der Städte selbst wieder, und dies nicht nur im privaten Sinne. Der erworbene Reichtum diente auch der Förderung von Wissenschaft, Kunst und Literatur. Die Gemeinschaftlichkeit in den bürgerlichen Städten förderte in bisher nicht gekanntem Maße Individualität und war die wesentliche Grundlage für die Herausbildung jener Kulturepoche, die bereits im 16. Jahrhundert als Renaissance bezeichnet wurde. Solange sich das Bürgertum selbst in feudaler Abhängigkeit befand, war das Streben nach verbesserter Bedürfnisbefriedigung und nach eigener Identität über Jahrhunderte das Primäre. Die Kultur der Renaissance war überwiegend städtisch!

 

 

 

4. Die Bürgerstadt als gemeinschaftliches Lebenssystem

Nach meinem Versuch, mittelalterliche bürgerliche Städte aus neuer Sicht, insbesondere aber aus einer umfassenderen ökonomischen Betrachtung heraus, zu beschreiben, erhebt sich die Frage, wie wohl solche Städte in ihrer Gesamtheit zu definieren sind. Werner Sombart hat sich in seinem umfassenden Werk "Der moderne Kapitalismus" auch mit den verschiedenen Sichtweisen zur Definition der Stadt befasst. Er führt verschiedene Definitionen anderer Autoren an. Im Kapitel "Zur Theorie der Städtebildung" gelangt er schließlich zur folgenden eigenständigen Aussage:

 

"Ich definiere: eine Stadt im ökonomischen Sinne ist eine größere Ansiedlung von Menschen, die für ihren Unterhalt auf die Erzeugnisse fremder landwirtschaftlicher Arbeit angewiesen ist." (Sombart 1919, I, 128)

 

Für die vorliegenden Untersuchungen ist Sombarts Vorschlag insofern bedeutsam, weil er eine Definition im ökonomischen Sinne vorlegt. Das Ergebnis seiner Bemühungen halte ich aber in mehrfacher Hinsicht für unzureichend:

 

- Erstens: Dass eine Stadt eine Ansiedlung ist, auch eine größere Ansiedlung, kann nicht bezweifelt werden, aber dies besagt sehr wenig. Zudem ist die Aussage auch keine ökonomische. Einzig der Hinweis auf die Arbeitsteilung steht in Beziehung zum ökonomischen Hintergrund der Entstehung von Städten. Nach der Sombartschen Definition bleibt offen, was eine Stadt in ihrer Eigenständigkeit, was sie insbesondere für ihre Bewohner und was sie für eine neue Qualität darstellt. Seine Sicht ist eine äußere. Er sagt lediglich, dass in eine Stadt landwirtschaftliche Produkte hineingebracht werden müssen, damit sie überleben kann.

 

- Zweitens: Nach Sombart ist eine ökonomische Definition der Stadt nur eine von mehreren möglichen. Dem sei nicht widersprochen. Aber müsste es der Wissenschaft nicht endlich darum gehen, die für die gesellschaftliche Entwicklung bestimmende Definition einer Stadt zu finden? Da Sombart den Untertitel seines Werkes "Historisch-systematische Darstellung des gesamteuropäischen Wirtschaftslebens von seinen Anfängen bis zur Gegenwart" nennt, halte ich die Frage nach der Berechtigung einer solch dominierenden Definition für nahe liegend. Sollte mein Anliegen unterstützt werden, dann geht es wohl um eine gesellschaftliche (d. h. um eine auf die gesellschaftliche Entwicklung bezogene) Definition der Stadt. Und innerhalb einer solchen Definition könnte das Ökonomische als das entscheidende Mittel fungieren.

 

- Drittens: Die Definition der Stadt nach Werner Sombart ist zeitlos. Es könnte aber sein, dass eine Stadt moderner Prägung anders zu definieren ist als eine vor Jahrhunderten entstandene. In einer Anmerkung verweist er selbst auf diese Umstand:  "Ich meine, man versperrt sich jeden Weg zum Verständnis des inneren Wesens der mittelalterlichen Stadt, wenn man sie der modernen Stadt gleich ... stellt ..." (ebd., 180/181, 2. Fußnote). Ferner könnte es in Abhängigkeit von ihren Funktionen große strukturelle Unterschiede zwischen den Städten gegeben haben und noch geben, die bei der Definition zu berücksichtigen sind. So sah eine Stadt, deren Hauptfunktion es war, Bischofssitz zu sein, eben anders aus als eine bürgerliche Stadt. Darüber hinaus könnte die städtische Struktur, die sich aus dem Entstehungsanlass zur Zeit der Stadtgründung ergab, im Verlaufe der Jahrhunderte verwischt worden sein. Viele Städte könnten sich trotz unterschiedlicher Entstehungsanlässe strukturell angeglichen haben. Sombart stellt dazu selbst fest, dass "offenbar ... die Darstellung vom Werden und Wesen der 'Stadt' ganz verschieden" zu gestalten ist (vgl. ebd., 129). Von der Wissenschaft müsste aber gefordert werden, historische Städte zuallererst dahingehend zu untersuchen, inwieweit sie die weitere gesellschaftliche Entwicklung wesentlich beeinflussten. Die Konzentration meiner Untersuchungen auf mittelalterliche bürgerliche Städte, auf Bürgerstädte, soll diesem Anliegen dienen. In der Tat waren jene Städte für ihre Zeit typisch und für die weitere gesellschaftliche Entwicklung sicherlich auch bestimmend.

 

- Viertens: Werner Sombart gibt keine spezifische Definition des Begriffes Ökonomie an. Auch er geht offensichtlich von einer prinzipiellen Gleichsetzung von Ökonomie und Wirtschaftlichkeit aus. Die heute üblichen Begriff Stadtökonomie und Städtebauökonomie verwendet er allerdings zu seiner Zeit noch nicht, wohl aber spricht er von Stadtwirtschaft. Er sieht "die Eigenart der Stadtwirtschaft" im "System der handwerksmäßigen Wirtschaftsverfassung", die "Bestimmungen" enthielt, um "den gewerblichen Erzeugnissen der städtischen Produzenten den Absatz draußen im Lande oder in der Ferne" zu sichern (vgl. ebd., 186). Daraus lässt sich folgern, dass er den Begriff Stadtwirtschaft auf die in der Stadt wirtschaftlich Tätigen bezieht, nicht aber auf ganzheitliche Entscheidungen zur Stadtentwicklung, d. h. nicht auf jene ökonomische Problematik, die sich aus dem Einsetzen von Mitteln des städtischen Haushalts zur Realisierung gemeinschaftlicher städtischer Vorhaben ergibt. Genauso wenig, wie Landwirtschaft das Wirtschaften des Landes ausdrückt, sondern das Wirtschaften auf dem Lande, so betraf der im Mittelalter übliche Begriff Stadtwirtschaft nicht das Wirtschaften der Stadt, sondern Wirtschaften in der Stadt.

