E-Mail vom 22.08.2005, 15:38 Uhr, an Brie.Europabuero@t-online.de 

Veröffentlichung am 15.06.2007

 

 

 

Von Werner Grundmann

 

an Dr. sc. André Brie                                                                 Berlin, den 22. August 2005

 

 Sehr geehrter Genosse Brie,

Ihre „Sechs Thesen zur Perspektive der Linkspartei“, die Sie am 9. August 2005 im Internet sowie am 20./21.August 2005 im „Neuen Deutschland“ veröffentlichten, haben mich angeregt, mich mit einem grundsätzlichen Anliegen an Sie zu wenden.

 

Sie haben recht, wenn Sie von einer „fast katastrophalen politischen und geistigen Defensive der kapitalismuskritischen Linken und der faktischen Tabuisierung von Macht- und Eigentumsfragen“ sprechen sowie von einem Verharren „der Linken …, auch der PDS und der WASG, … primär in einer Abwehrhaltung“. Zugleich stimme ich dem Zitat von Ralf Dahrendorf zu, dass das „Ende des zwanzigsten Jahrhunderts“ eine Zeit ist, in der „soziale Konflikte und ihre wissenschaftliche Erörterung einen fundamentalen oder konstitutionellen Charakter annehmen“ und dass in „solchen Zeiten die Spielregeln von Herrschaft und Gesellschaft selbst zur Diskussion [stehen].“

 

Sie sprechen von einem großen „gemeinsamen Interesse an einer inhaltlich-strategischen und organisatorischen Rekonstruktion einer pluralen Linken“ und fordern „hochkarätige eigene Angebote und eine Öffnung der Linkspartei gegenüber linken Bewegungen und Intellektuellen“. Dieses gemeinsame Interesse existiert infolge des Theoriedefizits objektiv. Es betrifft insbesondere die einheitliche Herangehensweise zur Bewältigung sowohl der sozialen als auch der ökologischen Problematik. Selbst die Nutzung bestimmter Erkenntnisse von Karl Marx und Friedrich Engels sind diesbezüglich offen, so dass es meines Erachtens zu keiner realistischen Einschätzung der gegenwärtigen Situation und erst recht nicht zur Schaffung adäquater theoretischer Grundlagen für die Gestaltung der Funktionsweise der nachkapitalistischen Gesellschaft gekommen ist. Zugleich sehe keine ausreichend kritische Auseinandersetzung mit der Strategie und den Ergebnissen der Linken im 20. Jahrhundert. Vor allem sollten die Auseinandersetzungen mit dem Leninschen sozialistischen Weg verstärkt werden.

 

Seitdem ich nach fast 30jähriger Parteiarbeit an der Bauakademie der DDR, u. a. als APO-Sekretär, Anfang 1990 aus der SED/PDS austrat, betrachte ich mich als einen ungebundenen „linken Intellektuellen“. Nach der Auflösung der Bauakademie hatte ich nach der Wende als Wirtschaftsmathematiker die Möglichkeit, im Rahmen des Wissenschaftler-Integrationsprogramms noch mehrere Jahre am Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin unter Prof. Dr. Rainer Mackensen entsprechend eigenen Vorstellungen sowie unter Nutzung der zu DDR-Zeiten erzielten Erkenntnisse und gesammelten Erfahrungen im Marx’schen Sinne zu arbeiten. Ich nehme Sie deshalb beim Wort, um Ihnen aus 30jähriger Arbeit weitgehend unveröffentlichte Ergebnisse meiner ökonomischen Forschung vorzustellen. Ich habe sie – zunächst im Entwurf – in Thesenform sehr komprimiert fixiert und die einzelnen Thesen mit erläuternden Anmerkungen versehen. Die Thesen können als wissenschaftliche Konzeption „zu den ökologisch-ökonomischen Grundlagen einer kommunistischen Gesellschaft“ aufgefasst werden und sollen dazu beitragen, die Theoriekrise der Linken überwinden zu helfen. Ausgehend vom Entstehungsort habe ich für das Gesamtergebnis die Kurzbezeichnung „Berliner Thesen“ gewählt. Der Titel der „Berliner Thesen“ lautet „Privatökonomie oder Gemeinschaftsökonomie?“ Die „Berliner Thesen“ gehen von einer außerordentlich kritischen Position zum kapitalistischen Gesellschaftssystem aus und von seiner zwingend notwendigen Ablösung, wenn die Menschheit überleben will.