 

 

Aus Kritik der ökonomischen Definition der Stadt von Werner Sombart kann allgemein abgeleitet werden, dass die Definition eines von Menschen geschaffenen und genutzten eigenständigen komplexen Gebildes mehrere grundsätzliche Aspekte berücksichtigen müsste, zumindest aber den (gesellschaftlichen) Zweck der Existenz dieses Gebildes und die (ökonomische) Basis seiner Entstehung, Entwicklung und beschränkten Existenz.

 

Ausgehend von meinen bisherigen Darlegungen könnte man eine mittelalterliche bürgerliche Stadt zusammenfassend wie folgt charakterisieren:

 

Eine mittelalterliche bürgerliche Stadt war offensichtlich etwas Ganzheitliches, etwas selbständig Existentes, nach außen sogar relativ Abgeschlossenes. Ausgehend vom allgemeinen wissenschaftlichen Sprachgebrauch können wir heute sagen: Sie war ein System. Von einem System spricht man aus allgemeiner Sicht und kürzester Ausdrucksweise, wenn es sich um "ein in sich geordnetes Ganzes" handelt (vgl. Aktuelles Universal-Lexikon ..., 852). Die Ordnung des Systems besteht in der Struktur, die als "Aufbau, innere Gliederung; Anordnung einzelner Teile in einem Ganzen" verstanden wird (vgl. ebd., 841).

 

Wenn wir die mittelalterliche bürgerliche Stadt als System spezifizieren wollen, wenn es also um die Bestimmung des Systemtyps geht, dann ist sie mit all ihren Bauwerken auf jeden Fall ein materielles System. Aber zur Stadt gehören auch die Menschen, die sie bewohnen, erhalten und verändern. Ein Teil der Veränderungen der Stadt kam nach gemeinsamen Entscheidungen ausgehend von langfristigen Vorstellungen zustande. Die anderen Veränderungen erfolgten durch selbständige Handlungen der Bewohner. Sie waren lang- oder kurzfristig angelegt, privat geplant oder kamen zufällig zustande; sie ergaben sich in Abhängigkeit von gemeinsamen Entscheidungen, durch äußere Einflüsse oder in Reaktion auf Maßnahmen anderer Personen. Insofern war die Bürgerstadt auch ein dynamisches System, dessen Veränderungen sich aus der Einheit von geplanten Veränderungen und Selbstentwicklung ergaben. Aber der Fakt, dass die mittelalterliche bürgerliche Stadt ein materielles und dynamisches System zugleich ist, kann nicht als etwas Typisches bezeichnet werden. Dieser Umstand gilt für jede Stadt.

 

Eine Besonderheit der mittelalterlichen bürgerlichen Stadt war, dass sie auf besondere Weise ein gemeinschaftliches System bildete, d. h., sie entstand durch den Willen von Handwerkern und Kaufleuten, die bereit waren, jene Mittel zusammenzutragen, die für die Nutzung des städtischen Grundes, für den Bau gemeinschaftlicher Gebäude und baulicher Anlagen sowie für das Funktionieren ihres Gemeinwesens und dessen Schutz erforderlich waren. Das qualitativ Neue gegenüber anderen Formen der Städtegründung war, dass sie ausgehend von gemeinsamen Interessen auf freiwilliger Basis und aus Einsicht in die historischen Gegebenheiten auf eine Weise erfolgte, bei der die gemeinschaftlichen baulichen Lösungen dominierten.  Dies führte zu einem bedingt demokratischen Gemeinwesen – bedingt insofern, weil jene Bewohner der Stadt, die kein Bürgerrecht besaßen, aus der Entscheidungsfindung ausgeschlossen waren. Andererseits hing der Einfluss der einzelnen Bürger auf Entscheidungen zur Stadtentwicklung wesentlich von ihrem finanziellen Beitrag zum städtischen Haushalt ab. Entscheidend für die Stadtentwicklung war aber, dass die Bürger selbst bestimmt über sie entschieden – ohne direkte äußere Beeinflussung etwa durch fremde Grundherren.

 

Aber welchem Zweck diente letztlich die mittelalterliche bürgerliche Stadt? Aus der Sicht der Bürger ging es um den Aufbau einer dauerhaften privaten Existenz. Dies jedoch konnte nur über eine gemeinschaftliche bauliche Lösung und nicht ohne jene Menschen erreicht werden, die keine Bürgerrechte besaßen. Die bauliche Lösung musste deshalb so beschaffen sein, dass sie – entsprechend dem damaligen Erkenntnisstand – all ihren Bewohnern die Voraussetzungen für Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten, für persönliche, private und gemeinschaftliche Entwicklung bot. Darüber hinaus sollte die Stadt auch die Gewähr bieten, bei äußeren Gefahren gemeinschaftlich zu überleben. Damit musste die mittelalterliche bürgerliche Stadt ein gemeinschaftliches Lebenssystem sein, ein System zum gemeinschaftlichen Leben und Überleben. Dies ist meines Erachtens die grundlegende Aussage, von der im Weiteren ausgegangen werden kann.

 

Welche Besonderheiten besaß dieses gemeinschaftliche Lebenssystem mittelalterliche bürgerliche Stadt?

 

Die historische Grundlage für die Entstehung der mittelalterlichen bürgerlichen Städte waren die feudalen gesellschaftlichen Verhältnisse, insbesondere der Privatbesitz der Feudalherren an Grund und Boden sowie an Leibeigenen. Die Leibeigenen hatten die Möglichkeit, auf gepachteten Böden der Grundherren eigenständig zu produzieren, was zu einer höheren Produktivität als unter Sklavenhalterbedingungen und damit zum Freisetzen landwirtschaftlicher Arbeitskräfte führte. Diese spezialisierten sich zu privaten Handwerkern oder waren als Händler tätig. Auf den Märkten verkauften sie ihre handwerklichen Erzeugnisse und kauften Nahrungsmittel. Die Märkte mussten zentral liegen, um für möglichst viele Bauern zeitlich günstig erreichbar zu sein. Die Märkte stützten einerseits die Möglichkeit, private handwerkliche Existenzen aufzubauen, andererseits gab es einen objektiven Zwang, diese Existenzen gemeinschaftlich zu sichern. Auf diese Weise wurden sie zu Ausgangsstandorten für bürgerliche Stadtgründungen. Durch das Angebot an besseren und preiswerten Produkten auf den städtischen Märkten wurden die handwerklichen Erzeugnisse unentbehrlich für die Bauern der Umgebung.