 

Die entscheidenden Erkenntnisse, die in den „Berliner Thesen“ in einer ersten Form dargelegt und im Zusammenhang erläutert werden, sind die folgenden:

 

1. Es ist notwendig, zwischen Ökonomie (im Rahmen von Gemeinschaftsökonomie) und Wirtschaftlichkeit (im Rahmen von Privatökonomie) zu unterscheiden. Die faktische Gleichsetzung beider Begriffe ist heute das Grundübel der ökonomischen Wissenschaften. Ökonomie ist insbesondere an Gebrauchswerte gebunden. Sie existiert auch unabhängig von Wertformen. Ihr Gegenstand ist die rationelle Bedürfnisbefriedigung. In diesem Sinne wird sie die entscheidende Grundlage zur Schaffung und Erhaltung von Gebrauchswerten in der kommunistischen Gesellschaft (Gemeinschaft) sein. Wirtschaftlichkeit ist hingegen an Wertschöpfung gebunden. Die Produktion der Gebrauchswerte dient lediglich als Mittel zum Zweck: zur Gewinnmaximierung über den Absatz.

 

Der Begriff „Privatökonomie“ findet sich zuerst bei Engels. Die Unterscheidung nach zwei Ökonomien geht auf Aristoteles zurück und wird im „Kapital“, Bd. 1, Seite 167, in einer längeren Fußnote zitiert. Es ist deshalb zu fragen, warum die marxistischen Ökonomen diesen bedeutsamen Hinweis von Karl Marx bis heute übergangen haben.

 

2. Alle bisherigen Gesellschaften, außer der Urgesellschaft, bedingt auch die sozialistische Gesellschaft, sind als Bereicherungsgesellschaften aufzufassen. Ausbeutung ist nur eine Form der Bereicherung, wenn auch die grundlegende. Bereicherung schließt ökonomische und nichtökonomische Aneignung von fremdem Eigentum und Besitz auf Kosten der Vorwelt, Mitwelt und Nachwelt ein. Die ökologische Krise ist gesellschaftlich bedingt und im Wesentlichen eine Form nichtökonomischer Bereicherung auf Kosten der Mitwelt und Nachwelt. Der „wissenschaftliche Sozialismus“ war das größte ideologische Hindernis zum Erkennen der gesellschaftlichen Ursachen der ökologischen Krise, indem er die ökologische Problematik ausklammerte. Weil Bereicherung auf Kosten der Natur möglich ist und massenhaft praktiziert wird, zerstört die kapitalistische Gesellschaft tendenziell ihre eigenen Lebensgrundlagen. Die Menschheit wird sich in einer Klimakatastrophe selbst vernichten, wenn sie den Kapitalismus als Gesellschaftssystem und die postsozialistischen marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaften nicht rechtzeitig ablöst. Das nachkapitalistische Gesellschaftssystem muss – unter Beachtung der Einheit von ökologischer und sozialer Frage – der Lösung der ökologischen Frage den Vorzug geben, wenn die Menschheit überleben will. Das nachkapitalistische Gesellschaftssystem wird auf Gemeineigentum, Gemeinbesitz und Gemeinschaftsökonomie basieren. Das aber kann nach Marx nur ein kommunistisches System sein.

 

Die Kennzeichnung der ökonomischen Wissenschaften seiner Zeit als Bereicherungswissenschaften wurde gleichfalls von Friedrich Engels vorgenommen.

 

3. Beide Ökonomien, die Privatökonomie und die Gemeinschaftsökonomie, existierten real neben- und miteinander, ohne dass dies von den ökonomischen Wissenschaften in den vergangenen Jahrhunderten explizit wahrgenommen wurde. Im Allgemeinen dominierte die Privatökonomie. In den Bürgerstädten des Mittelalters war jedoch aus existenziellen Gründen für die Schaffung und Erhaltung rationeller Stadtstrukturen die Gemeinschaftsökonomie maßgebend. Im praktischen Sinne gab es deshalb in den Bürgerstädten auch eine Ökonomie der Reproduktion zur rationellen Erhaltung der geschaffenen Bauwerke.