 

Fasst man das Dargelegte zusammen, so ergibt sich als ökonomische Ursache der Entstehung, Entwicklung und beschränkten Existenz der mittelalterlichen bürgerlichen Städte: Es war zwar die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität, die eine Spezialisierung in der Herstellung von Nahrungsmitteln und handwerklichen Erzeugnissen ermöglichte; aber letztlich führten die existentiellen und wirtschaftlichen Bestrebungen der Handwerker und Kaufleute sowie ihre privaten Erfolge zur Entstehung der mittelalterlichen bürgerlichen Städte, zu ihrer Entwicklung und – wie in einem gesonderten Beitrag zu zeigen wäre – auch zu ihrer weitgehenden Auflösung. Aber beides führte in einem langwierigen historischen Prozess wechselseitiger Beeinflussung zur "Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land".

 

Die Leistungsfähigkeit von Handwerk und Handel in ihrer Gesamtheit war der eine grundsätzliche ökonomische Aspekt, der die mittelalterlichen bürgerlichen Städte gegenüber anderen hervorhob; der andere bezog sich auf die Art und Weise des Einsatzes der erarbeiteten Mittel zur Schaffung und Erhaltung der privaten und gemeinschaftlichen Lebens- und Arbeitsbasis. Dieser Aspekt drückte sich in jener beschriebenen rationellen Struktur der bürgerlichen Städte aus, die aus der verständlichen Haltung der Handwerker und Kaufleute erwuchs, so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig ihrer Mittel für Gemeinschaftliches einzusetzen. Es ging insbesondere um die Nutzung oder den Kauf des Stadtgrundes, um die Existenzsicherung, um die Verwaltung und um die Förderung des überstädtischen Handels. Dieses rationelle Verhalten und Handeln zum Einsatz gemeinschaftlicher Mittel und Kapazitäten führte wiederum zu günstigen Voraussetzungen für das weitere private Wirtschaften und für die Entwicklung der Städte.

 

Alle Gebäude und baulichen Anlagen, und zwar sowohl die privaten als auch die gemeinschaftlichen, wurden in den bürgerlichen mittelalterlichen Städten dauerhaft gebaut – im Sinne der eigenen Generation und der folgenden. Eine höhere Bauqualität ermöglichte geringere Erhaltungsaufwendungen und eine Verzögerung des notwendigen Ersatzes der Bauwerke. Das war auch deshalb anzustreben, weil ein Ersatz eines Gebäudes am selben Standort infolge der rationellen Stadtstruktur nur sehr schwer zu realisieren war. Man baute für sich selbst und deshalb in hoher Qualität, dauerhaft und zur Selbstdarstellung.

 

Aus den genannten Aspekten zur Entstehung und Entwicklung der Bürgerstädte leitet sich zunächst folgende komplexe Definition ab, die ich nachfolgend präzisieren werde:

Eine mittelalterliche bürgerliche Stadt ist ein durch feudale Besitzverhältnisse ermöglichtes, auf der Basis von privatem Handwerk und von Handel existierendes, zentral und dauerhaft gebautes sowie rationell strukturiertes gemeinschaftliches Lebenssystem, das auch regionale Funktionen ausübt.

 

Die erwähnten regionalen Funktionen bedeuten, dass mittelalterliche bürgerliche Städte mit ihrem Angebot an handwerklichen Produkten und als Handelsplatz zugleich auch Bestandteil ihres umfassenderen regionalen Lebenssystems waren, innerhalb dessen sie im Tausch die Menschen der Umgebung mit versorgten und von ihnen mit Nahrungsmitteln versorgt wurden.

 

Durch die komplexe Definition wird noch nicht gesagt, worin die Überlegenheit der mittelalterlichen bürgerlichen Städte gegenüber ihren Vorgängern sowie gegenüber der feudalistischen Lebensweise bestand und weshalb sie für die weitere gesellschaftliche Entwicklung bestimmend wurden. Ihre sich historisch herausbildende Überlegenheit hatte meines Erachtens zwei grundlegende Ursachen, zum einen die aus der rationellen Struktur der Städte resultierende rationelle Funktionsweise, zum zweiten die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Handwerker in den Städten infolge ihrer Spezialisierung und ihrer Organisiertheit in Zünften. Beides im Wechselspiel konnte eine hohe ökonomische Leistungsfähigkeit einer Stadt in ihrer Gesamtheit bewirken. Um dies zu verdeutlichen, reicht es, die in der komplexen Definition genannten Aspekte in ihrem Zusammenhang zu betrachten.

 

Zunächst kann festgestellt werden, dass jeder der genannten Aspekte für sich und alle in Wechselwirkung miteinander zu der eingangs von mir erläuterten rationelleren Bedürfnisbefriedigung beitrugen. Es waren dies die gestiegene Produktivität der leibeigenen Bauern und der städtischen Handwerker, ferner die rationelle Form der lokalen und regionalen Handelstätigkeit auf zentral gelegenen Marktplätzen, die rationelle Struktur der Städte selbst und die Qualität sowie die Dauerhaftigkeit der Bauwerke. Die sich in den Städten ausbildende Gemeinschaft ermöglichte zudem jene bedingt demokratischen Entscheidungen zur selbst bestimmten Entwicklung der Städte. Selbst dieser Entscheidungsprozess hatte positive ökonomische Auswirkungen, denn das gemeinsame Vorgehen zur Entscheidungsfindung reduzierte kostspielige Fehlentscheidungen und führte zu einer größeren Akzeptanz der Lösungen.

 

Das rationelle Vorgehen zur Sicherung der Funktionstüchtigkeit der Städte war aber auch zugleich eine Voraussetzung für die Bürger, um ihre Produktions- und Handelstätigkeit auszubauen, und aus dem erfolgreichen Wirtschaften in den bürgerlichen Städten sowie aus dem rationellen Verwenden der erarbeiteten Mittel erwuchsen später die Möglichkeiten, einen wachsenden Anteil an Mitteln für die Förderung von Kunst und Wissenschaft, für die ästhetische Gestaltung der Gebäude, für die Schaffung eigenständiger architektonischer und anderer Kunstwerke einzusetzen. Erst auf der Basis der großen ökonomischen Leistungsfähigkeit der Städte konnte die Renaissance entstehen.

 

Die beiden Arten von ökonomischen Leistungen, die in den Bürgerstädten erbracht wurden, jene zur Schaffung einer rationell strukturierten, auf Dauerhaftigkeit gebauten funktionstüchtigen Stadt sowie jene marktorientierte Tätigkeit, haben insoweit einen prinzipiell unterschiedlichen Charakter, als sie aus der Sicht der Bürger der Stadt objektiv unterschiedlich ökonomisch zu bewerten waren. Während es bei den "Leistungen für sich selbst" um Qualität, wenn möglich sogar um einen hohen gestalterischen Anspruch sowie um geringe Erhaltungs- und Nutzungsaufwendungen der Bauwerke ging, letztlich also um ihre lange Verfügbarkeit, interessierte bei den Erzeugnissen, die über den Markt verkauft werden sollten, vor allem die produzierte Menge und der aus dem Verkauf erzielbare Preis. Hinsichtlich der Bewertung der Leistungen der erstgenannten Art interessierten primär die Bauwerke mit ihren Eigenschaften selbst, erst an zweiter Stelle der erforderliche Bauaufwand; bei der Bewertung der Leistungen der zweiten Art ging es dem Handwerker und dem Händler primär um das finanzielle Ergebnis auf dem Markt, das dann besonders günstig war, wenn die Erzeugnisse im Vergleich zu anderen Anbietern möglichst rationell hergestellt worden waren. Im erstgenannten Falle dominierte vor allem die gebrauchswertmäßige, im letztgenannten die wertmäßige Seite. Natürlich schließt die Dominanz der gebrauchswertmäßigen Seite nicht aus, dass sich die Stadt trotz Orientierung auf vorgegebene Qualität und lange Nutzungsdauer der Bauwerke gleichfalls um rationellere Bauweisen bemühte.

 

Zusammengefasst geht es den Bürgern einerseits um jenen Reichtum an gebauter Substanz, deren Wert zwar über den Aufwand an Arbeitszeit bestimmt werden kann, der aber marktwirtschaftlich nicht relevant ist; andererseits möchten sie natürlich durch einen hohen Umsatz ihrer Waren einen möglichst großen Gewinn erzielen – selbstverständlich um ihre privaten und gemeinschaftlichen Lebensverhältnisse weiter zu verbessern, also um ihre Stadt zu erhalten und weiter auszubauen, ferner aber auch um die Produktion und den Handel zur Sicherung ihrer Konkurrenzfähigkeit auszudehnen.

 

Für beide von mir beschriebenen Arten von Leistungen gab es weitere Besonderheiten zu beachten:

Fahrlässiges oder fehlerhaftes Bauen bzw. Fehlwirkungen, die aus der Nutzung des Gebauten resultierten, konnten sich auf die Gemeinschaft der Stadtbewohner insgesamt auswirken und existentielle Gefahren für die Stadt heraufbeschwören. Deshalb bemühten sich die mittelalterlichen Städte, solche Gefahren, wie sie z. B. durch Stroh- und Holzschindeldächer bei Gebäudebränden für die ganze Stadt entstehen konnten, über die Einführung von Bauordnungen von vornherein weitgehend zu vermeiden. Es galt – trotz aller Bemühungen um den rationellen Einsatz der Haushaltsmittel –, die Stadt stets in ihrer Ganzheit, Gesamtheit und Funktionstüchtigkeit zu sehen. Ähnliches betraf den Verschleiß der Bausubstanz. Kleinere Bauschäden wurden möglichst schnell beseitigt, um umfangreichere Folgeschäden zu verhindern. Bezogen auf die Bausubstanz ging es aus heutiger ökonomischer Sicht um das Ergebnis aus der Reproduktion: um die ständige Verfügbarkeit an Bausubstanz nach Art, Umfang und Qualität, und zwar sowohl im gesamtstädtischen Rahmen als auch für den einzelnen Bewohner.

 

Anders verhielten sich die Bürger im marktwirtschaftlich gebundenen Produktionsprozess. Mögliche Nutzungsdauer und Qualität eines Erzeugnisses sowie Nebenwirkungen aus seiner Nutzung waren nachgeordnet. Es dominierten das Ergebnis der Produktion und der Absatz der Erzeugnisse, also die Menge an Erzeugnissen, ferner ein möglichst geringer Aufwand bei ihrer Produktion und schließlich der auf dem Markt erzielte Preis. Insgesamt aber ging es um einen hohen privaten Gewinn. Die Rationalisierung der Produktion diente genau diesem Zweck. An dieser Denkweise hat bis heute wenig verändert.

 

Auch in ökologischer Hinsicht wurde in den mittelalterlichen Städten durch die Belastung der umgebenden Natur mit Abprodukten und durch die Abholzung eines erheblichen Anteils an Wäldern in Mittel- und Südeuropa ein Vorgehen praktiziert, das den Eigennutz städtischer Lebens- und Produktionsweise über die Erhaltung der ursprünglichen natürlichen Lebenswelt stellte.

 

Wieweit notwendiges ganzheitliches Denken die Bürger der mittelalterlichen Stadt betraf, zeigen auch die Epidemien, die viele Städte über Jahrhunderte zeitweise fast entvölkerten. Das Nichterkennen der Ursachen vor allem von Pest und Cholera verweist darauf, dass sich eine Gemeinschaft von Menschen um das Erkennen all ihrer objektiv gegebenen gemeinschaftlichen Bedürfnisse kümmern und entsprechend handeln muss, wenn sie überleben will. Es beweist das Primat der Befriedigung bestimmter (insbesondere auch nichtmarkwirtschaftlich gebundener) Bedürfnisse gegenüber allen ökonomischen Überlegungen. Wenn nach rationellen gemeinschaftlichen Lösungen gesucht wird, müsste die Frage im Vordergrund stehen, inwieweit allen wesentlichen objektiv gegebenen Bedürfnissen entsprochen wird.

 

Aus dem Dargelegten wird deutlich, dass es offensichtlich nicht ausreicht, das Rationelle nur im Spezifischen zu suchen. Gerade wenn man eine Stadt in ihrer Gesamtheit betrachtet, wird sehr schnell offenkundig, dass ein überzogenes rationelles Vorgehen die Funktionstüchtigkeit oder gar die Existenz der Stadt gefährden kann, etwa wenn die Befestigungen um die Stadt nicht ausreichten oder unzureichend erhalten werden, wenn der Marktplatz zu klein und die Zufahrtsstraßen zu ihm zu eng gewählt wurden oder wenn keine technischen Netze vorhanden sind. Es bedarf stets der Sicht auf die Stadt als Ganzes, damit kleine Versäumnisse nicht verheerende Fehlwirkungen auslösen. Deshalb ist es auch nur aus der Gesamtsicht der Stadt möglich zu beurteilen, was für sie objektiv erforderlich ist, welche Bedürfnisse also wirklich bestehen und was an Rationalität im Spezifischen akzeptiert werden kann. Erst aus der Gesamtsicht kann man zu einer Gesamtrationalität gelangen, und diese Gesamtrationalität muss, falls erforderlich, natürlich auch spezifische rationelle Lösungen dominieren können.