 

Den Begriff der „Ökonomie der Reproduktion“ suchte ich in der politischen Ökonomie des Sozialismus vergeblich. Als ich ihn im Juni 1980 in einem Dissertationsentwurf zur „Ableitung eines Kriteriums zur einheitlichen ökonomischen Bewertung baulicher Veränderungen in der Deckung des Wohnungsbedarfs“ einführte, wurde der Entwurf von Professoren der Hochschule für Ökonomie rigoros abgewiesen.

 

 

Wenn sich die prinzipiellen Aussagen der „Berliner Thesen“ als zutreffend erweisen sollten, dann könnte man zu folgendem Fazit gelangen:

Während sich die Sozialisten unter kapitalistischen Bedingungen heute bemühen, die sozialen Gegensätze nicht weiter zuspitzen zu lassen, während sie gar versuchen, aktuell zur Lösung der sozialen Frage beizutragen, aber die ökologische Problematik weitgehend verdrängen, zerstört die kapitalistische Gesellschaft inzwischen weltweit unsere Existenzgrundlagen! Diese Selbstzerstörung vollzieht sich gesetzmäßig! Die derzeitige Linke begeht einen unverzeihlichen, ja tödlichen Fehler, indem sie die falsche Strategie der weitgehenden Ignoranz der ökologischen Problematik durch Überbetonung der kurzfristigen Lösung sozialer Fragen auch nach der Wende fortsetzt. Sie unterschätzt, wie weit vielen unserer Menschen bewusst ist, dass uns das herrschende Gesellschaftssystem in die Katastrophe führt. Als progressive linke Kraft, die sie sein will, beharrt leider auch die deutsche Linke dominant auf Positionen, die in eine historische Sackgasse führten – obgleich sie doch durch das Erbe von Marx und Engels eine besondere Verantwortung trägt.

 

Beigefügt übergebe ich Ihnen zwei Dateien,

erstens die 36seitige Datei BT080805.doc zum Entwurf der „Berliner Thesen“ in der Schriftgröße 11 über

„Privatökonomie oder Gemeinschaftsökonomie?“,

zweitens die fünfseitige Datei BTAuszug2.doc. Sie enthält Abschnitte aus der Datei BT080805, und zwar die Grundpositionen, die Hauptthese mit Erläuterungen, das Fazit, subjektive Konsequenzen, einen Teil der Schlussbemerkungen sowie eine Übersicht zu den Namen der Einzelthesen.

 

Der Auszug sollte zuerst gelesen werden, weil es erfahrungsgemäß – individuell unterschiedlich – etwas dauern könnte, sich an die teils andere ökonomische Denkweise zu gewöhnen. Ich bin mit der internen Weitergabe der „Berliner Thesen“, auch an Mitglieder der Konföderalen Fraktion der Vereinten Europäischen Linken/Nordische Grüne, zu Diskussionszwecken einverstanden. Selbstverständlich würde ich mich auch dem Parteivorstand der Linkspartei zur Diskussion stellen.

 

 

Mir ist bewusst, dass die bisher vorliegenden „Berliner Thesen“ mit großen Vorbehalten, vielleicht auch (besonders von Seiten der führenden Ökonomen der ehemaligen PDS) ablehnend aufgenommen werden. Es dürfte auch kaum Unterstützung für ihre Veröffentlichung geben. Dennoch werden die Thesen ihren Weg gehen – besser mit konstruktiver Unterstützung der Linkspartei als ohne sie! Die Möglichkeit einer inhaltlichen Erneuerung ist ja durch die Gründung der Linkspartei gegeben.

 

Bitte lassen Sie sich ein wenig Zeit mit Ihrer Antwort! Es geht einfach um Zuviel!

 

Mit freundlichen Grüssen

 

Werner Grundmann