 

 

Damit können aus den Erfahrungen der mittelalterlichen bürgerlichen Städte einige allgemeine Folgerungen zur Systemproblematik allgemein fixiert werden:

 

1. Rationalität ist an die Bedürfnisse der Menschen zu binden, insbesondere auch an die existentiellen Bedürfnisse. Die Bedürfnisse aber sind an jene realen Systeme gebunden, innerhalb deren die Menschen leben: an ihre Lebenssysteme. Zu diesen Systemen gehören zumindest das jeweilige lokale, das jeweilige regionale und das globale Lebenssystem. Die von den Menschen verursachten Fehlwirkungen im Prozess der Produktion und Konsumtion betreffen auf jeden Fall eines der genannten Lebenssysteme.

 

2. Je mehr die jeweilige Gemeinschaft für Besitz und Eigentum verantwortlich ist, insbesondere bezogen auf ihre natürlichen Lebensgrundlagen sowie auf die langlebigen Erzeugnisse für die Produktion und Konsumtion, um so größer ist die Chance, dass Fehlwirkungen aus Produktion und Konsumtion von vornherein verhindert werden können; umgekehrt muss bei einem wachsenden Anteil an Privatbesitz und Privateigentum infolge des Marktmechanismus mit einem Anstieg von Fehlwirkungen gerechnet werden.

 

3. Die Fehlwirkungen von Produktion und Konsumtion sowie jene Verluste aus der Vernachlässigung bereits verfügbarer Gebrauchswerte kann man daran messen, welcher Aufwand erforderlich ist, um – falls überhaupt möglich – den jeweiligen Ursprungs- oder einen Vergleichszustand herzustellen. Das Versäumen der Reproduktion bzw. der Renaturierung bedeutet ein Verschulden an der Nachwelt, ein Belasten unserer Nachfahren mit Aufgaben, für deren Lösung sie an sich nicht verantwortlich sind, aber deren Nichtlösung ihre Existenz gefährden kann! Um realistisch die Leistungen der heutigen Generation einzuschätzen, müssten wir die heute geschaffenen Werte jenen Belastungen gegenüberstellen, die wir künftigen Generationen hinterlassen.

 

4.  Erst aus der einheitlichen Beherrschung von Komplexität und Spezifik erwächst die Möglichkeit zur bestmöglichen Veränderung und Gestaltung des Ganzheitlichen. Verallgemeinert könnte man sagen: Jene Lebenssysteme, die unter allseitiger Berücksichtigung der Bedürfnisse ihrer Bewohner in ihrer Gesamtheit am rationellsten arbeiten, schaffen für sich zugleich die besten Leistungs- und Entwicklungsvoraussetzungen. Damit werden neue kreative Lösungen ermöglicht, die noch zu höherer Gesamtrationalität führen können.

 

Sucht man nun aus der oben angeführten komplexen Definition noch einmal das Wesentliche, so ergibt sich die folgende präzisierte Definition:

 

Die mittelalterliche bürgerliche Stadt ist ein auf der Basis handwerklicher Produktion existierendes lokales rationelles gemeinschaftliches Lebenssystem.

 

Dass in der präzisierten Definition der Handel nicht mehr erscheint, lässt sich damit begründen, dass er eben nur ein Mittel darstellt, um die Produktionsergebnisse des Handwerks gegen die aus der agrarischen Produktion sowie untereinander auszutauschen. Ohne die spezialisierte Produktion gäbe es keinen Handel! Die handwerkliche Produktion stellt also in der Tat die Grundlage für die Existenz der mittelalterlichen bürgerlichen Städte dar!

 

 

 

 

 

5. Schlussbemerkungen:

    nochmals zur Problematik der Gemeinschaftlichkeit

Im vorliegenden Beitrag über Ansätze zu einer ökonomischen Entwicklungstheorie der mittelalterlichen bürgerlichen Stadt spielten drei grundlegende Begriffe die wichtigste Rolle. Es sind dies die Begriffe Gemeinschaftlichkeit, Wirtschaftlichkeit und System. Dem Begriff der Gemeinschaftlichkeit messe ich im gegebenen Zusammenhang die größte Beachtung bei – obgleich mir bewusst ist, dass die Basis für diese Gemeinschaftlichkeit in der handwerklichen Tätigkeit, im Handel und im Wirtschaftlichkeitsstreben der Bürger jener Städte zu suchen ist.

 

Das besondere Hervorheben des Gemeinschaftlichen bedarf wohl weiterer Erläuterungen. Vielleicht sollte man zunächst sogar fragen, was dem Gemeinschaftlichen naturhistorisch bzw. entwicklungsgeschichtlich zugrunde liegt.

 

Der höchste Anspruch von (mit Bewusstsein ausgestattetem) Leben ist es, zu überleben, seine Existenzbedingungen zu erhalten und seine Lebensweise so zu verbessern, dass im Bemühen zum Erreichen dieser Ziele die auftretenden Belastungen so weit wie möglich reduziert werden. Dieser Anspruch kann offensichtlich nur gemeinschaftlich angestrebt werden. Das Bemühen von bestimmten Menschen, möglichst besser zu leben als andere – auch auf Kosten anderer –, gehört meines Erachtens nicht zu den natürlichen Eigenschaften des Menschen, denn jeder einzelne Mensch weiß aus der Kenntnis seiner eigenen Entwicklung, dass es ihn ohne die Familie nicht gäbe; er weiß auch aus der Entwicklung der Menschheit, dass ohne das solidarische Prinzip, dass also ohne Gemeinschaftlichkeit zwischen den Menschen die Menschheit keine Überlebens- und Entwicklungschance gehabt hätte. Auch das Überleben der so genannten Starken war stets an eine Gemeinschaft gebunden.

 

Die mittelalterliche bürgerliche Stadt war in hohem Maße eine solche Gemeinschaft. Ohne ihre Gemeinschaftlichkeit hätte sich das Bürgertum gegenüber dem Feudaladel historisch nicht durchzusetzen können. Natürlich hatte dieses Durchsetzen einen ökonomischen Hintergrund. Die relative Freiheit, die gemeinschaftliche Geborgenheit und die steigende Produktivität der Menschen in der mittelalterlichen Stadt ermöglichten die Entwicklung der Individualität vieler ihrer Bewohner. Dass heute kaum noch diese Gemeinschaftlichkeit, sondern vor allem die individuellen Leistungen der Menschen jener Zeit gesehen werden, halte ich für eine krasse Fehldarstellung der wirklichen Zusammenhänge. Sie resultiert meines Erachtens aus dem heute individualistischen Dominieren des Wirtschaftlichen. Als erfolgreich gilt und über Ansehen verfügt, wer über seine Tätigkeit großen Reichtum erworben hat. Man denke an Bill Gates, dem Gründer von Microsoft-Corporation. Mit dem Anhäufen großen privaten Reichtums und dem konkurrenzbedingten Streben nach immer mehr Reichtum wurde aus dem einstigen Mittel, wurde aus dem Wirtschaftlichkeitsprinzip, das heute die Gesamtentwicklung tendenziell bestimmende Prinzip, wurde die Gier nach noch mehr Reichtum zum Selbstzweck und entwickelte sich bei vielen Menschen statt Individualität jener Individualismus, der – über gemeinschaftliche und gesellschaftliche Interessen hinweg – als anstrebenswertes privates Erfolgsgeheimnis der heutigen Zeit gilt. Diese Denk- und Herangehensweise äußert sich in zunehmender Privatisierung und Kommerzialisierung, vor allem auch in den Städten.

 

Die eigenen Erfahrungen aus der bürgerlichen Stadtgeschichte sprechen gegen die Richtigkeit dieser individualistischen Denk- und Lebensweise. Die größten Gefahren für die mittelalterliche bürgerliche Stadt kamen – wie ich darlegte – unerwartet von innen, weil bestimmte gemeinschaftliche Bedürfnisse als solche nicht oder erst nach sehr schlimmen Erfahrungen erkannt und anerkannt wurden. Auch heute könnten die größten Gefahren für die Menschheit aus dem Inneren unserer Gesellschaft kommen. Und wenn unsere im globalen Rahmen objektiv gegebenen gemeinschaftlichen Bedürfnisse nicht als solche erkannt werden, wenn ihnen durch gemeinschaftliches Vorgehen nicht entsprochen wird, dann dürften die existentiellen Gefahren für die Menschheit tendenziell zwangsläufig weiter zunehmen. Das Abwenden der existentiellen Gefahren von der Menschheit schließt aber das Herstellen der Einheit von gesellschaftlichen, gemeinschaftlichen und individuellen Interessen ein. In bestimmtem Maße könnte die mittelalterliche bürgerliche Stadt dabei ein Vorbild sein.

 

Das Erkennen der herausragenden Rolle der Gemeinschaftlichkeit in historischen Städten ist schon sehr alt. Werner Sombart zitiert diesbezüglich den Ökonomen und Soziologen Ferdinand Tönnies (1855-1936), den ersten Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Für Tönnies waren die wichtigsten Kategorien Gemeinschaft und Gesellschaft (vgl. Ökonomisches Lexikon L-Z, 1971, 828). Sombart zitiert Tönnies aus "Gemeinschaft und Gesellschaft usw. § 18 (2. Auflage 1912)" wie folgt: "Und so ist auch die Stadt nach der aristotelischen Beschreibung ... ein sich selbst genügender Haushalt, ein gemeinschaftlich lebender Organismus. ... ihrem Dasein nach muss sie als Ganzes betrachtet werden ... So ist sie mit ihrer Sprache, ihrem Brauch, ihrem Glauben wie mit ihrem Boden, ihren Gebäuden und Schätzen ein Beharrendes, das die Wechsel vieler Generationen überdauert und teils aus sich selber, teils durch Vererbung und Erziehung ihrer Bürgerhäuser wesentlich gleichen Charakter und Denkungsart immer aufs Neue hervorbringt." (Vgl. Sombart 1919, I, 180)

 

Zu diesem Zitat von Ferdinand Tönnies ergänzt Werner Sombart: "In der Tat, in diesen Worten liegt der Hinweis eingeschlossen auf jene Idee, aus der heraus allein das wahre Wesen dieser seltsamen Gebilde des Mittelalters, die wir Stadt nennen, begriffen werden kann: auf die Idee der Gemeinschaft, die wir nicht nur in die Dinge, um deren Erkenntnis uns zu tun ist, hineintragen, die also in diesem Falle nicht nur als philosophisches Hilfsmittel unserer Betrachtung erscheint, die vielmehr die Zentralsonne (!) darstellt, von der alles, was in der mittelalterlichen Stadt geschah, das Leben erhielt, weil sie als tatkräftige Idee die Seelen der Einwohner und gewiss derer erfüllte, die bestimmend in die Gestaltung des städtischen Wesens eingriffen." (Ebd., 181)

 

Werner Sombart fährt fort: "So wundersam diese Erscheinung ist, so ist sie doch durch tausendfaches Zeugnis als unzweifelhafte geschichtliche Tatsache uns verbürgt: jenes sonderbare Gemisch von Menschen ... wurde ergriffen von derselben starken Idee der Gemeinschaft, der Zusammengehörigkeit, der Gleichartigkeit in sich, der Fremdheit gegenüber allem, was draußen vor den Toren lag. ... Wieder empfand eine große Anzahl von Menschen sich als eine organische Einheit ...  Aus diesem Gemeinschaftsgefühl floss also auch wie ein natürlicher Strom die Gesamtheit der Maßnahmen, die wir als die Politik der Städte zu bezeichnen pflegen. In ihr tritt dieses starke Einheitsbewusstsein gleichsam in die Erscheinung." (Ebd., 181/182)

 

Werner Sombart fand die Erscheinung des Gemeinschaftlichen wundersam und seltsam. Aber vielleicht war dieses Gemeinschaftliche in den bürgerlichen Städten etwas objektiv Notwendiges und Zwangsläufiges, gar eine normale Entwicklung - wenn sich die Bürgerstädte historisch behaupten wollten? Denn bei allem Hervorheben dieses fast romantisch klingenden Gemeinschaftlichen darf nicht vergessen werden, dass es dafür einen existentiellen Zwang gab. Das sich entwickelnde Bürgertum befand sich Jahrhunderte lang in feudale Machtverhältnisse eingezwängt. Es war sowohl finanziell als auch rechtlich von den jeweiligen Herrschern abhängig, brauchte in Notsituationen gar ihren militärischen Schutz. Bedingte Ausnahmen bildeten die so genannten "freien" Städte.

 

Die Gemeinschaftlichkeit der bürgerlichen mittelalterlichen Stadt drückte sich vielfältig aus, und zwar materiell z. B. in ihrer baulichen Form in den gemeinschaftlichen Einrichtungen und zentralen Plätzen, im Schutz der Stadt mittels Stadtmauer, in der einheitlichen Verwaltung sowie in der gemeinsamen Errichtung gemeinschaftlicher Bauwerke. Sie äußerte sich finanziell im gemeinschaftlichen Haushalt sowie ideell in gemeinsamen Entscheidungen, im Gemeinschaftsgefühl und in der Bereitschaft zu gemeinsamen Leistungen. Letztlich war das ganze Lebenssystem Stadt Ausdruck der Gemeinschaftlichkeit. Und ohne ausreichend über die Gemeinschaftlichkeit informiert zu sein, spüren wir als Besucher jener bis auf unsere Zeit überkommenen mittelalterlichen Städte, dass sie wohl zu unseren wertvollsten Kulturgütern gehören, und zwar nicht so sehr wegen einzelner herausragender Bauwerke von hohem architektonischen Rang, sondern wegen jener anheimelnden Atmosphäre, jener Geborgenheit, die von jeder der Städte in ihrer Ganzheit ausging, und schließlich auch wegen der gestalterischen Vielfalt in den Städten. Die Struktur und Architektur jener Städte wurde in der historischen Entwicklung selbst zum Ausdruck der Einheit von Gemeinschaftlichkeit und Individualität!

 

Gemeinschaftlichkeit gab es in mittelalterlichen bürgerlichen Städten auch in sozialer Hinsicht. Obgleich es in ihnen keine sozialen Sicherungssysteme im heutigen Sinne gab und Menschen auch vom Betteln leben mussten, halfen Armenhäuser und das Honoratiorenwesen vielen Menschen bei Bewältigung ihrer sozialen Probleme. Das Honoratiorenwesen ist uns heute weitgehend unbekannt. Es war der effizient tätige Vorgänger des Beamtentums. Die Honoratioren waren nebenberuflich und unentgeltlich tätige vertrauenswürdige Persönlichkeiten, die die Situation und die Menschen im Wohnbereich kannten und von Nachbar zu Nachbar halfen. Sie konnten bei Bedarf von den Armen unmittelbar in ihrem Wohnbereich angesprochen werden (vgl. Scarpa 1995 und 1997).

 

Die Gemeinschaftlichkeit der mittelalterlichen bürgerlichen Stadt brauchte eine finanzielle Basis. Jene Bewohner der Stadt, die bauliche Lösungen im Auftrage der Gemeinschaft schufen, mussten über die erwirtschafteten Mittel von Handwerk und Handel bezahlt werden. In dieser Hinsicht war das Wirtschaftlichkeitsstreben existentielle Basis und unerlässliches Mittel der bürgerlichen Städte. Dass ihre Gemeinschaftlichkeit immer mehr verloren ging und sich zunehmend Individualismus durchsetzte, ist unumstritten. Über die Ursachen dieser Entwicklung ist sich die Wissenschaft nicht einig. Ich werde mich bemühen, in weiteren Untersuchungen der Problematik aus ökonomischer Sicht auf den Grund zu gehen. Ein Hinweis von Werner Sombart könnte die Richtung der Antwort zeigen. Sie wird markiert durch seinen gewichtigen Satz: "Am Ende des Mittelalters sind es geradezu die Handwerksinteressen, die die Interessen der Stadt schlechthin bilden." (Ebd., 187)

 

Offensichtlich hängt das Verdrängen des Gemeinschaftlichen in der mittelalterlichen bürgerlichen Stadt mit einer weiteren Frage zusammen, nämlich ob der Trend, dass das privatwirtschaftliche ökonomische Denken weiter ausgeprägt und unterstützt werden sollte, oder ob dem nutzerorientierten ökonomischen Denken im Sinne der rationellen Bedürfnisbefriedigung und der Berücksichtigung ökologischer Anforderungen die Zukunft gehört. Meines Erachtens geht es um die Akzeptanz einer Denkweise, die auch heute beim Nutzer von Erzeugnissen noch permanent vorhanden ist, die aber als ökonomischen Denken weder von der Wissenschaft noch von der Praxis anerkannt wird und die heute vom wirtschaftlichen Denken in schädlicher Weise für die Menschheit dominiert wird. Die Lösung könnte darin bestehen, dass – im höheren Sinne – künftig die Erzeuger von Gebrauchswerten zugleich ihre Nutzer sein werden, dass also ein echtes gemeinschaftliches Eigentümerverhältnis hergestellt und ein analoges Eigentümerverhalten erzeugt wird. Die Realisierung einer solchen nutzerorientierten Ökonomie könnte innerhalb von regionalen gemeinschaftlichen Lebenssystemen erfolgen, deren sinnvolle Struktur und Funktionsweise noch herauszufinden wäre.

 

Wenn wir uns heute um eine neue Sicht zur Beschreibung mittelalterlicher bürgerlicher Städte bemühen, dann sollte es nicht um Nostalgie gehen, sondern um das mögliche Übertragen von Vorbildhaftem und Nützlichem auf unsere Zeit, aber auch um das mögliche Vermeiden von Fehlern unserer Vorfahren. Bedenken wir, dass die größten Gefahren für uns – analog wie bei den mittelalterlichen Städten – aus dem Inneren unserer Gesellschaft drohen könnten, wenn auch auf ganz andere Weise!

 

Zu welch gegensätzlichen Konsequenzen beide von mir beschriebenen ökonomischen Denkweisen führen können, sollen zum Schluss zwei Beispiele belegen.

 

Während eines Urlaubs in Mittelberg im Kleinwalsertal fand ich am Haus Walserstraße Nr. 49 die folgende Inschrift: "Dieses Haus ist nicht mein Ich, nimm nur Herberg darein, denn wir thun nur wandern. Bald gehört es einem andern." Darunter standen die Initialen MF 1687, IF 1837 und KF 1961. Eine analoge Inschrift fand ich im Zwergstädtchen Werdenberg (bei Buchs in der Schweiz), das über zahlreiche künstlerisch wertvolle Holzbauten aus dem 15. bis 17. Jahrhundert verfügt.

 

Derartige Inschriften kennzeichnen den Gedanken des Bewahrens des historisch Entstandenen für die Nachwelt. Der Eigentumsanspruch wird nachgeordnet. Die Haltung der einstigen Eigentümer schließt Gemeinschaftlichkeit über die Zeit ein: Durch die weitere Nutzung von Bauwerken, die vor Jahrhunderten geschaffen wurden, wird ein Band zwischen Vergangenheit und Gegenwart geknüpft.

 

Ein gegensätzliches Beispiel fand ich in der Berliner Zeitung vom 19./20.04.97. Sie veröffentlichte eine ganzseitige (!) Annonce der Initiative Pro D-Mark, Düsseldorf, in der – vorgeblich um 500.000 Arbeitsplätze zu schaffen – für den Abriss der gesamten in Plattenbauweise errichteten Wohnbausubstanz aus der ehemaligen DDR geworben wurde (von „4 Mio. Plattenbauten“). Ein finanzielles Konzept zum Ersatz der Bausubstanz zeigte, wie ernst gemeint der Vorschlag war. Obgleich ich kein Freund der häufig monotonen Neubauwohngebiete und Satellitenstädte der DDR bin und der radikale Vorschlag nur eingeschränkt eine Realisierungschance hat, war ich zutiefst über die der Annonce zugrunde liegende Denkhaltung empört: Hier ging es – zumindest gedacht und bilanziert – um die Vernichtung der Bauleistungen einer ganzen Generation! Typisch für diese Denkweise ist: Das bereits Geschaffene ist nachgeordnet; das Primat hat das neu Entstehende, weil es höchsten Profit verspricht! Die Wirtschaft soll nicht Mittel zur besseren Befriedigung der Bedürfnisse sein, sondern sich selbst genügen. Dass wir dennoch vor solch radikalen "Ökonomen" geschützt sind, ergibt sich nicht zuletzt aus Zufriedenheit ehemaliger DDR-Bürger über viele gelungene Beispiele der Modernisierung und veränderten Gestaltung von DDR-Plattenbauten.

 

 

6. Literaturnachweis

Aktuelles Universal-Lexikon in Farbe, St. Augustin: Tandem (1996 ?)

 

Alte Städte: Karten und Ansichten 1991, Wien: Paul Neff Verlag

 

Die Fugger: Ein Kaufmannsgeschlecht im Zentrum der Macht 1991, Essen: Thales

 

Grundmann, Werner 1980: Ableitung eines Kriteriums zur einheitlichen ökonomischen Bewertung baulicher Veränderungen in der Deckung des Wohnungsbedarfes, Entwurf einer Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades „Dr. oec.“, vorgelegt der Fakultät Bauökonomie des Wissenschaftlichen Rates der Bauakademie der DDR im Juni 1980

 

Meyers kleines Lexikon in drei Bänden 1967, Leipzig: VEB Bibliographisches Institut

 

Meyers Konversationslexikon 1896, Leipzig und Wien: Bibliographisches Institut

 

Ökonomisches Lexikon A-K 1970, L-Z 1971, Berlin: Die Wirtschaft

 

Planitz, Hans 1966: Die deutsche Stadt im Mittelalter – Von der Römerzeit bis zu den Zunftkämpfen, Wiesbaden: VMA

 

Scarpa, Ludovica 1995: Gemeinwohl und lokale Macht – Honoratioren und Armenwesen in der Berliner Luisenstadt im 19. Jahrhundert, Saur-Verlag

 

Scarpa, Ludovica 1997: Vom Geben und Nehmen in den Hinterhöfen der Mietskasernen – Vor dem Siegeszug des Sozialstaates: Wie das kommunale Honoratiorenwesen im 19. Jahrhundert ohne staatliche Bürokratie für die Armen sorgte, in: Berliner Zeitung 23./24.08.97, Magazin, III

 

Sombart, Werner 1902: Der moderne Kapitalismus. Historisch-systematische Darstellung des gesamteuropäischen Wirtschaftslebens von seinen Anfängen bis zur Gegenwart, 2 Bde., München und Leipzig: Duncker & Humblot, 3. Aufl. 1919

 

Tönnies, Ferdinand: Gemeinschaft und Gesellschaft 1887, Leipzig, 2. Aufl. 1912

 

Der Wald - Lebensraum, Mythos, Wirtschaftsfaktor 1997, in: Apotheken Umschau B 9/97, 27-31


 

[1]Der vorliegende Text entstand in Verbindung mit dem Vortrag "Ansätze zu einer ökonomischen Theorie der Stadtentwicklung (Teil I)", der vom Verfasser am 6. November 1997 im Oberseminar von Prof. em. Dr. Rainer Mackensen gehalten wurde. Er wurde veröffentlicht unter:

Grundmann, Werner: Zur ökonomischen Entwicklung von Bürgerstädten. In: Mackensen, Rainer (Hrsg.): Handlung und Umwelt. Beiträge zu einer soziologischen Lokaltheorie. Verlag Leske + Budrich, Opladen 2000, S. 167 - 191

 

[2]Im Folgenden spreche ich auch von Bürgerstädten des Mittelalters, von Städten des mittelalterlichen Bürgertums oder kurz von Bürgerstädten. Entscheidend für die weiteren Betrachtungen ist, dass es sich um bürgerlich dominierte Städte des Mittelalters handelt, also "des Zeitabschnitts zwischen Altertum und Neuzeit ..." bzw. während des "Hauptabschnitts des Feudalismus". Vgl. Meyers kleines Lexikon ..., Bd. 2, 713

[3]Den Begriff Ökonomie der Reproduktion hatte ich im Rahmen der Ausarbeitung einer Dissertation eingeführt, die ich unter dem Titel "Ableitung eines Kriteriums zur einheitlichen ökonomischen Bewertung baulicher Veränderungen in der Deckung des Wohnungsbedarfes" im Juni 1980 der Fakultät Bauökonomie des Wissenschaftlichen Rates der Bauakademie der DDR im Entwurf vorlegte (vgl. ebd., S. 71 und 77). Die Schrift wurde jedoch abgewiesen und nie veröffentlicht.

[4]Sombart verweist auf die Ausbildung der Großgrundherrschaften in vorkarolingischer Zeit und schreibt dann: "Diese ursprünglichen Stadtgrundbesitzer waren gewiss in den meisten Städten nur eine kleine Anzahl Familien ... Alles, was sich später in der Stadt niederließ, ... siedelte sich auf dem Grund und Boden dieser paar Familien an." Er verweist auf die daraus resultierenden Gegensätze, die "zu der großen Spannung führt, die in den Klassenkämpfen des 13. und 14. Jahrhunderts ihre Lösung findet." (Vgl. Sombart, I, 643-644)

 

[5]Die Möglichkeit, an den Stadttoren Zoll zu erheben, war nicht der Anlass, sie zu bauen.

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